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Periodical volume 1.April 1899 Nr, 13

Full text: Der Bär Issue 25.1899

Illustrierte Wochenschrift für Geschichte und modernes Tellen. 
- 25. Jahrgang. Sonnabend. 1. April 1899. 
Nr. 13. 
Wns Ueirsisjgbr. 
Lin Lustspiel-Roman in zwölf Kapiteln von ^edor von Zobeltitz. 
(Fortsetzung.) — 
Zehntes Kapitel. 
Erzählt, was man alles im Erlenbruch an einem Regentage erleben kann. 
enedike war in all ihrem Herzensweh, mit feuchten Augen 
und öligen Bäckchen, endlich glücklich entschlummert. Doch 
sie wachte zu früher Stunde wieder auf. Die Uhr auf 
ihrem Nachttisch zeigte erst auf fünf. Unter dem Fenster zwitscherten 
Schwalben und 
Sperlinge' die 
Natur draußen 
jauchzte dem Tage 
entgegen. 
Benedikte schaute 
sich nach Trude 
um, die mit offenem 
Mäulchen noch 
selig schlief. Wer 
heute dachte Bene 
dikte au keinen 
Unfug. Sie streckte 
sich wieder im 
Bette aus und 
wollte überlegen 
Sie fühlte, daß 
sie ganz ruhig ge 
worden war. 
Also zunächst: 
Haarhaus hatte 
ihr einen Kuß ge 
geben. Benedikte 
wurde unwillkür 
lich rot bei diesem 
Gedanken — aber 
es ließ sich daran 
nun einmal nicht 
rütteln. Es war Thatsache. Was mußten die Folgen sein? . . 
Ganz einfach: Haarhaus würde um sie anhalten! . . Natürlich 
war das einfach, doch Benedikte wurde trotzdem plötzlich ungewöhnlich 
warm im Bett. Sie richtete sich auf und grübelte im Sitzen weiter. 
Die Eltern! Was würden die sagen?! Das war eine ängst 
liche Geschichte — fast so wie Maxens Liebesepisode — nur um 
gekehrt. Haarhaus war nicht von Adel. Der Papa dachte ja 
sehr vernünftig in dergleichen, aber die Mama — und der Groß 
papa! Allerdings war Doktor Haarhaus ein berühmter Mann. 
Das fiel in die Wagschale. Das war vielleicht auch beruhigend 
für Mama und Großpapa. . . „Frau Doktor Haarhaus" 
und ein leichtes, sinnendes Lächeln zuckte um den Mund des jungen 
Mädchens. Es gab ja schönere Namen. Aber die Berühmtheit! 
Plötzlich warf sich Benedikte wieder in das Bett zuriick. 
Unsinn! — Haarhaus hatte ihr ja noch keine ordentliche Liebes- 
— (Nachdruck verboten.) 
erkläruug geniacht. Zuerst mußte doch die Liebeserklärung kommen- 
Gestern abend war das unmöglich gewesen. Unmöglich in Gegen 
wart Trudes und Sempers' da hatte man sich verstellt, hatte mau 
einfach Komödie gespielt. . . Also die Liebeserklärung mußte ab 
gewartet werden' dann kam das Anhalten an die Reihe. Oder 
kam erst das Anhalten? . . 
Benedikte wußte nicht recht Bescheid. Ihr wurde schon wieder 
warm, und ein ge 
wisses ängstliches 
Gefühl pochte an 
ihrer Kehle. Sie 
versuchte ihr Herz 
zu sondieren. Es 
war zu merk 
würdig: sie hätte 
doch „unsäglich 
glücklich" sein 
müssen, wie sie 
erst neulich wieder 
in einem Roman 
gelesen hatte — 
und sie hatte ei 
gentlich nur Angst. 
Und wovor denn 
Angst?! Sie be 
griff das nicht. 
Vielleicht war das 
immer so. Oder — 
Ein entsetzlicher 
Gedanke durch 
bebte sie. Liebte 
sie Haarhaus 
nicht?! . . . Sie 
dachte den Ge 
danken nicht aus, 
dachte nicht weiter . . . fast ohne zn wissen, was sie that, war sie 
mit einem Satz aus dem Bette und stürzte an die Waschtoilette und 
begann mit Schwamm und Seisenläppchen ihren hübschen frischen 
Mund zu bearbeiten, als wolle sie den Kuß von gestern abend 
wieder abwaschen. 
Dann fiel ihr Blick in den Spiegel über der Toilette. O pfui, 
wie sah sie aus! Bleich, übernächtig und die Wangen glänzend 
von dem Provenccröl Trudes. Das war im Leben nicht das 
Gesicht einer glücklichen Braut. Sie wusch sich nochmals . . . 
Als sie in ihr Bett zurückgekehrt war, begann sie von neuem 
zu überlegen. Heimlich lachte sic sich selbst aus. Es war ja selbst 
verständlich, daß sie Haarhaus liebte. Dies eigentümliche Empfinden, 
das sie durchbebt hatte, als er sic gestern nur ein paar Schritte 
weit in seinen Armen getragen — das war doch die Liebe! Oder 
nicht? Aber wie gab sich denn sonst die Liebe kund?! . . . Sic 
Vismarck-Brücke im Grunmvald.
        
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