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Periodical volume 25.Februar 1899 Nr, 9

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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manches iw» ihm gelernt. Die Ausstellung des Westklubs macht ebenso 
wie die der XI bei Keller und Reiner den Eindruck, als behielten 
sich beide ihr Bestes für das Debüt der Sezession im eigenen Aus 
stellungslokale vor zu Gunsten des ersten Eindrucks. 
Thraker. 
Es ist ein Schuß gefallen, aber weder zwei Spatzen, noch ein 
Schneider sielen von dem Schuß, sondern ein Mägdelein, welches in 
seiner Unerfahrenbeit erkennen mußte, daß die Liebe auch etwas anderes 
als Götterwonne sein kann. Was wollte den» eigentlich Lotte Burwig, 
die kleine Provinzlerin, in Berlin? Nicht der Drang zur Kunst war 
es, der die Heldin in Halbes „Heimatlosen", die am 21. Februar im 
Lessingtheater gegeben wurden, aus der Heimat trieb, sondern der 
Wunsch, modern zu sein, der Zucht der Mutter zu entlaufen, die 
noch an der Moral hängt, welche einst Geltung hatte, als der Groß 
vater die Großmutter nahm. Alte Menschen sind nun einmal so, sie 
können sich in das moderne Uebermcnschentum nicht hineindenken und 
betrachten die Ehe mit einem braven, kleinen Beamten für besser als 
einen unsicheren Wechsel auf eine unsichere Zukunft. Das Sprichwort 
vom Spatzen in der Hand und der Taube aus dem Dach stammt ja 
auch von Großmuttcrs Zeiten her. 
Lottchen Burwig aber will eine große Sängerin werden. Der 
Ruhm von Sudermanns Magda ist "vermutlich bis in ihr stilles 
Kämmerlein in Danzig gedrungen, und was der Ostpreußin gelungen 
ist, warum sollte es der "Westpreußin versagt bleiben? Königsberg und 
Danzig liegen ja nur eine Eisenbahnfahrt von wenigen Stunden aus 
einander. Und richtig, Lottchen erlebt in Berlin dasselbe Schicksal wie 
die stolze Magda. Auch ihr naht sich der Verführer, sie fällt, aber sie 
erhebt sich nicht, wie ihr ostpreußischcs Vorbild, sondern schießt sich 
mausetot, was sehr traurig ist, für Lottchen sowohl, die nun keine 
große Sängerin mehr.werden kann, als auch für die bedauernswerte 
Mutter, die ihr schlecht erzogenes Kind verliert. Die Zuschauer aber 
nehmen die traurige, jedoch höchst moralische Gewißheit mit nach Hause, 
daß schuldbeladene Liebe mit Selbstmord gesühnt werden muß. Immer 
hin ein lobenswerter Zweck, für dessen Erreichung Halbe die nicht mehr 
ganz neue Fabel seines neuesten Stückes frisch erfunden hat. 
Halbe ist weil mehr Finder als Erfinder. Was er gesehen hat, 
schildert er ausgezeichnet. Daher sind auch seine Momentaufnahmen 
der „Heimatlosen", jenes namenlosen Gciftcsproletariats von Schau 
spielern, Künstlern, verbummelten Genies aus der Pension Beaulieu 
über alles Lob erhaben: eine Handlung jedoch tadellos durchzuführen, 
sind Halbes Kräfte zu schwach. Und wenn er das Fazit seiner drama 
tischen Thätigkeit zieht, so wird er sich sagen müssen, daß er außer 
seiner „Jugend" nichts Bleibendes geschaffen hat. Selbst die „Jugend" 
ist mehr eine dramatisierte Novelle, als ein Drama. 
Gerade die „Heimatlosen" beweisen, daß Halbes dramatischem 
Können enge Grenze» gezogen sind. Die einzelnen Figuren sind korrekt 
gezeichnet. Der Frau Burwig begegnet man auch in der Großstadt 
täglich auf der Straße: auch das Lottchen mit der Musikmappe ist ein 
alltägliches Geschöpf, das sich, wie viele hunderte Kunstjüngerinnen, 
eine Patti dünki und am Ende froh ist, Musikunterricht für fünfzig 
Pfennig die Stunde geben zu können. Wirbelt indessen Halbe seine 
Figuren durcheinander, setzt er sich in Positur, und beginnt er „Schicksal" 
zu spielen, dann erkennt man, daß cs keine Menschen, sondern nur 
naturgetreue Figuren sind. Daher auch der Erfolg in der Exposition 
und der Abfall bei der Lösung des Knotens. 
