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Periodical volume 18.Februar 1899 Nr, 7

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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im Märkischen Museum, ist noch auf die jüngere Steinzeit zu be 
ziehen. Auf die Ilebergangszeit zur Bronzeperiode deuten schön 
gearbeitete Steinbeile, welche das Königliche Museum bei der Ein 
richtung des Packhofs und des Königlichen Proviantamts gewonnen 
hat. Andere von mir gesammelte Topfreste und Abfälle find noch 
jüngeren Datums und wendischen Fischern zuzuschreiben, während 
jene Germanen hier wohl mehr der Waidlust obgelegen haben. 
Zu einem nahegelegten Vergleiche mit dem Wnlwe-Lanken- 
Zuge ladet das Gewässer und Gelände ans dem linken User ein. 
Die älteren Berliner entsinnen sich noch des Spreearmes, welcher 
hinter der Insel Rosenau einschnitt und in seiner Verschüttung die 
Richard Wagnerstraße ergeben hat. Vom vorigen Jahrhundert 
bis in die fünfziger Jahre dieses Jahrhunderts lief hier die ele 
gante Welt Berlins Schlittschuh; man gelangte ans das Eis durch 
die Zelten-Wirtshäuser, die gleichzeitig den Eisläufern und Zu 
schauern zur Erholung dienten. 
Aehnlichc Gewässer als Reste des Hauptstroms der Urzeit 
verbargen sich bis vor kurzem im Park Bellevue, sie sind auf Aller 
höchste Veranlassung verschüttet worden, weil schlechte Luft im 
Hochsommer verbreitend. Dann folgen die nur noch zum Teil in 
der Nähe erhaltenen kleineren Tiergarten-Gewässer und hart an 
der Grenze mit Charlottenburg der Waidgraben, ein für die 
Guttmannschen Mörtelwerke ausgebauter Hafen, der das Schles- 
wiger Ufer unterbricht und früher hier eine Brücke hatte. Auch 
dieses Gewässer ist in Folge geplanter neuer Straßenanlagen un 
mittelbar mit Verschüttung bedroht. In unserem Nachbarorte 
Charlottenburg endlich tritt die ähnliche Verteilung von Wasser 
läufen, Wiese und Sand insbesondere noch im Schloßgarten hervor, 
obwohl auch hier bereits mehrere Gewässer, sei es natürlich zn- 
gelandct, sei cs aus ähnlichen Rücksichten wie in Bellevue vor 
einigen Jahren, künstlich verschüttet worden sind. 
Es erübrigt nun noch, einige geschichtliche Rückblicke auf den 
Kaninchenberg und die Wulwe-Lanke im Zusammenhange mit Alt- 
Moabit zu thun. Die älteren Berichte zeichnen sich sämtlich durch 
lakonische Kürze aus. 1786 sagt Friedrich Nikolai (Beschreibung 
der königl. Residenzstädte Berlin und Potsdam) I. S. 58: „Das 
Moabiterland ist eine Reihe Häuser an der Spree hinter den 
Pulvergebäuden, 328 Ruthen lang, und mit den dazu gehörigen 
Gärten 32 Ruthen lang. Diese Häuser sind im Hypothekenbuche 
des Amtes Mühlenhos (V. Abschn. N. IV) verzeichnet, und stehen 
unter dessen Jurisdiktion." — 1829 schreibt Mila in seiner sonst 
recht lobenswerten Schilderung Berlins S. 293: „Jetzt wird dieses 
Moabiterland, westlich von Berlin, vor dem Unterbaum gelegen, 
südlich an die Spree, westlich und nördlich an die Jungfcrnhaide, 
und östlich an die Oranienburgervorstadt grenzend, in Alt- und Ren- 
Moabit eingeteilt. Dieser Anbau gehört teils zum Berliner Weich 
bilde, teils zum platten Lande, aber die Bewohner rechnen sich zu 
Berlin. Der Umfang ist sehr bedeutend und kann noch viel be 
baut werden." — Der Anonymus von 1831: „Berlin wie es ist. 
