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Periodical volume 22.April 1899 Nr, 16

Full text: Der Bär Issue 25.1899

Rach Schneider „Beschreibung des alten Sachsenlandes" war 
Brandenburg an der Werra eine von den zwölf Grafschaften, die 
Kaiser Lothar von Sachsen dem ersten Landgrafen in Thüringen 
zu Lehen und Landschntz übergab. 
Ein alter Forscher märkischer Geschichte, der Chronist Heusinger, 
bezeichnet als Stammvater der Grafschaft Brandenburg einen 
Wclphen (Frankens Wilhelm Heinz. Die Ueberlieferung 'weiß zu 
erzählen, daß er als ein Anführer der Lanzenschläger mit dem 
Heere Karls des Großen herübergekommen sei und sich in der 
mörderischen Schlacht gegen die heidnischen Sachsen bei Helmerstedt 
im Erzbistum Magdeburg so ausgezeichnet, auch deren Feldgötzcn 
„Göreder" als Siegesbeute mit fortgeführt habe, daß der Kaiser 
ihn zum Hauptmann ernannte und ihm gestattete, fortan in seinem 
Wappen, Helm und Schild das Bild des Götzen führen zu dürfen. 
Wilhelm Heinz soll es aber bei seinem Zuge durch das Werrathal 
so schön gefallen haben, daß er beschloß, sich hier anzusiedeln. 
Tatsächlich weist nun das Wappen im Siebmacher einen 
mit langen spitzigen Ohren versehenen, schwarz bekleideten, nuten 
mit einem Tnlipanenschnitt zugehenden Rumpf auf, der ans dem 
Helme wächst. Das Bild kann sehr wohl einen Götzen darstellen. 
Nur irrt sich Siebmacher, wenn er sagt: „im blauen Feld:" 
während Ledebur richtig sagt: „im roten Feld." Auch läuft Sieb- 
macher ein weiterer Irrtum unter, wenn er behauptet: „Die 
von Prockendorf führen ganz dasselbe Bild," denn nur bei dem 
Wappen dieses ursprünglich baierischen, später nach Schlesien ge 
kommenen, jetzt ausgestorbenen Geschlechts selbst „einen in schwarz 
ans goldenem Berge nach rechts schreitenden Hirsch mit zehn Enden" 
anführt. Wenn er dann zuletzt noch hinzufügt: „Man bringt 
Ramen und Wappen gewöhnlich mit dem Kultus der deutsch-heid 
nischen Göttin Hertha in Verbindung, was nicht unmöglich ist," 
so baut er diese Ansicht auf Ueberlieferungen auf, ohne positive 
Beweise zu erbringen. Ueberhaupt ist die älteste Geschichte der 
Brandenburg und ihrer Besitzer in das graue Dämmergewand der 
Tage gehüllt. Das eine nur steht fest, daß die Burg den „Grafen 
von Brandenburg" gehörte, welche eines Geschlechtes mit dem 
„Grafen von Wartberg," auch Wartburg waren. Erft mit deren 
Absterben treten die „Herda zu Brandenburg" auf. Es liegt also 
zweifellos hier ein bis jetzt ungelöster Widerspruch vor; denn ist jener 
oben erwähnte Wilhelm Heinz, der Stammvater des Branden 
burgischen Geschlechtes, warum nannte sich dieses erst von 1376 
ab „Herda zu Brandenburg" und nicht von dem Augenblick an, 
wo der erste Herr der Brandenburg, als greifbare, urkundlich be 
glaubigte Gestalt 1137 »ns entgegentritt: ein Graf Wigger von 
Wartberg (Wikerus de Warteberch). 
Dieser Graf Wigger war der erste nachweisliche Graf zu 
Brandenburg. Graf Wigger stand bei dem Landgrafen 
von Thüringen, Ludwig II., (von dem die bekannte Sage 
geht, daß er in Ruhla hart geschmiedet worden sei) in der 
artig hohem Ansehen, daß er ihn als Bogt und Anführer der 
Reisigen a>is die Wartburg versetzte. Diese dem Hause Branden 
burg verliehene Würde war die Veranlassung, daß die Träger 
dieses Namens sich nun zumeist „Grafen von Wartburg" nannten. 
