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Periodical volume 15.April 1899 Nr, 15

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Kunst und Wissenschaft. 
Nus -rn Nunstsulons. 
In den Ausstellungsräumen von Keller & Reiner zeigt augen 
blicklich eine Reiste von 23 Künstlerinnen istr Werst Man war lange 
Jahre hindurch nicht ohne Grund gewöhnt, den Werken weiblicher 
Kunst mit einem gewissen vorausgeschickten Wohlwollen gegenübcr- 
zutreten. Aufrichtige Naturen pflegten auch in ihre Lobsprüche ein 
einschränkendes „für eine Dame" einzuflechten. „Für eine Dame gut" 
konnte, mit dem Allgemein-Rivcau vergliche», manchmal „sehr schwach" 
heißen. Nun ans irgend welche Captatio benevolentiae brauchen 
die hier ausstellenden Damen keine Ansprüche zu machen, und wenn 
auch nt!' diesen Arbeiten mit wenigen Ausnahmen ein Mangel anhaflet, 
der wohl mit „fehlende Originalität" bezeichnet werden könnte, so ist 
doch auch alle» ein großer Ernst und Ueberzeugung gemein. Das 
typische für den Begriff „Damenkunst", das Süßliche, Niedliche, fehlt. - 
Es zeigt sich eher eine gewisse herbe Rauheit der Vortragsweise, die 
sogar manchmal direkt angestrebt zu sein scheint und dann wohl auch 
verstimmt. Man kann eben auch mit der Patzerei kokettieren, und am 
Kunstwerk ist Koketterie jeder Art peinlich. Technisch am reihten sind 
die Werke der Polin Boznanska und M. von Karowsky, die beide 
ja auch schon einen Namen von gewissem Klang besitzen. Namentlich 
die Bildnisstudien von M. von Karowsky sind meisterhaft in der 
Tonhaltung. Die schönsten Arbeiten in Bezug aus Stimmungsgehalt 
und Innigkeit der Auffassung sind aber die als gobelinartiger Wand 
behang gemalten Werke von M. von Geyso-München und R. Plehn- 
Lubochin. Tie Köpfe auf einem „Behang für ein Musikzimmer" sind 
sehr stark empfunden. Der große Behang mit den Lampentragenden 
klugen Jungfrauen hat auch sehr feine malerische Qualitäten, aber — 
schade daß ,.the golden staircase“ von Burne-Jones so bekannt ist! 
Die Koloristin der Gruppe ist S. von Schewc (München). Eine der 
interessantesten, wenn auch noch nicht erfreulichsten E. Booth. In 
ihren Arbeiten liegt soviel Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, daß sie wahr 
scheinlich nie eine glänzende „Malerin", aber vielleicht doch eine große 
„Künstlerin" werden kann. Käle Kolbritz stellt eine Mappe Ra 
dierungen aus: 6 Blätter „ein Wcberaufstand", die sie als Künstlerin 
wohl an die Spitze der ganzen Gruppe stellt. Das ist mit bewußter 
Kraft aufgefaßtes Leben von reifer Künstlerschaft abstrahiert und init 
sicherer Technik wiedergegeben. Ohne Tendenz im politischen und ohne 
irgendwelche Reminiscenzen im künstlerischen Sinne. 
Die Ausstellung im neuen „Künstlcrhause" trägt einen ganz 
eigentümlichen Charakter. Man hat nicht gerade den Eindruck, daß es 
sich hier darum gehandelt hat, eine Kunstausstellung zu geben. Im 
Hauptsaal tritt ein Künstlerklub „die Zunft St. Lukas" auf: ausschließlich 
Landschafter, die von uns für all ihre wichtigsten Studien Interesse 
verlangen. Durch größere Reife und Können zeichnen sich nur Fritz 
Geyer, Heßmcrt und Boche aus. Dann das riesige Sensations- 
und Spectakelgeniäldc „die Jagd nach dem Glück" von Rochegrossc. 
Menschen jeden Standes und Charakters streben einander niederreißend, 
würgend, zertretend ans dem Sündenbabel Paris empor, einem in der 
Luft schwebenden Phantom, dem „Glück", nach, und stürzen auf der 
anderen Seite auf eine» Kirchhof hinab. Dann zwei Säle mit Copien 
nach alten Museunisbildern! Dazwischen Schranke, Stoffe, Möbel, 
Candelabcr und anderes Kunstgewerbliches. Aber nicht etwa modernes, 
Tinge, die hervorzubringen irgend ein heutiger seinen Geist und Schön 
heitssinn angespannt hat. Man glaubt in einen Antiquitätenladen zu 
treten, wie sic jeder Jtalienfahrer in Rom und Florenz durchstöbert. 
