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Periodical volume 8.April 1899 Nr, 14

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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in Deutschland, bei dem er im August 1821 eintraf. Der Dichter 
der „Flegeljahre" äußerte sich lobend über Rellstabs „Dido", und 
ermahnte den jungen Schriftsteller, stets die Antike als den festen 
Grund anzusehen, auf dem sich die Romantik aufzubauen habe; 
das Dido-Manuskript versah er ihm mit der Rellstab beglückenden 
handschriftlichen Notiz r Sub Apollinis auspiciis!“ 
Von Bayreuth reiste Rellstab nach Weimar, um sich dem 
greisen Goethe vorzustellen; er hatte einen Empfehlungsbrief von 
Goethes Freund Zelter, der dem Elternhause Rellstabs nahe 
gestanden hatte und der Rellstab empfahl, „um seiner vortrefflichen 
Mutter willen, die er sehr lieb gehabt". In Goethes Haus trat 
Rellstab namentlich dem Sohne Goethes und dessen Frau Ottilie 
näher. Der große Dichter behandelte Rellstab freundlich, sprach 
aber niemals über Litteratur mit ihm und lehnte eine Kritik der 
ihm zugeschickten Gedichte ab. Rellstab sagt von Goethe: „Er war 
mehr in seiner vornehmen Absonderung geblieben, wiewohl er sich 
ganz freundlich mit mir unterhalten. Er fragte manches über 
Berlin, über Zelter, auch über andere Zustände, behandelte aber 
doch die Gegenstände der Unterredung mehr wie ein Fürst, der 
von seiner einsamen Höhe auch von dem, was in der Welt vor 
geht, Notiz nimmt. Einer unvergeßlichen Szene, der er ein litte 
rarisches Denkmal gesetzt, dürfte Rellstab im Goetheschen Hause 
beiwohnen: dem Klavierspiel des zwölfjährigen, genialen Felix 
Mendelssohn vor dem großen Dichter und m Gegenwart seines 
Lehrers Zelter. 
(Schluß folgt-) 
Kunst und Wissenschaft. 
Markgraf Otto IV. mit drm Pfeil als Minnesänger. 
Die alten Brandenburger baden es ähnlich gehalten, wie die alten 
Römer. Es schien ihnen rühmlicher. Thaten zu thun als zu beschreiben. 
Wir Nachkommen sehnen uns daher vergeblich nach klarer, befriedigender 
Erkenntnis von Personen und Erzeugniffen aus der ältesten Zeit der 
Mark. Albrecht der Bär und seine nächsten Nachkommen sind uns nichts 
mehr als ehrwürdige Namen, an die sich bestimmte Daten knüpfen. 
Erst die Gestalt Otto IV. mit dem Pfeil tritt lebendiger aus Berichten 
der Zeitgenossen und aus seinen eigenen poetischen Erzeugnissen hervor. 
Er ist der erste der Assanier, der nicht nur als Förderer der Kunst 
erscheint, sondern auch sich selbst in den Dienst der Musen stellt. Er 
wird von einem zeitgenössiischen Dichter, Heinrich von Meißen, „ein 
Bronnen aller Tugenden, ein Stärker und Riese des rechten Glaubens, 
ein Zuchtmeister der Keuschheit und Mäßigkeit" und mit anderen schönen 
Namen gepriesen. Derselbe Dichter lobt auch seine Vettern, Otto den 
Langen und Albrecht als Freunde der Dichtkunst. Es schien, als sollte 
der Sand der Mark, nachdem er in der Blühtezcit der Minnepoesic sich 
unfruchtbar erwiesen hatte, jetzt in der Zeit des Verfalls noch reichlich 
Früchte tragen. Von den sieben bekannten Minneliedcrn Ottos mit dem 
Pfeil sei eines als Probe seiner Kunst wiedergegeben: 
1. Ich wände, daz ich jar lank harte 
ufgeben der minnen ein teil; 
Min gemucte daz waz starte; 
nu bat mich ein groz Unheil 
Also minnenlich bestanden, 
diu liebe diu hat mich in banden 
gebunden wol an tusend seil. 
