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Periodical volume 15.April 1899 Nr, 15

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Schöneberg. Am 1. April schied die Stadt Schüneberg aus dem 
»reise Teltow aus und bildet seit diesem Tage einen besonderen Stadtkreis. 
Wriezcn a. O. Am 5. und 6. April feierte die Wriezener Bäcker 
innung ihr 300 jähriges Jubiläum und zugleich das fünfzigjährige 
Berufsjubilänm ihres Obermeisters. 
Kleine Mitteilungen. 
Die Farben der Stadt Berlin sind rot, weiß und schwarz, d. h. 
die Farben des deutschen Reiches in umgekehrter Reihenfolge. Ueber 
die Frage, welche Farben die Stadt zu führen habe, ist, wie Fidicin 
berichtet, erst im Jahre 1861 verhandelt worden. Aus den Akten ergab 
sich nur, daß die Berliner im 15. und 16. Jahrhundert „Fähnlein und 
Feldbinden von weißem und schwarzem Zindel", also die Hausfarbcn 
der Hohenzollern geführt hatten. Für die Führung eigener Farben fand 
sich dagegen kein Nachweis. Die Gemeindebehörden setzten durch Be 
schluß vom 19. Dezember 1861 rot, weiß und schwarz als Stadtfarbcn 
fest, es dürfte aber nur wenige Berliner geben, welchen dieser Beschluß 
bekannt ist. Die Farben entnahm der damalige Stadtarchivar Fidicin 
den verschiedenen Wappcnbildern, die Berlin und seine Schwestcrstädte 
geführt, nämlich dem roten Adler im weißen Felde, dem schwarzen Bär 
im weißen Felde und dem schwarzen Adler im weißen Felde. § 
litt 19. April vor 140 Jahren wurde der Schauspieler und 
Dramatiker August Wilhelm Jstland in Hannover geboren. Eckhof in 
Gotha war sein Lehrmeister, die Mannheimer Bühne 1779—1796 der 
Schauplatz, auf dem sich seine Talente entwickelten. Von 1796 bis an 
seinen am 22. September 1814 erfolgten Tod weilte er zuerst als 
Direktor des Nationalthcaters, dann als Generaldirektor der königlichen 
Schauspiele in Berlin. Bekannt ist sein preußischer Patriotisnrus, seine 
Verehrung für die Königin Luise. Im Jahre 1809 schreibt Heinrich 
Schmidt, der Direktor des fürstlich Esterhazy'schen Theaters in Eisen 
stadt, über ihn: „Bei einem diesmaligen längeren Aufenthalte in Berlin 
sah ich wieder ganz vorzügliche Vorstellungen: vor allem aber hatte ich 
bei der Darstellung der „Jungfrau von Orleans" volle Gelegenheit, 
Jstland als Direktor und Regisseur schätzen zu lernen. Ich habe noch 
keine Vorstellung gesehen, bei der alles, bis auf das einzelstc herab, so 
in Harmonie zusammen wirkte, wie bei dieser. Hier aber tvird- cs zum 
doppelten Verdienst, da es ein sehr schwierig in Szene zu setzendes Stück 
betrifft Selbst die Gesichtszüge der Statisten und Compnrsen waren, 
wenn sie sich gegen die Zuschauer wandten, feierlich geordnet und ent 
sprachen der Wrkung des Ganzen. Aus dieser ergab sich, daß auch 
ein Aus- oder Einzug, wenn er so ganz sinnig angeordnet und aus 
geführt wird, noch auf eine ganz andere Weise wirken kann und wirkt 
als für das Auge. Es wirkt wesentlich für das Ganze und stellt cs in 
den entsprechenden Rahmen, wo alles seine Bedeutung gewinnt und 
sich gegeneinander in das rechte Verhältnis stellt. Und Schiller hatte 
wohl nicht ganz Recht, als er auf derselben Stelle, wo ich mit Jstland 
während der Vorstellung im Theater saß, diesem bei einer früheren 
Darstellung dieses Stückes (bei seiner Anwesenheit in Berlin vom 
1. bis 18. Mai 1804) gesagt hatte: „Sie erdrücken mir ja mein Stück 
mit dem prächtigen Einzug!" So gehandhabt trug er nur dazu bei, 
das Ganze großartiger und würdiger hervortreten zu lassen und den 
Effekt des Ganzen zu erhöhen. Ich verließ die Vorstellung ganz trunken 
von dem empfangenen Eindrücke und wußte mir nun zu erklären, 
warum ich Jstland viele Tage vorher schon die emsigste Thätigkeit auf 
jede Kleinigkeit und Einzelheit batte verwenden sehen. Er selbst ging, 
die Bischofsstäbe u. s. w. anzugeben und zu bestellen und dann bei 
den Handwerkern nachzusehen, ordnete und bildete das Militär bei den 
Proben u. s. m. Alles wirkte zu eineni schönen Zweck. Uebrigcns sah 
sich Jstland dantals niebr als je von Sorgen aller Art bedrängt. 
