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Periodical volume 25.März 1899 Nr, 12

Full text: Der Bär Issue 25.1899

Die Gelehrten-Galrrie in der Aula der Berliner Universität 
Von 
P. Munzendorf. 
» ^ls^vor einigen Wochen der erste weibliche Doktor der Berliner 
v Friedrich-Wilhelms-Universität feierlich promoviert wurde, 
war die imposante Aula, die schon so manchen ernsten und 
würdigen Akt an sich vorübergehen sah, von einer dichtgedrängten 
Menge gefüllt, die staunend und erwartungsvoll ihre Blicke auf 
die schlanke, blasse Erscheinung der jungen Doktorandin richtete, 
Ware» auch viele Zuhörer nur aus Neugier, der kleinere Teil aus 
rein wissenschaftlichem Interesse erschiene», so .folgten doch alle 
mit gespannter Aufmerksamkeit und im ehrsamsten Schweigen der 
feierlichen Handlung, Solcher Schweiger aber gab es noch andere 
in dem künstlerisch vornehmen Raum, die, wenn sie von neuem 
Leben hätten erfüllt werden können, ihren Augen nicht getraut 
hätten ob der neuartigen Erscheinung an der Stätte ihres einstigen 
Wirkens. Doch sie sind schweigsam geworden für die Ewigkeit, 
die Träger der größten und berühmtesten Namen, die Zierden der 
Berliner Universität aus den ersten acht Jahrzehnten. Dankbare 
Anerkennung hat ihnen für alle Zeiten einen Ehrenplatz gesichert 
an der vornehmsten Stätte der berühmten Hochschule, wo ihre 
Charakterköpfe, kunstvoll in Marmor gemeißelt, sich vereinen zu 
einer Ahnen-Galerie Deutscher Gelehrsamkeit, die ihres Gleichen 
sucht auf dem Erdenrund, Biele sind berufen, aber nur wenige 
sind anserwählt, in dieser Galerie sichtbar fortzuleben bis in 
späteste Generationen, Rnr spärlich vermehren sich die Marmor- 
büsten in der Aula der Berliner Universität, und jetzt, nackt bald 
neunzigjährigem Bestehen der Hochschule, ist die Zahl der Bild 
werke erst ans 37 gestiegen, einschließlich der beiden, rechts und 
links vom Redncrpodium stehenden Büsten zweier Preußenkönige, 
des Philosophen von Sanssouci, Friedrichs II,, und des Stifters 
der Berliner Universität, Friedrich Wilhelms UI, 
Run zu den einzelnen Gelehrten der Hochschule selbst, die 
ihren Ruhmesplatz hier erhalten haben. Da sehen wir rechts vom 
Haupteingang Johann Nepomuk Rust, den hochweisen „Doktor 
der Medizin und Chirurgie, Magister der Geburtshilfe und Augen 
heilkunde," der auf keinen seiner vielen Orden so stolz war, wie 
ans das in den Befreiungskriegen erworbene Eiserne Kreuz, Er 
war Schlesier von Geburt, wurde mit 27 Jahren ordentlicher 
Lehrer der Anatomie am Lyceum zu Otmütz, -dann ordentlicher 
Professor der theoretischen und praktischen Chirurgie an der Uni 
versität zu Krakau, an welcher er auch das Rektorat bekleidete. 
Nachdem er dann fünf Jahre lang als erster Wundarzt am Wiener 
Allgemeinen Krankenhanse segensreich gewirkt, kam er 1815 als 
ordentlicher Professor der Medizin an die junge Universität Berlin, 
Er wurde nach einander in schneller Folge Leibarzt des Königs 
und ärztlicher Vertranter der gesamten Königlichen Familie, 
General-Divisionsarzt, General-Stabsarzt der Armee, Geheimer 
Obcrmedizinalrat und vortragender Rat iin Kultusministerium, 
Mitglied der medizinischen Ober-Examinations-Kommission und 
verschiedener in- und ausländischer gelehrter Gesellschaften, endlich 
noch erster Arzt des Jnvalidenhanses, ein Mann, 'ist seiner Viel 
seitigkeit an Rudolph Virchow erinnernd, Auch als Herausgeber 
zahlloser medizinischer, Schriften hat sich Rust einen Namen in 
der Welt gemacht, wie er andererseits zu den bekanntesten Per 
sönlichkeiten des Berliner Straßenlebens damaliger Zeit gehörte. 