Ein Gemälde des Lebens dieser Residenzstadt und ihrer Bewohner, 
dargestellt in genauer Verbindung mit Geschichte und Topographie", 
kennt von Moabit (S. 78) eigentlich nichts weiter, als die ver 
brauchte falsche Deutung 1a karre inauckika und den Pumper 
nickel. — Rumpf's neuester Fremdenführer von Berlin. 5. (Weyl'sche) 
Ausgabe 1839 beschränkt sich auf wenige, aber genauere Angaben 
S. 208: „Alt- und Reu-Moabit, ain rechten Ufer der Spree, mit 
300 Einwohnern und 60 Häusern, worunter besonders das Gräflich 
von Bülow'sche Landhans, Kaffeehäuser und Restaurationen, 
Gärtnerhäuser und Ackerwirtschaften pp. Es wird im Sommer in 
Gondeln und zu Fuß durch den Tiergarten über die Baillifbrücke 
sehr besucht." 
1837 hatte August Borsig seine epochemachende Eisengießerei 
und Maschinenbauanstalt Chansseestr. 1 eröffnet, 1847 erwarb er 
vom Fistlis und von dein bekannten Rittergutsbesitzer Griebenom 
an der Spree das große Gelände zwischen der Strom- und Jagow- 
straße, welches demnächst auch von seinen Werkstätten und seinen 
großen Dampfhammer befreit und in Straßen und Baustellen 
verwandelt werden wird. Im Jahre 1850 aber erwarb er an 
der Straße Alt-Moabit und der Kirchstraße den Kaninchenberg und 
das niedrige Grundstück bis zur Wulwe-Lanke vom Fiskus; daraus 
befand sich eine der Seehandlungssozietät gehörig gewesene Ma 
schinenbauanstalt und Eisengießerei. Hier wurden Brücken und 
Dächer für die Bahnhallen, Kirchenkuppeln n. a. z. B. für die 
St. Nikolaikirche zu Potsdam und die Schloßkapelle in Berlin 
gefertigt*). 
1861 schlug die ersehnte Erlösungsstunde für die Kolonie 
Moabit; sie wurde nebst der Kolonie Gesundbrunnen und dem 
Vorwerk Wedding in das Weichbild von Berlin einverleibt. Hier 
mit war eigentlich das schlicßliche Schicksal des Kaninchenberges 
und der Wulwe-Lanke bereits so zu sagen im künftigen Berliner 
Stadtbnch vorgemerkt. Denn daß dieser Grundbesitz in seiner Ge 
stalt als halb wüster Hügel mit alten Häuschen darauf und 
lärmenden Werkstätten dahinter bei dem unaufhaltsamen Fortschritt 
der berliner Bebauungszone nach Westen zu nur kürze Zeit der 
Art ungestört verbleiben würde, das war unschwer vorauszusehen. 
Das Wahrzeichen des Geländes, das alte fchlößchenartige 
Gebäude auf dem Kaninchenberg, einst Dienstwohnung des könig 
lichen Plantenrs, d. h. des gärtnerischen Aufsehers, welcher die 
Obhut über die für die Seidenraupenzucht notwendigen Maulbeer- 
Pflanzungen zu führen hatte, ist zum Bedauern der älteren Be 
wohner Moabits nun auch dahin. Mögen sie sich mit dem Satze, 
daß neues Leben aus den Ruinen auch hier erblühen wird, ge- 
trösten. An Stelle der verschütteten Wulwe-Lanke tritt die Ver 
längerung des Helgoländer Ufers, eine stolze Straße, deren Name 
uns an die erste friedliche Vergrößerung Deutschlands unter unserm 
jetzigen Herrscher dauernd erinnern soll. 
Nicht viel über 300 Bewohner in Moabit zu Beginn der 
Regierung König Friedrich Wilhelms IV, und jetzt unter Kaiser 
Wilhelm II.. 150000 Seelen, zu denen noch gut und gern weitere 
50000 treten können, denn an Platz mangelt es nicht! 
So ist denn die Geschichte des Kaninchenberges und der 
Wulwe-Lanke recht eigentlich ein Vorbild der Entwickelung unserer 
Residenz seit der Zeit, wo sie deutsche Kaiserstadt geworden ist. 
