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Periodical volume 25.März 1899 Nr, 12

Full text: Der Bär Issue 25.1899

Berliner Spaziergänge. 
Erlebnisse und Einfülle. 
draußen auf dem Wege nach Britz liegt eine ganze Anzahl 
Berliner Kirchhöfe. Ehe man sie erreicht, lernt man die 
Physiognomie der Stadl Berlin nach verschiedenen Richtungen hin 
kennen. Die Bewohnerschaft des Südens ist eine Mischung von be 
häbigem Bürgertum, das nicht über eine beftimmtc Einkommensgrenze 
hinauskommt, von kleinen Krämern, deren ganze Kundschaft nur die 
Nachbarschaft dernächstcn zwanzig Häuser bildet, und von kleineren Beamten, 
deren Gehalt es yicht gestattet, ihre Wohnung in der Nähe ihrer im 
Zentrum besindlichen Bureaux zu wählen. In diesem Viertel der Luisen 
stadt spielt der Hauswirt die Rolle des reichen Mannes, obschon er oft 
kaum die Einnahmen des Mieters hat, der im ersten Stock wohnt. 
Während im Westen beispielsweise der vornehme Baron und Major 
sich mit einer 
Wohnung im 
vierten Stock be 
gnügt, während 
dort in der ge 
sellschaftlichen 
Stellung des 
Parterre - Be 
wohners und 
des Inhabers 
der Wohnung 
im dritten Stock 
werk kauni ein 
Unterschied be 
steht, sind die 
Wohnnngs- 
typen in der 
Peripherie der 
Stadt, beson 
ders im Süden, 
bezeichnend für 
den gesellschaft 
lichen Rang »nd 
Wert der Be- 
ivohncr. Ter be 
mitteltere Mann 
wohnt im ersten 
Stock, der arme 
im Keller oder 
in der vierten 
Etage. Wie die 
Etagen, so sind 
auch die Rang 
stufen geschichtet. 
Der Bewohner des dritten Stockes fühlt sich „gehoben", wenn sein Ein 
kommen es erlaubt, eine Etage tiefer zu wohnen. 
Streng äußert sich der Unterschied zwischen den Bewohnern des 
Vorder- und Hinterhauses. Tic des Vorderhauses schwelgen im Anblick 
der Straße, in der Neugier, dem vm-ä-vis ins Fenster gucken zu können. 
Wenn was auf der Straße los ist, sind sie in der Lage, treuliche Augen 
zeugen zu sein. Tic Militärmusik, ein Leichenzng, ein Straßenauflauf. . 
glückselig ist der Bewohner des Vorderhauses, daß seine Augen und 
sein Herz an der Fülle der Ereignisse, teil nehmen können. Wie anders 
der Bewohner des Hinterhauses! Sein Reich ist klein, grau, dumpf. 
Zwischen engen Häuscrinancrn lugt ein bißchen Himmel herunter: dicht 
stemmt sich die Hänsermancr vis-ä-vis seinem Blicke entgegen: und er 
sicht in Küchen, in denen Dienstmädchen hantieren und Frauen zanken, 
in Badestuben, in denen ewig Wäsche hängt, in Arbcitsstubcn, in denen 
Näherinnen sich müde arbeiten. Bon dem Gebrausc der Großstadt 
dringt in diese Höfe wenig hinein: wenn die Hausthüren offen stehen, 
vielleicht etwas Pferdegctrappcl, Hnpdegebcll, Wagcnrollen, Kindergeschrei. 
In der schlichte» Armut und Bescheidenheit, die sich in den Hos- 
wohnungen zusammendrängt, fallen die sozialen Unterschiede ganz weg. 
Der Tischler im ersten Stock, die Wäscherin im Keller, der Schlafbursche 
im vierten Stock sind sozial gleich. Sie sind eine Einheit, eine Masse, 
eine große Familie dem Haus der „Herrschaften" gegenüber. Vorder 
haus und Hinterhaus repräsentieren zwei große soziale Gegensätze. 