Als er im Jahre 1831 beim ersten Erscheinen der Cholera die 
Sperrung der Landesgrenzen durchgesetzt hatte, was man damals 
als eine unerhörte Freiheitsberaubung bezeichnete, erschien eine 
Karikatur, welche einen Sperling darstellte, mit der Unterschrift: 
„I’asser Rusticus, der große Landsperrling," Rust hat bis an 
sein Lebensende seinen Bernsspflichten genügt, seinen Platz mit 
Ehren ausgefüllt! älteste Mediziner, die noch zu seinen Füßen ge 
sessen, erinnern sich gern dieses ihres ausgezeichneten Lehrers. 
Neben ihm sehen wir Kart Asmund Rudolphi, der 17,71 
in Stockholm geboren war, aber seine ganze Wirksamkeit nach 
Deutschland verlegte. Ehe er nach Berlin kam, war er Privat 
dozent, Prosektor und seit 1808 ordentlicher Professor an der 
Universität Greifswald, Mit dem Tage der Gründung der hiesigen 
Hochschule trat Rudolphi seine ordentliche Professur in Berlin an 
und blieb ihr bis zu seinem Tode treu. Er wurde Direktor des 
Anatomischen Museums, Geheimer Medizinalrat und Mitglied der 
Akademie der Wissenschaften, Bon seinen fachwissenschaftlichen 
Werken sind besonders zu nennen: „Naturgeschichtliche Reisen durch 
Deutschland, Holland und Frankreich" und die „Anatomie der 
Pflanzen," Bor gerade hundert Jahren, 1799, gab der gelehrte 
Mediziner ein Bändchen lyrischer Gedichte heraus, die heute wohl 
nur noch in vereinzelten Exemplaren in öffentlichen Bibliotheken 
zu finden sein dürften. 
Was soll man von dem großen Dreigestirn sagen, das weiter 
die Gelehrtengalerie ziert: Niebnhr, Hegel, Fichte? Ihre Namen 
und ihr Wirken gehören für alle Zeiten der Deutschen Geschichte 
an, Georg Niebuhr, 1776 in Kopenhagen geboren, 1831 in 
Bonn gestorben, der Hanptförderer der historischen Kritik, dessen 
epochemachendes Lebenswerk, seine „Römische Geschichte", in der 
ganzen zivilisierten Welt Beachtung fand — Georg Friedrich 
Wilhelm Hegel, 1770 in Stuttgart geboren und 1831 in Berlin 
gestorben, der Begründer eines eigenen dialektischen, naturphilo- 
fophischen Systems, der einflußreich wurde auf Geschichte, Aesthetik 
und Logik, dessen zahllose Anhänger sich schließlich in Alt- und 
Jnnghegelianer trennten. — Johann Gottlieb Fichte, 1762 in 
Rammenau bei Bischofswerda geboren und 1814 in Berlin ge 
storben, der scharfsinnige Philosoph, der charakterfeste Patriot, der 
in der traurigsten Zeit der vaterländischen Geschichte durch seine 
„Reden an die Deutsche Nation" das Volk mit neuem Mut und 
neuem Glauben an die Zukunft erfüllte. 
Die Büsten von Moritz Haupt, dem ausgezeichneten Ger 
manisten, geboren 4808 in Zittau, gestorben 1874 in Berlin, und 
von Karl Lachmann, dem bedeutenden Litterarhistoriker, Homer- 
und Nibelungenforscher, geboren 1793 in Brannschweig, gestorben 
1851 in Berlin, schließen auf dieser Seite die Büstenreihc ab. 