2. Min ougen diu haut mich verleitet 
unt verraten, daz ist war, 
Min herze daz hat sich gebreitet, 
an' minen dank, so wil ez dar 
Zuo der minneklichen reinen, 
mit der will es sich vereinen 
beide, stille und offenbar. 
8. Mir beschach bi minen stunden 
nie so seneli chin not; 
Ich trage heimliche Munden, 
die sluok ir mund so rot. 
Diu liebe wont mir in dem Sinne, 
mis Herzen trut, min Aaiserinne. 
wirt sie min nicht, so bin ich tot. 
Eine hochdeutsche Bearbeitung in der Form des Sonetts wird 
leichter Verständnis finden: 
Ich wähnte, daß mich nie der Minne Triebe 
Erschüttern könnten noch in ineinem Leben, 
Mein lserze hätte längst die Holde aufgegeben. 
Nun schlägt das Unheil mich wie Schwertes Diebe, 
Mit tausend Seilen bindet mich die Liebe. 
Die Augen nur zur Liebsten sich erhoben, 
Der minniglichen, reinen hab' ich mich ergeben. 
Mhn' meinen Dank erlieg ich süßem Triebe. 
Das Herze will sich nur mit ihr vereinen 
So offenbar, wie still; zu ihr geht all mein Sinnen. 
Ich trage heimlich Munden von der reinen, 
Die schlug ihr Mund so rot, so will mir scheinen. 
Mein's Herzens Trost, mein' Aaiserinne, 
Ich sterbe, willst Du nicht mit mir Dich einen! I. G. 
Von den übrigen Gedichten Ottos mit dem Pfeil seien folgende in 
hochdeutscher Uebertragung aus dem Prachtwerk „Krone und Lorbeer" 
(Verlag von Friedrich Schirmer, Berlin), wiedergegeben: 
Der Krebsten Wunö. 
Ich sah die Minnigliche, Gute 
In ihrem festlichen Gewand, 
Und wieder ward mir froh zu Mute, 
Als sie so reizend vor mir stand. 
Ihr roter Mund mit seinem Glühen 
Schien mir ein Feuerhort zu sein, 
Aus dem wie Liebesstammen sprühen 
Mir holde Grüße, süß und rein. 
Häum't öen Weg öer schönsten aller Arauen! 
Räumt den Meg der schönsten aller Frauen! 
Laßt die tugendreiche mich erblicken, 
Meines Herzens Kaiserin zu schauen, 
Fände wohl ein Kaiser Hochentzücken. 
Ueber Sterne darf mein Loblied steigen, 
Meinem Himmel darf ich nicht verschweigen, 
Mo sie wohnt, dem Lande muß ich neigen. 
G, Frau Minne, stille Botin, sage 
Meiner Hehren, daß ich sie nur minne, 
Sie nur ewig in Gedanken trage 
Und auf neue Huldigungen sinne. 
Mollt' ihr süßer Mund mir lieblich lachen, 
Meine Trauer müßte flugs «schwachen 
Und zu besser'm Leben ich erwachen. ^ 
Ach, die Blümlein fallen auf der Haide, 
Und die Reine duldet kein Umarmen. 
Trost, Frau Minne, Trost im Doppelleide! 
Laßt mein Lieb des Kranken sich erbarmen! 
Sie kann mich heilen wohl und wohl verwunden, 
Bedächte sie sich noch in kurzen Stunden, 
So wär' es Lenz und alle Not entschwunden. 
