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Periodical volume 8.April 1899 Nr, 14

Full text: Der Bär Issue 25.1899

Maßen spricht der Geist für fein abgewogene Verhältnisse. Der 
Adel der Anlage zeigt die Pflege der Tradition,, die aus den 
großen Werken dieses Stils in Italien emporgesproßt und zu so 
reicher Blüte gediehen war. Nur die drei Kartouchen über dem 
Mittelbau zeigen schon Zügellosigkeit und damit den Beginn der 
Entartung zum Barockstil hin, die eigentlich ein wenig befremdet 
bei einem Meister, der so Maß zu halten weiß beim Vorkragen 
der Gesimse, bei der Verteilung der Säulen und Konsolen. Die 
liirme in Libberofe. Altar. 
Symbolik in den einzelnen figürlichen Darstellungen atmet nicht 
mehr den in Norddcutschland überlieferten Geist, der seine Ver 
gleiche und Beziehungen immer und immer wieder nur aus der 
christlichen Legende nahm: auch hier zeigt sich das freie Schalten 
und Walten de-? Geistes der italienischen Wiedergeburtskunst, die 
frei verfügte über den ganzen Olymp und alles, was mit der 
Kenntnis der altgriechischen und römischen Litteratur wieder entdeckt 
war. Wir finden solche Beziehungen am Altar selbst, an den drei 
herrlichen bronzenen Kronenleuchtern und am Tausstein, alles 
Schöpfungen ans der gleichen Zeit. 
Wir sinden den Vogel Phönix und gar den Jupiter, — und 
das in einer christlichen Kirche! 
Wer war nun der Mann, der so freien Geist besaß, so viel 
Kunstsinn und vor allem so reiche materielle Mittel, daß er etwas 
für seine Zeit. an diesem Orte so ganz-außerordentliches schaffen 
konnte? 
Joachim von der Schulenburg warein Grandseigneur im 
vornehmsten, idealsten Sinne des Wortes. 1551 finden wir ihn als 
Soldaten im Heer des Kurfürsten Moritz von Magdeburg: 
1566 steht er in Ungarn gegen die Türken im Felde: inzwischen 
hatte er gar auf eigene Kosten Krieg gegen Frankreich geführt. 
Teils durch Erbschaft, tefls durch Kauf vergrößerte er seinen Besitz 
so, daß er neben einem Herrn von Rantzau als der reichste 
Edelmann Deutschlands galt. Wieviel Sinn er aber für die Künste 
einerseits, die Wissenschaften andererseits, besaß, davon zeugt neben 
seinem Lieberoser Wirken, daß er seine beiden Söhne Mathias 
und Richard die Universitäten in Frankfurt und Wittenberg be 
ziehen ließ, Richard (Mathias war jung gestorben) mit den 
jungen Pontmernherzogen große Auslandsreisen zu seiner Ausbildung 
.uternehmen ließ. Wie hoch sein Ansehen war, kann man daraus 
schließen, daß der Pommernherzog Ernst Ludwig ihn sogar zum 
Pathen bei seiner Tochter bat. Es heißt von ihm: „Wünschte er 
in der Stille zu leben, so lebte er in Westerburg, wollte er seinen 
Freuden leben, so verweilte er in Lieberose. Wollte er Gott 
dienen, so that er dies am liebsten in Penkun." Also ein 
wechselndes Hofhalten an verschiedenen Stätten, wie bei einem 
Fürsten. Aus seiner Besitzung Pcnkun starb er dann auch im 
Jahre 1594, wurde aber seinem ausdrücklichen Wunsche gemäß in 
der Familiengruft der Lieberoser Kirche beigesetzt. Bei einem 
Umbau de§ Altarraums fand man die Gruft, und in dieser einen 
ungewöhnlich langen, kastenartigen, zinnernen Sarg, der unschwer 
als der seine festzustellen war. In der Kirche selbst hat ihm 
dann sein Sohn Richard zu dauerndem Andenken ein Epitaph 
errichtet. Dieses Epitaph ist an Kostbarkeit und Schönheit eines 
der außerordentlichsten Werke dieser Art. Es ist aus Marmor 
und Alabaster in Venedig für 16000 Thaler gefertigt, hier aber 
wohl von deutschen Künstlern aufgestellt worden. Hinter den 
Säulen auf beiden Seiten steht nämlich die Inschrift: „M. G. — 
I. G. Gebrüdere" — „Vollendet 1597", dahingegen ist nirgends 
ein italienischer Künstlername zu entdecken. Aus einem etwa manns 
hohen Unterbau, der Jnschrifttafeln trägt, erhebt sich die ganze 
Anlage. Vor ihr knien, an mittelalterliche Votivbilder erinnernd, 
die Stifter, die männlichen Mitglieder von der Schulenburg 
links, die weiblichen rechts. Die hervorragendste von den auf die 
einzelnen Felder verteilten RelicfskUlptsren ist die große Kreuzigungs 
gruppe in der Mitte; sie zeigt einen Ernst und eine Innigkeit der 
Auffassung, wie sie in der Spätrenaissancszeit in Italien nur noch 
