Path:
Periodical volume 25.Februar 1899 Nr, 8

Full text: Der Bär Issue 25.1899

128 
Verantwortlicher Redakteur: I)r. M. Folticiueauo, Berlin. — Druck und Verlag: Friedrich Schirmer, Berlin 8^V., Neueuburger Strafe Na.. 
Büloin's Aukograpli. Schmeichelhaft. In einer Gesellschaft 
in Berlin, in der der berühmte Musikkünstler Hans von Bülow sich 
befand, bereitete die Hausfrau den Gästen den zweifelhaften Genuß, 
ihnen etwa eine Stunde lang die Schubert'schcn „Müllerlieder" mit 
falscher und unreiner Stimme vorzusingen. Bülow hatte bereits wegen 
des Vvrtrags verschiedene Zeichen hochgradigster Ungeduld gegeben, 
die aber den Höhegrad erreichst, als die Dame mit einem Album aus 
ihn zutrat und ihn mit süßflötender Stimme um ein Autograph bat. 
Mit höflicher aber kalter Verbeugung ergriff der berübmte Musiker die 
Feder und schrieb folgende Variante auf Tcll's Worte: 
„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben. 
Wenn es dem musikalischen Nachbar nicht gefällt." 
Der alte und der junge Moltke. Im Quartier des Grafen 
Bismarck in Versailles hatte sich 1870 eine kleine Zahl Gäste um den 
Abendtisch versammelt. Im Laufe der Unterhaltung bemerkte Jemand, 
der anwesende Moltke sehe jetzt so wohl und frisch ans. „Ja", erwiderte 
Bismarck, „auch ich habe mich lange nicht so gut befunden wie jetzt. 
Das macht der Krieg — und besonders bei Moltke. Der Krieg ist sein 
Gewerbe. Ich erinnere mich, wie er, als die spanische Frage brennend 
wurde, gleich zehn Jahre jünger aussah. Dann, wie ich ihm sagte, 
der Prinz von Hohenzollcrn habe verzichtet, wurde er sofort ganz alt 
und müde. Und als die Franzosen sich damit nicht zufrieden gaben, 
war Moltke auf einmal wieder frisch und jung." 
Berliner Vsterfeirrtags-Vergniigcn vor 50 Jahren. Die 
Weltstadt Berlin 1899 und das Berlin vor 50 Jahren — welcher Unter 
schied zwischen beiden, auch in Bezug auf die Auswahl der Erholungen 
und Vergnügungen, die damals und jetzt den Berlinern zur Verfügung 
standen! Sehen wir einmal, wie man sich in den Qstcrfeiertagcn 1848 
amüsieren konnte! Bei Kroll Konzert, Anfang 4 Uhr, Entree 5 Silber- 
groschen, freier Eintritt für die Abonnenten des Dienstags-Konzerts. 
Tadle d'hütc, das Couvert 15 Sgr., im Hofjägcr „großes" Mililär- 
,Konzert, ausgeführt vom Musikchor des 9. Infanterie-Regiments (Colbcrg) 
unter Leitung seines Direktors, Entree 1 Sgr. In „Sommers Salon" 
Konzert von Joseph Gungl, Entree 5 Sgr., Loge 10 Sgr.' — das 
mochten wohl damals die feineren Vergnügungsorte sein. Denn 
Konzerte, die für l'/ 2 Sgr. von 5—10 Uhr dauerten, oder bei denen 
man an einer Blumenverlosung teilnehmen konnte, oder die sich 
bescheiden nur als „Tronipclenmusik" ankündigten, oder Bälle, auf 
denen uni 12 Uhr große Polonaise durch den Garten stattfand, wobei 
jeder Herr und jede Dame eine „Freiheilsschleifc" erhielt, oder wo 
Entree tiach Belieben zu zahlen war oder Biere und Speisen durch 
„fahrende Kellnerinnen" in einem Rationalkostüm verabreicht wurden, 
oder wo Bedienung durch „Feen" stattfand, oder wo eine „freundliche 
Dänin" in „dortigem" Volkskostüm die Aufivartung übernommen hatte, 
ivaren doch wohi nicht gerade zu den feineren Verguügnnsarte» zu 
zählen. Außerdem konnte der Berliner den „Zanberpalast" des Herrn 
Robin aus Paris, am Spittelmarkt, das mechanische Museum und 
anatomische Kabinett von George und Frechor, auf dem Gendnrmen- 
marktc, sich ansehe», wo auch die Laucousouschc Eule zu bewundern 
ivar, ferner die Tulpen- und Hyazinthcn-Ausstellung in der Fruchtstraße, 
ivo er ein Blumenbouquet gratis erhielt, das Diorama von Karl 
Gropius oder das „große mechanische Kunstwerk, durch 29 automatische 
Figuren belebt", zu herabgesetzten Preisen besuchen oder auch mit der 
„konzessionierten Omnibus-Compagnie" die Chausseestraße hinausfahren. 