Dabei sind die Ausstellungsstücke zum Teil noch dazu ganz moderne — 
Imitationen. Arrangiert ist das ganze mit dem Aufwand von Geschmack, 
den man bei Lepkeschcn Auktionsausstellungen findet. Daß solche Dinge 
zu mnckien sind, haben die entzückenden Renaissance- und Rokoko- 
ausstellungen im Akademiegcbäude gezeigt. Aber freilich dort war es 
auf Kunst und hier sehr offenbar auf Handel abgesehen! 
Tic Ausstellung „deutscher und französischer Zeichner" bei Br. und 
P. Cassierer ist für_ solche, deren Schulung im Kunstempfinden sie 
dazu befähigt, eine Quelle höchsten Genusses. Da ist der graziöse, 
glänzende Cheret mit einer ganzen Serie seiner funkelnden, heiteren, 
farbengleißenden Plakatentwürfe: Menzel mit wunderbar ge 
sehenen Bleiftiftstudien, Liebcrmann, Rops, Steinlcn, Degas, 
Thoma mit Blättern, in denen eine Stimmung, eine Beobachtung, 
auf Linie und Thon weil abstrahiert zu einem entzückenden Kunft- 
werkchen wird. Zeichnungen und Radierungen von Kirchner, dem 
Zeichner der „Fliegenden", mit seiner grausamen Ironie, die doch 
liebenswürdig genuA bleibt, um nicht zu verletzen. Dann die 
Münchener Zeichner Thöny, v. Bernicck, Bruno Paul, Münzer, 
Pankok, Eickiler. Bor ein paar Jahren, als durch Gründung zweier 
neuer Jlluftrationsblätter das Bedürfnis geschaffen war, waren sie wie 
aus dem Boden gestampft plötzlich da. Wenn doch das Bedürfnis nach 
bildender Kunst im allgemeinen einmal solche Ansprüche erhöbe — ich 
glaube es würden da auck) mit einem mal die Blumen ansangen zu 
sprießen! Biele Kräfte schlummern noch — viele verkommen, weil nick)t 
ein Sonnenstrahlchen sie trifft. 
Theater. 
Mar Dreyer gehört zu den glücklichen Autoren, denen der Miß 
erfolg eme unbekannte Sache ist. Er weiß ein interessantes Thema 
interessant durchzuführen, und da er sich nicht daraus kapriziert, die 
Well innerhalb drei Thcatcrslunden von Grund auf zu reformiere», so 
ist ihm der Tank des Publikums für seine Gaben bisher stets sicher 
gewesen. Er nennt sein Stück „Hans", das am 8. April im „Deutschen 
Theater" aufgeführt wurde, ein Schauspiel: er hätte es ebenso gut ein 
Lustspiel nennen können, da es in der ganzen Anlage, in der Charakter 
zeichnung, in den Episoden, ivie in dem Ansgange sich mehr dem heitern 
Lustspiel als dem ernsten Schauspiel nähert, das immerhin eine gewisse 
Vertiefung und Herausarbeitung der Handlung und der Charaktere 
erfordert. Auf einer einsamen Insel in der Nordsee leitet Professor 
Hartog eine biologische Station. Mit dem Witwer haust seine willens- 
kräftigc, gelehrte Tochter Iolianna, die ob ihrer Energie Hans genannt 
wird. Eine frühere Schulfreundin dieses Ausnahmemädchcns, Anna 
Berndt, findet sich auch auf der Insel ein und zwischen Anna und 
Professor Hartog entspinnt sick, ein Liebesverhältnis, das dem starken 
Hans ein Dorn im Auge ist, besonders da Anna eine interessante Ver 
gangenheit hat. Hans, der sonst nur ins Mikroskop guckt, hat indessen auch 
in ein Männerauge zu tief gesehen: das stimmt oas gelehrte Mädchen 
milde, und der Heirat des Professors Hartog mit Anna legt sie kein 
Hindernis mehr in den Weg. 
Dieser etwas magere Stoff ist von Dreyers bühnenkundiger Hand 
auf das geschickteste verarbeitet worden: das Interesse des Zuschauers 
wird vom Anfang bis zum Ende wach erhalten: die Entwickelung der 
Handlung ist fein abgetönt, einzelne Episoden wirkungsvoll eingestreut. 
Der Ersolg war daher ein bedeutender und wohlverdienter. 
Berliner Chronik. 
Am 29. März starb im 72. Lebensjahre der frühere Erziehungs- 
Inspektor der Wadzeck-Anstalt Franz Weber. 
Am 30. März starb im 81. Lebensjahre der General der Artillerie 
Justus von Dresky, der die Feldzüge 1866 und 1870/71 mitgemacht 
und sich namentlich bei Vionville als Führer des Fcldartillerie-Regi- 
ments Nr. 3 ausgezeichnet hat. In seinen späteren Friedensstellungen 
hat sick) General von Dresky als Kommandeur der Garde-Artillerie- 
Brigade und als Inspekteur große Verdienste um die Ausbildung der 
Artillerie erworben. 
