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Periodical volume 25.März 1899 Nr, 12

Full text: Der Bär Issue 25.1899

tnit dem Öpsergesäß, als Oberpriester und Wahrer des heiligen 
Feuers. Dann Gras Brada als Triumphator. Da wir ihm 
nicht das Haupt mit Rosen schmücken dürfen, ch aze ich vor, wir 
fesseln ihn mit Blnmenketten und geben ihm ein Gänseblümchen 
in den Mund." 
Aber Semper wehrte sich dagegen; er sei sozusagen der Held 
des Abends, aber kein Opfcrstier. Die beiden Jungen schienen 
schon durch den bloßen Anblick der Bowle zu schönem Thatensinn 
begeistert worden zu sein; denn sie begannen mit mächtiger Stimme 
Radowessir's Heldenlied nach eigener Melodie zu singen. 
Unter den Kastanien mar es in der That herrlich. Die Lust 
lau und von Blüteudust durchweht. Der Vollmond rückte gerade 
über die Ahornbäume herauf, die den Park nach der Dorfseite ab 
grenzten und dort bewegungslos, gleich riesigen schwarzen Schild- 
wachen, standen. Die Atmosphäre war wie mit Gold durchrieselt. 
Riedecke wollte eine Gartenlampe auf den Tisch setzen, aber man 
schickte ihn wieder zurück. Es war hell wie am Tage. Die Kies 
wege glänzten schneeweiß. Mit freudigem Bellen sprang Cäsar, 
Lord und Mohrchen heran, umschnoperten den Schlummerkorb 
Cosys, karierten ein paarmal um das Rosenrondel und kuschten sich 
dann gehorsam nieder. 
Haarhaus gab der Bowle ihren Platz, so daß thatsächlich der 
Mond in sie hinein schien. Alle bewunderten die Wirkung, erhoben 
jedoch lärmenden Widerspruch, als Graf Tcupen scherzend sagte, 
das Bild sei zu schon — man solle die Bowle nicht austrinken, 
sondern sich nur an ihrem Anblick erfreuen. 
„Ich bin aus Charaktergründen dagegen," meinte Haarhaus. 
„Man soll sich auch einem ästhetischen Genuß nicht allzulange hin 
geben, soll vielmehr die Stärke besitzen, ihn abzukürzen. Und dieser 
Moment scheint mir gekommen zu sein. Fräulein Palm, reichen 
Sie mir bitte die Gläser herüber! . . ." 
Max war bisher sehr still gewesen. Das fiel nicht auf; -er 
hatte von seiner früheren Lebhaftigkeit viel eingebüßt, seit er in 
Afrika gewesen war. Die Eingeweihten wollten wissen, daß das 
noch der Nachhall seiner romantischen Liebesepisode mit Fräulein 
Warnow sei. Als die Gläser aber gefüllt auf dem Tische standen, 
räusperte er sich, stand auf und hielt zu aller Verwunderung eine 
bübschc kleine Rede ans das Geburtstagskind. 
Run wurde auch er vergnügt. Man pokulierte tapfer und 
plauderte dabei vom Hundertsten ins Tausendste. Selbst die 
Baronin war in guter Laune, aber als Benedikte ein drittes Glas 
trinken wollte, fand sie dies empörend. 
„Ach was," sagte Tübingen, „sei gemütlich, Eleonore! Von 
jeher waren aller guten Dinge drei — und Zimperlichkeit kann ich 
nicht leiden. Herr Freese, schauen Sie nicht immer in den Mond 
und in die Augen von Miß Nelly! Sprechen Sie auch einmal ein 
Wort! Hat Ihnen Ihr Freund Reinbold noch nicht geantwortet?" 
Der Kandidat errötete bei der Anspielung auf die Augen 
Rellys. 
„Ja, Herr Baron," antwortete er; „der Brief kam mit der 
Abendpost, aber ich wollte nicht stören —" 
„Nun ? Was schrieb er denn? Hat er sein Kontersei mit 
geschickt?" 
„Auch das, Herr Baron —" 
Und Freese griff in seine Brnsttasche, holte ein Couvert her 
vor und entnahm diesem eine Photographie, die er Tübingen 
reichte. 
Der Baron stand aus und trat weiter in das Mondenlicht 
hinein. 
„Nanu?!" sagte er; „hören Sie final, Freese, haben Sic sich 
nicht etiva vergriffen? — Das ist ja ein Gymnasiast — mit wer 
sogenannten Regennase . . . Eleonore, sieh' bloß! Das ist doch im 
Leben kein Pastor. Mit so 'nein vergnügten Gesicht!" 
Die Baronin nahm das Bild. Sie war entsetzt oder that 
doch so. 
„Nein, das ist unmöglich, Eberhard. Das ist erstens 'mal 
ein Kind, und zweitens sieht mir der junge Mensch zu lustig aus. 
Den würde niemand ernst nehmen." 
Vielleicht hat ihm der Photograph gesagt: ,Nün bitte recht 
freundlich/ und da hat er übertrieben." 
„Aber er lacht ja über das ganze Gesicht, Eberhard! Es 
fehlt die Würde — die Würde fehlt." 
