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Periodical volume 25.Februar 1899 Nr, 9

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Kunst und Wissenschaft. 
Die Neuerwerbungen der Nsiionslgalrrir. 
Im zweiten Corneliussaale der Nationalgalerie sind die Neu 
erwerbungen der Sammlung ausgestellt. Sie erfreuen als erneutes 
Zeugnis von dem Verständnisse des Direktors v. Tschudi für zeitgemäße 
künstlerische Bestrebungen und seinem Grundsätze, die Nationalgalerie 
als eine „Galerie der Lebenden" weiter zu erhalten. Ein Museuni für 
moderne Kunst muß mit der Zeit gehen und darf sich anerkannten 
Meistern der Gegenwart, als Vertreterin für die Entwickelung der Kunst 
wichtiger Bewegungen oder Richtungen, nicht verschließen, wenn es 
Anspruch auf Vollständigkeit machen will. Wo die Ergänzung der 
Sammlung die Erwerbung von Kunstwerken einer früheren Periode 
noch zuläßt, werden dabei immer auch übcrstandcnc Entwickclungs- 
stadicn berücksichtigt werden. Auch hierfür enthält die Ausstellung Belege, 
zugleich aber sind einige Geschenke unter den Neuerwerbungen eine 
erfreuliche Kundgebung selbstlosen Kunstintercsses und der Anteilnahme an 
dem Wachsen der Sammlung als Erziehungsorgans von Seiten des 
Publikums. AIs Werke, die als Wiedergabe der eigenen äußeren Er 
scheinung ganz besonders charakteristisch sind für zwei bedeutende Meister, 
müssen zwei Selbstporträts gelten. Das grau verschleierte, des nervös 
abgespannten Anselm Feucrbach, das vor kurzem bei Gurlitt aus 
gestellt war, und das farbenfreudige Arnold Vöcklins. In der 
Blüte des Lebens, in voller Schaffensfreude und Schaffenskraft steht 
der Meister, Palette und Pinsel in der Hand vor der Staffelet. Wohl 
lauscht er dem Liede vom Vergehen, das der Tod ihm auf einer Saite 
der Geige spielt, aber begeistert und lebensfroh schaut er dabei auf. 
Es blitzt in den Augen und zuckt durch 
die Gestalt wie der Entschluß zu einer 
Verneinung der Vergänglichkeit. Der 
Kunst ist sic möglich. Der Maler hält 
die flüchtige Erscheinung fest zur Dauer 
über die Grenzen irdischen Daseins hin 
aus. Dort Lebensmüdigkeit, grau ver 
schleierte Decadence, hier Lcbcnsfrische, 
Lebenstrop, farbenfreudiger Aufschwung. 
Wie Böcklin war auch Hans von 
Marses ein Phantastckünstler. Mit der 
Erwerbung seines „heiligen Georg mit 
dem Drachen" hat die Nationalgalerie 
eine Ehrenschuld abgetragen, wenn die 
Skizze auch nur eine unzulängliche Probe 
von der Art seines Schaffens giebt. Als 
Debütant erscheint auch Hans Thoma 
dank der Zuwendung eines Gemäldes 
seiner Hand durch Professor Trübn er 
in Frankfurt a. M. Er gesellt sich zu 
Böcklin und Marses als Dritter im 
Bunde und wird, als deutschester der 
Mäler der Gegenwart, hoffentlich noch 
einmal einen ähnlichen Platz in der 
Nationalgalerie einnehmen wie Böcklin. 
