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Periodical volume 25.Februar 1899 Nr, 9

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Großstadt-Poesie. 
ist falsch, zu behaupten, daß unsere Zeit keine Volkspoesie 
dÜS) hervorbringe, daß unser Volk in der Stadt und auf dem 
Lande unpoetisch sei, kein Bedürfnis nach Poesie habe, keine pro 
duktiven Fähigkeiten mehr besitze. Oder um den vageu Begriff 
„Volk" auszuscheiden, ob die große Masse nicht unter sich Dichter 
hervorbringe, die singen und sagen, wie ihnen ums Herz ist, um 
unbekannt und ungenannt die Augen zu schließen, indeß ein paar 
ihrer Gedichte weiterleben und zu Volksdichtungen werden. 
Gewiß ist es richtig, daß die Vorbedingungen zur Entstehung 
einer städtischen Poesie, einer Großstadt-Volkslyrik ungemein un 
günstig sind. Das Milieu der Großstadt mit der Fülle seiner 
Gassenhauer und zuchtlosen Lieder erstickt in vielen den Trieb zum 
eigenen Schaffen. Wie Dienstmädchen, Arbeiter, Handwerker lieber 
zum Briefsteller greifen, um anstatt die einfache Sprache natürlicher 
Empfindung zu reden, möglichst „gebildet" zu erscheinen, so greifen 
diese untersten Stände der Stadtbevölkerung nach den uächslgchörten 
Liedern, die Leierkasten, Harseuweiber, Betteljungen u. a. m. ans 
den Höfen vorragen oder die sie ans dem Tanzboden hören; 
Tingeltaugelbesuche vermehren das unfeine und triviale 
Repertoire und die völlige Unmöglichkeit, ein wirklich gutes Lied 
zu hören, vervollständigt die Verbildung des Bolksgeschmacks und 
verkrüppelt zumeist die Lust zur eigenen Produktion. 
Dazu kommt, daß die schwere Arbeitslast, die der Kampf ums 
Leben den niederen Ständen auferlegt, ihnen die Lust an der 
Poesie zumeist verkümmert. Was an intellektuellen Werten über 
schüssig ist, der Rest von geistiger Kraft, wird ans Politik verwandt, 
und nicht gering ist die Zahl der Arbeiter und Arbeiterinnen, die 
sich heimlich zu Rednern ausbilden und in Arbeiterschulen und 
Volksversammlungen glänzen. Sie finden in ihren Kreisen Wider 
hall und Teilnehmer; Vorträge über Lassalle, das Reich der Inkas 
in Peru, die Entstehung der Dampfschifffahrt u. s. w. werden von be 
scheidenen Intelligenzen gehalten und von noch bescheideneren dankbar 
aufgesogen. Aber noch ist kein Arbeitcrpoet aufgestanden,- ans dem 
Milieu' der Maschinen des großstädtischen Proletariats heraus. 
Diese stumpfe Umgebung, diese jede Individualität mordende Be 
schäftigung, diese nivellierende Thätigkeit duckt poetische Begabungen 
erbarmungslos zu Boden. 
Anders ist es mit der Entstehung neuer Volkspoesie in der 
reinen Luft des Landes. Ich spreche hier nicht als Schüler 
Rousseaus, obschon ich den Genfer Träumer, diese Mischung von 
Narr und Genie innig liebe. Aber auf dem Lande nehmen die 
Sinne nicht jene unzähligen Eindrücke wahr, wie in der Großstadt. 
Zwar werden sie nicht so empfindlich differenziert, wie .die von 
Großstädtern, dafür aber auch nicht so überangestrengt, zermartert, 
vernichtet. Der Städter lebt intensiver, aber der Dörfler tiefer. 
Des einen Ohr hört in einer Stunde hundert Wagen rollen, der 
andere sieht an vielen Tagen keinen einzigen. Und doch, wie ver 
schieden sind diese Eindrücke in ihren Folgen, in ihrer Kraft! 
Was lösen sie in beiden für verschiedene Empfindungen aus! 
