Path:
Periodical volume 19. Februar 1898, No. 8

Full text: Der Bär Issue 24.1898

- 91 
innerhalb der Stadtmauern nicht nur zwischen der Geistlichkeit 
und dem Rate, sondern auch zwischen den Patriziern (v. h. 
den angesehenen Geschlechtern) und den Plebejern (d. h. den 
Gewerken) mit äußerster Erbilterunq ausgekämpft wurden. 
Rudolf v. Bismarck, der nachweisbare Stammvater aller 
heute lebenden Familienglieder, verfiel wegen Errichtung einer 
unabhängig vom Domkapitel und gegen dessen Willen ge 
gründeten städtischen Schule zu Stendal (aus welcher später 
das Gymnasium hervorging) dem Kirchenbann und starb 1338 
als Exkommunizierter. Sein Sohn Klaus mutzte, weil die 
Bürgerschaft einen mehr demokratisch, unter Mitwirkung der 
Geistlichkeit und Gemeinde zusammengesetzten Rat und damit 
eine Umgestaltung der städtischen Verfasiung verlangte, und er 
sich solchen Forderungen widersetzte, mit andern Mitgliedern 
der aristokratischen Gewandschneidergilde seine Vaterstadt Stendal 
verlassen und nahm auf dem ihm am 16. Juni 1345 vom 
Markgrafen verliehenen Schlosse Burgstall seinen Wohnsitz. 
Er stand als Magdeburger Siiftshauplmann im Dienste seines 
Onkels, des berühmten und hochverdienten Erzbischofs Dietrich 
Kageleit aus der Familie v. Portitz, und nach des Oheims 
Tode als Hofmeister im Dienste des Markgrafen und bekleidete 
damit die höchste Verwaltungsstelle im Lande. In der Folge 
zeit stehen die Glieder der Familie im schroffsten Gegensatz 
zu anderen märkischen Junkern, den Schulenburg, Ouitzow, 
Alvensleben, Putlitz u. s. w., als treueste Anhänger der 
Hohenzollern. Indessen befanden sich nur zwei aus dem 
Geschlecht in kurfürstlichen Diensten, der eine als Haidereuter 
in der heutigen Lctzlinger Forst, der andere mit einer Be 
soldung von jährlich 25 Gulden und mit der Genehmigung, 
seine Gemahlin Helwig v. Tcberitz aus der Amtsiruhe speisen 
lassen zu dürfen, als Domänen-Amtmann zu Bötzow (Oranien 
burg) und Liebenwalde. Die andern Familienglieder fanden 
mehr ihre Befriedigung darin, ferne von dem Treiben des 
Hoflebens auf den weilen Jagdgründen eines von Tanger- 
münde bis nach Gardelegcn sich erstreckenden, wildreichen 
Reviers die Sau zu hetzen und stolze Vierzehnender zu er 
legen. In den weiten Räumen des Edelhofcs zu Burgstall 
pflegten sie im steiskragigcn Mantel der Resormationszeit die 
Landesherren zu bewirten, die gern, um der Jagdleidenschaft 
zu stöhnen, bei ihren treuen Vasallen abstiegen, und die 
Bismarcks waren stolz auf die Ehre solchen Besuchs. Aber 
dieselben Räume hallen bald von den Wehklagen treuer 
brandenburgischer Edelleute wieder, welche auf ungnädige 
Handschreiben des Kurprinzen Johann Georg in Bescheidenheit 
erwidern, man dürfe es ihnen nicht verargen, wenn sie den 
ziemlichen Stand, in welchem ihre Vorfahren als getreue 
Unterthanen so manche lange Zeit ruhig und friedlich gesessen, 
sich nicht verrücken lassen möchten. Sie müssen der schnöden 
Willkür weichen und werden mit den ganz minderwertigen 
Gütern Crevese und Schönhausen abgefunden, während die Ehe 
frauen „zur Beschwichtigung ihrer Thränen und Seufzer" eine 
Geldentschädigung von 600 Gulden empfangen. 
