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Periodical volume 22.April 1899 Nr, 16

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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I 
aufgab, da er unter dem umherflatternden Hühnervolk für feine j 
gute Attila fürchtete. Doch schlug er vor, man solle sich in diesem 
Falle eine Wild-West-Angewohnheit zu eigen machen und mit dem 
Lasso arbeiten. Der Gedanke wurde freudig ausgenommen, nur 
nicht von der Görbitschen, die sich aus eine altbewährte List be 
schränkte. Sie streute tückisch Futter aus, und wenn sich dann das 
Federvieh um sie versammelte, um die Körner aufzupicken, dann 
warf sie plötzlich ihre Schürze über ein ahnungsloses Opfer und 
sing es ans diese Weise. So hatte man schließlich mit Aufwendung 
vieler Mühe sieben Hähnchen zusammengebracht und in einen 
Weidenkorb gesperrt; aber das achte wollte sich nicht greifen lassen. 
Und gerade auf einen besonderen Liebling Benediktes hatte es die 
Görbitschen abgesehen: auf ein entzückendes kleines Tierchen mit 
weißen Federn und einem kohlschwarzen Schwanzstntz, mit dem 
es beständig kokett wackelte. 
„Lassen wir es doch am Leben," bat Benedikte; „sieben sind 
ja genug." 
„Nee, gnä'ges Fräulein," antwortete die Görbitschen, „wat 
mir besohlen wird, dat tlm ick ook. Und wenn's glei' dat ganze 
Geflügel gilt." . . Und sie raste wieder mit ihrer Schürze hinter 
dem Schwarzweißen her. 
„Ist es nicht schrecklich?" wandte sich Benedikte an Brada. 
„Das ist wie mit den Katakomben im alten Griechenland oder Rom." 
„Hekatomben," verbesserte Brada. 
„Na also — ans omden war es etwas, und schrecklich bleibt es 
immer. Ich esse nichts von den Hähnchen. Ich würde fürchten, 
noch ans dem Teller ihr freundliches Glucksen zu hören. Sic 
haben wohl gar kein Mitgefühl mit der Kreatur, Gras Semper?" 
„Ein Krieger mutz an Blut gewöhnt sein, Miß Benedikte. 
Und wenn Sie einmal eine wackere Soldatenfrau werden wollen, 
müssen Sie auch noch ein bißchen härter werden." 
Benedikte zuckte mit der Oberlippe. 
„Wer sagt Ihnen denn, daß ich eine Soldatenfrau werden 
will — he? Kann ich nicht ebensogut einen Landwirt oder einen 
Oberlehrer heiraten, wenn es schon einmal sein muß?" 
„O nein — ganz gewiß o nein! Ein Landwirt hat heute 
viel zu sehr mit Sorgen zu kämpfen und könnte sich daher nicht 
so um Tie bekümmern, wie es jedwede Gattin von ihrem Gatten 
verlangen kann. Und über den Oberlehrer muß ich lachen. Ich 
denke dabei gleich an rote Tinte und dreißig Fehler im Extemporale." 
„Das will gar nichts sagen. Je älter ich werde, desto mehr 
achte ich die Wissenschaft. Und ein Lehrer der Jugend imponiert 
mir sehr. Sehen Sie sich einmal Herrn Freese an! Leider ist er 
schon gebunden." 
Brada lachte lustig auf. 
„Streiten wir nicht mehr. Sie werden doch eine Offiziers- 
srau. Schon weil sie so viel auf Kameradschaft halten, und weil 
Sie selber so ein famoser Kamerad sind. . . Weil Sie überhaupt 
so ein prachtvolles Mädel sind, Benedikte. . . Weil Sie gewisser 
maßen die geborene Leutnantsfrau vorstellen — von der leichten 
Kavallerie. Letzteres selbstverständlich; denn als Gattin eines 
Kürassiers könnte ich Sie mir per exemplum gar nicht denken. . . 
Ach, Benedikte. ." 
Bei diesem letzten Seufzer schaute Benedikte betroffen auf. 
„Herr Gott, Semper," sagte sie, „Sie werden mir doch nicht 
hier mitten auf dem Hühnerhofe eine Erklärung machen wollen?!" 
Etwas in seinem hübschen Gesicht und im Ausdruck seiner 
Augen machte sie stutzig. Sie wandte sich rasch um und lief mit wildem 
Lachen davon. Worüber sie lachte, wußte sie selbst nicht. Aber 
ein anderes wußte sie nun ganz genau: Semper war nicht mehr 
der alte getreue Kamerad. Es schrie fortwährend in ihr: Semper 
ist verliebt in Dich! Sein ganzes Herz guckte ihm aus den Augen! 
Temper will Dich zur Frau haben! . . Und dann weiter: Doktor 
Haarhaus, nun gieb einmal acht! Jetzt kommt der zweite Trumpf 
auf Deine Unverschämtheit! Hüte Dich, frecher Afrikaner! In 
Hohen-Kraatz werden keine Herzen zertrampelt! Hier wird blutige 
Rache genommen! . . . 
