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Periodical volume 11.März 1899 Nr, 10

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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bei einer solchen Kerze Arbeitende fortgesetzt zu leiden hatte, gab 
Goethe einen bezeichnenden Ausdruck in den Worten: 
„Wüßte nicht, was sie Besseres erfinden könnten. 
Als wenn die Lichter ohne Putzen brennten!" 
Der große Dichter erlebte zwar noch die Einführung der Gas 
beleuchtung in einzelnen deutschen Städten' aber die Genugthuung, 
die Putzschere als entbehrlich oerschwinden zu sehen, sollte ihm nicht 
werden. Doch schon wenige Jahre nach seinem Tode hielt die 
Stearinkerze, allerdings noch in unvollkommener Gestaltung, 
ihren Einzug in die Welt. Man erkannte sogleich in diesem neuen 
Lichte ein bedeutsames Zeichen fortgeschrittener Technik, und bis 
auf den heutigen Tag ist es, ungeachtet des verbesserten Lampen 
wesens sowie der in den Wohnräumen der Städte eingeführten Gas- 
nnd elektrischen Beleuchtung, ein wichtiger Faktor im Dienste des 
Hauses geblieben. Durch ihre bequeme Handhabung, ihr leichtes 
Anzünden, ihr zuverlässiges, mildes Licht ist die Stearinkerze im 
Heim durch keine andere Beleuchtungsquelle zu ersetzen. 
Auch in dieser Errungenschaft ist die märkische Industrie 
derjenigen des gesamten Vaterlandes bahnbrechend vorangegangen. 
Wie später von Berlin ans die elektrische Bogenlampe ihren Er- 
oberungszug durch die Welt antrat, so bildete auch, wie wir näher 
ausführen werden, die preußische Hauptstadt den eigentlichen Aus 
gangspunkt der gesamten Stearinindnstrie. Doch gehen wir 
zunächst auf die eigenartige Entwickelungsgeschichte dieses Schasfens- 
zweiges zurück. 
Es war im Jahre 1779, als Karl Wilhelm Scheele in 
dem Laboratorium seiner Apotheke zu Köping in Schweden beim 
Kochen von Bleisalben einen unkrystallisierbaren, gährungsunfähigen 
Stoff ausschied, der ihm bis dahin völlig fremd gewesen. Zwar 
vermochte er bald festzustellen, daß dieser Stoff, dem er seines 
süßen Geschmackes wegen den Namen „Oelsüß" gab, einen Be 
standteil der verschiedensten animalischen und vegetabilischen Fette 
bilde, aber im übrigen konnte er sein Wesen nicht erforschen, auch 
keinen Weg finden, ihn irgendwie dem Leben dienstbar zu 'machen. 
Erst am Anfang unseres Jahrhunderts gelang es dem berühmten 
französischen Chemiker Chevreul bei seinen Forschungen über die 
Zusammensetzung der Fette und die Natur der Verseifung nach 
zuweisen, daß das Oelsüß, das er nach der griechischen Bezeichnung 
des Wortes „süß" „Glycerin" nannte, ein beständiges Ergebnis 
der Verseifung von Fetten sei und letztere durchweg in zwei Haupt 
bestandteile, in Fettsäuren und Glycerin, zerlegt werden können. 
Diese Erkenntnis, die erst später durch die epochemachenden Unter 
suchungen Berthelots über die eigentliche Natur des Glycerins 
und seine Verbindungsverhältnisse mit den Fettsäuren die gesetzliche 
Grundlage erhielt, wurde die Brücke, welche zur Erfindung der 
Stearinkerzen führte. 
Chevreul fand nämlich, daß das Glycerin im Fett der Tiere 
an drei Fettsäuren gebunden sei, denen er die Namen „Stearin 
säure" nach dem griechischen Worte „stear" Talg, Palmitinsäure 
nach dem fettreichen Palmbaume, und Oelsäure verlieh. Als er 
nun das von dem Glycerin befreite Gemisch dieser Säuren durch 
Abpressen auch noch von der Oelsäure zu trennen suchte, gewann 
er ein Material, das ihm zur Herstellung von Kerzen überaus ge 
eignet erschien. Er ließ sich im Jahre 1825 hierauf ein Patent 
geben, kam aber über Laboratorienversuche nicht hinaus. Erst als 
es sein Schüler und Assistent, Adolphe Motard, erreichte, die 
Verseifung der Fette und ihre Trennung von dem Glycerin unter 
hohem Druck durch Kalkmilch zu ermöglichen, als er ferner den 
Dochten durch die Manipulation des Beizens eine bessere Brennkraft 
verschaffte, erhielt die Erfindung Chevreuls eine praktische Bedeutung. 