Fürst Wrcde ist ein geschickter Dilettant: der cs bei einiger Aus 
dauer zum erfolgreichen Schriftsteller bringen kann. Ob gerade das 
Drama ihm liegt, ist nach seinem Schauspiel „Das Recht auf sich 
selbst" zu urteilen, das am 24. Februar im Berliner Theater ge 
geben wurde, keineswegs unbedingt zu bejahen. In „La Gosse", einer, 
liebenswürdigen kleinen Novelle, offenbarte sich der junge Aristokrat als 
ein guter Beobachter und vortrefflicher Erzähler: in seinem Schauspiel 
dagegen hal er die Naiurlichkeü verloren. Nicht was er mit Augen 
gesehen oder hätte sehen können, schildert er, sondern er klügelt sich 
einen Fall ans, von dem er sich theatralische Erfolge verspricht. Ein 
Mädchen, das unschuldig im Gefängnis gesessen hat, wird von einem 
Arzt in einer Kleinstadt geheiratet, und cs verschweigt dem werbenden 
Manne die interessante Vergangenheit. Ein Zufall bringt cs an den 
Tag, daß die Frau eine Gefängnisstrafe erlitten hat: daraus folgt ein 
Zerwürfnis: der Mann ist weder von der Schuld noch von der Unschuld 
seiner Frau überzeugt. Er verlangt ein Wiederaufnahmeverfahren, ist 
eifersüchtig auf den Mann, um dessentwillen sie in den Verdacht des 
Diebstahls gekommen war, und sie greift zum Schierlingsbecher oder 
einem modernen Giftflüschchen: sic wird aber noch glücklich daran ver 
hindert. Ein ganzer Dichter würde aus diesem abenteuerlichen und 
doch trivialen Stoff, wenn er ihn überhaupt behandelt hätte, eine er 
schütternde Tragödie gemacht haben. Fürst Wrcde dagegen läßt das 
Paar nach Amerika auswandern. Der Autor ist noch jung genug, um 
zuzulernen, und bei Ausdauer und Fleiß wird er es wahrscheinlich 
auch zu einem wirklichen Erfolg bringen. 
Eugen d'Albert bereitete an demselben Tage dem Publikum im 
Königlichen Opernhause einen Genuß inil seiner einaktigen Oper 
„Die Abreise". Das Libretto ist ein harmloses Lustspielchen im 
Rokogeschmack und dazu noch in Alexandrinern. Ein junges Ehepaar 
ist sich im Laufe der Zeit glcichgiltig geworden, und der Gatte beschließt 
auf Reisen zu gehen. Sein Freund Trott zeigt sich aber zu geflissent 
lich, den Ehemann fortzubringen, worauf dieser erst recht zu Hause 
bleibt und den Honigmond von neuem durchzuleben beginnt. Die 
Blößen des Textes deckte d'Albert mit dem buntschillernden Mantel der 
Musik zu. Der Komponist hal den Versuch gemacht, neben die anspruchs 
volle komische Oper das musikalische Lustspiel zu stellen. Tic Mängel 
der Dichtung tragen jedoch die Hauptschuld daran, daß der Komponist 
nicht ins Schwarze getroffen hat: trotzdem war es aber ein respektabler 
Treffer. Die Ouvertüre ist ein liebenswürdig feines Orchesterstück: auch 
der Ansatz zur Melodienbildung neben der deklamatorischen Rezitation 
erwies sich als geglückt. Das Publikum nahm diesen ersten Versuch, 
das Konversalionslustspiel in Musik zu setzen, sehr freundlich aus und 
rief den Komponisten fünf- oder sechsmal vor den Vorhang. 
Berliner Chronik. 
Am 18. Februar starb im 65. Lebensjahre der Kgl. Kommerzien 
rat Otto Dellschau, der Inhaber der bekannten Berliner Essenfirma. 
Am 29. Februar starb im »9. Lebensjahre der König!. Gartenbau- 
Direktor Gustav Adolf Schultz in Lichtenberg. 
Am 20. Februar starb in Potsdam der König!. Oberstabsarzt a. D. 
und Schriftsteller Karl Lange im 86. Lebensjahre. Der Verstorbene, 
der unter dcni Pscudomim Philipp Galen zahlreiche Romane.verfaßt 
hat, war bis vor einem Mcnschenaltcr einer der bekanntesten Roman 
schriftsteller in Deutschland, um dessen Bücher man sich vor 40 bis 50 
Jähren in den Leihbibliotheken förmlich riß. Den großen, äußeren 
Erfolg, den Galen mit seinen Romanen, namentlich mit dem „Irren 
von St. James", „Andreas Burns", „Jnselkönig" und „Walter Lund" 
erzielte, verdankte er seiner Geschicklichkeit, die Fäden der Erzählung 
spannend zu gestalten und Land und Leute anschaulich zu schildern. 
Galen war 1813 als Sohn eines Potsdamer Hofwundarztes geboren, 
studierte unter dem alten Wiebe an der Berliner Pcpiniere und pro 
movierte 1839 mit einer Arbeit über den Kropf zum Doktor. Er machte 
1848 den Feldzug in Schleswig-Holstein mit, lebte feit 1857 in Potsdam 
und trat 1878 in den Ruhestand. 
Ani 23. Februar wurde in der Hedwigs-Kirche ein Trauer- 
gottesdienst zum Andenken an den am 16. d. M. verstorbenen 
Präsidenten der französischen Republik, Felix Faure, veranstaltet. 
