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Periodical volume 18.März 1899 Nr, 11

Full text: Der Bär Issue 25.1899

Ideen ist der von Taubert-Berlin prächtig in Holz geschnitzte 
Thronsessel ansgeführt. Als ruhende Löwen, denen die vor 
springenden glatten Seitenwangen des Sessels als Postamente 
dienen, sind die Armlehnen gebildet, zwischen die sich die in blaß- 
griiner Seide gestickten Polster des Sitzes einfügen. Aufrecht 
stehende, nach rechts und links schauende stilisierte Adler ragen 
als Abschlüsse der mit Mosaik eingelegten Pfosten der Rücklehne 
aus, die ein von der Kaiserkrone überhöhtes schildartiges Medaillon 
mit dem Namenszug „W. II.“ einfassen. Klar und bestimmt, 
knapp und wuchtig sind die Formen dieses Aufbaues; in monu 
mentaler Geschlossenheit heben sic sich vor dem nach Messels An 
gaben von Max Seliger gezeichneten und von Jda Seliger in reichster 
Applikationsstickerei ausgeführten Baldachin ab, der in der teppich- 
artigen Musterung einen riesigen Reichsadler mit dem um ihn sich 
schlingenden Spruchband..Lud umbra alarum tuarum protege nos“ 
lDcr Schatten deiner Flügel sei »ns Schutz!"I zeigt, während die 
vorspringenden oberen Lambrequins die preußischen Devisen „Vom 
Fels znm Meer", „Gott mit uns" und „Simm euique“ enthalten. 
Auch die vier monumentalen Kandelaber, die an der Längsseite 
des Thronsaalcs ausgestellt werden sollen, sind nach Messels Ent 
würfen von Karl Taubert in Holz geschnitzt; die oberen Aufsätze 
dagegen sind in Alnminiumbronze gegossen. Drachenähnliche Un 
geheuer, die eine menschliche Figur gepackt halten, tragen in Ver 
bindung mit kräftigen Voluten den auf drei Kugeln ruhenden 
dreiteiligen Fuß. Aus einer ausgespreizten Adlerkralle, die beider 
seits je eine sich windende weibliche Gestalt festhält, entwickelt sich 
nach oben hin der mittlere Kern der dekorativen Architektur im 
Anklang an die Form eines dreiseitigen Obelisken, der jedoch völlig 
frei und eigenartig behandelt und ornamentiert ist. Bekrönt wird 
er von der helmbeschatteten Büste eines Kriegers, und um sic 
schlingen sich, zu einem unlösbaren Knäuel ineinander verstrickt, 
die Leiber metallener, schimmernder Schlangen, aus deren offenen 
Rachen die elektrischen Flammen hervorfuukelu. Die Kandelaber 
find phantastisch gehalten und erstreben eine Verschmelzung der 
Formen nordischer Kunst mit den Formen italienischer Spät- 
renaissance, die bereits an das Barock anklingen. 
Der Thronsaal im Palazzo Caffarclli in Rom wird ein 
Prunkranm und eine hervorragende Sehenswürdigkeit werden, 
die von deutschen Künstlern für die Urheimat der Kunst geschaffen 
worden ist. 
Ein Berliner Wnstlerhenn 
» an könnte das bekannte Sprichwort leicht und nicht ohne 
> Berechtigung variieren in: „Zeige mir, wie Du wohnst, und 
ich will Dir sagen, wer Du bist." Der Charakter und persönliche 
Geschmack eines Bewohners prägt sich in der Regel in der Wahl 
seiner Wohnung, in der Art, wie er sich mit Gebranchsmöbeln 
nicht nur, sondern auch mit Luxnsgegenständen und Kunstwerken, 
dem edelsten Wohnungsschmuck des Hauses, umgeben oder auch 
nicht umgeben hat, sehr erkennbar aus. Meist entsteht das aus 
dem unbewußten Trieb, Angenehmes vor Augen zu haben, Un 
angenehmes fern zu halten. Die Wohnungseinrichtung im Sinne 
des Mübelhändlers und in treuer Gefolgschaft für den kategorischen 
Imperativ, „Schmücke Dein Heim", die ja leider oft auch in sehr 
wohlsituiertcn deutschen Bürgerhäusern zu finden ist, bezeichnet mit 
ihrer für jeden geläuterten Geschmack unerträglichen Art gerade so 
die absolute Unempfänglichkeit der Be 
wohner für alles, was sich über das 
Niveau des rein Praktischen und des 
von der augenblicklichen Tagesmode 
Diktierten erhebt, seine Unfähigkeit, 
selbst Schönes zu finden und sich da 
mit zu umgeben, wie im Gegensatz 
bierzn die mit reinem Kunstsinn ge 
schaffene Einrichtung eines Künstlers 
wie Paul Meyerheim das tiefste Ver 
ständnis zeigt, mit dem bei höchster 
Empfänglichkeit und feinstem Gefühl 
für das Schöne, welcher Zeit und 
welchem Stil es auch angehören mag, 
Werke der Kunst und des Knnsthaud- 
werks von der Antike bis in die 
Neuzeit nebeneinander gestellt sind. 