Ein Bild von Otto mit dem Pfeil findet sich in der Manasseschen 
Handschrift. Hagen (Minnesänger IV, Seite 28) giebt folgende Be 
schreibung: „Noch als bartloser Jüngling sitzt Otto im grünen Haus- 
klcide mit rotem goldgesäumten Oberrock ohne Aermel, auf dem blonden 
Haupt eine flache, rote, pelzverbrämte Mütze, am Schachbrett, in der 
Linken hält er eine Schachpuppe, es scheint, einen Turm und hebt die 
Rechte nüt dem Zeigefinger deutend.*) Ihm gegenüber links sitzt eine 
blonde Frau in pelzgefüttertem Purpurkleide mit weiten Aermeln und 
rotem Unterkleide; einen weißen, goldgesäumten Schleier auf dem Haupt; 
sie hält auch in der Linken eine Schachpuppc, vielleicht einen Läufer 
und streckt die Rechte über das Brett. Beide sitzen auf einer Polster- 
bank, auf einer Art Bühne, vor welcher in Knabengröße und Bildung 
4 Spielleute stehen: zwei, gelb gekleidet, blasen lange goldene Trompeten, 
an jeder ei» Fähnlein, mit einem ausgebreiteten roten Adler, der dritte 
in grünem Rock mit veilchcnfarbencr Kapuze schlägt die Trommel; der 
vierte in veilchenblau und blau gestreiftem Rock mit gelber überzogener 
Kaputze spielt die Sackpfeife. Oben über den zwei Schachspielenden ist 
ein Schild, weißes Feld, roter Adler mit gelber Binde über Brust und 
Flügel. Daneben oben rechts ein geschlossener gelber Helm mit goldenen 
Lindenblättern, aus welchen 12 schwarze Federn emporstchen." 
Thrstrr. 
Ein neues Litteraturdrama! Ganz neu ist es zwar nicht, immerhin 
aber wirksam. Leo Hirschfeld, ein Wiener, schildert i» seinem Lustspiel 
„Lumpen", das am 80. März im Lessingthcater aufgeführt wurde, 
einen Kafseehausstamintisch von Lernen, die' sich für Schriftsteller halten 
und sich als solche ausgeben. Unter der unfähigen Schar befindet sich 
aber doch ein begabter junger Manu, der ein Theaterstück geschrieben 
bat. Dieses Stuck würde sogar aufgeführt werden, wenn der Autor 
sich entschließen wollte, den Schluß zu ändern. Heinrich Ritter will 
aber anfangs nicht, weil die verlangte Aenderung gegen sein künstlerisches 
Gewissen geht. Auf Andrängen seiner Geliebte», einer Schauspielerin, 
thut er cs endlich doch und erringt einen fabelhaften Erfolg. Run ist 
er ein gemachter Mann, schreibt bühnenwirksame Stücke, bricht mit der 
Schauspielerin und seinen ehemaligen Freunden und heiratet seine reiche 
und hübsche Kousiiic. Das Stück ist geschickt aufgebaut und errang 
einen schönen äußern Erfolg. Es ist eine litterarische Satyre, aber von 
geringem litterarischem Wert. 
Kleine Mitteilungen. 
Am 28. April vor hundert Jahren wurde zu Lychcn in der 
Ukermark Karl Ludwig Heinzeimann geboren, der sich in zwei 
facher Weise ausgezeichnet hat. Denn erstens war er ein zu seiner 
Zeit beliebter Naturdichter, der zwei Bände Gedichte (1836—1842) 
herausgegeben hat, und zweitens hat er das Verdienst, im Jahre 1830 
das „Elysium" im Tiergarten, das erste großartige und dabei feine 
Vergnügungsetablissemeut Berlins, geschaffen zu haben. Er war so 
populär in Berlin, daß die Leierkastenmänner nicht sangen: „Freude, 
schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium", sondern dafür „Tochter 
von Herrn Heinzclmann". Bei Anlegung der Bendlerstraßc mußte das 
„Elysium" verschwinden, und Hcinzelmann zog als Bahnhofwirt nach 
*) Cito mit dkm Pfeil war kill leidenschaftlicher Schachspieler.
        
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