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Periodical volume 18.Februar 1899 Nr, 7

Full text: Der Bär Issue 25.1899

drängen. Es muß als das unbestreitbare Verdienst des Herrn 
Julius Rütgers, des Begründers des gleichnamigen Berliner 
Welthauses, bezeichnet werden, in dieser Hinsicht bahnbrechend vor 
angegangen zu sein. Er wies durch weitgehende Versuche die voll 
kommene Wirksamkeit des Theeröls als Holzkonservierungsmittel 
nach, zeigte, wie die Eisenbahnschwellen behufs ihrer Imprägnation 
behandelt werden müssen, damit sie gegen alle Einflüsse der Natur 
vor Zerstörung möglichst lange bewahrt bleiben. Bezog er bisher 
das für seine hier und dort errichteten Imprägnierungs-Anstalten 
benötigte Theeröl aus England, so faßte er 1860 den bedeutsamen 
Entschluß, eine eigene Steinkohlentheer-Destillation ins Leben zu, 
rufen. Das bald darauf in der Ortschaft Erkner bei Berlin er 
öffnete Etablissement von Julius Rütgers wurde die erste 
größere Fabrik in Deutschland, welche die Verarbeitung des Stciu- 
kohlentheers unternahm. 
Zu dieser Zeit galt noch immer das bei der Destillation des 
Steinkohlentheers abgeschiedene leichte Theeröl, das fast aus 
schließlich zur Herstellung des Brönner'schen Fleckwassers benutzt 
wurde, als lästiges Nebenprodukt. Trotzdem hatte schon imJahre1856 
der Engländer Perkins die Entdeckung gemacht, daß die vonHofmann 
aus dem leichten Oel des Steinkohlentheers erzielte Base, das Anilin, 
durch Oxydation mittels chromsaureu Kali und Schwefelsäure 
einen schönen Farbstoff in violetter Tönung hervorbringe. Er 
stellte diesen Stoff, dem er die Bezeichnung „Mauvein" gab, fabrik 
mäßig her und brachte ihn in den Handel. Doch bereits nach 
zwei Jahren konnte auch der unermüdliche Forscher A. W. Hofmann 
der Großen Chemischen Gesellschaft in London und der Akademie 
der Wissenschaften. in Paris die epochemachende Mitteilung zustelle», 
daß ihm unter der Einwirkung von Chlorkohlenstoff auf Anilin bei 
einem bestimmten Hitzegrad die Erzeugung eines karmoisinroten 
Farbstoffes geglückt sei. Unter dem mächtigen Eindrucke dieser 
Entdeckung begann man nunmehr von verschiedenen Seiten den 
Versuch zu wagen, die industrielle Darstellung dieses Farbstoffes 
zu bewirken. Doch alle dahin zielenden Unternehmungen ergaben 
vorerst eine absolute Erfolglosigkeit. Der erste, der es erreichte, 
diesen neuen Farbstoff in fabrikmäßiger Herstellung zur Erscheinung 
zu bringen, war der französische Chemiker Vergütn. Er rief dieses 
Produkt, unabhängig von der Hofmannffchen Entdeckung, mit Hilfe 
von Ziunchlorid hervor und verlieh ihm den Namen „Fuchsin". 
Nun betrat wieder Hofmänu die Arena des wissenschaftlichen 
Wettbewerbes und gab nicht nur eine vollständige Aufklärung über 
die Natur des Fuchsins, sondern eröffnete der staunenden Welt, 
daß er bei der Erforschung dieses Stoffes einen neuen Körper, das 
sogenannte Ros anilin, entdeckt habe, aus welchem sich eine Reihe 
farbiger Derivate gewinnen ließen. Das eine derselben, Hofmann's 
Violet, errang bald durch die Schönheit seiner Farbentönung einen 
Weltruf. Nun waren die Pforten zur Entwickelung der Anilin- 
farben-Fabrikation erschlossen, nun entstandffene großartige Industrie, 
die umgestaltend und befruchtend auf eine Reihe der wichtigsten 
gewerblichen Schaffenszweige eingewirkt und ein Wesentliches dazu 
beigetragen hat, den Geschmack und Farbensinn des Volkes zu 
veredeln. 