Die innere Sammlung, diese eine Vorbedingung volkspoetischen 
Schaffens, ist auf dem Laude vorhanden. Und dieselbe Reichhaltig 
keit deS Erlebens wie vor Jahrhunderten und die Möglichkeit, es 
festzuhalten, auch. Der Winter mit seiner Abgeschlossenheit, die 
Abende mit ihrer Schönheit, die Tagarbeit in der freien Natur, 
lösen noch heute soviel Volkspoesie aus, wie jemals in früheren 
Jahrhunderten. Nichts verkehrter und irriger, fern von jeder Ein 
sicht in das Seelenleben des Landvolkes ist die Ansicht, als ob 
es jetzt unpoetisch sei und nicht mehr Lyrik produziere. 
Gewiß, die Bedingungen, sie festzuhalten sind schwerer geworden. 
Die Möglichkeit, sie drucken zu lassen, ist nur scheinbar ein für die 
Verbreitung günstiges Moment. Vorhandene, bereits gesungene, 
Volkspoesie, die von Lippe zu Lippe fliegt, gedruckte Lieder, die 
von Hand zu Hand gehen, fördern vielleicht den Nachahmungstrieb, 
aber nicht den Trieb zur originalen Produktion. Alle Naturvölker 
erzeugen Poesie aus dem Augenblick für den Augenblick. Sowie 
sich bestimmte Formeln gebildet haben — sei cs durch mündliche 
Tradition festgelegt oder schriftlich fixiert — erlahmt die poetische 
Thätigkeit jedes einzelnen und benutzt die bereits vorhandene episch 
erstarrte Poesie. Genau so wie einzelne Negerstämme es aufgaben, 
sich ihre nationalen Schurzbekleidungen herzustellen, als sie im 
Kattun einen Ersatz fanden, dessen Ankauf ihnen viel Arbeit ab 
nahm, also ihre Faulheit bestärkte. So scheint cs mir gewiß, 
daß die bereits vorhandene Stofffülle von Poesie einer reichen 
Neuschöpfuug hinderlich ist. Der Bauernbursch, der ein Abschicds- 
lied dichten könnte, wenn er wollte, der aber von der in ihm 
schlummernden Kraft keine Ahnung hat, singt lustig die Lieder, die 
er vom Vater, dem Nachbar, oder der Liebsten gelernt hat. 
So ist es begreiflich, daß die Produktion von Volkspoesie in 
diesem Jahrhundert spärlich ist, aber sie berechtigt nicht zu der 
oft ausgesprochenen Anschauung, das Volk sei poetisch unfruchtbar 
geworden. Das Stadtvolk freilich ist es bis heute gewesen. Man 
wird sich mit der Thatsache abfinden müssen, daß die vielen 
Millionen Großstadtbewohner unvergleichlich äriner in der Schöpfung 
von Volkspoesie sind als die gleiche Anzahl Landbewohner. 
Und das ist begreiflich und erklärlich. Wenn wir die Fülle 
volkstümlicher und kunstgemäßer Poesie überschauen, die Deutschland 
besitzt, so erkennt man in dem Leben der Natur die Hauptquelle 
aller Poesie. Man nehme dem deutschen Volkslied die Linde, die 
Eiche, den ganzen Wald, die Nachtigall, die Drossel, den Finken 
und so fort, die reiche Fülle der Feldblumen, kurz, seine unendliche 
Vielheit der Naturempfindungen, die der Nicht-Städter bei genügender 
Kultur der Seele besitzt, und die ganze Poesie ist nicht mehr. 
Die namenlosen unbekannten Verfasser der Volkslieder, die Kunst 
poeten, sie alle operieren mit dem Material, das sie in der Natur- 
gesehen, und aus der Natur herausgeholt haben. Namentlich 
spielen die Eindrücke ans der Kindheit eines Poeten zeitlebens 
eine große Rolle. Gustav Freytag behauptet zwar von sich: „Das 
heitere Licht, welches durch glückliche Häuslichkeit und durch die 
Zärtlichkeit guter Eltern über das ganze Dasein des Kindes ver 
breitet wurde, bewahrt der ältere Mann in der Erinnerung als 
das höchste Glück seiner Jugend, aber schildern läßt sich davon 
nur wenig," — jedoch die Beobachtungen und Bekenntnisse anderer 
Dichter widersprechen dem ganz und gar. Gerade die Jugend ist 
ausschlaggebend für die Geistesrichtnng einer dichterischen Natur. 