Links vom Haupteingang eröffnet der große Theologe und 
unerreichte Kanzelredner Friedrich Daniel Schleicrmachcr den 
Reigen, Der Begründer der neueren protestantischen Theologie, 
der 1768 in Breslau geboren wurde, gehörte seit Eröffnung der 
Berliner Universität bis zu seinem Tode, 1834, der theologischen 
Fakultät als ordentlicher Professor und als erste Zierde an, Da 
neben bekleidete er sein durch ihn berühmt gewordenes Predigtamt 
an der hiesigen Dreifaltigkeitskirche, war seit 1811 Mitglied und 
seit 1814 Sekretär der philosophischen Klasse der Akademie der 
Wissenschaften, und nahm auch litterarisch durch Herausgabe zahl 
reicher Predigten und anderer theologischer Volksschriften einen 
ersten Platz unter den Zeitgenossen ein. Noch heut sind Schleier- 
machers „Rätsel und Charaden" in weiten Schichten des Volkes 
verbreitet. 
Und neben dem größten Kanzelredner der bedeutendste Kirchen 
historiker seiner Zeit, August Wilhelm Neander, das bekannteste 
Berliner Original der dreißiger und vierziger Jahre, Neander 
war damals in der That eine Sehenswürdigkeit von Berlin; kein 
Fremder verließ die Stadt, ohne den berühmten Mann auf seinem 
kurzen Wege von der Universität bis zu seiner Wohnung in der 
Markgrafcnstraße gesehen zu haben. Auf Porzcllantassen und 
Schnupftabakdosen erschien sein Bild, und seine Porzellan- und 
Gipsbüste war mindestens ebenso begehrt, wie die des Königs und 
seiner Familie. Neander, der 1789 zu Göttingen als David Mendel, 
ein Sohn jüdischer Eltern, geboren wurde, ließ sich mit 17 Jahren 
taufen und wurde nun ein begeisterter Kämpfer für die Wahrheiten 
der christlichen Lehre, Seine Studenten hingen ihm mit schwär- 
mcrischer Liebe an, verkehrten in seinem gemütlichen Junggesellen 
heim wie Famlienangehörige und veranstalteten ihm zu Ehren 
häufig großartige Fackelzüge, Seine Zerstreutheit war sprichwört 
lich geworden und zeitigte eine ganze Sammlung von Anekdoten, 
die wohl überall heiteres Lachen, aber niemals Spott erregten. 
Die treue Lebensgefährtin des großen Gelehrten war seine Schwester 
Johanna, sei» „Hannchen", wie er sie nannte, die „Neandrine", 
wie sic die Studenten zu bezeichnen pflegten. Im Jahre 1830,, 
am 14, Juli, wurde Neander ein Opfer der Cholera, Berlin 
hatte bis dahin noch nie einen glänzenderen Leichenzug gesehen 
Auf dem alten Jerusalemer Kirchhof am Blücherplatz ruht „der 
letzte der Kirchenväter" — wie ihn Krummacher in seiner Trauer 
rede nannte. Johannas Liebe blieb ihm bis über das Grab: 
denn sein mit seinem Bilde geschmücktes Denkmal trägt die Inschrift: 
„Dem unvergeßlichen Bruder die Schwester". Längst ruht jetzt 
auch „Hannchen" an Neanders Seite, 
Neben den beiden großen Verkündern des Wortes Gottes 
sehen wir wieder Männer der praktischen Wissenschaften: Johann 
Christian Reil, den hervorragenden Mediziner und Direktor der 
Preußischen Lazarette im Jahre 1813, zu welcher Zeit er selbst 
ein Opfer seines gefahrvollen Berufes wurde (geboren 1758 zu 
Raubten, gestorben 1813 zu Halle) und Karl Ritter, den 
berühmten Geographen (geboren 1779 zu Quedlinburg, gestorben 
1859 zu Berlin), der sich auf allen Gebieten der von ihm ver 
tretenen Wissenschaft neue Wege mit Erfolg zu bahnen suchte, und 
seinen Ruhm durch zahlreiche geographische und historiographische 
Werke begründete. 
Daneben grüßt uns das geistvolle Antlitz des berühmten, 
einzig dastehenden Rechtsgelchrten Friedrich Karl von Savigny, 
dessen Schriften sich nicht allein durch große Gelehrsamkeit und 
scharfsinnige Kritik, sondern auch durch eine ausgezeichnete Eleganz
        
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