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Periodical volume 14.Januar 1899 Nr, 2

Full text: Der Bär Issue 25.1899

macht mir Frau von Seesen nicht den Eindruck, als ob sie gewillt 
wäre, zum zweitenmale zu heiraten." 
Graf Tenpen warf heftig den Kopf in den Nacken. 
„Diable, mein Herz, sie kann doch nicht ewig ledig bleiben?! 
Eine blutjunge Frau — und kinderlos! Was soll denn aus 
Langenpfuhl werden? Au einen ihrer glcichgiltigen Vettern fallen? 
Das kann sie selber nicht wünschen! . . ." 
Man war am Ende des Gartenwegs angelangt und machte 
nun kehrt. Zuweilen blieb die Baronin stehen, um nachzusehen, 
ob die Artischocken reichlich angesetzt hätten oder wie die Tomaten 
trieben. 
„Lieber Papa," sagte sie; „Frau von Seesen hat, denke ich, 
nicht in allzu glücklicher Ehe gelebt. Seesen war, Gott hab' ihn 
selig, ein ziemlich roher Patron. Nun ja, das war er. Ein 
Nimrod, ein arger Spieler und lief auch den Weibern nach. In 
der Kirche sah man ihn nie und auf der Synode niachte er seine 
Witzchcn. Der Superintendent hat es mir erzählt. Dabei eifer 
süchtig wie ein Othello. Erst nach seinem Tode hat die arme 
Marinka ein bischen ausatmen können." 
„Aber drei Jahre Freiheit sind genug," bemerkte der Graf. 
Frau Eleonore zog die Schultern hoch. 
„Das ist die Frage, Papa. Für Marinka vielleicht nicht. 
Max hat überdies doch auch mitzusprechen. Ich weiß zwar, daß 
er die Seesen sehr gern hat, aber es ist fraglich, ob er von 
seinem Liebesschmerz völlig kuriert ist, ob er nicht immer noch an 
die Warnow denkt." 
„Da sei Gott vor," entgegnete der Graf erschrocken. „Er. 
kennt unsern Willen. Nur der Warnow wegen haben wir ihn 
auf die Weide nach Afrika geschickt. Er hat sie nie wiedergesehen, 
und er wird sic auch nie wiedersehen. Hast. Du je etwas von 
ihr gehört?" * " , 
„Nein — nichts. Frau von Seesen verschaffte ihr.eine neue 
Stellung — irre ich nicht, in der Schweiz." 
„Die Schweiz ist weit." , -ft; 
„Sie wird sicher ihr gutes Fortkommen finden. Ich habe 
nu konck viel Sympathien für sie übrig gehabt, ihr auch ein 
glänzendes Zeugnis mit auf den Weg gegeben." 
„War nur recht von Dir, Eleonore. Es ging mir wie Dir. 
Ich halte sie sehr gern. Sie erinnerte mich immer" — Teupen 
strich mit der Rechten über seine Stirn ■— „ich weiß nicht an wen. 
Aber sie hätte Marens Bewerbung mit größerer Energie abweisen 
müssen — hätte einsehen müssen, von vornherein, daß eine Ehe 
mit ihm eine Unmöglichkeit sei!" 
„Du lieber Gott, Papa — sie war geblendet —" 
„Ja, sie war sozusagen hypnotisiert. Gattin eines zukünftigen 
Majoratsbesitzer, Frau von Tübingen, vermögend, in glänzender 
sozialer Stellung — das Alles mag das arme Mädchen gelockt 
haben. Trotzdem — sie hat sich sehr vernünftig benommen. Ich 
trage ihr keinen Groll nacht" 
„Ich auch nicht — gewiß nicht. In Herzensdingcn verzeihen 
wir Frauen manches. Wir können übrigens auch Max nachsagen, 
daß er sich taktfest und richtig aufgeführt hat. Er ist nicht mit 
dem Kopf durch die Wand gerannt, sondern hat sich schließlich 
gefügt. Teupensches Blut! Die Ueberlcgung siegte." 
Der Graf war stehen geblieben und kratzte mit den Nägeln 
an der Rinde eines Spalierpfirsichs. 
„Ein Wurm, ich möchte wetten," sagte er. Man muß den 
Gärtner immer mit der Nase- drauf stoßen — der Gellrich fängt 
an, schlafmützig zu werden. Aber zur Sache! Ihr müßt nächster 
Zeit doch eine Gesellschaft geben — das Kalb schlachten zur Heim- 
, . ' 