So gesteht Goethe noch als alter Mann: „Ja, wenn man in der 
Jugend nicht tolle Streiche machte, und mitunter einen Buckel voll 
Schläge mit wegnähme, was wollte man dann im Alter für 
Betrachtungsstoff haben?" Und Friedrich Hebbel spricht es noch 
offener aus: „Ich bleibe dabei: die Sonne scheint dem Menschen 
nur einmal, in der Kindheit und der früheren Jugend. Erwärmt 
er da, so wird er nie wieder völlig kalt, und was in ihm liegt, 
wird frisch herausgetrieben, wird blühen und Früchte tragen. 
Tieck sagt in diesem Sinne irgendwo: Nur wer Kind war, wird 
Mann; ich erbebte, als ich dies zum erstenmal las." Und Alphonse 
Daudet, der große französische Dichter, dem deutsches Gemüt nicht 
fremd war, sprach einmal mit seinem Sohne von seiner Kindheit, 
um dann fortzufahren: „Für die, die der Genius mit seinem Finger 
berührt hat, sind solche Empfindungen ein unerschöpflicher Schatz. 
Sieh, wie die Goethe, die Hugo, die Chateaubriand und Renan 
immer wieder mit traurigem Lächeln das Haupt rückwärts wenden. 
Sieh, wie sie sich über ihre Wiege beugen. Im Innersten ihres 
Wesens giebt es unerforschte Gegenden, aus denen wunderbare 
Träume über sie kommen. Was einst ihre kleinen Hände berührt, 
ihre Augen gesehen hatten, läßt ihnen, wie uns allen, keine Ruhe. 
Ihre schönsten Saiten sind von Jugend durchtränkt." 
Jugend ... uuh „was ihre Augen gesehen haben." 
Was sieht ein Großstadtkind? Berlins Kinder können daraus 
Antwort geben. Eine Anzahl Lehrer, die die Berliner Schulkinder 
in den ersten Schuljahren zu unterrichten hatten, unterzogen sich 
der Mühe, zu prüfen, welchen Dorstclluugs- und Anschauungskreis 
das kindliche Gemüt in die Schule mitbringt. Die „Blätter sür 
Knabcnhaudarbeit" haben unlängst sehr interessante Mitteilungen 
darüber gemacht. In diesem Bericht heißt es: „Wenn man mit 
den zur Osterzeit in die Schule eintretenden Kleinen die ersten 
Untcrrichtsversuche macht, treten einem, neben geistig regen, eine 
große Anzahl solcher Schüler entgegen, von denen man annehmen 
möchte, sie seien bis dahin blind und taub gewesen. Auch später 
wo immer wieder au die als vorhanden vorausgesetzten An- 
schauungen der Kinder angeknüpft wird, macht man dieselbe Wahr 
nehmung. Besonders den Kindern der Großstädte mangelt es an 
solchen Naturauschauungen, die die Grundlage ■ unseres geistigen 
Lebens bilden: an Wahrnehmungen aus Wald und Feld, von 
Bergen, Thälern und Gewässern, von den einfachsten Beschäftigungen 
der Menschen rc. So ergab sich z. B. bei einer in mehreren 
Schulen Berlins veranstalteten Prüfung, daß von sämtlichen ge 
fragten Schülern von sechs und mehr Jahren gegen 70 pCt. keine 
Vorstellung von Sonnenaufgang und 54 pCt. keine von Sonnen 
untergang besaßen, ferner hatten 76 pCt. keinen Tau gesehen, 
75 pCt. keinen lebendigen Hasen, 64 pCt. kein Eichhorn, 60 pCt. 
keinen Kuckuck, 82 pCt. haben keine Lerche gehört, 49 pCt. keinen 
Frosch, 53 pCt. hatten keine Schnecke gesehen, 87 pCt. keine Birke, 
59 pCt. kein Aehrenfeld, 66 pCt. kein Dorf, 67 pCt. keinen Berg 
und 89 pCt. keinen Fluß. Mehrere Schüler. wollten einen See 
gesehen haben, bei genauerer Nachforschung ergab sich jedoch, daß 
sie einen Fischbehälter auf dem Marktplatz meinten." 
In Berlin wurde probeweise einmal auch eine höhere Klasse 
einer Mädchenschule, die nahe dem Rosenthaler Thor lag, ausge- 
gefragt, wer schon auf einem Berge gewesen sei. Da wurde von
        
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