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Periodical volume 1.April 1899 Nr, 13

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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armer Kopf! Und sage mir doch nur: wo soll er den gewesen sein, 
der Max?!" 
Der Graf zog die Schultern hoch. 
„Ich weiß nicht. Ich stehe vor tausend Rätseln. Ich tappe 
im Dunkeln. Aber ich bin in London einer Verschwörung gegen Lord 
Palmerston aus die Spur gekommen, und ich werde auch dies 
Geheimnis an das Tageslicht fördern. Ich werde es, Eleonore." 
Die Baronin zitterte noch immer so, daß ihr Schlüsselbund 
klirrte. 
„Ich kann es mir noch gar nicht denken, Papa! Es ist zu 
unglaublich. Und dann wäre ja Doklor Haarhaus sein Helfers 
helfer! Und" — ein glückliches Lächeln huschte plötzlich über ihr 
sorgenbeschwertes armes Mutterantlitz — „nein, Papa, Du täuschest 
Dich doch! Du täuschest Dich sicher. Brada hat gestern abend 
noch von den netten Briefen gesprochen, die Max ihm aus Afrika 
geschrieben hat!" 
„Was will das sagen, mein Kind?! Können nicht auch diese 
Briefe dieselben Umwege gemacht haben wie jene Kopie aus Stanley? 
O Eleonore, ich täusche mich nicht so leicht! Es giebt Ahnungen 
in der Brust jedes gut geschulten Diplomaten, die immer zutreffen. 
Als die alte Gräfin Kisseleff mich in Baden-Baden einmal der 
Hatzfeld und Lassalle vorstellte, da wußte ich aus der Stelle: der 
Mann nimmt kein gutes Ende. Warum? — Meine innere Stimme 
sprach. So spricht sic jetzt auch, und sie sagt: Max war nicht in 
Afrika." 
„Und wenn das Schreckliche Wahrheit ist, Papa — wenn er 
irgendwo anders herumgebummelt ist: Tübingen wird schäumen, 
er enterbt ihn, er verstößt ibn — es wird zu entsetzlichen Szenen 
kommen!" 
„Dem müssen wir eben vorbeugen, Eleonore. Eberhard ist 
mit Blindheit geschlagen. Lassen wir ihn vorläufig dabei. Wir 
operieren — Du und ich — wir Teupens. Max soll seiner Strafe 
nicht entgehen, doch auch nicht zu hart verurteilt werden — wenn 
es sich nämlich wirklich nur um einen Streich handelt. Das aber 
muß zuerst klüglich sondiert werden. Mir schwant noch anderes. 
Du fragtest vorhin: wenn Max nicht in Afrika war — wo war 
er dann? Und ich zuckte mit den Achseln. Zucke auch noch, doch 
ich sage mir dabei: ein Bummelgenic ist Max eigentlich nie ge 
wesen; er muß seine Gründe gehabt basten, nicht nach Afrika zu 
gehen. Und ganz naturgemäß füge ich hinzu: vst est la komme? 
Wie, wenn er die Gelegenheit benutzt hätte, feine Flirtation mit 
Fräulein Warnow fortzusetzen?" 
Die Baronin erschrak von neuem, beruhigte sich aber rasch 
wieder. 
„Rein, Papa. Tu gehst zu weit. Deine eminente Kom- 
binatitznsgabe führt Dich auf Abwege. Ich kenne die Warnow. 
Tie hätte nie etwas Unehrenhaftes gethan, niemals. Auch Max 
nicht." 
„Liebes Kind — .Unehrenhaftes', was heißt denn daS?! So 
ein paar junge warmblütige Menschen ... na, lassen wir das 
Thema fallen! Ich werd' schon dahinter kommen. Und zwar auf 
dem einfachsten Wege: ich werde mich hinter die Seesen stecken!" 
Die Baronin nickte erfreut. 
„Sehr gut, Papa! Das ist eine luminöse Idee." 
„Richt wahr? Ein bißchen regt sich ja noch der alte Kopf! 
Ich nehme die Seesen nach unserm Souper beiseite und plausch' 
mich liebevoll mit ihr aus. Sie hat sich seinerzeit für die Warnow 
interessiert; sie nimmt auch Interesse an Max — ah ja, ich habe 
meine Augen! Tie wird Maxen ausforschen, so ganz freund 
schaftlich — sie muß sich quasi zu seiner Vertrauten machen — 
das führt die beiden auch noch ein Stücke! näher zueinander, und 
am Ende erwächst uns aus dieser pseudo-afrikanischen Extratour 
Maxens vielleicht eine glückliche Hochzeit!" 
„O wollte es doch!" seufzte die Baronin. 
Teupen legte den Zeigefinger auf den Mund. 
„Rur still, Kind! Da kommt Semper — er wird sich ver 
abschieden wollen. Kein Wort mehr über die Sache! Lächle, 
Eleonore!" . . 
