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Periodical volume 18.Februar 1899 Nr, 7

Full text: Der Bär Issue 25.1899

lichen Sängers in selten erreichter Vollendung. Auch ans des „Geiger- 
königs" menschliches und künstlerisches Herz machte sic einen tiefen und 
mächtigen Eindruck. Was vorauszusehen war, geschah. Joachim warb 
um ihre Hand, und sie wies ihn nicht ab. Eine ans der innigsten 
Sympathie, Verwandtschaft der Charaktere, Uebereinstimmung der künst 
lerischen Sinnesart und Geschmacksrichtung basierende Ehe schien cs 
zu sein, welche dies, das Niveau der großen Menge so weit überragende 
Menschenpaar vereinigt hatte. Nie hat eines großen Musikers Gattin 
in ihren Kunstleistungcn sich so vollkommen dem Stil derer ihres Mannes 
anzupassen verstanden wie Frau Joachim. Mau muß es iu den ersten 
Jahren ihrer Ehe gehört haben, wenn sie mit der, ich möchte sagen 
monumentalen, Größe ihres Vortrags Bachsche Arien sang, und Joachim 
sie ans der Geige begleitete. Ein herrlicherer Eindruck ist ans diesem 
Gebiet nie hervorgerufen worden. Beider Klänge schienen der gleichen 
Seele entströmt zu sein — und welch einer Seele voll Hoheit, reinstem 
Adel, heiliger Begeisterung — und die Kraft des Genies, die erhabensten 
musikalischen Gedanken der größten, im Tiefsten sinnigen Meister in 
Klängen zu verwirklichen. — 
Als das Königshaus von Hannover iu den Stürmen des deutschen 
Krieges hinweggefegt war, wandte sich das Joachimsche Paar, ebenso wie 
Albert Niemann und Bernhard Scholz, der ersterem auss innigste be 
freundet ivar, nach Berlin, dessen musikalische Kreise sich zu der Erwerbung 
solcher neuen Größen für das Kunstleben Berlins aufrichtig Glück 
wünschten. Bon der Bühne aber hatte Frau Joachim, ich glaube, schon 
seit ihrer Verheiratung, Abschied genommen. Sie widmete ihr Talent 
seitdem nur noch den Gesangsvorträgen in öffentlichen Konzerten und 
kirchlichen Oratorien. In jeder Art solches Konzertgesanges vollbrachte 
sie hohe und reizende Wunder. Jeder ernstesten und jeder heitersten Gat 
tung zeigte sie sich gleich gewachsen. Tic Stimme war von unvergleich 
licher Gesundheit und .Fülle, die Kunst ihrer Behandlung zur reifsten 
Meisterschaft entwickelt. So wußte sie Bach, Händel und Gluck, Schubert, 
Schumann und Brahms, aber nicht minder auch die einfachsten, heiter» 
und schwermütigen Volkslieder so zu singen, daß der Hörer immer die 
Empfindung hatte, so und nicht anders könnten sie von ihren Kom 
ponisten gemeint und mit dem inneren Ohr gehört worden sein, als sie 
ihrer Seele aufgingen. Aber selbst dem Vortrag der beitern und scherz 
haften Lieder fehlte nicht der eigentümliche Zug von Grüße, welcher der 
eigensten Natur der Sängerin entsprang. — Das schöne menschliche Glück, 
das sie in der Ehe mit dem kongenialen Meister genossen hatte, währte 
rur bis zum Anfang der achtziger Jahre. Beider Naturen schienen 
so ganz für einander geschaffen. Aber es wiederholte sich auch hier: 
„Es flieht von uns, was erst sich uns ergab, wir lassen los, was wir 
begierig faßten. Es giebt ein Glück: allein wir tennen's nicht. Wir 
kcnnen's wohl und wisscn's nicht zu schätzen." Nach langen peinlichen 
Verhandlungen, öffentlichen gegenseitigen Bezichtigungen und Anklagen, 
die in der Berliner Gesellschaft schmerzliche Sensation erregten, wurde 
die Ehe gerichtlich getrennt. Aber der unliebsame Eindruck, den diese 
Vorgänge hervorrufen mußten, war bald verwischt und verschwunden 
und blieb ohne Einfluß auf die Wertschätzung und die hohe künstlerische 
Bewunderung jedes der beiden Künstler. 
Amalie Joachims Erfolge und Ruhm blieben immer noch im 
Wachsen. Sie zeigte sich so außerordentlich als Lehrerin ihrer Kunst 
wie in deren Ausübung. Die jungen Sängerinnen, die sich ihrer Lehre 
anvertrauten, lernten sie zugleich wie eine gütige Mutter verehren. 