Seine poetische „Schwarzwaldlandschaft" 
aus dem Jahre 1872 befriedigt auch tech 
nisch. Ein Bild älteren Datums ist ebenso 
H. von Habcrmann's „Konsultation". 
Vielen wird dieser Habermann lieber sein, 
als der Darsteller des modernen Weibes in 
seiner seelischen Entartung. Das Gemälde 
ist entstanden in einer Zeit, da ein Bild 
noch etwas erzählen und durchgearbeitet 
sein durfte. Eine verhärmte Mutter und Witwe schaut angstvoll gespannt 
nach dem Arzte, der sein Ohr ans den Rücken des kranken Knaben gelegt 
hat. Sie hascht nach einem Zuge in seinem Gesicht, der ihr Gewißheit, 
vielleicht Trost giebt; aber cs verrät nichts. Von einem anderen 
Münchener, L. Dill, ist eine sein gestimmte, in Pastell gemalte Landschaft 
aus Dachau angekauft worden. Das Bild von W. Lcibl's Eigenart 
ist vervollständigt worden durch das Geschenk eines Berliner Kunst 
freundes. Ein prächtiger „Jäger", der, den Stutzen über dem Rücken, 
am Sec steht und Ausschau hält, ist zur „Dachaueria" hinzugekommen. 
Die beiden Gemälde genügen, um die Eigenart des ehrlichen Realisten 
zu kennzeichnen. Skarbina's „Abend" und des verstorbenen Bild 
hauers und Malers Nikolaus Geiger „Sünderin" sind von der 
letzten großen Berliner Kunstausstellung her bekannt. Mit einer 
Kollektion flotter Kreidezeichnungen und Pastelle „Landschaftsstudicn aus 
Obcrbayern und der Maingegend" von Longley S. Wen bau (1848 
bis 1897) ist das Ausland vertreten. Ein ivertvolles Geschenk ist der 
mit staunenswerten: Geschick und ungeheurem Fleiß in Nadelmalerci 
ausgeführte japanische Wandschirm. Fast unglaublich ist die technische 
Fertigkeit, mit der eine Gebirgslandschaft mit waldigen Hohen und 
schäumenden Wasserfällen in dekorativer Stilisierung und doch stimmungs 
voll wiedergegeben ist. 
Der Künstlrr-West-Rlub im Künstlerhaus. 
Man kann nicht gerade behaupten, daß ein ausgesprochen sezcssio- 
nistischcr Geist die Ausstellung des Künstler-West-Klubs besonders her 
vorhöbe aus dem Rahmen der übrigen Darbietungen des Bcrlmer 
Künstlcrhauscs. Die West-Klubisten füge» sich sittsam ein in die Reihe 
anderer Gäste; sie haben in die zahlreiche Gesellschaft eine friedliche und 
beruhigende Stimmung gebracht, deren rosiger Schimmer als Ausdruck 
einheitlichen Empfindens traulich und beschaulich, wie Spitta in 
gleicher Stimmung reimt, verkündet, daß „alles ruht an seinem Ort". 
„Abend" heißt das Haupthcma der Ausstellung; individuelles Können 
allein bringt Wechsel in seine Darstellung, persönliche Neigung und 
Auffassung variieren es als „Abendsonne", „Mondaufgang", „Wenn 
der Nebel steigt", „Sommerabend", „Scheidende Sonne", „Abend- 
wolken", „Feierabend". La saison, Theure, le nioment sind zwar 
ziemlich gleich, aber doch mannigfaltig genug empfunden und aus 
gedrückt, um Eintönigkeit nicht auskommen zu lassen. Oskar Frenzel 
und Georg Schmitgen betonen besonders die koloristischen Luftrcize 
des Abends. Schmitgen malt „Abcnüwolkcn", die gclbleuchtend über 
einer Flnßlandschast hinziehen. Am Ufer liegt, von Bäumen umgeben 
ein niederes Haus. Im Wicdcrschein der Luft blitzen seine Fenster hell 
aus dem Dunkel. Mar Ulh hat ein strohgedektes Bauernhaus ganz 
mit Abcndglut übergössen. Feldmann's Bild „Wenn der Nebel 
steigt" ist in der Stimmung Lenau'icher Schilflieder gehalten und ei» 
Gemälde ohne Abendrot. Zwischen hohen, dunklen Bäumen, die in der 
Dämmerung verschwimmen, liegt still ein Sec. Das Spiel der Fische 
zieht silberne Kreise auf seinem glatten Spiegel. Phil. Frank ist 
Leistikow's Spuren nach dem Gruncwald gefolgt, der ihm in einem 
bescheidenen Motiv nicht seine ganze Poesie offenbart har. Nach Norden 
führt A. Normann mit seiner großen, glühenden Landschaft „Bodü, 
Sommernacht". Es ist Helle, norwegische Sommernacht. Bunt leuchten 
die Häuser Bordös am Strand. Roter Schein liegt aus Höhen und 
Felsen; das Wasser spiegelt Himmclsglut. Kähne, Segelboote und 
Dampfer beleben die klippenreiche Bucht. Das Flirren der Luft ist mit 
technischer Fertigkeit zum Ausdruck gebracht, noch wirkungsvoller fast 
auf dem Sommernachtbild „Balestrand", wo die lichte aus Roigclb in 
helles Grün übergehende Lust durch ihren Kontrast zu der ini Dämmer 
schatten liegenden Fjordlandschaft die Stimmung wesentlich erhöht. Auch 
Heu brich hat nordische Landschaften gemalt. Seine Aquarelle „Nacht- 
landschaft"' und „Dünenlandschaft", und das Oelbild „Meeresstille" 
Das alte Kaiserliche Soinmerpalais in Petersburg. 