Motard, der in Paris einen Herrn de Milly, einen ehe 
maligen Kammerherrn des durch die Julirevolution gestürzten 
Königs Karl kennen gelernt hatte, bei welchem er für seine mel- 
nmfassenden Versuchsexperimente ein volles Verständnis fand be 
gründete 1831 in der französischen Hauptstadt in Gemeinschaft mit 
dem Genannten die Fabrique de bougies de L’Etoiie zur 
Erzeugung von Stearinkerzen nach der von ihm wesentlich ver 
vollkommneten Methode seines großen Lehrers. DiesesVorgehen 
regte natürlich auch in anderen Ländern die Schaffens'rast zur 
Nacheiferung an: Nachdem in Berlin durch Oemichen eine 
Stearinkerzenfabrik ins Leben gerufen wurde, deren Ergebnisse 
allerdings nicht vielversprechende waren, veranlaßte der Chemiker- 
Runge in Oranienburg, der erste Pfadfinder in der Erschließung 
der Steinkohlentheer-Farbstoffe, den in dieser Stadt ansässigen 
Lichtfabrikanten Hempel mit Hilfe von Kalk ans Palmöl und 
Talg Stearinkerzen herzustellen. Obwohl die 1835 unter der Be 
zeichnung „Palmwachskerzen" dem Handel zugesührten Erzeugnisse 
Anerkennung errangen, so waren sie doch nid)t im eigentlichen 
Sinne des Wortes das Fabrikat, das man in Paris als Stearin 
kerze betrachtete. 
Infolge eines Zwiespaltes mit seinem Gesellschafter schied 
Motard 1838 aus der genannten Pariser Firma aus und siedelte 
nach Berlin über, um hier die erste deutsche Stearinkerzen 
fabrik auf der Basis des von ihm ersonnenen Verfahrens zu er 
öffnen. Doch auch nunmehr bedurfte es noch eines Zeitraumes 
von mehr als einem Jahrzehnt, ehe in Deutschland die Stearin 
kerze die volle Popularität erlangen und das Talglicht verdrängen 
konnte, ehe demnach die rastlosen Bestrebungen der Fabrik von 
A. Motard & Co. die erhofften lohnenden Früchte erzielten. Die 
Aera des Aufschwunges in diesem jungen Zweige der chemischen 
Industrie trat erst ein, als man am Beginn der fünfziger Jahre 
durch die Einführung des Destillationsprozesses behufs Läuterung der 
gewonnenen Fettsäure ein reineres Material für die Kerzenfabrikation 
erlangte, als ferner die bei der Stearinerzengnng abgeschiedenen 
Nebenprodukte eine günstigere Verwertung fanden, und als endlich 
die neuen maschinellen und chemisch-technischen Errungenschaften auch 
in diesem Schaffen zu einer weitgehenden Anwendung kamen. 
In dem bescheiden angelegten Grundstücke in der Brüderstraße, 
das noch gegenwärtig, als Gedenkzeichen des Ursprunges der 
Finna, ein Verkaufsmagazin derselben enthält, begann einst der 
hochverdiente Begründer des Hauses seine damals eng begrenzte 
Wirksamkeit. Die durch das fortgesetzte Wachstum seines Geschäftes 
bedingten Betriebserweiterungen veranlaßten ihn dann später, einen 
stattlichen Fabrikbereich in der Gitschinerstraße anzulegen, der heute 
bereits, da er sich für eine weitere Vergrößerung als ungeeignet 
erwies, den Blicken verschwunden ist und einer Reihe imposanter 
Wohngebäude Platz gemacht hat. Die Firma erwarb dagegen im 
Jahre 1887 ein an der Spree unweit Spandau gelegenes Terrain, 
das sie durch weitere Ankäufe zu dem nunmehr im Areal von 
etwa 200 Morgen umfassenden Besitztum Sternseld erweiterte. 
Auf diesem ausgedehnten Bezirke hat sie zwei umfangreiche Fabrik 
etablissements im Betriebe, von denen das eine ausschließlich der 
Erzeugung des Stearins und der bei diesem Schaffensprozesse sich 
ergebenden Nebenprodukte dient, das andere dagegen die eigentliche 
Stearinkerzenfabrik repräsentiert. 