Standen sie doch als solche (nicht aber als Grafen von Branden 
burg! dem Range nach vor den Grafen von Mühlberg. Als 
weiterer Beweis ihrer Machtstellung mag gelten, daß sie das 
sogenannte „Geleit von der Brandenburg" hatten: d. h. sie geleiteten 
gegen Bergütnug die von der hessischen Grenze kommenden Kauf 
leute bis in das Geleitshans nach Eisenach. 
Amt und Ansehen des Vaters erbte sein Sohn Burkhard'. 
(Greve Borghart), der 1184 ein jähes Ende fand. Gelegentlich 
der vom Kaiser Rotbart angesetzten Schlichtung eines Streites 
zwischen Erzbischof Konrad von Mainz und Landgraf Ludwig III. 
von Thüringen, die am 26. Juli 1184 in Erfurt stattfinden sollte, 
brach der Fußboden des Saales, in welchem sich die Versammlung 
befand: die meisten Teilnehmer kamen zu Tode, darunter Burkhard 
von Brandenburg. Von seinen zwei Söhnen, deren im Sänger 
krieg ans der Wartburg gedacht wird, erbte der ältere, Albert, 
die Würde des Burggrafenamtes auf der Wartburg und wird als 
„oomes" bezeichnet, während der jüngere, Ludwig, einfach 
„nobilis" heißt. Er begleitete den Landgrafen Hermann 1196 
auf seinem Kreuzzug nach Jerusalem. Sein Name bleibt ver 
schollen, und man darf annehmen, daß er sein Leben verlor. Dann 
nennt die Geschichte zwei weitere Brandenburger, von denen aber 
nicht nachgewiesen werden kann, wessen Söhne sie sind: Ludwig 
und Burkhard, von denen ersterer wieder „oornes de 
Wartperg", letzterer „eomes de Brandenberg" heißt. Beide 
schlossen sich 1227 dem Kreuzznge Ludwigs des heiligen, Elisabeths 
Gemahl, an, der aber bekanntlich schon 1228 in Otranto dem 
Fieber erlag. Ludwig starb kinderlos im heiligen Lande, nur 
Graf Burkhard sah die Heimat wieder. Aber er war des Kriegs- 
getümmels müde geworden und sehnte sich nach beschaulicher 
Lebensfreude und Ruhe. Daher entschloß er sich, das fast ein 
Jahrhundert lang, mit Ruhm und unter Anerkennung verwaltete 
Burggrafenamt auf der Wartburg niederzulegen, das nun in andere 
Hände überging. Das alte Stammschloß aber, die Brandenburg 
oberhalb der Werra sah jetzt wieder fröhliches Leben in seine 
Mauern einziehen, denn Burchard hatte drei Söhne und eine 
Tochter, die sich 1272 mit Gerhard von Salzungen vermählte. 
Eine auffallende Erscheinung ist es, daß der alte Graf 
Burkhard plötzlich das Wappen der Brandenburger Grafen in 
einen Adler mit zwei Köpfen änderte, vielleicht um damit die beiden 
Grafschaften Brandenburg und Wartburg anzudeuten. Der in der 
Mitte horizontal geteilte Schild zeigt im Schildhaupte den zwei 
köpfigen Adler, die untere Hälfte besteht aus mehreren Quer 
balken. Er führte dieses Wappen schon um die Mitte des 
Jahrhunderts. 
Gegen Ende seines Lebens aber war der einst so wackere 
Haudegen ein „gar frumber Mann" geivorden, der in christlicher 
Demut das stille Glück seines Lebensabends genoß und den selbst 
Papst Alexander V. als „seinen geliebten Sohn, Edelmann Graf 
von Brandenburg" bezeichnet. Kein Wunder, daß die Kirche sich 
ihn zum Liebling erkor, und Burkhard gleiches mit gleichem vergalt, 
indem er ihr „auf Antrieb der Frömmigkeit fürVergebung der Sünden" 
freigebig „einen Teil seines Eigentums" schenkte. Dem ersten Teil 
folgte ein weiterer und dann noch fernere, seltsamerweise unter 
Zustimmung seiner Kinder und seines Eidams. Als ihm 1275 
sein „Filius et heres“ Albert II. folgte, hatte die römische Kirche 
bereits ihren Arm soweit ausgestreckt, daß Albert genötigt war, 
den Stammsitz des Geschlechts, die starke Veste Brandenburg an 
Landgraf Albrecht von Thüringen (den Entarteten, Unartigen) zu 
überlassen, der sic für seinen würdigen Sohn Apitz käuflich erstand. 