Außerdem standen drei Theater zu seiner Verfügung (Opernhaus: 
Don Juan,' Sätauspielhaus: Eniilia Galotti; Königslädtisches Theater: 
Das bemooste Haupt von Rodcrich Bcnedir, am Montag im Schauspiel- 
hause: Götz von Berlichingen von Goethe; im Königstädtischen Theater: 
Einmal hunderttausend Thaler, von Kalisch, eine damals ungemein 
beliebte Passes. Endlich war in der königl. Gießerei, Münzstraßc 10, 
in der Stunde von 10 bis 5 Uhr gegen ei» beliebiges Eintrittsgeld 
zum Besten der Wadzeck-Austalt, die von Ranch modellierte, von Friebel 
gegossene und ciselicrte koUossale Reiterstatue Friedrichs des Großen 
ausgestellt, die erst im Jahre 1851 ihren jetzigen Platz erhielt. D. 
Berliner Theater-Zustände vor 100 Jahren. Einen in 
teressanten Einblick in das Verhältnis, in welchem ehedem in Berlin 
die Schauspieler zu ihrem „Prinzipal" standen, giebt uns ein Kries, 
der bei dem alten, bekannten Berliner Theater-Direktor.Theophil 
Töbellin engagierten Schauspielerin und Sängerin Temoisellc Kneisel 
an ihren Direktor. Derselbe lautet: „Bester Vater! Ta diesen 21. der 
Adreßzcttel von meinen Brillanten fällig ist, welches Sic vielleicht ver 
gessen könnten, so habe ich Ihnen hiermit daran erinnern wollen, 
damit Sie bey zeiten ihre Maßregeln darnach nehmen können. Ich 
bitte also recht sehr, init der Kommission dcrowegen zu reden, damit 
die Sachen nicht verfallen und ich sie zur rechten Zeit wieder bekommen. 
Wenn die Herren den schein etwa wollen erneuern lassen, so sage ich 
ihnen nur, daß ich das schlechterdings nicht wollte, und auf alle Fälle meine 
Sachen noch vier Wochen vor meiner Abreise wieder haben müsse. In 
Erwartung dieses verbleibe Ihre ergebenste Henriette Kneisel." 
Dieser Bries klingt nicht so, als ob die Schauspielerin und Sängerin 
sehr zuversichtlich darauf rechnete, ihre Brillante» auch „rechtzeitig" 
wieder zu erlangen. Auch scheint es fast, als ob die trotz der damaligen 
kleinen Gagen mit Brillanten gesegnete „Kneiseln" ihrem Direktor und ben 
Herren von der Kommissiou gelegentlich ausgeholfen hätte. M. M. 
Ein sonderbarer Rat. Den Juwelier Reclam in Berlin, mit 
welchem sich Friedrich der Große oft herablassend unterhielt, ft'agte 
letzterer, als er gerade bei guter Laune war: „Na, mein lieber Reclam, 
wieviel Kinder hat Er eigentlich?" „Vier, Ew. Majestät," antwortete 
der Gefragte, „und zwar drei Söhne und eine Tochter." „Hm, Töchter 
sind leichte Ware; die muß Er baldigst loszuwerden suchen." „Das ist 
leichter gesagt als gethan, Ew. Majestät", erwiderte der Juwelier, „ich 
bin kein reicher Mann". „Ach was, das thut nichts! Ich will Ihm 
einen guten Rat geben: Er muß fleißig spazieren gehen, daniit die 
Leute aus ihn aufmerksam werden, dabei die Nase recht hoch tragen, 
die Hände auf den Rücken legen und die Backen aufblasen. Tann 
wird man Ihn für einen reichen Mann halten, und Er wird seine 
Tochter bald los werden." — dn — 
Märkischer Adel. 
Die im Sand und die im Luche, 
Jhlow's, Rochow's, Schenken, Buche; 
Die im Busch und die im Felde: 
Arnim, Rohre, Winterfeld c; 
Die im Sumpf und die im Sande: 
Kröcher, Zielen, Jagow, Brande, 
Marwitz, Redern, Jtzenplitze 
Keiner ist der Welt was nütze; 
Alle sind vom selbem Holze: 
Kalten, Hacke, Groeben, Goltze, 
Beuste, Königsmark und Schliebcu 
Das ist unsere böse Sieben; 
Hagen, Erx- und Wartensleben 
Nehmen seliger als geben. 
Die im Wald und die im Dorfe: 
Waldow's, Burgs- und Holtzendvrfse, 
Görtzke, Kanitz, Ouitzow, Quaste 
Blühen all auf einem Aste; 
Die zur Rechten, die zur Linke», 
Alle wollen essen, trinken. 
Die zur Linken, die zur Rechte», 
Alle wollen tapfer fechten. 
Sitzen fest in Sumpf und Heide. 
Aber trotz dem seidenen Kleide, 
Aber trotz der großen Klunker — 
Bleiben's unsere märkschcn Junker. 
