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Periodical volume 22.April 1899 Nr, 16

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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(Lchlutz foiflt.) 
Gründerzeit geopfert worden ist und die beinahe auch die König- 
liche Porzellanmanufaktur in Berlin verschlungen hätte, die Eisen 
gießerei einzuschlachten. Als doktrinärer Vorwand galt das volks 
wirtschaftlich sehr zweifelhafte Axiom, daß der Staat kein Gewerbe 
betreiben soll. Allenfalls hätte man die Grobeisenfabrikation 
preisgeben, den im Anslande so hochgeschätzten Eisen-Kunstguß 
, aber erhalten sollen, und so viel steht fest, daß, wenn diese Staats 
industrie die Gründerzeit überdauert hätte, man gegenwärtig nicht 
an ihre Auflösung denken würde." Diesen Ausspruch, den ich in 
meinem Buch „Die deutsche Kaiserstadt Berlin" im Jahre 1884, 
S. 64, gethan, muß ich noch heut vollinhaltlich aufrecht erhalten. 
Unsere zweite Abbildung zeigt ums Jahr 1815 links der von 
der Friedrichsbrücke überspannten Spree die Becherersche Börse, 
dahinter den fridericianischen Dom und einen Teil des Schlosses; 
auf der rechten Flußseite die Burgstraße mit deni Joachims- 
thalschen Gymnasium und der Kriegsschule. 
So also präsentierte sich das bauliche Berlin nach den sieg 
reichen Feldzügen der Jahre 1813 bis 1815, an welche uns das 
beifolgende Bild erinnert, das einen von Bürgermilitär 
geleiteten Zug französischer Kriegsgefangener darstellt. 
In der Mitte zeigt sich das Kommandantur-Ge 
bäude, welches sich mit unwesentlichen Abänderungen 
im großen und ganzen unverändert erhalten hat. Die 
Schloßbrücke erscheint noch in der Verfassung vor dem 
im ersten Abschnitt unseres Aufsatzes erwähnten Schinkel- 
schen Neubaus. 
Wie es im Winter in der vielbesuchten Umgebung 
Berlins um 1815 vor dem Brandenburger Thor aus 
sah, zeigt uns eine Schneelandschaft und die viel 
besuchte Eisbahn hinter dem Zelt Nr. 2. Ganz 
im Hintergründe das Charitee-Gebäude. 
Links hat man sich die später Rosenau getaufte 
Landzunge zu denken, auf welcher sich gegenwärtig das 
große Vergnügungs-Etablissement von Kiftenmacher be 
findet. Das hier befindliche Altwasser der Spree, auf 
welchem man gefahrlos dem Eissport fröhnen konnte, 
wurde in den siebziger Jahren verschüttet und in die 
jetzige Richard Wagner st raße verwandelt. — 
Obwohl der Preußische Staat als Sieger aus den 
Freiheitskriegen hervorgegangen, so waren die moralischen 
Errungenschaften derselben weit größer als die materiellen. 
„Denn was die Schneiden der Schwerter erworben, 
Das haben die Spitzen der Federn verdorben." 
Der alte Marschall Vorwärts, der Feind der Feder 
fuchser, welcher dies dem Sinne nach wiederholt unverholen 
ausgesprochen, hatte vollkommen recht. Nicht einmal die französischen 
Kontributionen von 1806 bis 1812 hat man den Feinden abzunehmen 
vermocht, und noch nach den Kriegen von 1870/71 zahlten 
preußische Gemeinden und Kreise, beschämender Weise in den 
Provinzen, wo die größten Opfer gebracht wurden, in Ostpreußen 
und Brandenburg „Franzosensteuer", noch dazu ausdrücklich unter 
dieser beschämenden Bezeichnung. Kein Wunder, daß weder der 
Preußische Staat noch die Kommune Berlin die Mittel aufwenden 
konnten, um großartige Bauten und Verschönerungen -— wenigstens 
in dem Sinne und Umfange, die mit dergleichen Bezeichnn »gen 
heut verbunden werden — in der Hauptstadt auszuführen. 
