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Periodical volume 15.April 1899 Nr, 15

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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der kaiserlichen Post zusammenhängt, stets „Cöln" — ohne daß es den I 
Herren ein fällt, der Regel gemäß „Zöln" zu sagen. Stempel und 
Schriften der Eisenbahn- sowie der städtischen Verwaltung weisen richtig 
„Köln" auf, und ebenso schreiben sämtliche dort erscheinenden Zeitungen. 
Ganz ähnlich verhält es fich mit „Cocprnick" — „Köpenick". Das ist 
doch ein offenbarer Unfug! 
Man „beginnt in Norddeutschland vielfach statt „ Bayern" und 
„Württemberg ' — „Baiern" und „Würtemberg" zu schreiben und 
zwar, wie Professor Heintze-Stolp in einer sehr gründlichen Arbeit 
sZeitschrift des Allgemeinen deutschen Sprachvereins) nachweist, mit 
vollem Recht, trotzdem die „amtliche Schreibweise" den alten Zopf noch 
immer nicht abschneiden will. Haben dies nicht „WestpHalen", 
„Franckfurth", „Mayntz" u. v. a. längst gethan? Oder soll der 
Deutsche in ersterbender Demut den hessischen oder wcimarschcn Mo 
narchen als „Groshcrzog" bezeichnen, weil cs deren Münzmeistcrn 
oder Ministern beliebt, noch bis auf den heutigen Tag so zu schreiben 
— in liebevoller Erinnerung daran, daß der erste Napoleon es war, 
der ihnen „in Anerkennung ihrer Verdienste" jenen Titel verlieh und 
in den betr. Urkunden aller deutschen Orthographie ins Gesicht schlug? 
Unter solchen Umständen ist es denn auch kein Wunder, wenn 
fremde Völker uns Dinge zumuten, die sie von keiner anderen Nation 
verlangen. Es ist schon schwer, in vielen Fällen sogar unmöglich, die 
Aussprache fremder Ortsnamen mit ihren besonderen Eigentümlichkeiten 
und Feinheiten zu bezeichnen: unser Alphabet müßte um viele neue 
Zeichen bereichert werden. Dazu kommt, daß die ausländischen Orts 
namen uns zum größten Teil seit langer Zeit bekannt und geläufig 
sind: sie haben sich beim Volke in der ihm geläufigen Form eingebürgert: 
hierher gehören z. B. Mailand sMilano), Kopenhagen sKhöbnhavn), 
Warschau (Warszawa) u. a. Ter genannte Sprachforscher empfiehlt 
mit Recht die deutsche Schreibweise in möglichst ausgedehntem Maße — 
auch die deutsche Sprache habe in dieser Be 
ziehung Rechte, die nicht einfach übersehen 
werden dürfen. Andere Nationen nehmen ja 
dieselben Rechte auch für sich in Anspruch. Wie 
kommen wir dazu, das seit Jahrhunderten 
allein übliche „Mexiko" durch die moderne 
spanische Form „Mejico" (dessen zweiter Kon 
sonant -noch dazu fast stets falsch ausgesprochen 
wird) verdrängen zu lassen? Und „kluge" 
Leute sangen auch an, „der Tiber" zu sagen, 
während wir bisher stets und voran unsere 
Klassiker nur „die Tiber" kannten. Jene klugen 
Leute berufen sich auf Lavus Didsris und 
il Tevere als Beweis für ihre Behauptung. 
Warum fällt ihnen denn nicht ein, mit der 
selben Begründung „der Rhone" zu sagen! 
Die Franzosen werden nimmermehr „1a Weser" 
schreiben, und doch heißt der Fluß bei uns „die 
Weser". 