Das Bild ging im Kreise herum. Während dessen öffnete 
Freese den Begleitbrief Rcinbolds. 
„Ich bitte um Verzeihung, Frau Baronin," sagte er bescheiden, 
„wenn ich mir einen Einwurf erlaube. Als ich Reinbold kennen 
lernte, frappierte mich auch zunächst sein — ich möchte sagen 
humoristisches Gesicht. Es schien wir durchaus nicht zu seinem 
Beruf zu passen. Und da hat er mir dann in der Folge sein 
Herz ausgeschüttet. Sein Vater, Großvater und Urgroßvater waren 
Geistliche. Er selbst neigt seinem innersten Wesen nach zum Ernsten 
und Beschaulichen, zu seelischer Reflexion. Er ist viel mehr von 
schwerem Geblüt als heiterer Natur. Aber das Unglück ist, daß 
ihm das keiner glaubt, weil er ein so unsagbar fideles Gesicht mit 
auf die Welt bekommen hat." 
Ter ganze Tisch interessierte sich für Herrn Reinbold. 
„Das erinnert mich an Victor Hugos Roman L’homme 
qui rit," meinte Haarhaus. „Ich weiß nicht, ob die Herrschaften 
das Buch kennen. Der Inhalt dreht sich um die Antithese: die 
moralische Schönheit in physischer Mißgestalt und die Häßlichkeit 
der Seele im schönen Körper." 
„Ich entsinne mich," fiel Graf Teupen ein. „Der Held ist 
von Natur dazu ve-dammt, immer lachen zu müssen, schrecklich zu 
lachen, und wird schließlich bei allem Elend glücklich, als eine 
Blinde ihm ihre runc Liebe schenkt." 
„Mau kann aber nicht sagen," nahm Max, die Photographie 
in der Hand, das Wort, „daß das Gesicht dieses Herrn Reinbold 
unsympathisch ist Im Gegenteil — es sieht freundlich und ver 
trauenerweckend aus. Es hat nichts Schreckliches — trotz der ver 
gnügten Rase und dem lachenden Zug um den Mund, der doch 
eigentlich nur ein lächelnder ist." 
„Und ich kaun Ihnen versichern, Herr Baron," sagte Freese 
mit marinem Ernst, „daß auch das ganze Wesen Reinbolds volle 
Sympathie verdient. Wenn es überhaupt möglich ist, daß eine 
Empfehlung von mir in die Wagschale fällt, so möchte ich mir 
die gehorsamste Bitte erlauben, es mit Reinbold jedenfalls einmal 
versuchen zu wollen." 
„Ach ja, Papa," bat auch Benedikte, und noch lebhafter ver 
wandte sich Trude Palm für den „Unglücklichen," wie sie sich aus 
drückte. 
„Gut also — er mag kommen," entschied die Baronin. „Ich 
muß ja zugestehen: Ein ewig heiteres Geistlichenantlitz würde mich 
ein wenig bedrücken —" 
„Ein ewig düsteres ist mir noch fataler," fiel Tübingen ein, 
und Freese bemerkte: 
„Ich glaube, Reinbold wird endgültig mit der goldenen Mittel 
straße dienen können. Herr Baron. Nach den Erfahrungen, die xr 
bereits in seiner Kandidatenzeit mit der ungewollten Lustigkeit auf 
seinem Gesicht gemacht hat, scheint er auch hier gewisse Befürch 
tungen vorgeahnt zu haben. Denn er schreibt mir, zu seiner 
Freude keime ihm stattlich der Bart. Er will sich nun einen Voll 
bart stehen lassen und hofft sich dank dieser männlichen Zier in 
baldiger Zukunft auch äußerlich ernster, würdiger und männlicher 
präsentieren zu können als bisher. Nur möge man gütigst noch so 
lange Geduld mit ihm üben, bis der Bart sich entwickelt und ent 
faltet habe." 
Tübingen lachte gutherzig. „Sehen Sie, Freese, nun gefällt 
mir Ihr Reinbold schon ganz ausgezeichnet! Für Leute mit 
Schicksal habe ich überhaupt immer etwas übrig, und daß auch 
ein Menschengesicht zum Schicksal werden kann, beweist dieser Fall. 
Also schreiben Sic ihm, er möge kommen und predigen, und ge 
fällt uns sein Wort und seine Art, so wollen wir ihm Arme und 
Seelen ösfnen; denn wir sehen nicht auf die Nase, sondern auf 
das Herz. Und der liebe Gott thut das erst recht." 
Freese konnte nicht anders; er mußte des braven Mannes 
Hand nehmen und sie voll warmer Empfindung drücken. 
Am unteren Ende der Tafel, da, wo die jungen Herrschaften 
saßen, war man inzwischen immer ausgelassener geworden.. Na 
mentlich Graf Semper, der seinen Platz zwischen Nelly und 
Benedikte hatte, amüsierte sich wundervoll und pries den guten 
Einfall, seinen Geburtstag hier zu verleben. Zufällig hatte er
        
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