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Periodical volume 15.April 1899 Nr, 15

Full text: Der Bär Issue 25.1899

Wahrsager aus, der ehemalige Flickschneider Sohn, der damals 
in Berlin bei vornehm und gering wegen seiner Prophezeiungen 
in hohem Ansehen stand. Ob nun der König an diese Vorher 
sagungen geglaubt hat, muß dahin gestellt bleiben, jedenfalls aber 
war er sowohl, wie das Berliner Volk der festen Ueberzeugung, 
daß er im Jahre 1840 sterben werde, umsomehr, als man im 
Januar 1840 allgemein behauptete, die weiße Frau sei wieder im 
Schlosse erschienen. Der König starb bekanntlich am 7. Juni 1840. 
Bis in die neueste Zeit hinein sind also die Berliner nie ganz 
frei von Aberglauben aller Art gewesen. Gespenstermärchen, Teufels 
geschichten u. s. w. bildeten zu Zeiten die beliebtesten Abendnnter- 
haltnngen der Bürger in der „Stadt der Intelligenz". Besonders 
grassierte dieser Aberglauben natürlich nach dem dreißigjährigen 
Kriege, der das Bildungsniveau des deutschen Volkes überhaupt 
um ein so bedeutendes herabgedrückt hat. Ging doch der Große 
Kurfürst selbst in diesem Glauben voran: er, der sonst seiner Zeit 
so sehr vorausgeeilt ist, vermochte doch das Dunkel des Aber 
glaubens nicht zu durchdringen. Wie er an Alchymie, an die 
weiße Frau u. a. glaubte, so war unter seiner Regierung die Mark 
und auch Berlin der Schauplay zahlreicher Hexenprozesse, die der 
Kurfürst sogar durch eine besondere Verordnung begünstigte. Mit 
den Hexenprozessen war noch ein anderer Aberglauben verbunden. 
Im Jahre 1654 wurde auf dem Rabensteine vor dem Sanet Jürgen 
thor ein alter Hexenmeister aus Zossen enthauptet. „Sein Blut 
ward", nach dem Berichte eines Berliner Bürgers Wendland, „in 
einem neuen Topf aufgefangen, welches einer, so mit einem schweren 
Gebrechen beladen, wann anstrank und nachmals im Felde 
herumlief." 
Noch im Jahre 1701 lies täglich das Volk in großer Zahl 
nach einem Hause der Heiligen Geiststraße, um den Spuk eines 
Poltergeistes mit anzuhören, der in demselben sein Wesen trieb. 
Der Geist begleitete unaufhörlich eine Magd und redete mit ihr; 
er neckte sie; wenn sie am Herde stand, steckte er plötzlich den Kopf 
durch ihre Anne und kniff sie, daß sie blaue Flecken bekam. Und 
als sie in einen neuen Dienst zog, begleitete er sie auch dorthin. 
Diese alberne Spukgeschichte wurde von ganz Berlin geglaubt; cs 
gab sogar eine Menge Leute, welche den Poltergeist mit eigenen 
Augen gesehen haben wollten. Wer erinnert sich dabei nicht auch 
des jüngsten Spuks von Resau? 
Noch im Jahre 1728 erkannte unter der Regierung Friedrich 
Wilhelms I., der sonst jedem Aberglauben abhold war, das Berliner 
Kriminalgericht in einem Urteil vom 10. Dezember an, daß ein 
Mensch einen Pack mit dem Teufel machen könne. Damals be 
schuldigte die Müllertochter Dorothea Steffin sich selbst dieses Ver 
brechens und wurde daraufhin vom Kriminalgericht auf Lebenszeit 
in das Spandauer Spinnt)aus gesteckt. 
Aus all dem Angeführten, das noch durch eine Fülle von 
einschlägigem Material ergänzt werden könnte, dürste nun wohl 
hervorgehen, daß Berlin trotz seines Ruhmes als Stadt der In 
telligenz niemals ganz frei von Aberglauben gewesen ist, daß seine 
Bürger vielmehr auch diese Modekrankheiten zu allen Zeiten treulick 
mitgemacht haben, nur mit dem Unterschiede, daß der Aberglaube 
in Berlin niemals solche das Allgemeinwohl schädigende und den 
gesunden Fortschritt hemmende Formen angenommen hat, wie 
anderswo. Jenes Prädikat einer verbreiteten Intelligenz ist darum 
den Berlinern auch mit Recht zuzusprechen; eS dürfte sich vielleicht 
sogar beweisen lassen, daß ihm der Aberglaube eigentlich immer von 
auswärts zugeführt worden ist; hat doch Berlin sein Wachstum zu 
allen Zeiten dem Zuströmen Fremder verdankt. Und daß diese 
Fremden, die zum teil aus ländlichen, in den Schulverhältnissen weit 
zurückgebliebenen Bezirken kamen, erst nach langer Zeit und nach lang 
wieriger Erziehung durch das Leben der Großstadt zu Eleinentcu 
einer erweiterten Volksbildung werden konnten,liegt wohl ansdcrHand. 
Gewiß, ein Blick auf den Inseratenteil unserer Zeitungen Jetirt 