Zum Schluß sei mir noch eine Bemerkung 
gestattet. In neuester Zeit beginnt sich eine 
Schreibweise bei Straßen-, Platz-, Brückcn- 
Namen u. s. w. einzubürgern, die entschieden 
falsch ist: inan zieht z. B. bei Straßen-Namen 
beide Wörter in eins zusammen, ganz gleich, 
welches die Ableitung ist. Es ist sprachlich 
richtig, Kurfürslenstraße, Moltkcbrückc, Königs 
platz zu schreiben, aber" entschieden falsch ist 
Lcipzigerstraße, Potsdamerbrückc: denn solche 
Bezeichnungen, als von Ortsnamen abgeleitet, dürfen durchaus nur 
als zwei getrennte Wörter geschrieben werden. Wir müßten sonst 
folgerichtig auch Treptowcrchaussee, Lcrlinerbcvülkerung, Stralauersischzug 
schreiben, und das wird niemand für richtig erklären wollen. 
P. Bellardi. 
„Et fehlt man noch eene lumpigte 
Person!" 
<Mm vormärzlichen Berlin spielten die Thor wagen, deren Halteplätze 
sich an den Ausgangspunkten für die Fahrten nach Charlotten 
burg, Schöneberg, Tempelhof, Stralau und Pankow befanden, 
eine sehr bedeutende Rolle als Verkehrsmittel. Die Thorwagcn, welche 
im Volksmunde den bezeichnenden Namen „Rippcnbrecher" führten, 
waren äußerst primitive Geführte, die entweder gar keine Federn hatten 
oder auf sehr hohen Federn ruhten und denen in den meisten Füllen 
auch ein Verdeck, und damit der Schutz gegen Regen, Wind und Sonne 
fehlte. Ein mehrstufiger, unbequemer Tritt, der heruntergeklappt wurde, 
führte die Fahrgäste in die hochgebauten Vehikel, die Platz für 6 bis 
12 Personen boten. Professor Holtze berichtet in seinen „Bildern aus 
Berlin vor zwei Mcnschenaltcrn" (35. Heft der Schriften des Berliner 
Geschichtsvercins) über die Thorwagcn: „Am Potsdamer und Branden 
burger Thor fand man immer dergleichen, an den übrigen Thoren des 
Sonntags oft nur überfüllte oder von leidenschaftlichen Vergnüglingen 
bcstürinle, an den Wochentagen auch wohl gar keine. Diese Thorwagen 
fuhren stets dieselbe Strecke hin und her: der Preis war überall der 
gleiche: zwei gute Groschen. Nur für die Rückfahrt des Abends steiger 
ten die Kutscher, wenn der Zudrang übermäßig wurde, den festen Satz 
zu willkürlicher Höhe. An Wochentagen gab cs auf der Charlotten 
burger Chaussee auch Teilstrecke». Wenn man, zu Fuß gehend, von 
einem leeren oder spärlich besetzten Thorwagcn eingeholt wurde, hielt 
man den Zeigefinger in die Höhe. Das bedeutete: Wollen Sie mich 
für den Rest der Tour für einen Groschen mitfahren lassen? worauf der 
Kutscher je nach Laune und Ermessen entweder verächtlich mit dem 
Kopfe schüttelte oder zum Einsteigen anhielt." 
Am Brandenburger Thor standen Sonntags in den zwanziger und 
dreißiger Jahren stets mehrere Reihen dieser Thorwagcn, die nach 
hunderten zählten und sich längs der Stadtmauer, der heutigen Künig- 
grätzer Straße, bis zum Potsdamer Thor hinzogen. Bei schönem Wetter 
füllten sich die Wagen schnell, und der Verkehr ging, abgesehen von dein 
Gedränge, glatt von statten. Unangenehmer und langwieriger wurde 
die Sache aber bei geringerem Verkehr, da die Thorwagen nur daun 
abfuhren, wenn sie völlig gefüllt waren. Die Kutscher*) machten dann 
den Anreißer und suchten die Vorübergehenden zum Einsteigen zu 
animieren. Andererseits wachten die Rosselcnkcr mit Argusaugen darüber, 
daß nicht etwa jemand von den bereits im Wagen Sitzenden, dem die 
Zeit bis zur Abfahrt zu lange dauerte, ihnen wieder entschlüpfte. Die 
Vorzüge ihrer Rosinantcn und Vehikel priesen sie den Vorübergehenden 
in drastischer Weise an und suchten sich die Fahrgäste gegenseitig ab 
spenstig zu machen. Adolf Glaßbrcnner, der vortreffliche Schilderer 
des vormärzlichen Berlins, giebt in einer seiner humoristischen Schriften 
folgende köstliche Szene vom Halteplätze der Thorwagen: 
Schwabb: „Heda, Herr Baron, wollen Sc mit de Madam 
Baronin uffsteigen?" 