Nirgend konnte er anslangen, und doppelt schwer wurde es ihm bei 
der Länge des Trucks, die erforderlichen Mittel herbeizuschaffen. Und 
so war er oft den Tag über in der übelsten Stimmung, einsilbig und 
mürrisch. Allein dann konnte man auch um so gewisser sein, ihn 
abends auf dem Theater, wenn er eine komische Rolle gab, höchst ver 
gnügt, witzig, ja oft ausgelassen zu sehen. 
woher stammt die Bezeichnung: „Windsbraut"? Eine 
märkische Sage berichtet, es sei einmal ein Ritterfräulein gewesen, welches 
der Waidmannslust so sehr sich hingab, daß sie selbst am Sontage ans 
die Jagd ritt. Daher ward sic mit dem Fluche belegt, in alle Ewigkeit 
mit dem Winde dahin zu sausen, um so gleichsam die Braut des Windes 
zu sein. 
Mrnlchenfrcundlichlieit des „alten Frih." Ein Mädchen 
aus Großkehl, im Mecklenburg-Schwerinschen, richtete an den König 
folgende rührende Bitte: „Größter König! Zürne nicht, daß ein armes 
Mädchen sich unterstehet, sich eine Gnade von Dir zu erflehen! Höre 
mit der Dir eigenen Güte, die so gerne Menschen beglückt, meine Bitte 
an. Schenke mir gütiger König eine kleine Mayercy in Deinen neuen 
Kolonien. Ich bin jetzt arm und unglücklich, aber wenn Du. großer 
König, meine Bitte gewährest, tausche ich mit keinem. Ich wählte mir 
dann einen redlichen Mann, der mich liebte, au dessen Hand ich glückliche 
Tage im Lande meines Wohlthäters, meines Königs, durchlebte. Jeden 
Morgen tvürde ich Gesundheit und Freude von meinem Gott für Dich 
erflehen. Dir ist es leicht, meinen Traum von Glück wirklich zu 
machen. Laß Dich, gütiger König, mein Bitten beivcgcn! Thue es 
doch! Ich umfasse Deine'Knie, bitte so lange, bis Du mir zurufst: 
Ich erfülle Deine Bitte. Noch flehe ich um Gnade und Verzeihung 
dieses Schreibens, daß ich ohne jemandes Wissen, allein »ach meiner 
Empfindung, mich unterstehe, zu Deinen Füßen zu legen. Deine 
Entschließung, großer König! sie sey wie sie wolle, mit kindlicher 
Ehrerbietung ehrfurchtsvoll zu verharren, ist meine Pflicht. Großkehl, 
in Mecklenburg-Schwerin, den 11. May 1782. Henriette Müllerin." 
Hierauf erließ der König folgende Kabinetsordrc au den Staats- 
Minister vou Werder: Mein lieber Etats-Minister von Werder! Wenn 
die Henriette Müller in Mecklenburg-Schwerin sich mit einem ehrlichen 
Menschen vcrheyratet, alsdann will Ich ihr auf ihre angeschlossene 
natürliche Bitte ein Kolonisten-Etablissemcut in der Priegnitz wohl an 
weisen lassen, Ihr werdet solches zu seiner Zeit besorgen, vorlänsig aber 
derselben von dieser meiner gnädigen Gesinnung fordcrsamst zu ihrer 
Achtung Nachricht geben. Ich bin :c. Potsdam, den 'l7.May 1782. Friedrich. 