Und diesmal gelang das Lächeln besser als vorhin. — 
Haarhaus und Max waren in den Wald gegangen, in Loden 
joppe und Lodenhut, jeder einen strammen Spazierstock in der 
Hand. Und stramm schritten sie aus. 
„Zackri, Max, Du läufst, als ob Du es bezahlt bekämst," 
sagte Haarhaus, schob seinen Hut von der Stirn und trocknete sich 
den Schweiß ab. „Das ist doch im Leben kein Spaziergang!" 
„Soll's auch nicht sein, Adolf. Wir wollen nach dem Erlen- 
bruch. Da wartet die Seesen auf mich." 
„Aber das ist ja ewig weit, soviel ich weiß! Wir wollen doch 
zu Mittag zurück sein." 
„Kommen wir etwas später, so sagen wir, wir hätten uns 
verlausen." 
„Ganz einfach. Das Lügen wird Dir immer geläufiger." 
„Ach du lieber Gott — ja! Ein ganzes Retz von Lügen hält 
mich umsponnen. Aber noch ein paar Tage — dann wird es 
reißen." x 
„Das hast Du schon vor vier Wochen gesagt." 
„Ich konnte aber der Seesen nie so recht habhaft werden. 
Run hab' ich ihr geschrieben. Bei der Gesellschaft am Montag 
muß es zum Klappen kommen — respektive die Minen müssen ge 
legt werden. Die Gefahr wird immer drohender; die Mitwisser 
mehren sich. Freese und Semper gehören auch schon zu den Ver 
schwörern. Freese ist still und muckt nicht. Aber dieser Semper! 
Ein Schwadrouör erster Klasse. Seine Rede gestern abend — 
ich versank fast vor Verlegenheit! Bei den anzüglichen Stellen 
wollte er mich unter dem Tisch heimlich mit dem Fuße berühren 
und hat statt dessen dem Kandidaten das Schieubein blau gestoßen. 
Ein entsetzlicher Mensch — versteht sich, als Mitwisser — sonst ein 
lieber Kerl." 
Man schritt wieder tapfer weiter. Es war Leben im Buchen 
wald. Rauschen in den Kronen, Singen und Zwitschern und das 
Hämmern der Spechte. Dazwischen aus der Ferne der tönende 
Axtschlag von arbeitenden Holzfällern und irgend woher aus einem 
Dorfe, wo Begräbnis oder Taufe sein mochte, ein leises und zartes 
Glockenklingen. 
„Wie ist Dir die Bowle eigentlich bekommen, Max?" begann 
Haarhaus von neuem die Unterhaltung. 
„Gut. Dir nicht?" 
„Ich weiß nicht recht. Ich hatte heut früh einen Anstug von 
Kater. Aber es war wohl mehr ein moralischer." 
„Warum ein moralischer?" 
„Weil" . . . Haarhaus hieb mit seinem Stock durch die Luft. 
„Max, ich habe Dir geholfen — nun hilf Du auch mir einmal. 
Ich habe eine gräßliche Dummheit gemacht. Ich hatte gestern zu 
rasch getrunken, und diese labbrigen Bowlen steigen mir regelmäßig 
zu Kopf. Dann weiß ich nie, was ich thue — ohne daß ich 
gerade betrunken bin. Das passiert mir nur bei dem Gebräu in 
Schnittlage. Also, wie gesagt: ich war auch gestern abend etwas 
mobiler als nötig und außerordentlich waghalsig, war übermütig 
Und nun sollte ich doch Deine Schwester Benedikte holen, die heiter 
auf der Insel im Mondschein herumschwirrte. Da war sie aus 
den Denkstein des alten Dagobert geklettert, der bei Tauroggeu 
gefallen ist." — 
„Gott bewahre, was bringst Du alles durcheinander! Traugotl 
hieß der alte Onkel und fiel bei Eylau." — 
„Auch gut —• und aus beit Traugott war sie geklettert und 
wollte wieder 'runter und konnte nicht. Ich machte die Arme auf, 
und sie sprang los. Und denke Dir — ich weiß selber nicht, wie 
ich dazu gekommen bin — da hab' ich ihr einen Kuß gegeben!" 
Mit einem Ruck blieb Max stehen. 
„Ra, da hört doch alles auf," schimpfte er, halb ernst, halb 
etwas leichthin; „bist Du ganz des Deibels, Adolf?! Man küßt 
doch nicht gleich jedes junge Mädchen, wenn man ein Glas Bowle 
getrunken hat! . . Was sagte denn die Dikte dazu? Sie hat sich's 
doch hoffentlich nicht gefallen lassen!? Hat Sie Dir nicht —" 
Und Max machte eine nicht mißzuverstehenve Bewegung m 
der Hand. Doch der Doktor schüttelte wehmütig den Kopf. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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