kehr des verlorenen Sohnes — da wird die Seesen natürlich 
auch geladen —" 
„Natürlich. Eberhard wird allerdings schimpfen. Er haßt 
die Gesellschaften. Aber es hilft ihm nichts. Besser wär's freilich 
schon, man hätte die Marinka öfters einmal und in kleinerem 
Kreise, vielleicht eil famille, bei sich." 
„Das soll später kommen. Zuerst ist eine Beschnupperung 
notwendig, um mich waidmännisch auszudrücken. Selbstverständlich 
halten wir älteren uns diplomatisch zurück, aber wir arrangieren 
es so, daß Max und die Seesen zuweilen allein sind. Das laß 
mich nur machen) ans derlei Schiebungen verstehe ich mich. Also 
wir sind uns einig, Eleonore: zuerst die Gesellschaft, vielleicht schon 
in nächster Woche. Mach' das mit Eberhard ab! Ja—apropos 
— von unseren gelegentlichen Rücksprachen, Ideen und Kombinationen 
braucht Eberhard nichts zu wissen — nicht zu viel. Er hat eine 
zu feste Hand. Die Tübingens waren nie Diplomaten. Er 
würde da zerstören, wo wir aufzubauen suchen. Das ist kein 
Mißtrauensvotum, aber die Vorsicht gebietet eine gewisse Diskretion. 
Nicht wahr, Eleonore?" 
„Jawohl, Papa. Die Tenpens sind feinfühliger. Die 
Tübingens haben auch ihre guten Seiten, aber sie sind aus 
derberem Holze. Gerade bei heiklen Angelegenheiten merkt man 
das recht. Eine affaire d’amour ist ihnen wie ein Roggenhandel. 
Der zartere Sinn geht ihnen ab und, ich kann mir nicht Helsen, 
auch der feste Glaube an unsere- Eigenstellung in der Gesellschaft 
und an die Weihe der Tradition. Max konnte sich einmal etwas 
vergeben, aber er kehrte doch reuevoll zur Familie zurück. Er hat 
Pietätsgefühl und ist stolz auf seinen Namen) er ist eben ganz 
Tenpensch. Bernd und Dieter sind noch zu jung, aber siehst Du, 
die Dikte, die macht mir Kummer. Das ist das Tübingensche 
Holz. Du streitest Dich öfters einmal mit Eherhard, weil er Dir 
zu mittelparteilich ist und politisch zu wenig rückgratfest, und 
die Dikte ertappte ich sogar zuweilen, auf förmlich demokratischen 
Neigungen." 
„Aber, Eleonore, ich bitte Dich — sie ist doch auch noch 
ein Kind!" 
„Mit achtzehn Jahren und ihrer Ausgewachsenheit und ihrem 
hellen Kopfe! Rein, Papa, sie hat tausend unnütze Raupen hinter 
der Stirn und ist ein mutwilliges Ding ■— das täuscht uns. 
Aber sie ist doch auch schon ein ganz fester Charakter, nnd wenn sic 
über sogenannte Standesvornrteile lacht, so kommt das von innen. 
Ich habe die größte Angst, sie wird uns einmal ein Schnippchen 
schlagen und sich Hals über Kops in einen verlieben, der uns gar 
nicht paßt." 
„So halten wir ihr die fern, die uns nicht passen! Das ist 
doch ganz einfach. Das ist ja das Angenehme auf dem Lande, 
daß man nicht vom Verkehr überschwemmt wird. Die paar Bürger 
lichen, die dann und wann zu uns kommen, sprechen nicht mit. 
Wie denkst Du denn über den Grafen Semper?" 
Die Baronin schüttelte den Kopf. 
„So, so, Papa. Es eilt mir mit der Dikte auch nicht) sie 
kann getrost noch ihre paar Jährchen warten. Aber ich muß in 
das Haus) die Wirtschafterin weiß nicht aus noch ein, sobald sie 
allein ist. Bleibst Du noch im Parke?" ' 
„Ja, Eleonore. Ich will meine Bäume einmal gründlich 
revidieren. Ich träne dem Gellrich nicht mehr. Wir sind uns ja 
klar. Allerwege echt Tenpensch! Addio!" 
Er warf seiner Tochter ein Kußhändchen auf zwei Fingern 
nach und wandte sich sodann mit Eifer und Emsigkeit seinem 
Spalierobst zu. 
(Fortsetzn,>g folgt.)
        
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