Path:
Periodical volume 11.März 1899 Nr, 10

Full text: Der Bär Issue 25.1899

147 
nicht. Ich fühle mich schon hier nicht mehr ganz sicher. Es 
war immerhin eine Kühnheit, mich halbwegs zwischen Längenpfühl 
und Hohen-Kraatz unterzubringen." 
„Bah — der Erlcnbruch liegt abseits der Heerstraße! Und 
Du weißt, die Hohen-Kraatzer meiden den See, seit sich Onkel 
Konrad hier ertränkt hat. Man hält sehr auf die Tradition 
bei uns." 
„Ist dieser Lehramtskandidat da drinnen eine zuverlässige 
Persönlichkeit?" 
Max zuckte mit den Achseln. „Ich hoffe es, Elise. Aber ich 
muß fort. Leg' Deinen Kopf noch einmal an meine Brust. Das 
ist die falsche Seite — hier schlägt das Herz. Für wen schlägt 
es? Für Liesel?" 
„Nicht ganz allein. Auch °für — es." 
„Ja, auch für ,es? Hüt' mir den Jungen, Schatz! Die Kathi 
scheint ein Schaf unter den Ammen zu sein." 
„Aber sie erfüllt ihre Pflicht. Du siehst, wie der Junge 
gedeiht. Ich passe schon aus; kavalleristische Attacken wie heute 
ereignen sich ja nicht alle Tage. Adieu, mein Lieb!" 
„Ach, wie das klingt! Du mußt es dreimal sagen. Lächle 
wenigstens noch einmal; ich möchte die Erinnerung an das Grübchen 
mit nach Hause nehmen. Und nun den Kirschenmünd! O wie 
graule ich mich vor Hohen-Kraatz! Hier die Sprache der Liebe 
Und drüben die der BagiriS . . ." 
Herr Freese war wirklich eingeschlafen. Er fuhr aus wilden 
Träumen jach in die Höhe, als Max ihn weckte. Aber seine 
schmerzenden Glieder erleichterten ihm die Rückkehr zur Wirklichkeit. 
„Es ist Zeit, edler Don," sagte Max. „Seien Sic so gut und 
helfen Sie mir die Rosse schirren. Aber seien Sie vorsichtig dabei; 
das rechte Stangenpferd beißt." 
Freese warf sich in die Brust. „Wer auf dem Guadalquivir 
Carriere geritten und Hindernisse genommen hat, Herr Baron," 
erwiderte er heiter, „der fürchtet kein beißendes Stangenpferd . . ." 
Zehn Minuten später ging es durch den Wald zurück. Ans 
der Höhe schaute sich Max nochmals um und winkte. 
„Sehen Sie das iveiße Tuch da unten am Fenster, Herr 
Freese?" fragte er. „Und wissen Sie, was das ist?" 
„Ein Schnupftuch, vermute ich, Herr Baron." 
„Mag es in der Alltäglichkeit auch sein. Aber für mich ist 
es die Fahne des Friedens, die mich zum Abschied grüßt. Und 
nun geht es wieder hinein auf kriegerisches Gebiet. Es ist znm 
Teufel holen!" . . 
Freese antwortete absichtlich nicht. Der leichte Wagen ratterte 
über den Weg. Durch die Stämme glühte das Sonnenlicht und 
nmtanzte mit goldenen Flocken Farren, Wachholderkrant und Bär 
lapp, Waldanemonen und Crocus. 
Nach einer Panse hob Max die Peitsche und deutete ans die 
flott -trabenden Pferde. 
„Die beiden Schimmel sind mir besonders sympathisch," 
meinte er. „Alte Biester, aber sie heißen zufällig Herv und 
Leander. Das rührt mich." 
„Doch der Leander beißt, Herr Baron!" 
„Ja, er beißt, aber nie seine Hero, sondern nur die, die ihm 
eine Last aufbürden wollen. Ich kenne einen Leander, für den 
iväre cs ganz gut, wenn er auch zuweilen etwas energisch um sich 
bisse, statt sich alles Mögliche und nicht Nötige aufhalsen zu 
lassen . . ." 
Run merkte Freese wohl, daß es dem Baron Max mitteilsam 
ums Herz war. Aber er munterte ihn nicht auf. Er schwieg 
wieder. Und Max schwieg auch. Er war sehr in Gedanken und 
nur dann und wann knallte er, wie in aufkochendem Aerger, mit 
der Peitsche. Erst dicht vor Hohen-Kraatz begann er nochmals: 
„Also es bleibt bei unserer Abmachung, Herr Freese?" 
„Ich habe Ihnen Handschlag und Wort gegeben, Herr Baron," 
erwiderte dieser. 
Vor dem Schlosse wurde der Wagen mit großem Geschrei 
empfangen. Alles war versammelt. Bernd und Dieter brüllten 
ohrenbetäubend, als sie ihren Lehrer wieder glücklich bei sich hatten. 