Zwar muß man England als die Heimstätte der Stciukohlen- 
theer-Destillation bezeichnen, zwar wurde in Frankreich, wie wir 
bereits hervorhoben, das erste industrielle Unternehmen zur Erzeugung 
der Theerfarben ins Leben gerufen. Dennoch ist es ein Deutscher, 
ein Bewohner der Mark gewesen, welcher das erste Saatkorn aus 
gestreut hat, aus dem allmälich diese weltbewegende Errungenschaft 
hervorgegangen ist,' war cs ein deutscher Forscher, ein Lehrer der 
Berliner Hochschule, durch dessen klassische Untersuchungen und ziel 
bewußte Entdeckungen der fruchtbare Boden für die mächtige Ent 
faltung der Industrie der künstlichen Farbstoffe geschaffen wurde. 
Ueberdies wurde die preußische Hauptstadt gar bald der Sitz eines 
der bedeutendsten Etablissements dieses neuen Gebietes der Farben- 
industrie, eines Unternehmens, das mit rastlosem Eifer und durch 
selbstschöpferische Jdeeen daran mitgearbeitet hat, die von ihm ge 
pflegte» Zweige der Theerfarbenindustrie in erfolgreichstem Maße 
weiter auszubilden. Unsere Worte beziehen sich aus die weit über 
Europa hinaus rühmlichst bekannte Aktiengesellschaft für 
Anilin-Fabrikation zu Berlin. Der Ursprung derselben ist 
auf das Jahr 1867 zurückzuführen, zu welcher Zeit die beiden 
verdienstvollen Chemiker Dr. C. 21. Martins und Dr. Paul 
Mendels so hn-Bartholdy sich zur Errichtung einer Industrie- 
stätte für Anilinfabrikation vereinigten. 2lus einer Fusion dieses 
Etablissements mit der bereits seit längerer Zeit betriebenen Farben 
fabrik von Dr. Jordan am damaligen Wiesenufer, der heutigen 
zur Ortschaft Treptow gehörenden Lohmühlenstraße, entstand ani 
Ende des Jahres 1872 die betreffende Aktiengesellschaft. Das von 
Tübner gewonnene Malachitgrün mit seinen prächtigen Ab- 
stufungen, ein wirkungsvolles Ponceau, mit welcher Farbe die 
Firma ihre so ersprießliche Thätigkeit in der Herstellung der 
sogenannten Azofarbstoffe eröffnete, bildeten die ersten Ergebnisse 
im Schassen dieser Jnduslriestätte, welche ihren Ruf begründeten. 
2lls sie dann später das Patent Böttigers zur Erzeugung der 
nunmehr in ausgedehntem Ai aßstabe eingeführten Kongofarb- 
stvffe erwarb, begann für sic eine neue Aera der Entwickelung. 
Die genannten Farbstoffe bilde» eine Gruppe von Azofarben, 
welche sich, den eigentlichen Anilinfarben entgegen, in der denkbar 
einfachsten Weise ohne vorherige Beizung auf Baumwolle fixiren 
lassen. Wir werden in der nächsten Schilderung es versuchen, 
auf die einzelnen Vorgänge in den wechselreichen Arbeitsprozessen 
dieser wichtigen Industrie näher einzugehen. 
Wenn man die fast unbegrenzt zu Nennende Fülle der herr 
lichen Farbenerscheinungen, welche durch die Zauberkraft der 
Wissenschaft dem Steinkohlenthcer entzogen werden, zu überblicken 
versucht, dann empfängt mau erst eine Anschauung von der welt 
bewegenden Bedeutung dieser Industrie. Das mächtige Gebiet des 
textile» Schaffens, die Industrie der künstlichen Blumen und der 
Putzfedern, die Kunst des Färbens von Pelzwerken, Leder, Papier 
und Holz, alle diese industriellen Zweige haben durch die Her 
stellung der Theerfarben einen Aufschwung von größter Tragweite 
genommen. Zum . Färben gewisser Nahrungs- und Genußstoffe, 
namentlich aber als Hilfsmittel in der Mikroskopie — wir erinnern 
nur an alle bakteriologischen Untersuchungen — können die Anilin 
farben kaum mehr entbehrt werden. 