(Hcsekicl „Kurprinzenbraut"). 
Eine Anzahl pommrrschrr Siedrlunzren, die unter 
Friedrich dem Großen gegründet wurden, kragen die Namen ihrer 
Gründer: Der Kommandeur der Zicten-Hnsareu Reinhold von Krockow 
erbaute das Vorwerk Reinholdsfelde; der Lieutenant Franz Joachim 
von Puttkamer auf Viartlum, ein Ahne der Fürstin Bismarck, das 
Vorwerk Joachimsthal und die Kolonie Franzdorf, während Anton 
von Puttkanrer die auf seinem Gut Linden dusch 1772 gegründeten 
Kolonien nach sich und seiner Gemahlin Antonswalde und Charlottenthal 
benannte. Das von dem Major von Schweder auf Morzin gegründete 
! Etablissement an der Radne empfing nach dem ältesten Sohne den 
! Namen Friedrichsheide; die Vorwerke eines Herrn von Kamccke die 
> Namen Wilhelmshof und Carlshof. Peter Christian von Kleist aus 
Kl. Cröchhin und Gr. Tychow nannte drei neue Vorwerke nach 
seiner Gemahlin Charlottenau und nach seinen Söhnen Wilhelmshof 
und Johannisberg. Genug, es ist überall die Familienliebe und 
' Familiciitreue, die hierbei ihren Namen gefunden hat. Die oben 
genannten Etablissements sind sämtlich in Hinterpommern zu suchen, 
namentlich in den Kreisen Fürstentum, Schlnwe und Stolp. Diese 
Beispiele mögen das Gesamtbild der dortigen Anlage» vertreten. 
Büchertisch. 
Das XIX. Jahrhundert in Wort und Bild. Politische und 
Kulturgeichichtc von Hans Krämer, in Verbindung mit 
hervorragenden Fachmännern. Berlin, Deutsches Vrr!ags- 
haus Bong & Co. 60 Lieferungen a 60 Pfennig. 
Von diesem Prachtw erst liegt jetzt der erste Band, der 21 Hefte 
umfaßt, vor. Zu demselben hat die Verlagsbuchhandlung zwei 
Original-Einbanddecke» herstellen lassen, die eine in eleganter 
Leinwand (Halbfranz-Imitation) nach einer Komposition von 
M. Tutzoner, sie kostet 1,50 M., die andere, in echtem Pracht- 
Halbfranz mit echter Vergoldung, nach einer Komposition von Prof. 
E. Döpler d. I, zum Preise von 2,50 M. 
Von dem zweiten Bande liegen bereits die Lieferungen 22 u. 23 
vor. Dieselben geben den früheren Lieferungen an Gediegenheit des 
Inhalts und Reichtum der künstlerischen Ausstattung nichts »ach. Der 
22. Lieferung ist ei» interessantes Buntbild „Justus Liebigs 
chemisches Laboratorium auf dem Scltcrsberg zu Gießen 
um das Jahr 1840" (nach einer gleichzeitigen Darstellung von Wil 
helm Trautscholdj beigcgebcn. Das' 23. Heft führt uns in fesselnden 
Bildern die wichtigsten Parlamente zur Zeit der deutschen Ber- 
fnssungskämpfe, insonderheit die denkwürdige Nationalversamm 
lung in der Frankfurter Paulskirchc (nach einer Zeichnung von 
Paul Bürde) vor Augen. Außerdem ist cs mit einem hervorragenden 
Kunstblatt „Ruinen eines pompejanischen Hauses" geschmückt. 
Felix Dahns sämtliche Werke poetische» Inhalts. Leipzig, 
Breitkopf & Härtel. 75 Lieferungen zu je 1 M. Auch gebunden 
in 21 Bänden für 96 M. Monatlich 3—4 Lieferungen oder ein 
Band. 
Mit dem vor kurzem erschienenen VIII. Band dieser Gesamt 
ausgabe von Felix Dahns Werken ist der bedeutendste Roman 
dieses deutschen Dichters „Ein Kamps um Rom" in der billigen 
Ausgabe abgeschlossen. Ueber die Hälfte sämtlicher Bände ist bis jetzt 
erschienen, darunter Baitd I—VIII, enthaltend sieben Romane, ein 
schließlich des vollstäitdigcn „Kampfes um Rom". Der Preis dieser 
8 Bände ist gebunden 36 M., also kosten dieselben nur wenig 
mehr als die Einzelausgabe des Kampfes um Rom allein. 
Außer den genannten 8 Bänden sind bereits erschienen: Band IX: 
Gelimcr, Die schlimmen Nonnen von Poiticrs; Band XV: Kleine 
nordische Erzählungen: Baud XVI u. XVII: Gedichte I u. II; Band XIX: 
Dichtungen; Band XX: Schauspiele. Die zweite kleinere Hälfte der 
Bände erscheint im Lause dieses Jahres, und zwar so, daß sämtliche 
Bände bis zum August vorliegen werden.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.