Diese. Symbolik hat Sudermann begriffen, als er in der „Ehre" die 
sozialen Gegensätze in den Begriffen „Vorderhaus" und „Hinterhaus" 
festlegte. 
Ter vornehmere Westen Berlins hat diese Gegensätze auch. Aber 
wie sich in diesem Viertel die Armut auch nur verschämt zeigt, wie die 
weniger Bemittelten des Westens doch das äußere „Dekorum" zu wahren 
wissen, so auch die Hinterhäuser. Staat enger, dunkler, unlicbcns- 
würdiger Höfe, in denen oft ein dicker Holzklotz stand, über den die 
Kinder hinwegsprnngen, und auf denen die Bewohner Holz kleinhacken 
sollten, sieht man dort weite, große, luftige, helle Höfe, zumeist mir 
Rasenanlagen, ein paar Ziersträuchern, hin und wieder auch mit ein 
paar kleinen Bäume» bepflanzt. Dafür erhalten dann die Hinterhäuser 
den besser klingenden Namen Gartenhäuser. Die Gartcnwohnungen 
sind sehr gesucht. 
Sie sind unver 
gleichlich billiger 
als die Vordcr- 
bans-Wohnun 
gen in Berlins, 
und gewähren 
das schöne Ge 
füllt, daß man 
doch im sashio- 
nablen Westen 
wohnt, in Häu 
sern, die einen 
wirklichen Gene 
ral, einen Mi 
nister a.T., einen 
zmanzigfachcn 
Millionär und 
eine berühmte 
Sängerin be 
herbergen. Tiefe 
Nachbarschaft 
hebt den Wer! 
der kleinsten 
Mamardcn- 
wohnung des 
hintersten Hin- 
icrhanses in 
Berlin W. — 
Schloss Klein- Glinickc 
Vor mir liegt 
ein Apfel, den 
mir eine freund 
liche Hand ge 
spendet hat, die junge liebenswürdige Frau eines Kollegen, die sich manch 
mal meiner Iunggcscllcn-Erbürmlichkeit annimmt. Sie hat den Apfel in 
der Luiscnstädtischen Markthalle gekauft. Tic ist in jener idyllischen Ecke 
erbaut, wo die Dresdener-, Luckaner- und Sebastinnftrnße zusammen 
stoßen und sich geeinigt haben, einen dreieckige» Platz freizulassen, ans 
dem sechs Bäume und vier Bänke stehen können, die mit zahllosen 
Kindermädchen und einem Gewimmel kleiner Kinder gesegnet sind. Ehe 
die Pferdebahn hier her kam, war cs ziemlich still. Man saß abends noch 
im Sommer vor der Thür, der Milchhändler in blauer Schürze, der 
Schlächter in weißer, der Destillateur als Schmutzfink hatte nie saubere 
Schürzen, und der Friseur glänzte durch Eleganz. Für sie gab cs von 
anno 1874 an nur einen großen Gesprächsstoff: „Was wird aus dem 
großen Steinplatz werden?" Das war ein riesiger Platz, auf dem die 
heutige Markthalle steht, die halbe Bukowcrstraßc und ein Teil des 
Luifen-Ufcrs von der Bukowcrstraßc bis zum Oranienplatz. Das war 
ein wundervoller Platz für uns Jungen. Sonst standen die Schüler 
des Luisenstädtischen Gymnasiums, des Realgymnasiums, der Ober- 
realschule, der Kommunalschnlen sich feindlich gegenüber: dieser riesige 
Platz versöhnte alle und lockte zu abenteuerlichen Spielen. Was gab 
cs da auch zu sehen! Was an Kähnen den Kanal entlang fuhr, lud 
hier die Riefcnlast seiner Steine ab: knallrote Mauersteine, große Granit- 
Pflastersteine, nnbehancnc Steinklötze, alles wurde säuberlich ausgeschichtet, 
wie Würfelzucker in den Schaufenstern der Krämer, lind oft so hoch, 
daß der größte Junge aus der Schulter des längsten Sekundaners
        
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