Für die entschwundene Romantik und das verblaßte Stillleben 
bietet uns der Glanz der Gegenwart und die Gewähr einer auf 
lange gesicherten Zukunft mehr wie genügenden Ersatz. 
*) Vgl. E. Friede!: Die deutsche Kaiserstadt Berlin. Stadtgeschichteu, Sehens- und 
Wissenswertes aus der Reichshauptstadt und deren Umgebung. Berlin und Leipzig 1882, S. 07. 
Was die Steine am Iahnvenkmal in Berlin reden 
Von > 
P. Kunzendorf. 
ein Denkmal in Berlin findet so selten eine genauere Betrachtung/ 
wie dasjenige des Turnvaters Iahn auf dem Turnplatz in 
der Hasenhaide; nicht weil mau kein Interesse daran nimmt, 
sondern weil der Zugang zu dem nicht öffentlichen Turnplatz mit 
großen Umständlichkeiten verknüpft ist. Nach der Vorschrift soll 
niemand den Platz betreten, ohne bei dem dortigen Wächter sich zu 
melden. Wer hat dazu immer Lust, zumal die Wohnung des 
Mannes weit hinter dem Denkmal liegt? Wie weit aber die Ver 
waltung des Turnplatzes in ihrer Engherzigkeit diesem öffentlichen, 
aus freiwilligen Beiträgen errichteten Denkmal gegenüber geht, er- 
giebt die Thatsache, daß der Eingang zum Turnplatz mit einer 
Tafel verunziert ist, auf welcher die Worte zu lesen sind: „Achtung, 
Hunde!" Alle Bemühungen der leitenden Turnkreise Berlins, 
hierin Wandel zu schaffen, waren bisher vergeblich, und so ist das 
Jahndenkmal das einzige Monument in der Reichshanptstadt, das 
meist nur aus der Entfernung betrachtet werden darf, weil es that 
sächlich unter Ausschluß der Oeffentlichkeit steht. 
Aus diesem Grunde dürfte sich auch noch Niemand eingehend 
mit dem Studium der zahlreichen Inschriften beschäftigt haben, 
welche die aus aller Welt gespendeten Steine am Postament und 
an der dahinter stehenden Pyramide zieren. Und doch enthalten 
diese Steine eine ganze Geschichte, die wert ist, in allen Kreisen 
bekannt zu werden. Manche Inschrift ist stark verwittert und un 
leserlich geworden, und auch aus diesem Grunde dürfte es sich 
empfehlen, das, was die Steine am Jahndenkmal reden, festzu 
halten und es schwarz ans weiß der Nachwelt zu überliefern. 
Da ist vorn am Postament der Stein des Turnvereins zu 
St. Louis mit der Inschrift: „Dein Andenken Jahns gewidmet. 
Am Tage der Abschaffung der Sclaverei in Missouri, am 
11. Januar 1865. Motto: „Der Gott, der Eisen wachsen ließ, 
der wollte keine Knechte." 
Daneben liegen noch zwei andere Steine von jenseits des 
Großen Oceans, ein solcher vom New-Iorker Turnbezirk und einer 
vom Turnverein Fort Scott Kansas (Bereinigte Staaten) mit der 
Widmung: „Gut Heil! Auch in der Ferne denkt mau sein." Eben 
falls an dieser Stelle sieht man weiter, von außereuropäischen 
Turnern gestiftet, einen Stein aus Manila und einen solchen „von 
den Turnern zu Tannnda in Süd-Australien dem edlen Jahn". 
Sehr bemerkenswert ist ferner der Stein vom Saarbrückener und 
St. Johanner Turnverein mit dem Datum „3. Februar 1863". 
In diesem Stein ist ein Konsol von der am 7. Januar 1814 durch 
Napoleon I. gesprengten Saarbrücke eingesetzt, und darunter steht 
folgende Inschrift: „Zwanzig Jahre trug ich den Gallier über den 
Saarstrom, dann ans stürmischer Flucht hoch schleudert er mich in
        
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