Brada war stehen geblieben, und sein Gesicht hatte den Glück- 
lichkeitSansdruck verloren. Plötzlich stürzte ihm die alte Görbitschen 
mit wehender Schürze entgegen. 
„Husche, husche, husche!" ries sie. „Lassen Sc 'nn nick, vor 
bei, gnä'ger Herr Gras! Lassen Se 'nn nich vorbei, gnä'gcr Herr 
Graf! Husche, husche, husche!" 
Brada sprang zur Seite. 
„Was wollen Sie denn eigentlich zum —" 
„Das weiße Hähnecken, gnä'ger Herr Graf! Husche, husche, 
husche." 
Und die Görbitschen raste wie Frau Holle an ihm vorüber, 
während von der anderen Ecke des Hühnerhofs Relly, Trude und 
Stnbbs herbeistürmten. Aber Brada hatte im Augenblick anderes 
im Kopfe als das schwarzweiße Hähnchen. Aus Liebenswürdigkeit 
für Nelly und Trude lief er ein Weilchen mit und machte gleich 
falls „husche, husche, husche," und dann verschwand er plötzlich. — 
Als im Eßzimmer der Tisch gedeckt war, führte der Zufall 
den Grafen Teupen und die Baroüin hier zusammen. 
„Ah, sieh' da, Eleonore," sagte der Graf, „ich wollte noch 
einmal die Tischordnnng revidieren. . . . Cs ist doch alles beim 
alten geblieben?!" 
„Alles, Papa. Frau von Seesen zwischen Haarhaus und 
Max. Tübingen scheint ganz damit einverstanden zu sein." 
„Sehr gut so. Nach dem Souper nehm' ich mir die Seesen 
vor. Ich denke, wir werden schon heute abend Aufklärung darüber 
haben, ob Max wirklich in Afrika gewesen ist oder wo sonst." 
Die Baronin stieß einen tiefen und kummervollen Seufzer aus. 
„Ach, Papa," antwortete sie, „was bringt uns das Leben doch 
alles! Enttäuschungen über Enttäuschungen! Bei Max hätte ich 
darauf geschworen, daß das Teupensche Blut in ihm viel stärker 
wäre als der Tübingensche Zusatz. Aber ich fürchte, nein. Das 
gute beiden Tübingens in Ehren; doch das Revolutionäre überwiegt. 
Eberhard ist heute bei Jahren, aber ehemals that er mit Vorliebe 
das, was der Title und der Ordnung direkt widersprach. Ich 
denke noch mit Schrecken an die ersten Jahre unserer Ehe, wo 
wir öfters einmal nach Berlin kamen. Da wollte er in grauen 
Hosen ans den Opernball gehen, und als man ihn zurückwies, 
machte er solchen Spektakel, daß sich Herr von Hülsen, den er 
kannte, persönlich ins Mittel legen mußte." 
„Ja, ja," sagte Teupen, der nur zerstreut zuhörte, weil er die 
auf den Tellern liegenden Namenskarten studierte, „er war schon 
ein bißchen krakehlig." — 
„Und war sehr für das weibliche," fuhr die Baronin fort, 
und wiederum hob ein ganz leiser Seufzer ihre Brust. Er kannte 
die meisten Schauspielerinnen, und mit der Trebelli, die damals 
eine berühmte Sängerin war, hatte er zusammen gefrühstückt. Die 
Meyer, die das Lied von der kleinen Handschuhmacherin im .Pariser 
Leben' sang, nannte er immer bloß die Lina, und die Schramm 
Anneken. Er that ganz intim mit den Herrschaften. Hast Du die 
David gekannt?" 
„I, nun natürlich — die kleine David vom Opernhausballet?! 
Hör' mal, das war ein reizendes . . ." Und dann brach der sehr 
lebendig gewordene Graf plötzlich ab und beugte sich tiefer über 
den nächsten Teller und sagte dabei: „Ja, Eleonore, die hab' ich 
auch gekannt; wenigstens von Ansehen." 
„Und der hat Eberhard von der Loge aus zugenickt, Papa. 
Er bestritt es natürlich, aber ich habe es deutlich gesehen. Es 
war im Dezember siebenündsechzig; ich habe mir den Tag notiert. 
Und damals war Eberhard doch schon Vater! Bei der Garde-du-Korps 
standen lauter leichtsinnige Menschen. Von Potsdam aus fuhren 
sie immer mit einem Extrazuge nach Berlin. Aber ich hätte nie 
geglaubt, daß Max einmal in die Fußstapfen seines Vaters treten 
wtirde. Jcl^ hätte meinen Gegeneinfluß für stärker gehalten. Ich 
kann Dir sagen, ich bin auf das tiefste betrübt." 
Graf Teupen ging um den Tisch herum. 
„Du darfst nicht übertreiben, liebe Eleonore," antwortete er. 
„Die Jugend will nun einmal ihr Recht haben. Uebrigens steht 
durchaus noch nicht fest, daß Max wegen irgend welcher Weiber 
geschichten uns mit Afrika bemogelt hat. Es wird schon alles ins 
reine kommen. Er weiß, was er seinen Namen schuldig ist. Und 
schließlich ist die Tübingensche Ader auch keine schlechte." 
(Fortsetzung folgt.)
        
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