Wenn sie ihre Liederabende im großen Saal der Philharmonie veran 
staltete, saßte der enorme Raum mit seinen Logen und hunderten von 
Stehplätzen in den bedeckten Seitenteilen unter den Galerien seiner 
West- und Südseite kaum die Masse der herbeiströmenden Hörer und 
Hörerinnen, von deren jubelnden Beifallsstürmen nach jedem Liede das 
Haus erbebte. Ganz originelle und tief eindrucksvolle Vorführungen 
der großen Künstlerin waren die historischen Konzerte: da ließ sie die 
Entwickelung des deutschen Liedes an ihrem Publikum vorüberziehen, 
indem sie die nicist charakteristischen Proben deutscher Liedkomposition 
aus den verschiedensten Epochen dieser Entwickelung in unübertrefflicher 
Stilechtheit den entzückten Hörern vortrug. Nun ist diese anscheinend 
unverwüstliche Stimme für immer verhallt, der liedersüße Mund für 
immer geschlossen. Aber denen, welche dessen Gesängen einst gclaüschi 
haben, klingen die Töne wohl zeitlebens in der Seele nach, und in der 
Ueberlieferung lebt für alle kommenden Geschlechter der Nance Amalie 
Joachim als der einer der größten Meisterinnen fort, die je mit der 
bolden und heiligen Kunst des Gesanges Mcnschenherzcn gerührt, 
erhoben und beglückt haben. 
Deutschlands erste Kriegsdampfer. 
/Eine Flotte! Eine Flagge! So rief man in deutschen Landen von 
den Meeresküsten bis zu den Alpen, von der Memel bis zur 
Maß und Mosel während des deutsch-dänische» Krieges. In Volks 
versammlungen wurde überall die Flottenfrage erörtert, die Zeitungen 
besprachen die Notivendigkeit, und zahlreiche Broschüren forderten die 
Schaffung einer deutschen Flotte, als im ereignisvollcn Sturmjahre 
1848 Dänemark cs wage» durfte, mit seiner geringen, aber doch aus 
reichenden Seemacht unsere Häfen zu blockieren und damit unseren 
Sechandel zu hemmen, ohne die wohlverdiente blutige Abfuhr befürchten 
zu müssen. Zwar liefen schon damals zahlreiche Schiffe ans de» 
Häfen der langgewundenen Meeresküsten vom Tollart bis zur Memel- 
mündnttg: zwar zeigten diese Schiffe ihre Flaggen schon damals ans 
allen Meeren. Aber die Küsten waren nicht durchweg deutsch, die 
Schiffe waren unbewaffnet, diese Flaggen zeigten nicht die deutschen 
Farben. Siebenfach waren die Flaggtücher wie die Landesfarben der 
vier Strandstaaten und der drei See-Hansastädte Deutschlands: Hannover, 
Oldenburg, Breinen, Hamburg, Lübeck, Mecklenburg, Preußen. Es 
waren nur die Flaggen ihrer Kauffahrer. Und das von Heiden Meeren 
„umschlungene" deutsche Land Schleswig-Holstein wurde von „Kjoben- 
havn" aus regiert. 
So war es vor rund fünfzig Jahren! So war es zur Zeit des 
deutschen Bundes! 
Muß es uns aber nicht seltsam verwunderlich erscheinen, daß das 
großc römische Reich deutscher Nation trotz seines ausgedehnten Küsten 
besitzes die Notwendigkeit einer Kriegsflotte niemals erkannt hatte? 
Nachdem die Flotte jahrhundertelang ein schöner Traum der 
Teutschen geblieben, war cs dem Jahre 1848 beschieden, an verschie 
dene» Punkten des Vaterlandes und fast zu gleicher Zeit Flotlenkeime 
zu pflanzen und zu pflegen. Es erschienen die deutsche Bundesflotte, 
die schleswig-holsteinsche Flottille, die preußische Marine an der Nordsee 
und an der Ostsee, die Schiffe der deutschen Bundesflotte (1848—1852), 
das Wesergcschwadcr, die Hamburger Flottille, die Ostsecschiffe, die 
Bundcsflagge, die Uebungsfahrt, Duckwitz und Brommy, Flottcneude. 
Während die Marinen der längst sccuiächtigeu Nationen zu jener 
Zeit zum allergrößten Teile aus Segelschiffen bestanden.und der Dampf 
kraft zögeriid nur den Zutritt gestatteten, weil sic mit Segelschiffen jahr 
hundertelang ihre Schlachten geschlagen, ihre Sccsiegc erkämpft hatten, 
ist cs sehr bemerkenswert, daß mau in Deutschland sofort bestrebt war, im 
Gegensatz zu den anderen, eine Dampferfloltc anzuschaffen. Raddampfer 
waren cs zu jener Zeit, welche seit acht Jahren von Europa aus die 
regelmäßige ozeanische Postverbindung mit Nordamerika unterhielten. 