Während im Anfang des folgenden Jahrhunderts 
Valentin v. Bismarck (Stammvater des Fürsten) eine 
ganz grohartige Hochzeit, zu welcher der Kurfürst feine Stabs 
trompeter entsandte, mit Bertha v. d. Asseburg zu Schön 
hausen feierte, führen uns die späteren Jahrzehnte zu dem 
Lederkoller und Federhut des großen Krieges und in die ausge 
brannten Schlösser und die verwüsteten Dörfer von Crevese 
und Schönhausen, wo nur der birnenförmige Schornstein deS 
alten Edelhofes und die massig gebaute Kirche den großen 
Brand von 1641 überdauern. Für Valentins Witwe gab 
es keinen Raum am Orte. Kümmerlich ernährte sie sich mit 
ihren vier Töchtern im benachbarten Stendal von ihrer Hand 
arbeit. Zwei handschriftliche Chroniken aus jener Zeit — im 
Archiv zu Schönhausen — find von hohem geschichtlichen 
Interesse. Die eine verdankt ihre Abfaffung dem Kriegs- 
kommiffarius der Altmark Christoph v. Bismarck, welcher 
mit den Seinen die schwersten Drangsale in der Heimat er- 
duldete, während die andere das Kriegsleben in der Fremde 
beschreibt. Der Verfaffer der letzteren. Augustus, nahm, 
eine wunderbare Ironie des Schicksals, unter Bernhard 
von Weimar an jenen Kämpfen teil, als deren Endergebnis 
der Uebergang des Elsaß an Frankreich betrachtet werde» muß, 
während die Zurückeroberung der alten deutschen Provinz 
seinem großen Descendenten gelang. 
Die folgende Zeit führt uns zunächst nach der Altmark, 
wo der Landrat August (vermählt mit der Schwester des un 
glücklichen Hans Hermann Katte) den durch den verderblichen 
Krieg völlig ruinierten Wohlstand des Kreises und seiner Familie 
zu heben suchte, dann zur Allongeperücke und zur steifen 
Grandezza der Höfe, z. B. nach St. Petersburg, wo die 
Kaiserin Anna den Hochzeitszug des Generalgouverneurs von 
Livland Ludolf August v. Bismarck an der Spitze von 
30 sechsspännigen Equipagen eröffnete, endlich zu dem schlichten 
Soldatenrock und dem Haarbeutel des großen Königs an den 
Hof zu Berlin, wo zwei Glieder des Geschlechtes einen 
Ministerposten bekleideten. 
Dabei sehen wir die Bismarcks kämpfend in den ver 
schiedensten Schlachten. Christoph Friedrich führte von 
Fehrbellin die erbeuteten Fahnen und Standarten nach der 
Hauptstadt, nahm teil an dem blutigen Angriff auf Stettin, 
an der Belagerung von Bonn und am Feldzug nach Brabant. 
Georg Friedrich kämpfte gegen den Erbfeind in Ungarn. 
August Friedrich (der Urgroßvater des Fürsten), nach der 
Aussage des großen Königs „ein ganzer Kerl", vermählt mit 
einer Urenkelin Derfflingers, starb den Heldentod bei Choiufitz. 
Sein Sohn Karl Alexander (der Großvater des Fürsten) 
mußte wegen seiner in den Schlachten der schlesischen Kriege 
empfangenen Blessuren den Abschied nehmen, und Ferdinand 
(der Vater des Fürsten) wurde bei Kaiserslautern verwundet. 
In den Befreiungskriegen kommandierte ein Blsmarck aus 
Schönhausen das Brandenburgische Kürassier-Regiment, ein 
anderer war Major im ehemaligen Görtring-Husaren-Reglment. 
zwei waren Offiziere bei Schill. Um ganz abzusehen von 
Ludwig v. Bismarck, welcher die nassauische, in Spanten 
völlig aufgeriebene Truppe so schnell reorganisierte, daß er mit 
ihr rühmlich an der Schlacht bei Waterloo teilnehmen konnte, 
und seinem Bruder Friedrich Wilhelm, der als General- 
Ouartiermeister der Alliierten den Schlachten bei La Rochiere, 
Arcis und Paris beiwohnte, so haben, allein aus der engern 
Linie des Fürsten, aus Schönhausen sieben Glieder der Familie 
am Kriege teilgenommen, wovon drei auf dem Schlachtfeld 
blieben, während vier das eisernes Kreuz zurück in die Heimat 
brachten. 
Bis auf die neueste Zeit läßt sich verfolgen, wie die Glieder 
des Geschlechtes in amtlichen oder militärischen Stellungen 
an den großen Ereignissen der Zeit beteiligt gewesen find.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.