Am 23. Februar waren 150 Jahre verflossen, seit in Kassel die 
berühmte Sängerin Gertrud Elisabeth Schmeling, die spätere 
Madame Mara, in Kassel geboren wurde. Die Mara hat in dem 
Kunstleben Berlins unter Friedrich dem Großen eine bedeutende Rolle 
gespielt. Sie war die erste deutsche Sängerin an der Berliner Oper. 
Ihr Engagement war ein Verdienst des Grafen Zierotin. Dieser setzte 
die Anstellung bei dem König durch, der von deutschen Sängern und 
Sängerinnen bis dahin nichts wissen wollte, und der gesagt haben soll, 
er lasse sich lieber „von seinem Leibpferde eine Arie vorwichern", als 
daß er eine deutsche Primadonna für seine Oper engagiere. Als der 
König aber den Gesang der Jungfer Schmeling in Sanssouci gehört, 
war er so entzückt von ihrer Kunst, daß er sie sofort niit einem Gehalt 
von 8000 Thalern für die Berliner Oper anstellte. (März 1771.) Die 
Sängerin trat zuerst in Potsdam in Hasses Oper „Pyramus und 
Thisbe" auf. Ihre Verheiratung mit dem liederlichen Kammermusiker 
Mara führte schließlich zu einem völligen Bruch niit dem König: die 
Sängerin fürchtete den Zorn des letzteren und floh August 1779 nach 
Paris. In Berlin sang sie zum letzten Male im Jahre 1803. 
Am 25. Februar waren 100 Jahre seit der Geburt des Musik 
theoretikers Siegfried Dehn verflossen, der von 1842 bis zu seinem 
am 12. April 1858 erfolgten Tode als Kustos der musikalischen Ab 
teilung der königlichen Bibliothek zu Berlin thätig war. Dehn war 
einer der hervorragendsten Musiktheorctiker, und hat eine Reihe von 
Schülern gehabt, die den Ruhm ihres Lehrers weiter über Deutschlands 
Grenzen getragen haben. Zu ihnen gehören Friedrich Kiel, Anton 
Rubinstein, Theodor Kullak und Martin Blummer, von seinen Lehr 
büchern ist die „Lehre vom Kontrapunkt" das wichtigste. 
Ani 27. Februac feierte Or. Ernst Salkomski, Vorsteher des 
chemischen Laboratoriums im pathologischen Institut von Rudolf Virchow, 
sein 25jähriges Prvfessoren-Jubiläum. Ernst Salkowski, geboren 1844 
zu Königsberg i. Pr., hal sich vorzugsweise ans dem Gebiete der medi 
zinischen" Chemie ausgezeichnet. Nach Berlin wurde er im Jahre 1874 
aus Heidelberg berufen, nachdem er zum außerordentlichen Professor 
befördert war". Er hat in seiner Stelle am hiesigen pathologischen 
Institut zahllose junge Mediziner in die Elemente der medizinisch 
chemischen Technik eingeführt. Von seinen wissenschaftlichen Arbeiten 
stehen seine Studien über die Eiweißfäulnis im Darm und die Bauch- 
speichelabsonderung obenan, ebenso auch seine Beiträge zur chemischen 
Harnanalyse. 
Der Berliner Magistrat hat der Stadtverordnctcn-Versnmmlung 
mitgeteilt, daß er cs nicht für angezeigt hält, an dem gegenwärtigen 
Zustande der Potsdamer Brücke Aenderungen vorzunehmen, und 
die künstlerische Ausschmückung derselben umzugestalten. Die Gelchrten- 
Standbilder, um welche sich die Berliner Grundbesitzer-Vereine bereits 
verschiedentlich bemühten, werden daher ihren gegenwärtige» Standort 
auf der Potsdamer Brücke behalten. 
Ende Februar feiert die älteste Berliner Heidcn-Missions- 
Gcsellschaft (Berlin I), welche in Südafrika, Südost- und Deutsch- 
Ostafrika, in Süd-China (Kanton) und in Nord-China (Kiautschau) 
arbeitet, ihr 75jähriges Bestehen. 
Tic Berliner Akademie der Wissenschaften wählte den Botaniker 
Professor Eugcnius Warm in g von der Universität Kopenhagen zuni 
Mitglicdc der mathematisch-physikalischen Klasse. Unter den. wissen 
schaftlichen Veröffentlichungen Warminas stehen sein Sammelwerk über 
die brasilianische Flora und sein „Handbuch der systematischen Botanik" 
obenan. 
Franz v. Liszt, der bekannte Lehrer des Strafrechts an der 
Universität Halle, hat einen Ruf an die Unversität Berlin erhalten, dem 
er im Oktober d. I. Folge leisten wird. Cs handelt sich bei der Be 
rufung v. Liszts, der ein Better des gleichnamigen Klavicroirtuosen und 
Komponisten ist, um die Schaffung, einer Lehrkraft, die sich neben dem 
greisen, jetzt 80jährigen Fr. A. Berner ausschließlich dem Strafrecht
        
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