Raddampfer waren es auch, die hier und da begannen, in den Kriegs 
flotten eine Nolle zu spielen. Raddampfer waren cs gleichzeitig, welche 
Deutschland für seine Flotte zu erwerben trachtete, obgleich der Sieg 
der Schraube über das Rad bereits entschieden war. 
Schwerfällig nur, wie einst dei Indienststellung des Dampfes statt 
des Segels, gingen die Marinen trotz „Archiinedcs" daran, sich der 
Schraube zu bedienen. Und wieder war es, wie damals, die Handels 
flotte, welche die Vorteile der Propcllcrschraube schnell erkannte und für 
sich zu gewinnen bestrebt war. 
Die Zeit war deshalb günstig für den Ankauf von Ozeandampfern: 
die Dampfergesellschastcn, die Eunard Kompagnie voran, waren bemüht, 
sich ihrer Radschiffe zu entledigen, um fortan ausschließlich Schrauben- 
fchiffe zu bauen rind iu Fahrt zu stellen. 
Als im Fünfziger-Ausschuß, April 1848, in Frankfurt die Flotten 
sache zur Sprache kam, trug Duckwitz-Bremen darauf an, das in Liver 
pool liegende Raddampfersiyiff „United States" zu kaufen: ein Beschluß 
kam nicht zustande. Nach Jahresfrist wurde dieses Schiff dennoä, 
für die Bundesflotte angekauft. Ter Bundestag ernannte aber einige 
Tage nachher eine Kommission für Mariucangelegcnheitcn und beauf 
tragte Banks-Hamburg, in England sich »ndi anzukaufenden Kriegs 
schiffen umzuschauen. 
I» Hamburg.hatte sich inzivischeu ein Ausschuß zur Annahme von 
freiwilligen Beitragen gebildet, um einige Handelsschiffe anzukaufen und 
als Kriegsschiffe zu bewaffnen. 
Am 18. Mai eröffnete die Rational-Versarnmlnng ihre Sitziuigeit 
in Frankfurt, bildete einen Marine-Ausschuß und beivilligte auf dessen 
Bericht sechs Millionen Thaler zur Begründung einer Flotte. 
Leicht war die Bewilligung, schwer die Einziehung der Gelder. 
Wie vieles damals aus Rand und Band ging, so ivar nncli der Bundes 
tag der Zeutralgcwalt gewichen: Minister wurden ernannt: am 5. August 
trat Duckwitz als Handelsministcr ein. Am 5. September trat das 
Ministerium ab, am 18. September ein neues an. Im Oktober erinnerte 
man sich der Marine, und Duckwitz, Marineminister im Nebenamt, 
wurde beauftragt, eine passende Persönlichkeit für die Flottensache zu 
gewinnen.' 
Ter Rcichsverwescr Erzherzog Johann wurde veranlaßt, den Prinzen 
Adalbert um Rat zu ersuchen. 
Endlich fand Duckwitz unter den Marineoffizieren des Auslandes 
den Kapitain Brommy, Sachse von Geburt, in griechischen Diensten, 
für die Leitung der Marinesache. 
Es handelte sich nun um den Erwerb von Schiffen. Der öster 
reichische Lloyd in Triest war die einzige Rhederei, welche eine größere 
Dampfcrflottille besaß. Die Anfrage wegen Ucberlassung von Dampf 
schiffen für den deutschen Bund wurde abgelehnt. 
Die österreichische Regierung, in der Adria beansprucht, war „ver 
hindert", am Seekriege sich zu beteiligen. 
Am 31. Mai trat in Hamburg der vom Fünfziger-Ausschuß bean 
tragte Marine-Ausschuß zusammen. Die Kommission, ein früherer See 
offizier und einige Schisssbaucr saßen auch darin, fand in vier Tagen 
schon, was nötig sei: daß die gesamte Flotte in beiden Meeren zu be 
stehen habe aus acht schweren, vier leichten Fregatten, sechs Dampf- 
korvetten, fünfzig Kanonenbooten für die Nordsee, hundert Kanonenbooten 
für die Ostsee, im ganzen hundcrtuudachtundsechzig Fahrzeugen. Und 
folgender Kostenanschlag wurde aufgestellt: Anschaffungskostcu 9850000 
Thaler, jährliche Unterhaltungskosten 1500000 Thaler, für Mannschaften 
der Schiffe 1590000 Thaler. Dieser leicht gefundene Antrag ist Projekt 
geblieben. Gleichfalls am 31. Mai wählte das Frankfurter Parlament 
einen Marine-Ausschuß.
        
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