Die Jungfer Müllerin muß cs ziemlich eilig gehabt haben, denn 
schon am 8. Juni wird über diese Sache folgendermaßen berichtet: 
Nachdem Se. Excellenz rc. von Werder die Erkundigung eingezogen, 
daß die Müllern wirklich einen rechtschaffenen Bräutigam sich gewählet 
habe, hat Sr. Majestät der König diesem jungen Paare bey Neustadt 
an der Doste ein neues Haus mit Scheune und Stallungen, auch Bich 
und 90 Morgen Land angewiesen. 
Feldherren als Redner. Ter Generalfeldmarschall Graf 
Moltkc hatte, wie in eingeweihten Kreisen bekannt war. drei Toaste auf 
Lager, die er, je nachdem die Gelegenheit sich bot, vom Stapel ließ; er 
brachte überhaupt nur die Gesundheit des Kaisers aus. Bei kleiner 
Tafel beschränkte er sich auf die Worte: „Es lebe der Kaiser!" Bei 
einem größeren LiebeSmahlc verstieg er sich zu dem Spruche: „Es lebe 
Seine Majestät der Kaiser!" und bei ganz besonders festlichen Gelegen 
heiten sprach der feingeschnittene Mund: „Es lebe Seine Majestät der 
Kaiser, unser allergnädigstcr König und Herr!" Selbstverständlich folgte 
den kürzeren oder längeren inhaltsschweren Worten seitens der An 
wesenden stets das begeisterte dreimalige Hoch! 
Auch der Marschall Vorwärts, der alte Blücher, hatte seine eigene 
Redciveise, die zwar seine Truppen sehr wohl verstanden, die aber sonst 
ziemlich gefürchtet war; denn er nahm nie ein Blatt vor den Mund. 
Schon wenn er die Feder ansetzte, was allerdings nur im äußersten 
Notfall vorkam, beschlich den Zuschauer, wie vielmehr nachher den Em- 
psänger eines solchen Kunstwerks — ein gelindes Grauen. So schrieb 
er am 16. Oktober 1813, als er wie gewöhnlich den letzten Hauch von 
Mann und Roß daransetzte, um rechtzeitig auf dem Felde der Ent 
scheidung erscheinen zu können, an einen Ofsizicr im Gefolge der drei 
Monarchen wörtlich: „Det ick komme, is nadierlich klar int selbstver 
ständlich ; ob ick aber det miserablich Fanlthür von een franzesischen 
Zigciner rankriegen wäre uff det Schamp de Batalg, det jlobe ick nid)!" 
Er meinte damit seinen schwedischen Verbündeten, der früher französischer 
Marfchall gewesen war. Doch als wirklichen Redner halte noch niemand 
den Feldmnrschall auftreten hören. Um so größer war daher die all 
gemeine Bewegung, als das für unmöglich gehaltene dann wirklich 
eintrat. Es war in Karlsbad, der Friedensstörer Napoleon tvar cnd- 
giltig beseitigt und auf St. Helena unschädlich gemacht. In dem 
freundlichen böhmischen Städtchen hatte sich eine illustre Gesellschaft zu 
sammengefunden, viele der höchsten Würdenträger und Generale der 
verbündeten Monarchen, unter letzteren der Fürst Blücher, der populärste 
von allen, und der Fürst Schwarzenberg, der vornehmste. Ter alte 
Blücher gab ein großes Gastmahl und hatte, neben sämtlichen Generalen, 
natürlich auch den Fürsten Schwarzenberg eingeladen. Es war 
bekannt geworden, daß der Marschall Vorwärts bei diesem Festmahle 
seinen erlauchten Gast durch einen Trinkspruch auszeichnen wolle, ebenso 
war aber auch längst allgemein bekannt, daß Blücher mit Schwarzenberg 
niemals so recht im Einverständnis gewesen war und sich häufig sehr 
derb über die von Schwarzenberg befohlenen Maßregeln während des 
Feldzuges ausgesprochen hatte. War das Erstaunen schon groß, daß 
Blücher überhaupt reden wolle, so stieg es in das Ungeheure, ats man 
erfuhr, daß er beabsichtige, den Felbinarschall Schwarzenberg als Feld 
herrn zu feiern. 