Peter: „Herr Baron, fahren Se mit mir! Den seine Pferde 
sind zu steif! Die haben schonst Anno dreizehn bei Leipzich mit- 
jefochlen. Man kann jarnich in Zweifel sind, wenn man det 
unjlücklichc Pferd ansieht, det et en Freiheitskrieg mitjemacht bat. 
Sehen Se dajejen meinen Schimmel! Det is en Vieh, wal?" 
Schwabb: „Halt's Maul! Herr Baron, lassen Sc sich mit 
dem sein Schimmel nischt weiß machen. Schn Se mal, wie 
knickerbeenich der dasteht. Wenn det Vieh nich noch die paar 
lumpige Füge hätte, et käme nich von der Stelle!" 
Brammler (den Herrn am Arm haltend): „Herr Jraf, 
dhun Se mir den Jefallcn und setzen Se sich nich in den seine 
Nußschale! Steifen Se bei mir in. Bei mir können Se vor 
drei Jroschen eene Kalesche jcnießcn. Un det Pferd, wat der 
Kerl hat! Det Pferd hat jar kecnen Vater jehabt, un de Mutter 
war en Esel." 
Schwabb: „Dämliger Kerl, mein Alexander hat det letzt» 
adlige Pferderennen mitjemacht!" 
Brammler: „Ja, det is wahr: et war als Hindernis da: 
der Reiter kam nich von'n Fleck mit det Tier. (Er läßt den 
Herrn lös und läuft zwei Damen entgegen.) Meine Damens, 
wenn Se nich wollen zu Karmnadc zusammenjestuckert werden, 
dann stechen Se in meine Kalesche! Bei mir fehlen man noch 
zwec lumpje Personen, denn seht et ab!" 
Mft dem Abfahren hatte es aber, falls sich nicht genügend Fabr- 
gäste einstellten, gute Weile, und die Geduld der Passagiere wurde oft 
aus eine harte Probe gestellt. Der Wagenlenkcr fuhr, wenn seine Gäste 
zu ungeduldig wurden, einige Schrille vorwärts, hielt dann wieder 
und fahndete weiter nach Fahrgästen. „Dies Manöver", erzäbll Holtze. 
„wiederholte er so oft, bis der letzte Platz besetzt oder jede Aussicht ans 
vollständige Füllung geschwunden war." 
So fuhr man vor zwei Menschenaltern nach Charlottenburg, um 
im „Türkischen Zelt" Kaffee zu trinken oder einen Spaziergang im 
Schloßpark zu machen. Fürwahr, ein bezeichnendes Beispiel für die 
Anspruchslosigkeit unserer Großeltern und die kleinstädtischen Vcrhäll- 
nisie des vormürzlichcn Berlins! Die „eene lumpigte Person" der 
schnoddrigen Lenker der Thorwagcn hat sich lebensfähiger erwiesen als 
die vorsintflutlichen „Rippenbrechcr" und lebt noch heute als ein ge 
flügeltes Wort im Munde der Berliner. R. G. 
*) Bergt „Ter Lar" 1899, „Volkstypeu aus dem vormärzlichen Berlin", Seite 79 s. 
lüo auch das „Bundeslied" der Thorwagenkutscher abgedruckt ist.
        
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