In den Arbeitsstätten der einen Fabrik sehen wir, wie die 
beiden Hauptprodukte, die hier zur Verarbeitung gelangen, das 
aus dem westlichen Afrika, insbesondere aus den deutschen Kolonien, 
importierte Palmöl und der aus dem In- und Auslande bezogene 
Talg, zunächst einem Reinignngsprozeß unterzogen und hieraus 
innigst mit einander vermischt werden. Die so entstandene Fett- 
masse wird nun in eine Batterie von Autoclaven gepumpt und in 
diesen Apparaten bei hoher Temperatur und unter hohem Druck 
durch Einwirkung von Kalkmilch und anderen Ingredienzien zur 
regelrechten Verseifung gebracht. Infolge dieser Prozedur spaltet 
sich die Mischung in Fettsäure und Glycerin. 
Wir deuteten bereits an, daß es das Verdienst des französischen 
Chemikers B.erthelot gewesen, die eigentliche Natur des Glycerins 
erschlossen und dadurch seine vielumfassende Nutzanwendung er 
möglicht zu haben. Dieser Forscher erkannte in dem Glycerin 
nach weitgehenden synthetischen Prüfungen einen dreiatomigen 
Alkohol, und stellte überdies seine llnveründerlichkeit in der Kälte, 
seine Beständigkeit an der Luft, sowie seine Widerstandsfähigkeit 
gegen den Einfluß von Fermenten fest. Alle diese Eigenschaften, 
welche die ausgedehnte Verwertung des Produktes-im Dienste des 
wirtschaftlichen Lebens und der Heilkunde erklärlich machen, ge 
winnen an Bedeutung, wenn das" Glycerin durch eine gründliche 
Bearbeitung von allen fremden Beimengungen, die ihm mehr oder- 
weniger -,och anhaften, völlig befreit und einer vollständigen 
Läuterung unterzogen wird. Ans diesem Grunde unterliegt auch 
in d'.jem Etablissement das abgeschiedene Glycerin zunächst einer 
Ve> oampfiing, sodann einer Filtration und schließlich einer sorg 
fältigen Destillation. 
Die von dem rohen Glycerin befreite Fettsäure wird nun 
zunächst durch eine chemische Prozedur von dem ihr noch an 
haftenden Kalke getrennt und alsdann in eingemauerten Blasen 
einer Destillation unterzogen, deren Ergebnis noch eine Klärung 
durchzumachen hat. Die auf diese Weise geläuterte Fettsäure wird 
mittelst Pumpwerke in Blechgefäße knchenbrettartiger Gestalt 
geleitet, die so eingerichtet und angeordnet sind, daß die 
Masse von dem einen in das andere der Gefäße übergehen 
muß, bis sie erstarrt und ihre Verwandlung in feste Platten 
erfolgt ist. Letztere werden in Haartücher eingeschlagen und 
in diesen Hüllen in hydraulischen Pressen einem Drucke bis 
zu 250 Atmosphären ausgesetzt. Hierdurch wird der Fettmasse der 
letzte flüssige Bestandteil, das sogenannte Olein, entzogen, das 
ebenfalls eine ausgedehnte industrielle Verwertung findet, besonders 
in der Seifenfabrikation wichtige Dienste leistet. Die den Pressen 
entnommenen Fettknchen werden, nachdem sie noch eine letzte 
Läuterung erfahren haben, in Kufen geschmolzen und gestalten 
sich sodann zur fertigen Stearinmasse, die behufs der Kerzen 
fabrikation dem neueren, mustergiltig eingerichteten zweiten Eta 
blissement der Firma zugeführt wird. 
Hier unterliegt die Masse noch einer kurzen chemischen Be 
handlung, worauf sie mit Hilfe eines Rührwerkes diejenige Be 
schaffenheit erhält, die für die nun beginnende Gießprozedur 
erforderlich ist. Die Gußapparate besitzen einen geschlossenen eisernen 
Kasten, in welchem die Formen verschiedener Größe Aufnahme 
finden, die durch eine Dampfleitung die notwendige Wärme 
erhalten, und deren Abkühlung eine Kühlwasserleitung bewirkt. 
Das einen milchartigen Brei bildende Stearinmaterial wird 
ans Kannen in einen mit dem bewußten Kasten verbundenen
        
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