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Periodical volume 8.April 1899 Nr, 14

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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bilden. Mil zehn Jahren spielte Ludwig Rellstab bereits GraunS 
„Tod Jesu", Zelters Auferstehungsmusik, und begleitete größere 
Werke von Bach und Händel. Die eiserne Energie, mit welcher 
der musikbegeisterte Vater ihn ans Klavier trieb, die theoretischen 
Aufgaben, die er ihm vorzeitig zumutete, erzeugten in dem Knaben 
eine au Haß grenzende Abneigung gegen die Musik, und der so 
unpädagogisch erteilte väterliche Klavierunterricht erschien Rellstab 
noch au seinem Lebensabend als die peinlichste Erinnerung aus 
seiner glücklichen Knabenzeit. Der Vater mochte endlich einsehen, 
daß er auf dem von ihm eingeschlagenen Wegx doch nichts erreiche; 
er gab 1811 den Musik-Unterricht auf, und bezeichnender Weise 
erwachten in demselben Augenblick, wo der Zwaug aufhörte, in dem 
jungen Rellstab die Liebe und der Eifer zur Musik, welcher er sein 
ganzes Leben treu blieb. „So wie ich keinen Unterricht mehr 
hatte," sagt er in seiner Autobiographie, „erwuchs mein eigener 
Trieb mit größerer Kraft. Ich übte mit allem Fleiß, bekam sogar 
die fast unerläßliche Verbissenheit auf die Lösung schwieriger 
Aufgaben, und that wenigstens so viel, daß ich nicht nur nicht 
zurückkam, sondern, wenn auch oft vielleicht aus sehr irrtümlichen 
Wegen, vorwärts ging. Ich suchte mit Eifer gerade das Schwerste 
der damaligen Zeit aus." 
Mit dem zwölften Lebensjahre 
besserten sich auch dieTchnlleistungen 
Rellstab«. Er hatte zuerst eine 
Privatschule besucht, dann das 
Joachimsthalsche Gymnasium. Hier 
konnte er gar nicht fortkommen, so 
daß der Vater ihn Ostern 1810 nach 
dem Friedrich Werderschen Gymna 
sium brachte, das seit 1807 unter 
dem gelehrten Bernhardi, dem 
Freund und Schwager Ludwig 
Tiecks, in hohem Ansehen stand. 
Rellstab trat mit den besten Ab 
sichten in die neue Schule, und es 
ging mit ihm auch besser, so daß 
er sich in seiner Autobiographie 
das Zeugnis über diese Epoche 
seines Lebens ausstellte „Ich hielt 
mich unter den Erträglichen," Rell 
stab war auf der Schule ein guter 
Aussatzschreiber und Deklamator; 
auch für die Mathematik halte er 
einige Anlagen und Neigung, schon 
im Hinblick auf den Offizier-Berns, 
den er wählen wollte; dagegen be 
saß er einen ausgesprochenen 
Widerwillen gegen die Grammatik 
und konnte sich erst in einem spä 
teren Lebensalter mit den klassischen 
Sprachen befreunden. 
Mit lebhaftem Interesse ver 
folgte der phaantsievolle und ideal 
veranlagte Knabe, in dessen Eltern 
haus die Schmach der Fremd 
herrschaft mit blutendem Herzen empfunden wurde, die aufregenden 
Zeitereignisse. Das schmerzlichste Schicksal, das über das Vater 
land verhängt wurde, war das Bündnis mil Frankreich zum 
Kampfe gegen Rußland, welches den Vaterlandsfreunden die 
Schamröte in die Stirn trieb. Am 28. März 1812 fand der Ein 
marsch der für den Feldzug nach Rußland bestimmten französischen 
Truppen statt. „Wir empfanden", berichtet Rellstab, „als die 
Truppen des Kaisers als unsere Verbündeten in Berlin einrückte», 
nichts anderes als sechs Jahre zuvor. Die Feinde waren da, der 
Schmerz, der Haß der vergangenen Jahre blieben ganz die alten." 
Als dann das gewaltige Gottesgericht in Moskau über den kor 
sischen Eroberer hereinbrach, jubelte auch die Familie Rellstab ans 
vollem Herzen mit den Vaterlandsfreunden: 
„Mit Mann und Roß und Wagen 
Hat sic der Herr geschlagen." 
Tief schmerzlich war es für den vierzehnjährigen Ludwig 
Rellstab, daß er, als der Sturm losbrach, welcher in den herrlichen 
Befreiungskriegen die Fremdherrschaft wegfegte, noch nicht das 
Alter erreicht hatte, um mit in den Kampf zu ziehen. Die Prima 
des Friedrich Werderschen Gymnasiums leerte sich ganz, die 
Sekunda halb, selbst ans Tertia traten noch einige zu den Waffen. 