Aber kein Wirrsal ist entstanden, auch 
nicht ein Museum, in dem jeder 
Gegenstand als Katalvgnnmmcr zu 
würdigen ist. Der ganz persönliche 
Geschmack des großen Künstlers hat 
jedes einzelne zu einem Klang in einer 
großen Harmonie einzustimmen ge 
wußt. Da stehen Renaissance-Möbel 
auf orientalischen Teppichen, dazwischen 
orientalische Stühle; ein Barockaltan 
ist in den großen Salon eingebaut, 
eine eichengeschnipte Wendeltreppe führt 
zu ihm empor. Jüt den Wänden hängen wunderbare alte Gemälde, 
Porträts und Stillleben in reichgeschnitztcn schweren Goldrahmen, 
dazwischen ans Konsolen an den Wänden pompejanische Bronzen. 
Dan» im Mnsikzimmer bemalte Thüren, in der Mitte ein riesiger 
Flügel, der in diesem Hause, wo auch die Kunst der hörbaren 
Töne, nicht nur der sichtbaren, ein Heim hat, Lebensbedingnng ist; 
in einem anderen Salon ein von reichem, goldprangenden Schnitz 
werk umrahmter, gemalter Deckenspiegel, der einen Ausblick in 
lachenden blauen Himmel darstellt. Ein plastischer Vogel scheint 
herabzuschweben. An den Wänden dann Bilder von Ed. Hilde 
brand, Bracht, Menzel, Knaus, Passim, Bartels. 
Dann bauen sich im Speisesaal wunderbare Porzellane, Zinn 
trüge, Fayencen, Delfter Teller und Schalen aus tiefdunkeln Eichen- 
schränkcn undBüfsets auf. DieWände sind bedeckt mit altholländischen 
Bildern. Zwischen dem allen stehen dann ganz moderne, zierliche 
Stühlchen, Theetische, moderne Bibclots, chinesische Porzellane. — 
lind das Ganze? Ein voller Klang intimster Wohnlichkeit! 
Wohlbehagen und Traulichkeit empfindet man hier. Wie ist das 
nun erreicht? Ein feinstes Gefühl für Farbenstimmung hat den 
fahlblauen Perser Teppich zu den sattbraunroten Wänden gelegt, 
die blauweißen Delfter Porzellane, die fein metallisch grauen Zinn 
stücke zu den Holztönen gestimmt, hier prickelnde Accente in 
glitzernden, funkelnden Metall- und Goldgegenstünden aufgesetzt, 
da ruhige Flächen gelassen, wo das Auge ausruht, dann grüne 
Pflanzen und Palmengruppen dazwischen gebaut, die dem ganzen 
webendes Leben einhauchen. Manchmal, wo die dekorative Be 
ziehung nicht offen liegt, stellt sich der sonnige Humor des Künstlers 
ein und hat gegenständliche Verbindungen geschaffen. Das Vestibül 
mit seinem plätschernden Springbrunnen 
und der umlaufenden Galerie im ersten 
Stock steigt durch die Höhe des ganzen 
Hauses und hat durch Skulpturen und 
Pflanzenschmuck ganz den Charakter 
des bewohnten Jnnenranmes erhalten. 
Steigen wir die anstoßende Treppe 
empor und treten in das Atelier, so 
sind wir beinahe überrascht, wie ein 
fach im Verhältnis zu den Wohn- 
räumen es hier ausschaut. Der Cha 
rakter der Werkstatt des Künstlers prägt 
sich aus, und wenn auch ein paar be 
queme Florentiner Stühle zum ruhigen 
Verweilen einladen, der Maltisch mit 
dem Schleifstein, dem Spachtel und 
Messerarsenal, der Flaschenbatterie, dem 
Farbenmagazin zeugen ebenso davon, 
daß hier gearbeitet wird, wie die Reihe 
der Bilder auf den Staffeleien. Kunst 
ist ernste Arbeit! Wie stimmungsvoll 
wird aber der Raum durch den Behang 
der Wände, eine Reihe kostbarer Gobe 
lins, die mit ihren stumpfen Farben 
den leuchtenden Bildern einen herrlichen 
Hintergrund geben. 
So müßte man glauben, ein Ein 
druck der Stillosigkeit sei der einzige, 
der hier erreicht worden sein könne. 
Das Ganze hat aber im Gegenteil Stil, den ausgesprochenen Stil 
seiner Bewohner. Es ist „ein echter Meyerheim", und wahr 
scheinlich einer der schönsten, die er je geschaffen hat. 
Für Berlin aber ist es hocherfreulich, daß seine Künstler so 
anfangen, ein leuchtendes Beispiel zu geben, wie mau sein Heim 
gestalten soll. In Paris, München, London war dies längst der 
Fall. Daß es an Berlin bisher nicht so war, lag allerdings oft 
daran, daß hier die Künstler nicht materiell über die genügenden 
Mittel verfügten, um in eigenem Hanse schalten und walten zn 
können, wie es ihnen ihre Persönlichkeit gebot. Paul Meyerheims 
Werke haben aber seit lange einen solchen Wert auf dem inter 
nationalen Kunstmarkt besessen, daß sie ihren Schöpfer fähig 
machen, zn leben und zu wirken, wie es ihm fein Kunstempfinden 
eingiebt. 
Villa Meyrrheim.
        
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