Immerhin ist den beschränkten Mitteln entsprechend Achtbares 
geleistet worden. Allerdings spielte dementsprechend auch in dieser 
Periode der Umbau als Ersatz des Neubaus, wie wir sehen 
werden, eine hervorragende Rolle, und der größte bauliche Genius 
des damaligen Preußens, Friedrich Schinkel, mußte sich derselben 
wohl oder übel anpassen. 
Es entsprach der frommen Gesinnung des Königs, mit dem 
Umbau des Doms, der unter dem Alten Fritz ein ganz annehm 
liches Barockgewand angezogen hatte, den Anfang zu machen. Ter 
Zeitrichtung entsprechend mußte dieses Gotteshaus sich 
im Jahre 1817 ein hellenisierendes Gewand anbequemen. 
Die Kuppel ward erhöht und mit korinthischen 
Pilastern verziert. Auf dem geräumigen Portal 
wurden zwei kleinere Kuppeln ausgeführt. „Eigen 
tümlich ist," bemerkt Spikcr, Berlin, 1833, S. 40, „das 
Zusammentreffen dieser Anordnung mit dem Plane 
Schlüters zur Verzierung des (alten) Doms, der 
nach seiner Angabe, eine Kuppel und zwei Türme 
zu beiden Seiten des Hauptportals erhalten sollte. 
Beyer hat in seinem Thesaurus Brandcnburgicus, 
Teil 2, S. 799 eine Abbildung davon gegeben, von 
welcher in dem Berliner hist, genealog. Kalender 
f. 1822 (Willens Geschichte von Berlin) eine Kopie 
zu finden ist. Roch näher kommt indes dieser Idee 
die Gestalt der Domkirche, wie sie nach Schlüters 
Plan ganz neu erbaut werden sollte, und zwar da, 
wo gegenwärtig die Stechbahn ist. Wäre dieser Plan 
ausgeführt worden, nach welchem nicht allein die 
Domkirche neu aufgeführt, sondern auch der ganze Teil 
des Schloßplatzes, dem Schlosse gegenüber, eine einzige 
Front erhalten, und diese, da, wo itzt der K. Marstall 
steht, am Flusse weitergeführt werden sollte, so würde 
dieser Platz allerdings einer der schönsten in Europa 
geworden sein, der Bau aber vielleicht noch Millionen 
gekostet haben Bröbes hat, nach Schlüters Zeichnung, 
eine Ansicht dieses grandiosen Baues stechen, ans klein 
lichem Neide aber den Namen des genialen Baumeisters aus der 
Platte auskratzen lassen. (Vgl. Nicolais Berlin, Teil 3, 
Anhang S. 76 u. 110.)" Es ist zu bedauern, daß die Schlüter- 
schen Ideen nicht zum Ausdruck gekommen find; wie anders würde 
sich der Schloßplatz ansnehmen, wenn anstatt des sogenannten 
Roten Schlosses mit seiner breitspurigen Schnciderakademie der 
neueste Tom stände, .während der letztere jetzt an seiner Stelle so 
wohl das Schloß wie das Alte Museum drückt. Wir müssen uns 
damit trösten, daß die Schlütcrsche Idee wenigstens annähernd am 
Schloßplatz zwischen der Breitenstraße und Kursürstenbrücke ver 
körpert worden ist. 
Als achtbare Leistungen der Zeit, unmittelbar nach den 
Freiheitskriegen, sind noch die zwei kolossalen, nach F. TieckS 
Modellen von der hiesigen Fabrik der Firma Werner und Neffen 
in Erz getriebenen geflügelten Engel, Glaube und Religion 
symbolisierend, zu erwähnen, welche in den Nischen des Dom- 
Vorbaus rechts und links standen. Daß der gewaltige Mittclturm 
kein unvcrächtliches Bauwerk war, zeigte die Aufwendung beträcht 
licher Massen von Dynamit, die notwendig wurden, um den Turm 
vor einigen Jahren zu sprengen und niederzulegen. 
Das LoinmÄNdantur-Gebündr.
        
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