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Periodical volume 6.Mai 1899 Nr, 18

Full text: Der Bär Issue 25.1899

Katzenkopf und vernahm die Stimme des leise hinter ihn getretenen 
Riedecke: 
„Siehst Du, mein Sohn, so ist die Gerechtigkeit immer gleich 
bei der Hand. Ist mir ja so ein Range vorgekommen? Trinkst 
Du immer die Rester aus?" 
„Nein, Herr Riedecke, nie sonst! Wahrhaftigen Gott nicht! 
Ich wollte bloß 'mal probieren, weil ich noch nie Champagner 
getrunken habe." 
„Ist das denn nötig? Bist Du nicht noch ein kläglicher junger 
Fant? Ein Dreikäsehoch? Wenn Du erst einmal Kammerdiener 
geworden bist, ist es noch Zeit genug, daß Du den Champagner 
kennen lernst. Und ich wünsche Dir, daß es Cliquot sei und nicht 
Sillery mousseux. Wenn Du klüger wärst, würdest Du begreifen, 
weshalb ich dies mit einer gewissen Wehmut sage. Zwischen 
meinem ersten Glase Cliquot und diesem Sillery liegt nämlich 
mein Leben. Jenes trank ich in London, als mein gnädiger Herr 
Graf zweiter Sekretär des preußischen Gesandten Grafen Bernstorff 
war, und zwar bei einer Gelegenheit, über die ich mich nicht länger 
auslassen will. Gesagt sei nur, daß es eine vergnügte war, eine 
— ach . . . Und beim Sillery ende ich. Sic transit gloria 
mundi, sagte gewöhnlich mein gnädiger Herr Graf, wenn er des 
Morgens nach Hause zurückkehrte und nicht ohne weiteres sein 
Bette fand. Das verstehst Du wieder nicht, und deshalb verdeutsche 
ich es Dir: so kommt man vom Pferd auf den Hund." 
Stupps grinste.. Er verstand doch und meinte: 
„Na, Herr Riedecke, ich wär' schon ganz zufrieden, wenn ich 
mein Leben lang immer Sillery juchhe trinken könnte!" 
„Du bist ein Esel, mein Sohn, und nun mach, daß Du 
wieder in das Eßzimmer kommst! . . Und wenn der Rittmeister 
von Kahlenegg Dich unmittelbar vor der Abfahrt wieder fragt, 
ob Du ihm ein Zehnmarkstück wechseln könntest, so sage nur ruhig 
ja. Sonst kommen wir auch heute um sein Trinkgeld." — 
Im Speisezimmer erhob man sich sehr geräuschvoll und wünschte 
sich gesegnete Mahlzeit. Graf Teupen führte seine Dame in den 
Salon und suchte dann Frau von Seesen. 
„So, liebste Seesen," sagte er, „nun wollen wir ein paar 
Minuten plaudern! Wird es Ihnen im Garten zu kühl sein?" 
„Nicht im geringsten, lieber Graf. Und Ihnen?" 
„Ah bah — ich häng' mir den Cape um. In Biarritz bin 
ich einmal mit Bismarck und dem Grafen Walcwski die halbe 
Nacht am Strande auf- und abmarschiert — und bei einem 
Sturm! . . Aber ein Mäntelchen nehmen Sie auch — so — ich 
bitte recht sehr! . . Also, hören Sie, Marinka, ich habe Ernstes mit 
Ihnen zu besprechen." 
„Ich auch mit Ihnen, lieber Graf." 
„Charniant. So ergänzen wir uns. Mein Thema gilt Max." 
„Gleichfalls das meine." 
„Ich ahnte es." . . Man war jetzt mitten in der Ahoruallee. 
In den Theesträuchern, den Spireen und dem Fliedergebüsch 
summten die Käfer. Der Graf war einen Augenblick stehen ge 
blieben. . . „Wissen Sie, Marinka," fuhr er fort, „daß ich fürchte, 
Max hat uns mit seiner Reise nach Afrika eine Finte geschlagen?" 
Frau von Seesen nickte. „Das kann ich Ihnen bestätigen, 
Graf Teupen. Eine Finte. Er war in Paris und Italien . . . aber 
nicht allein." 
„Richt allein?!" . . Teupen zuckte empor. „Mit der Warnow?!" 
Nun schob Frau von Seesen ihren Arm unter den des alten 
Herrn, ihn langsam weiterführend, die Allee hinab, deren Ende 
das schwarze Gitterivcrk des Parkthors begrenzte. 
„Also ja, lieber Graf. Mit der Warnow! Aber es gingalles 
in Ehren zu. Ich selbst war die dame d'honneur bei der Sache. 
Ich hatte die Warnow ausgenommen, als man ihr hier das Haus 
verbot —" 
„Nicht verbot, Marinka —* 
„Aber, liebster Graf, es war ein striktes Verbot, geschah's 
auch in höflichster Form! Ihr wolltet in Hohen-Kraatz nicht zu 
geben, daß sich die jungen Herzen liebten, und da fanden sie sich 
bei mir in Langenpfuhl zusammen!" 
„Marinka . . . mir schwant Fürchterliches!" 
„Das schadet nichts, verehrter Freund. Auch dem Fürchter 
lichen muß man tapfer ins Auge schauen. Max und Elise —" 
Jetzt ließ Teupen die junge Frau nicht weitersprechen. Er 
blieb abermals stehen, faßte sie an den Armen und schaute ihr 
