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Periodical volume 7.Januar 1899 Nr, 1

Full text: Der Bär Issue 25.1899

--JL- 
Fünfundzwanzig Jahre Berliner Kunstentwirkelung. 
Von 
Georg Mslkowsktz. 
I. Jlrchitektnr. 
an wird sich an den Gedanken gewöhnen müssen: das 
neunzehnte Jahrhundert hal zur Bildung und Entwickelung 
eines eigenen künstlerischen Stils keine Muße gefunden. Es hatte 
Anderes und vielleicht Besseres zu thun. Am Ende bedürfen die 
großen Ideen, die es bewegen, auch noch der Klärung, um für die 
Kaiserliches Patentamt. 
Erbauer: August Buffe. 
präzise künstlerische Gestaltung heranzureifen. Me Lebensbe 
dingungen haben eine so wesentliche Wandlung erfahren, daß die 
Kunst und in erster Linie die Baukunst mit ganz neuen, von Jahr 
zehnt zu Jahrzehnt wechselnden Zweckbegriffen zu rechnen hatte. 
Berlin ist der Typus einer Weltstadt unseres schnell lebenden, 
seinem Ende zueilenden Jahrhunderts. Wer vor fünfundzwanzig 
Jahren die Straßen Berlins durchwanderte, konnte die Schichten 
seines architektonischen Werdens deutlich unterscheiden: den 
Schlütcrschcn Prunkstil des ersten Königs, das unter dem Druck 
materieller Beschränkung zum Zopf verschrumpfte Rokoko des 
großen Friedrich, die sich von Schinkel bis zu Stüler und Strack 
herab verflachende, hellenisierende Renaissance Friedrich Wilhelms III., 
und die mit den Begriffen Romanisch und Romantisch jonglierende 
Phantastik Friedrich Wilhelms IV. Ueber diese Reste einer mit 
spärlichen Mitteln rechnenden Vergangenheit ist der Sturm der 
siebziger Jahre dahingebraust, ihre Spuren verwischend, in dem 
Streben, neuen Aufgaben gerecht zu werden, sich notgedrungen 
überhastend. Im Grunde genommen mochte man sich mit dem 
Gedanken an die eigene Größe noch nicht recht vertraut machen. 
Daher das räumlich Unzulängliche, dekorativ Beschränkte der in 
dieser Zeit entstandenen Staatsbauten, die bei aller Tüchtigkeit 
der formalen Durchbildung, bei aller Freude an dem echten Ma 
terial, über eine gewisse Aengstlichkeit der Ersindung nicht hinaus 
kommen, daher die Acra der unorganischen Erweiterungen und 
architektonischen Anhängsel in den folgenden Jahren. Zudem 
wirkte überall die Schinkel-Tradition nach, der Berlin seinen bau 
lichen Charakter verdankte, das mühevolle und doch nichr recht 
lohnende Streben, mit der Tektonik der Hellenen auszukommen und 
sie für wesentlich andere Raumverhältnisse dekorativ umzubilden. 
Ein treffendes Beispiel für die unorganische Stilmrschung der 
Erweiterungsbauten bietet das Generalstabsgebäude amKömgs- 
platz. Der an sich schön durchgebildete rote Ziegelbau Goedekings 
stößt unvermittelt an die hellgelb verblendete Fassade Fleischingers 
und beweist seine Zugehörigkeit nur durch den bogenförmigen Fenster- 
abschluß. Unter den gleichen Verhältnissen leidet die von Hitzig 
erbaute Reichsbank mit ihren Annexen am Hausvoigteiplatz. 
Einheitlich, in sich geschlossen und doch überaus zierlich in seiner 
dekorativ betonten Gliederung steht als letzter mustergiltiger Aus 
läufer das Schinkelstils das von Gropius und Schmieden erbaute 
Kunstgewerbemusum da. Zu dem anmutigen Gesamtaufbau 
paßt der dezente Schmuck der glasierten Thonziegel und Terrakotten, 
die verschiedenen Geschosse schließen sich zwanglos an die überdachte 
Vorfahrt, und die Bekrönung vermeidet geschickt den Eindruck .des 
lastenden Daches. Seinem Inhalt entsprechend präsentiert sich das 
Ganze als zierliches Schmuckkästchen, ohne daß die monumentale 
Wirkung dadurch leidet, die sich in dem anstoßenden Museum für 
Völkerkunde mit seinen schweren Formen der italienischen Früh 
renaissance bis zur Plumpheit steigert. In dem Gebäude der 
Kriegsakademie in der Dorotheenstraße und im Polizeiprä 
sidium am Alexanderplatz scheint die staatliche Backstein- und 
Verblend-Architektur der letzten fünfundzwanzig Jahren vorläufig 
ihren Abschluß gesunden zu haben. Wesentlich aus Nützlichkeits 
rücksichten und aus dem Zusammenhang mit dem lokalbedinaten 
Baumaterial hervorgegangen, fand sie ihre .angemessenste Ver 
wendung bei kommunalen Bauten, wie Gymnasien und Gemeinde 
schulen, und entwickelte hier eigenartige Stilforinen in Frontaufbau 
und Raumteilung. Das Hauptverdienst des Backsteinbaus liegt in 
der unverhüllten Bescheidenheit des echten. Materials, das mit 
seiner gleichmäßigen tiefsatten Färbung den nüchternen Putzbau ver 
drängt und die langweilige Straßenflucht belebend unterbricht. 
Ihren gleichwertigen künstlerischen Ausdruck fand die solide 
Machtsülle des Reiches und seiner Hauptstadt seit dem Anfang 
der achtziger Jahre in der Haustem-Fayade. In dem 1880 
vollendeten Unterrichtsministerium mit seinem die zentrale 
Eintrittshalle markierenden Mittelbau mit Balkon und Loggia 
herrschen noch die einfacheren Linien des Hellenismus vor. Aber 
der Eberlciusche Fries bedingt schon eine reichere Ausgestaltung 
des Ornaments, das ähnlich wie bei den Gropius'schen Bauten der 
Fayadcnglicderung schmückend folgt. Handelte es sich hier noch 
um die Einfügung einer wenig von der Raumdispositiou verraten 
den Front in die Straßenflucht, so stellt sich das Reichstags 
haus Meister Wallots als frei aufragender, von innen heraus 
gestalteter Prachtbau dar. Im reichsten Stil der Spätrenaissance 
und des Barock ausgeführt, verkörpert er mit seiner kronengeschmückten 
Kuppel und seinen Ecktürinen die durch die vier Königreiche ge 
stützte, im Kaiserturm gipfelnde Reichseinheit. Was man auch 
gegen Einzelnheiten einwenden mag, hier ist ein künstlerischer Ge 
danke zum Ausdruck gebracht in geschlossenen Formen, die nicht 
äußerlich entlehnt, sondern dem Bauzweck entsprechend umgebildet 
erscheinen. Man darf mit Recht von einem Wallotstil. sprechen, 
der in den reichen Fassaden des Reichspatent- und des Reichs 
versicherungsamtes Schule gemacht hat, und auch im Post 
palast, wenn auch mit merklichen Dissonanzen anklingt. 
Findet die politische Machtfälle des Reiches in den Staats 
bauten ihre Verkörperung, so äußert sich seine volkswirtschaftliche 
Finanzkraft in den Bankgebäuden. Hier haben Ende und Böckmann 
mit ihren Neubauten für die Diskonto-Gesellschaft, die Bank 
für Handel und Industrie und die Deutsche Bank bahn 
brechend gewirkt. Auf der Untermauerung der feuer- und diebes-
        
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