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Periodical volume 29.April 1899 Nr, 17

Full text: Der Bär Issue 25.1899

Illustrierte Wochenschrift für Geschichte und modernes Leben. 
25. ItthvAaNg. Sonnabend, 29. April 1899. 
1U\ 17. 
Das l^cifalsjabt 3 . 
(Ein tustspiel-Roman in zwölf Kapiteln von ^edor von Zobeltitz. 
(Fortsetzung.) - 
a sei Gott vor," entgegnete die Baronin' „das hat noch 
niemand behauptet. Sonst wäre eine Verbindung mit den 
Teupens einfach nicht möglich gewesen. Aber . . . nun, 
ich will nicht mehr klagen! Ich kann nichts weiter thun, als die 
Ereignisse an 
mich herantreten 
lassen. 
„Das ist all 
zeitig das beste 
gewesen," sagte 
Teupen lächelnd; 
„selbst in der 
Strategie weiß 
man diesen 
Grundsatz zu 
schätzen. . 
Und nun sage 
mir einmal: wes 
halb hast Du 
den Freese und 
Miß Nelly nicht 
neben einander 
gesetzt?Jchdüchte, 
bei Brautpaaren 
wäre das so üb 
lich?« 
„In der Gesell 
schaft, ja. Aber 
schließlich — so 
ganz gehören die 
beiden Leutchen 
denn doch nicht 
zu uns! Ach nein — einen kleinen Trennungsstrich möchte ich 
immer markiert wissen. Schon wegen der Benedikte, die gar zu 
gerne ihre Stellung vergißt. Laß' es nur so, Papa; man ist 
tolerant genug." 
Gegen sieben Uhr versammelte sich die Familie in Erwartung 
der Gäste auf der Veranda. Das war eine ländliche Sommer- 
sitte, wider die weder Graf Teupen noch die Baronin trotz aller 
Waffen der Etikette, die sie dagegen ins Feld führten, anzukämpfen 
vermochte. 
Tübingen saß, im schwarzen Ucberrock und mit blank geputztem 
Monocle, in seinem Bambusstuhl und hielt noch eine Anrede. 
„Herr Freese," sagte er, „wollen Sie mir bitte darauf achten, 
daß die Jungen nur zwei Glas Sekt bekommen — keinen Tropfen 
mehr. Benedikte, Du trinkst mir auch nicht zu viel." — 
„Aber, Papa." 
„Sei still! Du verträgst gar nichts und siehst gleich wie eine 
Klatschrose aus. Das Herunterkippen des Sekts, so in einem 
Zuge, wird mir auch nicht gemacht." 
(Nachdruck verboten.) 
„Ich passe schon auf, Herr von Tübingen," erklärte Brada; 
„ich gieße Fräulein Benedikte immer nur ein Viertel Gläschen ein 
und Wasser dazu." 
„Das können Sie alleine trinken," versetzte Benedikte mit ver 
zogenem Mäul 
chen. „Sind Sic 
vielleicht mein 
Erzieher, Graf 
von und zu Sem 
per?!" 
„Eiu bißchen 
mehr Erziehung 
würde Dir gar 
nichts schaden, 
liebe Dikte", ent 
gegnete Tübin 
gen. „Wollen 
Sie wieder eine 
Rede halten, 
Semper, wie 
neulich Abend?" 
„Das war zu 
Ehren von Max. 
Für heute ver 
zichte ich." 
„Danke schön; 
das ist mir nicht 
unlieb. Während 
der Reden ver- 
prietzelt gewöhn 
lich der Braten. 
Eleonore, wenn 
die Guste mitserviert, soll sie einem die Schüsseln nicht immer so 
dicht auf den Leib halten. Rumpelt's da nicht? — Paßt einmal 
auf, der alte Kielmann ist wieder der erste!" . . 
Ja, es rumpelte, und wirklich war der alte Kielmann der 
erste. Es war noch ganz hell, aber die Laternen an der ungeheuren 
Schnittlager Kutsche brannten trotzdem. Sie leuchteten wie die 
Feueraugen eines Fabeltieres, das sich die Allee hinabwälzte. Die 
Hunde gerieten in Aufregung und kläfften in allen Tonarten; 
zwischendurch ertönte der helle Sopran Cosys. Wenn Cosy in 
Grimm geriet, sah er sehr komisch ans. Er stand ganz oben auf 
der Verandatreppe, und die Härchen seines braunen Fells sträubten 
sich, und mit den Hintcrpfötchen schlug er zuweilen aus. 
Der Wagen hielt »och nicht, als man schon den schrillen 
Diskant des Amtsrats hörte: 
„Allerseits die Ehre — allerseits die Ehre! Sehr geschmcicheli 
gefühlt durch verblüffend überraschend gekommene Einladung. Wußte 
aber nicht, was fürGesellschaft, ob groß, ob klein und wieviel. Leib- 
röckchen angezogen, um nicht in die Bredouille zu geraten — hähä." 
Die Zelte im Thiergarten nach den Freiheitskriegen.
        
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