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Periodical volume 7.Januar 1899 Nr, 1

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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fie Gegenwart herübergeretteten „Fackeltanz", wobei die jungen Gatten 
-vie auch alle anwesenden fürstlichen Persönlichkeiten unter dem 
Bortritt sämtlicher paarweise geordneter und große Wachsfackeln 
nit silbernen Handschutzblättern tragender Minister die Polonaise 
unzten. So das zauberhafte Sommern achtsfest für die Kaiser 
von Rußland und von Oesterreich im Neuen Palais zu Potsdam. 
Auch in dem Programm und Verlaus der im „Karneval" 
edes Winters stattfindenden Subskripiionsbälle im Königlichen 
Opernhause war alles beim alten geblieben. Sie hatten kurz nach 
dem Kriege ihren höchsten Glanzpunkt erreicht und waren nun 
während mehrerer folgenden Jahre wirklich der Rendezvousplatz 
der kaiserlichen Familie, der ganzen Hofgesellschaft, des höheren 
Beamtentums, der reichen, der wohlhabenden, der künstlerischen, 
der militärischen Gesellschaft Berlins. Der alte Kaiser und der 
Kronprinz verweilten anscheinend mit wirklichem Vergnügen auf 
diesen Bällen, begaben sich während der Souperpanse aus den 
Prosceniumslogen in den dichtgefüllten Riesensaal, wo sie in der 
ihn durchwogenden Menge in kürzerem oder längerem Gespräch 
mit verschiedenen chnen persönlich bekannten Herren und Damen 
verweilten. Die Prinzen tanzten 
in einer Franyaise mit, an welcher 
die jungen Damen und Herren der 
anwesenden hohen Aristokratie und 
des diplomatischen Korps sich be 
teiligten. Bis über Mitternacht 
hinaus blieb die königliche Familie 
und der Hof im Hause anwesend. 
Das Kronprinzliche Paar ver 
anstaltete in seinem Palais während 
des Winters kleinere und größere 
Festlichkeiten und auch wohl ein 
Ballfest in den Elisabethkammern 
des Königlichen Schlosses. Diese 
Feste wichen in ihrem ganzen Ge 
präge und manchen Einzelheiten — 
entsprechend den Persönlichkeiten der 
erlauchten Gastgeber, — von denen 
des Königlichen Hofes ab. Künstler 
und Schriftsteller von Ruf und 
Namen, Größen der Wissenschaft, 
ohne Rücksicht auf ihre liberale 
Parteistellung, waren zu jenen sehr 
viel zahlreicher eingeladen, als zu 
diesen, und das Kronprinzliche Paar 
liebte es, beim Durchwandeln der 
Säle gerade solche Gäste durch ein 
gehende Gespräche auszuzeichnen. 
Die Frau Kronprinzestin, per 
sönlich mit ungewöhnlichem Talent 
für die bildenden Wüste begabt und 
voll lebhaften Interesses für die 
Hebung und Förderung des Kunst 
gewerbes in ihrem neuen Heimat 
lande, — nach dem Muster der 
mit so glänzendem Erfolge gekrönten 
älteren englischen Bewegung aus 
diesem Gebiet — stand zu unseren 
besten Meistern wie zu den Führern 
und Leitern der kunstgewerblichen 
Reformbestrebungen in Berlin in 
direkten Beziehungen und zog diese 
Männer an ihren Hof. 
Der größten Gunst unter den Malern erfreute sich seitens der 
hohen Frau und ihres Gemahls der Wiener Bildnismaler Heinrich 
von Angeli. Durch ein ungewöhnlich schönes weibliches Bildnis 
auf einer Berliner Kunstausstellung von 1872 war die Aufmerksam 
keit des Krvnprinzlichen Paares auf ihn gelenkt worden. Er erhielt 
den Auftrag, die Portraits beider Herrschaften (lebensgroße Knie 
figuren) zu malen. ZurAusführung kam er nach Potsdam und fand im 
Reuen Palais die gastlichste Aufnahme. Außer mit seinem großen 
malerischen Talent war er mit mannigfachen glücklichen, gesellschaft 
lichen Gaben ausgestattet' auch der des wohlklingenden, ausdrucks 
vollen Gesanges, und diese hat viel dazu beigetragen, ihm auch in 
jenen hohen Kreisen vielleicht noch wärmere Spmpathieen zu er 
wecken, als es die Wnst des Malers allein vermocht hätte. 
Die Wertschätzung der Künstler am Krvnprinzlichen Hofe be 
kundete sich in besonders schmeichelhafter Weise auf einem unvcr- 
geßlichen Maskenfest im Winter 1875. Eine Elitcschar von 
namhaften Malern und Bildhauern war dazu entboten, um mit 
zuwirken, ein „Fest am Hofe der Mcdicüer" in Szene zu setzen. 