starr in das Gesicht. 
„Marinka," hauchte er, „Seesen — die beiden sind doch nicht 
etwa schon — heimlich — verheiratet?!" 
„Na, Gott sei Dank — so ist es heraus! Ja, lieber Graf, 
sie haben sich in Berlin kopulieren und trauen lasten, gingen aber 
nicht nach Afrika, sondern in gemäßigtere Klimata — und heute 
haben sie sogar schon einen allerliebsten kleinen Jungen, und Elise 
sitzt hangend und bangend aus einem Vorwerk von mir und wartet 
nur auf den Augenblick, wo Max endlich den Mut der Wahrheit 
haben wird. . . Halt, Graf, ich bin noch nicht zu Ende! Ich möchte 
noch ein paar Worte hinzufügen. Sie können mir sagen, daß ich 
unrecht gehandelt habe; Sie können auch ehrlich aus Max und 
seine arme kleine Frau losräsonnicren; nur an dem Geschehenen 
vermögen Sie nichts zu ändern. Und da meine ich doch, es wäre 
das Vernünftigste, Sie schlügen sich mit auf unsere Seite." 
„Ich bin völlig fassungslos," stöhnte Teupen. „Herr Du mein 
Gott, ich hatte mir alles so ganz anders gedacht! Hatte gehofft, 
Sie — Sie —" 
„Ich würde doch einmal den Max zum Gesponsen wählen! 
Ich weiß es, das hofftet Ihr alle in Hohen-Kraatz. Und sehen 
Sie, beste Exzellenz, vielleicht wäre ich Euern allgemeinen Wer 
bungen auch wirklich entgegengekommen, hätte Seesen nicht in seinen 
letzten Lebeustagen ähnliche Wünsche geäußert. Kein Ahnen seines 
Geistes sollte aber durch mein künftiges Leben wehen' Sie wissen, 
wie ich neben ihm gelebt habe, wie ich seine Vasallin war— Sie 
müssen das auch verstehen, Graf Teupen! ... So war ich denn 
selig, die Liebe jener beiden begünstigen zu. können. . . . Laßt sie 
doch glücklich werden! Der Tropfen bürgerlich Blut ist kein schlechter 
Zusatz — und der unselige Majoratsparagraph wird sich schon 
umgehen lassen!" 
„Und wenn nun nicht?" antwortete Teupen, noch immer 
ziemlich tonlos. „Dann kann sich Max später einmal auf Drake 
festsetzen —" 
"Mon dieu, wär' das denn so entsetzlich!? Millionen haben 
es minder gut. Rehmen Sie heute dem kleinen Brada seine bunte 
Attila, so kaun er morgen Reitlehrer werden oder Steine klopfen! 
Und ohne zu mucksen würde er es thun, um sich ehrlich durch's 
Leben zu schlagen — und es würde ihm noch nicht einmal eine 
Perle aus der Wappenkrone fallen. . . Gerade der Stolz auf unsere 
alten Namen sollte uns gegen Vorurteile wappnen. Sonst sind 
wir nicht mehr stolz, sondern anmaßend und hochmütig. . . Aber 
was predige ich Ihnen das alles, Graf! Ich kann begreifen, daß 
Sie ungern einem Lieblingsgedanken entsagen, doch nicht, daß Sie 
ungerecht sind. Im übrigen: ich wiederhole, die Thatsachen sind 
nicht aus der Welt zu schaffen. Ein dicker Bube ist der Effekt. 
Wollen Sie, daß Baron Tübingen Sohn, Schwiegertochter und 
Enkel vor die Thüre setzt, daß ein ungeheurer Skandal entsteht?" 
Teupen erhob abwehrend die Hände. 
„Um GottcS willen. . . da müssen wir diplomatisch vorgehen." .. 
„Diplomatisch!" . . Frau Marinka jubelte das Wort förmlich 
hervor' jetzt wußte sie, daß Teupen nur noch ihre Marionette war. 
„Natürlich, bester Graf — immer diplomatisch! Das sagte ich auch 
zu Max: sobald wir den Großpapa auf unserer Seite haben, sind 
wir geborgen" . . 
Die beiden hatten einen Seitenweg eingeschlagen, der durch 
Bosketts in Schlangeuwindungen nach dem Herrenhause zurück 
führte, traten nunmehr auf eine kleine, halbrunde Lichtung mit 
einer Rasenbank und sahen hier etwas, das ihren Fuß hemmte 
und einen Laut der Ueberraschung auf ihre Lippen drängte. . . 
. . . Nach dem Souper waren auch Gartenzimmer und Veranda 
erleuchtet ivorden. Graf Brada hatte Benedikte rasch auf die Seite 
gezogen und ihr zugeflüstert: 
„In den Park, Dikte! . . Auf fünf Minuten! . . Wenn die 
Lampions in den Kastanien angesteckt werden, sind wir wieder 
zurück! Das merkt keine Seele!" . . 
Und sie huschten hinaus in den sommerlich träumenden Garten, 
wo hinter Buschwerk und Rosen wieder die Amoretten kicherten. 
Unweit der Raseubank unter den drei Lebensbäumen blieben sie 
hochaufatmend stehen, die fieberheißen Hände in einander ver
        
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