Rellstab schildert seine Empfindungen beim Ausbruch des Be 
freiungskampfes, an dem der Knabe nicht teilnehmen konnte, mit 
den Worten: „Wir, die Genossen eben meines Alters, Jünglinge 
im geistigen Bewußtsein, doch Knaben in der Unreife des Körpers, 
wir ertrugen tiefen, brennenden Schmerz gleichzeitig mit dem Auf 
schwünge der Begeisterung; daß tausende zum Kampfe eilten, mußte 
uns nur in den Strom der Begeisterung dieser tausende fortreißen; 
allein daß wir unsere nächsten Gefährten, die Nachbarn auf der 
Bank in der Klasse, plötzlich aus dem herabdrückenden Schülertum 
zu Männern emporreifen sahen, das machte uns die Bande, die 
unsere .Kraft und Begeisterung einschnürten, schmerzlich fühlbar." 
glühte, und sie verstanden es, diese Begeisterung und die Keime zu 
allem Guten in ihre Kinder — neben Ludwig wuchsen vier 
Schwestern aus — zu verpflanzen. Mit innigster Liebe gedachte 
Ludwig Rellstab noch am Abend seines Lebens seiner Mutter, 
von der er in seiner Autobiographie sagt: „Nicht ohne die tiefste 
Rührung und wärmste Dankbarkeit kann ich den Namen meiner 
Mutter 'nennen, die als ein Vorbild edelster weiblicher Bildung 
und Gesinnung' nicht nur in meinem Gedächtnis lebt, sondern in 
dem Urteile aller, die sie kannten, diesen schönsten Ruhm genoß." 
Die Thränen dieser liebenden, fürsorglichen Mutter fürchtete 
der junge Ludwig mehr als die Strafen des strengen Vaters, 
wenn er schlechte Schulzeugnisse nach Hause brachte, und das war 
die Regel nach jedem Vierteljahrsschluß; denn Rellstab war nichts 
weniger als ein guter Schüler und hatte nach seinem eigenen 
Geständnis einen Widerwillen gegen die Schule, der ihn bis in 
die mittleren Gymnasialklassen „schwer bedrückte". Dabei war er 
keineswegs ohne Begabung, hatte eine leichte Auffassung und ein 
gutes Gedächtnis; aber der Fleiß und die Ausdauer fehlten ihm. 
Er nennt sich selbst einen „durchaus trägen" und „in vielen Be 
ziehungen ganz unfähigen Schüler", dessen phantastischer Gemütsart 
Dorfstratze in Lirberole. 
der Schulzwang unerträglich war. „Gerade meine Art der Be 
gabung, die phantastische, widerstrebte dem geregelten aber not 
wendigen Gang der Bildung durchaus. Ich widerstrebte dem, 
ivas mir nicht behagte und hatte weder Einsicht, noch Gehorsam, 
noch Willenskraft genug, um das Notwendige mit festem Entschluß 
zu überwinden." 
Besonders verhaßt war dem Knaben der Musik-Unterricht, 
den ihm sein Vater erteilte, und der die Grundlage für seine 
spätere kritische Thätigkeit bildete. Rellstabs Vater war Besitzer 
einer Druckerei, sowie einer Buch- und Musikalienhandlung. Der 
kaufmännische Berus war dem einstigen Schüler von Johann 
Friedrich Agricola, Karl Friedrich Christian Fasch und 
Philipp Em. Bach aber nur durch den plötzlichen Tod seines 
Vaters anfgezwungen worden, der ihn nötigte, das väterliche 
Geschäft zu übernehmen. Die Musik blieb aber Rellstabs Vater 
bis an sein Lebensende der höchste Genuß, und ihr widmete er 
jede freie Stunde, welche ibm sein Beruf ließ. Sein Haus war 
bis zum Kriege von 1806 ein Sammelpunkt für das musikalische 
Berlin. Eine lange Reihe von Jahren fanden bei ihm alle vier 
zehn Tage auf seine Kosten Konzerte statt, bei welchen ein volles 
Orchester unter Mitwirkung von namhaften Gesangskräften die 
großen Meisterwerke von Händel, Bach, Graun, Haydn, Mozart, 
Gluck und Beethoven zu Gehör brachten. Rellstabs Vater war 
selbst ein vortrefflicher Klavierspieler und ein nicht unbegabter 
Komponist. In der Sing-Akademie dirigierte er neben Fasch und 
Zelter; für die „Vvssische Zeitung", mit deren damaligem Redakteur, 
dem Prediger Catcl, er eng befreundet war, schrieb er Musik- 
Referate, ohne zu ahnen, daß sein Sohn dereinst an derselben 
Stelle so Hervorragendes leisten würde. 
Dem jungen Ludwig erteilte der Vater vom fünften Lebens 
jahre an Klavier-Unterricht; er wollte ihn, so sehr der Knabe sich 
auch gegen die Musik sträubte, zu einem tüchtigen Musiker aus
        
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