Schlüters Wohnung in den Jahren 1713 u. 1714. 
(Nach der Abbildung von Truskow und Cokolow in Gurlitts „Schlüter".) 
find kräftig im Kolorit' in der „Brandung an der norwegischen Küste" 
schließt er sich enger an die Natur an und emanzipiert sich von 
Böcklin. Bor einem Oclbilde Carl Langhammer's ist man von 
Norden plötzlich nach Süden versetzt unter „Italienische Eichen". 
Die Hellen Sonnenlichter ans den grauen Stämmen und die kupfcrigcn 
auf dem Waldbodcn ergeben in ihrem Gegensatz einen schönen Lichlesfckt. 
Ludwig Dettmann's „Mondaufgang" ist ein stimmungsvolles Pastell- 
bild. Durch hohes Korn wandelt ein Liebespaar, aufschauend zum 
Abendstcrn, der silbcrm in dunkelblauer Suft blinkt. Während am 
Abend der Feldarbciter nach Hause schreitet, um auszuruhen vom Tage 
werk, wie Paul Hüniger in seinem „Feierabend" es schildert, beginnt 
für manchem erst die Zeit des Schaffens. In schlichten Zimmer sitzt 
auf Eichstädts großem Gemälde „Beethoven" beim traulichen Schein 
der Lampe und komponiert. Der Symbolist und Stilist des Westklubs 
Hans Looschcn zeigt sich in seinen Skizzen „Frühling", „Sommer" 
uns „Prinzeßchen" stark beeinflußt von Ludwig von Hvfmann. 
Zu dem bengalischen Feuer der meisten Abendbilder kommt noch ein 
bengalischer Tiger von Kuhnert. Der Grausame schleicht lauernd 
durch hohes Rohr und macht in seiner geschniegelten Toilette einen 
recht kultivierten Eindruck. Vor G. L. Mayer's „Dr. Pohl" könnte 
man sich eher fürchten. Der Mime ist mit dem finsteren Ausdruck eines 
tragischen Helden und in der Pose des bedeutenden Künstlers porträtiert. 
Das in Pastell gezeichnete Doppelbildnis zweier Knaben ist eine leben 
dige, ftischc Wiedergabe eines schelmischen Brüderpaares. Eigenartiger 
und sprechend in der Charakterisierung sind die lithographierten und 
gezeichneten Porträts des Großhcrzogs von Weimar und des Humoristen 
Raabe von H. Fcchner. F. Jüttner's humorvolle, zum Teil bos 
hafte Karrikaturen, das wie im Hohlspiegel gesehene Zerrbildnis Ger- 
hart Hauptmann's, der Gottesdienst n. a. m., machen das Zimmer 
der Schwarz-Wcitz-Abteilung zum Lachkabinet. M.' Schlichtiug's. 
Illustrationen zu einem Roniane dienen diesem nicht gerade als Empfeh 
lung. Georg Barlösins hat sich für seine ex lidris ein gutes Vor 
bild gewählt. Wenn er auch Sattler nicht erreicht, hat er doch
        
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