Am 1. April feierte der frühere General-Adjutant Kaiser Wilhelms I., 
Graf Lehndorsf, seinen 70. Geburtstag: derselbe weilte vom April 1866 
bis zum Tode Wilhelms I. beständig in dessen Nähe und war auch 
General-Adjutant Kaiser Friedrichs, nach dessen Tode er den Abschied 
nahm. 
Am 31. März starb im 82. Lebensjahre der Geheime Regierungs 
rat a. D. Dr. Philipp Wilhelm Brix. 
Am 81. März gab sich die Schriftstellerin Juliane Dery (geboren 
am 12. Juli 1864) selbst den Tod: sic ist die Verfasserin einer Anzahl 
Novellen und Dramen, wclckic in den Jahren 1889 bis 1898 erschienen. 
Am 31. März trat Dr. Karl Schneider, bisher vortragender 
Rat im Kultusministerium, nach einer fünfzigjährigen Dienstzeit in den 
Ruhestand. Schneider, der Philologe und Theologe zugleich ist, wurde 
1872 vom Minister Falk ins Kultusministerium berufen und erwarb 
sich ein dauerndes Verdienst um das prcußisckie Volksschulwesen durch 
die Abfassung der „Allgemeinen Bestimmungen", welche die Lehrziele 
der Volksschule wesentlich hoben und den Volksschulunterricht vertieften. 
Am 1. April feierte derBureaudirektor des Magistrats W. Werkmeister 
das Fest seines fünfzigjährigen Amtsjubiläums. 
Am 1. April beging Hermau» Holdheini, Redakteur der „Volts- 
zeitung" seit deren Bestehen, das fünfzigjährige Iournaliftcn-Jubiläum. 
Der jetzt 74jährigc Jubilar ist einer der Mitbegründer des Vereins 
„Berliner Presse." 
Am 2. April starb der Geheime Regierungsrat Professor Dr. Karl 
Scheibler (geboren am 16. Februar 1827), einer der hervorragendsten 
Pfleger der technischen Chemie in der Gegenwart. Ihm verdankt na 
mentlich die Zuckerindustrie sehr bedeutende Förderung: so sind seine 
Erfindungen zur Verbesserung der Zuckergewinnung von grundlegender 
Bedeutung für diese Industrie. Ter deutschen Heeresverwaltung diente 
er bei Einführung des rauchlosen Pulvers als Berater. Von 1868 
bis 1982 war Scheibler Dozent an der landwirtsd)afllichcn Hochschule. 
Mit Hoftnann, Magnus, Rammelsberg, Schering u. a. gründete er 
1867 die deutsche d,emischc Gesellschaft. 
Am 6. April starb im fast vollendeten 82. Lebensjahre der frühere 
Oberbaurat und Ministerialdirektor Theodor Wcishaiipt. Der Ver 
storbene hat dem Handelsministerium von 1856 bis 1877 angehört und 
hat von 1877 bis 1880 an der Spitze der Bauabteilung des Ministeriums 
der öffentliche» Arbeiten gestanden. Während des Krieges gegen Frank 
reich war Weishaupt technischer Chef der dem Grasen Moltkc unter 
stellten Exekutivkommisfion für das Kriegseisenbahnwesen und erwarb 
sich ein hervorragendes Verdienst »in den Truppentransport nach dem 
Kriegsschauplätze. 
Am 7. April feierte der Prediger Dr. W. Schulze von der Jesu- 
Gemeinde seinen 70. Geburtstag. 
Am 8. April wurde das Grabdenkmal Heinrich von Stephans 
auf dem Dreisaltigkeits-Kirchhofc im Beisein der Familie und der Freunde 
der Verewigten ohne besondere Feierliälkcil enthüllt. An den Grabstein 
lehnt sich eine Frauengestalt aus Marmor, welche das umhüllte Haupt 
in sinnender Trauer senkt. Tic Linke trägt einen Lorbeerkranz, die 
Rechte hält über der Brust das Gewand zusammen. Oben am Stein 
ist der Name Heinrich von Stephan eingemeißelt und auf den Seiten 
Geburtstag (7. Januar 1831) und Sterbetag (8. April 1897). Am 
Sockel fallen die Strahlen der untergehenden Sonne auf die Erde. 
Am 9. April feierte Professor Dr. Bertram das fünfundzwanzig 
jährige Jubiläum als Stadtschulrat. 
Märkische Chronik. 
Charlottenburg. Am 31.,März starb im 67. Lebensjahre der 
General der Infanterie Hans von Krctschmann: er war im Anglist 
1832 zu Charlottenburg geboren, gehörte dem Heere seit 1849, zuletzt 
als General-Leutnant und Äommandeur der 13. Division an.
        
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