Naturgemäß nahm nun auch die Theerdestillation in Erkner 
durch den sich fortgesetzt steigernden Begehr nach Benzol, Toluol 
und den anderen leichten Theerölen einen ungeahnten Aufschwung. 
Ihre Bedeutung wuchs noch in beträchtlicher Weise, als Joseph 
Lister mit seiner antiseptischeu und aseptischen Wundbehandlung 
eine neue Epoche der Chirurgie begründete und nun die. schwerer 
flüchtigen Theeölbestaudteile, wie Karbolsäure und Phenol, das 
namentlich zur Darstellung von Salicylsäure dient, weitgehende 
Nutzanwendung fanden. So konnte die chemische Forschung gerade 
durch die weitere Ausbildung der Theerölindustrie Triumphe feiern, 
die man als unvergänglich bezeichnen darf. 
Die Erstaufführung von Schillers Piccolomini in Berlin. 
(1.8. Februar 1799). 
t wei Jahre hatte Jffland die Direktion des Königlichen Natioual- 
theaters bereits geführt. Ein neuer Geist schien seitdem 
in das Haus auf dem Gensdarmenmarkt, dem alten französischen 
Komödienhaus, eingezogen zu sein. Junge, frische Talente ver 
liehen den Aufführungen Glanz und Leben. 2luch die älteren 
Kräfte thaten sich ganz außerordentlich hervor, so entstand denn 
ein Ensemble, an welchem die kunstsinnigen Berliner gewiß ihre 
Freude haben konnten. — Vor allen Dingen war es die realistisch 
wunderbar wirkende Friederike Unzelmanu, in tragischen Rollen 
sowohl als in der Komödie gleich groß, das unordentliche Genie 
Fleck, wie Jffland diesen Künstler späterhin mißbilligend zu nennen 
pflegte, welche Unerreichtes schufen. Jffland selbst, der ruhige, 
strebsame Künstler, Mattausch, Liebhaber und Held in der Voll 
kraft urwüchsiger Jugend und Schönheit. Das Berliner Publikum 
hatte sich ziemlich schnell an das neue, taktvolle Auftreten Jfflands 
gewöhnt. Das junge Herrscherpaar zeigte ihm ebenfalls freund 
liches Wohlwollen, mit einem Worte, die Klärung war da, das 
Deutsche Schauspiel, bis dahin etwas vereinsamt, sollte von nun 
an in ein neues, würdiges Stadium treten, künstlerische Erfolge 
im wahrsten Sinne des Wortes erringen. 
Das Berliner Publikum fing jetzt au, die Komödianten zu 
achten. Jene Skandalosa, die ein Czechtitzky noch vor neun Jahren 
heraufbeschwor, indem er durch seine bodenlose Spielwut den Ber 
linern genug Stoff zum Reden und Lachen auf offener Szene gab — 
sprach man doch davon, daß er sich einstens thatsächlich im Golde 
gewälzt hätte, als er einmal 200 000 Friedrichsdor im Hause 
gehabt, um seinen Freunden ein neues ergötzliches Schauspiel vor 
zuführen — die Abenteuer der schönen Baranius, welche in glück 
lichster Weise, mit Prinzessin Ananas, der Lichtenau, in der Gunst 
hoher und höchster Herren konkurriert hatte — nun alles tempi 
passati. Jene Verordnung des Königlichen Hof- und Kammer 
gerichtes: den bei der Oper und Komödie beschäftigten Personen 
weder Geld noch an Waren etwas zu borgen, da etwa darauf 
bezügliche Einklagungen doch nichts fruchten würden, war schon 
lange aus den öffentlichen Blättern verschwunden, der Komödianten 
rummel hatte sein Ende erreicht. 
Selbst Herr Fleck, der verzogene Liebling der Berliner, beugte 
sich alsbald dem strengen Regime. Als Regisseur verstand er es, 
den neuen Direktor für sich zu gewinnen, wenigstens in der ersten 
Zeit, späterhin traten alte, unverbesserliche Gewohnheiten wieder
        
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