Blücher erhob sich und schlug an sein Glas; es war still an der 
großen prachtvoll geschmückten Tafel, daß man eine Feder hätte zur 
Erde fallen hören. Die unter schneeweißen, buschigen Brauen liegenden 
Augen des greisen Helden leuchteten wie ehemals an seinem schönsten 
Schlachttage, als er begann: „Meine Herren, trinken Sie mit mir auf 
das Wohl des erlauchten Fcldmarfchalls, des Fürsten Schwarzenberg, 
des großen Feldherrn, der den Feind schlug, trotzdem drei Monarchen 
in seinem Hauptquartier waren." 
Zuerst eine allgemeine beängstigende Stille, dann aber brach der 
Sturm los, und ungeheurer Jubel erschütterte den hohen Festsaal. 
Wenns aber nicht der alte Blücher, der alte von seinem Monarchen 
so hoch gestellte und gefeierte Marschall Vorwärts gewesen wäre, so 
würde ihm vermutlich dieser Trinkspruch sehr schlecht bekommen sein — 
so wenigstens berichtet der preußische General von Wolzogen, dessen 
Memoiren der vorstehend erzählte, bisher kaum in die Oeffentlichkeit 
gelangte Toast mit seinen Nebennmständcn entnommen ist. 
Die Markgrafen von Brandenburg und Leipzig. Das 
Urkundenbuch der Stadt Leipzig (Codex diplomaticus regius Saxoniae 
Regiae 2. Hauptteil, 8.—10. Band) hat oft Gelegenheit zur Erwähnung 
von Städten des jetzigen Preußens. So bittet vor dem Jatzre 1428 
der in einer Prozeß verwickelte Nickel Hotrit den Leipziger Magistrat 
um die Erlaubnis „kegen Ache (Aachen) zcu zcyhen“, und 1464 
kommen „tucher (Tücher) von Ache" vor, wie 1443 mit 17. Februar 
„Peter Brauwer non Andernach,“ 1423 am 26. November „burger- 
mester vnde radmanne der stad Asscherssleuen," 1484 „opidutn 
Asschauiense,“ 1467 am 21. Februar „die stete Herczpergk. Kolo 
(Kalau), Berlyn, Prenczlow, Sprenberg vnde Brandenburg" (schon 
1285 erscheint Bischof Gebhard von Brandenburg als Zeuge). 
Ter erste Markgraf von Brandenburg, der im llrkundcnbudt der 
Stadt Leipzig erwähnt wird, ist Otto IV. mit dem Pfeil. Er bestätigt 
am 4. November 1287 in Weißenfels eine Schenkung seines Verwandten 
(avunculus, Friedrich, Markgrafen von Landsberg und dessen Schwester 
Gertrud. Am 14. November 1291 verzichten er und Landgraf Albrecht 
von Thüringen in Eilenburg zu Gunsten des Bischofs Heinrich von 
Merseburg auf die Lehen an der Stadt Leipzig u. s. w. und fordert dann 
seine vormaligen Unterthanen aus, das zu thun, „quod dulden in teutu- 
nico dicimus,“ also ihrem neuen Lcl>rberrn zu buldigeu (oergl. Ur- 
knndenbuch I. Nr. 21 und 22, am 26 August 1292,. Am 20. Dezember 1294 
tritt Otto IV. mit dem Pfeil uebst Otto V., dem Langen, Markgrafen 
vou Ansbad,-Bayreuth, bei einer königlid,en Bestätigung des Leipziger 
Thomas-Klosters als Zeuge auf (illustres Otto iüustris quondam
        
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