1284 verzichtete Albert II. auf einen großen Teil seines Erbes, 
1306 versetzte er die Brandenburg (daz nedirhuz — das Nieder 
haus) an den Rat und die Stadt Erfurt. Die hereinbrechende 
Armut des Hauses ließ den Stern dieses edlen Geschlechtes schnell 
sinken. Albert war der der letzte Brandenburger, welcher noch den 
Grafentitel führte. 1288 wird er nlir noch als ein indes aufge 
führt. sein Helmschmuck trug sieben Federn und sein Siegel zeigte 
nur die schlickte Umschrift „Albert von Brandenburg." 
Rasch ging es nun immer weiter bergab mit dem einst so 
edlen Geschlechte. Noch einmal leuchtete auf kurze Zeit ihr Stern 
auf, als ein Reinhard wieder zum Burgvogt der Wartburg er 
nannt wurde (1360), bis Landgraf Friedrich („der Strenge") an 
dessen Stelle Albert zum Bnrgvogt ernannte. Reinhard verkauste 
dann noch seine letzten Zinsen und Güter der einstigen Grafschaft 
Brandenburg, und obgleich er vier Söhne, sein Bruder Albert drei 
besaß, verschwindet der Name Brandenburg immer mehr, das 
Grafenhaus geht seinem Ende entgegen. 1435 taucht noch einmal 
flüchtig ein Name auf: Reinhard ist der letzte Brandenburger, 
mit ihm verschwindet das Geschlecht vom öffentlichen Schauplatze 
und aus der Geschichte. 
Ueber die späteren Besitzer der Brandenburg erfahren wir 
daun noch, daß das „Niederbans" oder das vordere (nach Westen 
gelegene) Schloß besaßen: 1306 die Stadt Erfurt (als Pfand), 
1322 die Herren von Heringen, 1388 abermals die Stadt Erfurt, 
1390 die 'Marschalle von Thomasbrück, 1392 die Herren von 
Boynebnrg-Anstein, und außer manchen anderen die Herren von 
Rcckrodt. ' Durch Lehnsbrief vom 10. März 1575 wurde durch 
Friedrich, Pfalzgraf bei Rhein und Herzog in Bayern, von 
Augnstns, Herzog zu Sachsen, Landgraf in Thüringen und von 
Hans Georg, Markgraf zu Brandenburg als Vormündern 
der Herzoge Johann Casimir und Johann Ernst zu Sachsen, dem 
Hermann von Rcckrodt die Brandenburg, „das fordere Schloß" 
samt allen seinen Dörfern, Leuten u. s. w. zu Lehen gegeben. 
Der letzte ansässig gewesene Adam Ludwig von R. starb 1703. 
Auf seinem Leichenstein wird er „Herr aus Brandenburg" genannt. 
In letzter Zeit ist der zerstückelte Reckrodtschc Anteil durch die 
Freiberren von Riedesel fast ganz iviedcr vereinigt worden, an 
den Weimarschen Staat gekommen und von diesen 1881 an den 
Freiherrn von Rotenhan-Nenenhof. 
Das „Oberhaus", die «nach Osten gelegene) Hinterburg^ jeden 
falls die interessantere, ging durch zahlreiche Hände: 1359 Scheide- 
kops, 1374 von Sitzlcbcn, von Balken, 1375 von Wcberstädt, 
1373 findet sich ein „Herda zu Brandenburg". Ihm folgte 1396 
(sein Sohn?) Fritz von Herda, von dem ein Lehensbrief sagt: 
„mit dem Haus Brandcnburgk belehnet". Aus der Brandenburg 
in der alten Burgkapclle schlummern zwei Herdas: Hans, Konrad, 
Philipp, kaiserlicher Botschafter und Bastian. Eberhard v. Herda 
bekannte sich znm evangelischen Glanbrn. Sein Sohn Sigmund, Wöls 
von Herda liegt in der evangelischen Kirche zu Lauchröden be 
graben. Man' darf wohl annehmen, daß um diese Zeit also die 
Brandenburg schon im Zerfall war. Der letzte Herda starb 1892 
kinderlos. 'Er vermachte testamentarisch sein ganzes Besitztum, 
einschließlich der Brandenburg, seinem Renntmcister Wölbing, der 
sie 1895 dem wcimarischen Staat abtrat. Hoffentlich währt es 
nicht lange, bis auch das Nicderschloß in die Hände des Staates 
übergeht und so die Krone Weimar die Doppelburg ganz besitzt. 
W. Zinckc.
        
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