selten zu finden sind. Mit feinstem Geschmack sind auch die Farben 
des verschieden gefärbten Marmors zu einem harmonischen Ganzen 
zusammengestimmt. Eine hervorragende Arbeit unzweifelhaft 
deutschen Kunstgewerbes ist das Gitter, das um das Ganze 
herumgezogen ist. 
Es sind noch einige prunkvolle Toteuschilde und ein paar alte 
schöne Grabsteine in der Kirche vorhanden, die aber neben dem 
Altarwerk und dem großen Epitaph völlig verschwinden. Einen 
besonderen Schmuck bildet das reiche Abendmahlsgerät aus alter 
Zeit: ein sehr schöner Kelch und Palenein edelsten gothischen Formen 
vom Jahre 1515, also aus der Zeit von Köckeritz, ferner einer von 
1624 und einer von 1640. Man steht es diesem von außen so 
unscheinbaren Kirchengebäude, wie es unsere Abbildung zeigt, 
gewißlich nicht an, was es für Schätze birgt. Die dicht daneben 
stehende Landkirche macht einen viel gepflegteren Eindruck — aber 
eben nur von außen. DasBestehen dieser beidenKirchengcbäude ueben- 
einaudermnßausfalleu: OberfarrerKrüger, dem ichiinwesentlichen 
folge, giebt die Erklärung: er spricht von der Zeit der Wieder- 
unterwerfung der wendischen Gegenden durch die Teutschen. „Die 
Deutschen bauen für sich so bald wie möglich eine stattliche Herrcn- 
kirche, die „deutsche Kirche"; nur in dieser werden die Sakramente 
und die sonstigen heiligen Handlungen, wie die Trauung gefeiert; 
— die unterworfenen Wenden erhalten nur eine Predigtkirche, in 
ivelcher ihnen in ihrer Sprache Gottesdienst gehalten und das 
Wort gepredigt wird. Nach 1695 heißt es in einer dienstlichen 
Zusammenstellung der Rechte, Pflichten und Gewohnheiten: Im 
Stüdtlein sind zwei Kirchen, die deutsche und die wendische, und 
wird in der deutschen Kirche vormittags deutsch, nachmittags aber 
wechselweise deutsch und wendisch gepredigt, des morgens aber 
predigt der Diakonus in der wendischen Kirche wendisch. Das Amt 
<d. d. heiliges Abendmahl) wird in der deutschen Kirche gehalten. 
Heut ist die wendische oder Landkirche längst selbständige Pfarr 
kirche (feit 1859) und das heilige Abendmahl wird dort wie hier 
gefeiert. Aber die Taufen und Trauungen beider Gemeinden werden 
noch heut in Anknüpfung au die alte Geschichte in der große» 
deutschen oder Stadtkirche gefeiert, weil in der heutigen Laudkirchc 
(seit 1826s der Altarraum noch gar nicht genügend groß angelegt ist. 
Lieberose trägt seinen sinnigen deutschen Namen noch nicht 
lange. Erst in den letzten Jahrhunderten hat er sich ausgebildet, 
wohl aus dem überall im Germanentum sich vorfindenden Bestreben, 
bei unverständlichen Worten oder Dingen einen Sinn zu suchen. 
In den alten Urkunden tritt der Name bald als Liebroße (1635) 
bald als Lübbroß >1574) auf, noch früher finden wir Lubrace 
oder Lubraz. Roch heute wird der Ort von den Wenden Lüboras 
genannt. In der That mußte Lieberose als eine wendische An 
siedelung gelten. Die Stammsilbe „Lud" kommt noch häufig in 
wendischen Städtenamen vor, z. B. Lübeck, Lubyn (Lübben), 
Lubenaw; sie bedeutet nach Ansicht vr. Kauß, des bekannten 
Erforschers slavischer Sprachen, Baumrinde oder Kahn und ist her 
geleitet vom altslavischen Lubu. In der That liegen solche Orte 
immer an schiffbarem Wasser. 
Oberpfarrer Krüger hat nun aber auf Grund höchst 
verdienstvoller eigener Forjchungen nachgewiesen, daß die ursprüng 
lichen Ansiedler hier nicht Slaven, sondern doch Germanen 
ivarcn. Als Feld seiner Untersuchung wählte er sich einen Burgwall 
das unweit der Stadt gelegene „Alte Schloß", auf dem 
jetzt Baumaulagen sind. Es dürfte zu den interessantesten Auf 
gaben der Forschung gehören, festzustellen, in welchem Zusammen 
hang die über Rorddeutschland verstreuten Burgwälle dieser Art, 
wie die bei Burg im Spreewald, am Jungfernsee in Potsdam 
(die Römerschanze), bei Lamsfeld, Friedland u. s. w., ge 
standen haben. Beim Graben im Kessel des Lieberoser „Alten 
Schlosses" stieß man nun zuerst auf Scherben mit typisch 
slavischen Ornamentverzierungen. Dann aber weiter unten auf 
unzweifelhaft germanische Scherben, Feuersteinsplitter und einen 
Feuersteinkeil. Auch Virchow ist auf Grund des hier Vor
        
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