leider, daß noch heute durch den Aberglauben eines großen Teils 
der Berliner den Schwindlern, Kurpfuschern, Wahrsagerinnen und 
dergleichen Betrügern ein reiches Erntefeld in Berlin offen steht; 
würde sich aber eine Statistik dieser Betrugsfälle ermöglichen lassen, 
so würde sie zweifellos ergeben, daß das Hauptkontigent der Be 
trogenen von den Zugezogenen gestellt wird, während die eigentlichen 
Berliner d. h. die, welche bereits längere Zeit in Berlin gelebt 
haben, dem groben Aberglauben abhold sind und, jeder an seinem 
Teil, tapfer daran arbeiten, der Aufklärung und damit der 
Intelligenz in Berlin immer mehr zum Siege zu verhelfen. S. 
Ludwig Rellstab. 
(Schluß.) 
» ellstabs Aufenthalt in Weimar zog sich bis in den Januar 1822 
hin; er verkehrte vielfach im Goetbeschen Hanse, wo man ihn 
namentlich seiner musikalischen Ta 
lente wegen schätzte, und wo er 
Ottilie von Goethe auf dem 
Klavier begleiten durfte. Bon 
seinem weiteren Umgang in Weimar 
nennen wir: Johanna Schopen 
hauer, die Mutter des Philosophen, 
den Komponisten und Klavier 
virtuosen Hummel und den 
Violinvirtuosen Eberwein. Rcll- 
stab setzte seine musikalische Aus 
bildung in Weimar mit Eifer fort, 
arbeitete an seinem Trauerspiel 
„Karl der Kühne" und lernte fleißig 
griechisch und lateinisch. Weitere 
Stationen in Rellstabs Wander 
jahren sind die Universitäten 
Heidelberg und Bonn, auf denen 
er als Hospitant philosophische und 
philologische Vorlesungen hörte. In 
Bonn trat er in nähere Beziehungen 
zu E. M. Arndt, der damals keine 
öffentlichen Vorlesungen halten 
durfte, und zu dem Shakespeare- 
Uebersetzer A. W. von Schlegel. 
In Heidelberg ließ Rellstab (1822), 
angesteckt durch die allgemeine Be 
geisterung für den Befreiungskampf 
der Griechen, einen Band lyrischer 
Gedichte unter dem Titel: „Griechen 
lands Morgenröte" erscheinen. 
An diese Studienjahre Rellstabs 
schlossen sich einige größere Reisen, 
die den Gesichtskreis des jungen 
Schriftstellers eriveiterten und ihn 
an den Rhein, in die Schweiz und 
nach Italien führten. Unvergeßlich 
blieben ihm zwei Besuche, welche er 
gelegentlich eines Aufenthaltes in 
Wien im Frühjahr 1825 dem großen Ludwig van Beethoven 
abstattete, den er schwärmerisch verehrte. Der so schwer zugäng 
liche große Tondichter, bei welchem sich Rellstab wiederum durch 
einen Empfehlungsbrief Zelters einführte, 
frischen, jungen Schriftsteller, aus dessen 
Henriette isontag (1806—1854) 
der Rolle der Helene in Rossinis „Donna del 
(Stach einer Zeichnung von G. Nehrlich.) 
fand Gefallen an dem 
Augen eine so ehrliche 
Begeisterung für die Musik sprach. 
Beethoven, mir welchem sich Rellstab 
bei der völligen Taubheit des 
Meisters nur vermittelst einer 
Schreibtafel verständigen konnte, 
umarmte seinen Besucher zum Ab 
schiede und „küßte ihn herzlich, 
deutsch, ohne irgend eine erkünstelte 
Steigerung seiner Empfindung." Am 
3. Mai 1825 erhielt Rellstab von 
Beethoven einen kleinen Kanon 
für sein Stammbuch, einErinnernngs- 
blatt, das außer der kleinen Kom 
position die Abschiedsworte enthielt: 
„Gedenken Sie meiner bei Ihren 
Dichtungen! Ihr Freund Beet 
hoven." Rellstab schied tief be 
wegten Herzens von dem großen 
Meister der Töne und schließt das 
ergreifende Kapitel seiner Lebens- 
erinnerungen, das den Besuch bei 
dem totkranken, seinem schweren 
Geschick fast erliegenden Beethoven 
schildert, mit den enthusiastischen 
Wotten: „Mit welchem Dank, mit 
welcher Begeisterung, mit welchen 
Vorsätzen des Edlen und Guten 
füllte sich die Seele des Jünglings!" 
Die Gedichte, welche Rellstab Beet 
hoven zur Komposition eingehändigt, 
übergab dieser keinem geringeren 
als Franz Schubert; durch 
dessen geniale Musik, aber auch 
nur durch diese, sind einige dieser 
Rellstabschen Gedichte ein Gemein 
gut des deutschen Volke« geworden. 
Dahin gehören „Aufenthalt" 
(:,Rauschender Strom'), „Früh 
lingssehnsucht" (:,Säuselnde Lüftest 
und das sehr bekannte „Stündchen", dessen erste Strophe lautet: 
Leise flehen meine Lieder In den stillen Hain hernieder. 
Durch die Nacht zu Dir Liebchen, kvinin zu mir." 
lago“
        
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