Sie hatten ihn noch lauge im Walde verfolgt, aber schließlich 
seine Spur verloren. Vor einer Viertelstunde hatte sich der Gua 
dalquivir herrenlos, doch in gemütlichster Laune im Wirtschafts 
hofe eingefunden. Und da hatte man es allseitig mit der Angst 
bekommen. August und drei Knechte waren ausgeschickt worden, 
Freese zu suchen. 
„Wetter noch eins — seid endlich still, Bengels!" rief Tübingen 
den Jungen zu, die sich an den Händen gefaßt hatten und Freese 
schreiend umtanzten, so wie sie es bei Gerstäckcr gelesen hatten, 
wenn die „Schwarze Schlange" der Apachen siegreich von einem 
Kriegszuge heimkehrte. „Freese, jetzt erzählen Sie. Sind all 
Ihre Knochen heil? Kein Schlüsselbeinbruch? Keine Gehirner 
schütterung? Nicht einmal eine Sehnenverzerrung? Nickit einmal 
eine leichte Verstauchung?" 
Freese verneinte und begann dann loszulügen. Wie er den 
Guadalquivir hätte Mores lehren wollen und dieser empfindlich 
geworden wäre und ihn abgeworfen hätte, und wie zufällig, ganz 
zufällig der junge Herr Baron des Weges dahergefahren wäre 
und ihn aufgelesen hätte, und was der Schnurren noch mehr waren. 
Daß man ihn bemitleidete, that ihm nicht wohl; er hätte viel 
lieber mit dem Harrassprunge renommiert, aber das ging nicht. 
Er mußte lügen und auch das Bedauern in Empfang nehmen. 
Die Baronin wollte ihn sogar in das Bette stecken und ihm Thee 
kochen lassen. Tübingen riet kalte Umschlüge an; Tcupen war für 
Blcisalbe, Haarhaus für eine Einreibung mit einer Arnikalösung. 
All das wurde dem Kandidaten endgiltig genierlich. Er reckte 
sich mächtig empor und sagte, er fühle sich wie ein Fisch im Wasser. 
Aber er wäre beinahe wieder zusammengeklappt; denn in Wahr 
heit schmerzte ihn jedes Glied. 
Als er auf sein Zimmer gehen wollte, huschte Nelly Milton 
hinter ihm her und hielt ihn auf. 
„O, Mister Freese," sagte sic (dies „o" brachte sie immer 
besonders niedlich hervor, mit zierlich gespitztem Mäulchen), „ich 
wollte Sic bloß sagen, daß ich mir so sehr gefreut haben, daß 
Sie wieder gesund hier sein. O, ich habe so srecklicke Angst 
gehabt!" 
Freese schaute auf den hellen blonden Scheitel hinab und 
griff nach der warmen kleinen Patschhand. 
„Vielen Dank, liebe Miß Nelly," antwortete er, und es war, 
als töne ein ganz leises Zittern durch seine Stimme. „Denken 
Sie, wie merkwürdig — als das Pferd mit mir durch den Wald 
raste und ich jeden Augenblick gewärtig sein mußte, mir im Sturze 
den Hals zu brechen oder den Kops an einem Baumstamm zu 
zerschmettern — da habe ich an nichts anderes denken können 
als — an Sie." 
Nelly neigte das blonde Haupt mit dem zausigen Haar über 
der Stirn tiefer. 
„O — an mir?" sagte sie leise. 
„Ja, an Sie. Seltsam, nicht wahr? Ich dachte: wie schade — 
nun ist es mit dem Sprachunterricht auch nichts! Und ich hatte 
mich so darauf gefreut!" 
„Wir fangen morgen mit die Sprachunterricht an! Ich freue 
mir auch so sehr.." 
„Gut. Morgen nachmittag." 
„Ilnd — Mister Freese, versprecken Sie tnir, daß Sie sich nie 
wieder auf das grause Guadalquivieh oben heraus setzen wollen!" 
„Wir wollen sehen. Miß Nelly. Vorläufig nicht. Vorläufig 
erhalt' ich mich Ihnen. Erst müssen Sie Deutsch gelernt haben — 
dann versuch's ich vielleicht doch noch einmal —" 
Benedikte und Trude sprangen vorüber; der Kandidat brach 
deshalb ab, grüßte und ging auf sein Zimmer. 
„Dikte," wisperte Trtide ihrer Freundin zu: „die Nelly 
bündelt an!" 
„Ach wo!" 
„Verlaß Dich d'rauf. Sie macht immer ganz verliebte Angen, 
wenn sie Herrn Freese sieht, und seit drei Tagen trägt sie ein 
goldenes Herz als Brosche." 
„Trude, was Du alles siehst! Vor Dir muß matt sich wirklich 
in acht nehmen." 
„Natürlich seh' ich mehr als aitd're! Weil ich die Augen 
aufmache." 
„Na — bei mir wirst Du nichts sehen!" 
„Oho — wollen's 'mal abwarten!"
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.