Die Frau Kronprinzessin erschien dabei in einer dem berühmten 
Damenbildniß von Tizian in der Pitti-Gallerie nachgebildeten, 
prachtvollen Renaissancetracht) Graf Harrach als der Herzog, ihr 
Gemahl) der junge blondlockige Emil Döpler als dessen Schwert 
träger) der Kronprinz in dem roten Kostüm Heinrichs VIII.) die 
Künstler in den reichen malerischen Trachten italienischer, deutscher 
und niederländischer Kavaliere und Malersürsten des 16. und 
17. Jahrhunderts. Sie brachten dem „Medicäerpaar", dem sie in 
feierlichem Zuge nahten, durch den Mund ihres Sprechers, des Malers 
C. Dielitz, eine poetische Huldigung dar, und als Zeichen des 
Dankes für den den Künstlern gewährten fürstlichen Schutz ein kostbares 
Album, zu dem jeder der in dieser Schar vereinigten Meister einen 
Beitrag gestiftet hatte. 
Glänzende Feste wurden von den Botschaftern , der Großmächte 
in ihren Palais veranstaltet. Die erste Gesellschaft Berlins, die 
diplomatische Welt, der Hof, die Minister und andere hohe 
Staatsdiener, die hohen Militairs, eine Schar jüngerer tanzfähiger 
Offiziere und manche geschätzten Persönlichkeiten aus künstlerischen 
und gelehrten Kreisen waren dazu eingeladen. Die Feste in dem 
Palais der britischen Botschaft, 
dem ehemaligen Palais Straus 
bergs des verflossenen „Berliner 
Eisenbahnkönigs", in der Wilhelm 
straße, der Wohnung Lord Amp- 
thills (Odo Rüssel): die in den 
intimen kunstgeschmückten Räumen 
der gegenüber gelegenen Miets- 
wohnung des italienischen Bot 
schafters, Grasen de Launay) die 
in dem von dem österreichisch 
ungarischen Botschafter Grafen 
Karolyi bewohnten Blücherschen Pa 
lais am Pariser Platz gegebenen 
großen Feste, auf denen zuweilen 
auch der Kaiser bezw. das Kron- 
prinzcnpaar erschien, wiesen kaum 
wesentliche charakteristische Unter 
schiede von einander auf. Die 
Gesellschaft erschien meist pünktlich 
um 9 Uhr. Jeder passierte an dem 
Festgeber und seiner Gemahlin 
vorüber, von beiden mit Verbeugung 
bezw. Händeschütteln begrüßt und 
sie in gleicher Form begrüßend. 
Sobald die höchsten, die kaiser 
lichen oder krvnprinzlichen, Gäste 
erschienen waren, und sich im 
großen Festsaal auf den Lehn 
sesseln des für sie aufgestellten 
Hautpas' niedergelassen hatten, be 
gann der Tanz, der bis 11 Uhr 
ohne Unterbrechung fortgesetzt 
wurde. Für die nichttanzenden 
Herren und Damen blieb die Flucht 
der übrigen Säle und Zimmer, um 
beliebig in ihnen zu wandeln, 
in der Unterhaltung miteinander 
zu verweilen und an den aufge 
stellten Büffets mit heißen und 
kalten Getränken, süßem Gebäck, 
Früchten und sonstigen Er 
frischungen sich zu erlaben. In 
der großen Tanzpause fand das allgememeine Ball-Souper statt. 
Mit allen Gängen eines solchen Soupers reichbesetzte Büffets 
lieferten wohlbereitete Gerichte, mit denen die Herren die Teller 
für die an kleinen Tischen sitzenden Damen oft in ziemlich hartem 
Kampf und zäh ausdauerndem Ringen zu füllen trachten inußten) 
— Vorgänge, die sich in vergrößertem Maßstabe, aber in den 
Formen ziemlich genau, auf jedem Ballsest im Königlichen Schloß 
auch heute noch so gut wie damals wiederholen. Nach dem Souper 
wurde der Tanz von neuem aufgenommen, und Dank dem 
reichlich genossenen Champagner mit verdoppeltem Eifer bis gegen 
2' Uhr fortgesetzt, wo dann noch zuni Schluß des ganzen Festes 
Bier, Bouillon und pikant belegte Brötchen dem noch ausdauern 
den Rest der Gesellschaft präsentiert wurden. Das ganze Pro 
gramm dieser Feste in den Hotels der Botschafter ist übrigens 
ebenso wie das der heutigen Schloßbälle in diesen fünfundzwanzig 
Jahren unter keinem Nachfolger der damaligen Diplomaten in 
einem Punkt geändert. — 
(Ein zweiter Artikel folgt.) 
Meininger Bank, Bchrcnstraste. 
Erbauer: Ende und Baeckmann. 
(Zu dem Artikel: ^Fünfundzwanzig Jahre Berliner Knnstentwickelung")
        
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