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Periodical volume 19. Februar 1898, No. 8

Full text: Der Bär Issue 24.1898

veranstaltet und hatte sich die königliche Familie diesmal 
besonders vollzählig eingefunden. 
Da der Monarch heute nicht, wie bei anderen festlichen 
Gelegenheiten, in den Galerien des Schlosses, sondern im 
Freien Cercle abzuhalten wünschte, so war an die gesamte 
Hofgesellschaft die Einladung ergangen, sich im Garten zu 
versammeln. 
Bald entwickelte sich ein glänzendes Gewoge in der 
Nähe des Königszeltes, vor welchem zahlreiche Schweizer- 
Garden Wache hielten, während Angestellte des Hofes in 
ihren überladenen Galaröcken unter der Aegide eines Cere- 
monienmeisters für strenge Aufrechierhaliung der vorge 
schriebenen Etiquette sorgten. 
Der schon bei früheren Anläffen nicht unbedeutende 
Kreis derjenigen, die mit einer Einladung zum Hoffeste beehr! 
wurden, war heute noch beträchtlich erweitert worden. Sei 
es, daß der königliche Hausherr seinen fürstlichen Gästen ein 
besonders glänzendes Bild vor Augen führen wollte, sei es, 
daß er selbst, müde und gelangweilt, wie er in letzter Zeii 
häufiger erschien, den Wunsch hatte, einmal neue und daher 
ihm inierressantere Personen neben den gewöhnlichen Er 
scheinungen zu sehen — genug, das Hofmarschallamt war 
beauftragt worden, alle etwaigen Bittgesuche solcher Personen, 
die sich durch Talent oder wissenschaftliche Bedeutung aus-, 
zeichneten, unbekümmert um Geburt oder Rang, in weit 
gehendstem Maße zu berücksichtigen. 
Durch diesen Befehl des Königs, der einem „Sesam, 
öffne dich" gleichkam, wurde manchem Streber, dessen höchster 
Wunsch war, Zutritt bei Hofe zu erlangen, eine glänzende 
Aussicht für die Zukunft eröffnet. 
Eine ansehnliche Anzahl von Prätendenten des Ruhmes 
war denn auch im Garten von Versailles erschienen. Die 
wehr oder weniger blasierten Gesichter der Aristokraten drohten, 
je weiter der Tag vorschciit und sich dem Abende näherte, 
unter einer Fülle interessanter Künstler- und Charakterköpfe 
zu verschwinden. Daß unter den letzteren auch das weibliche 
Geschlecht vertreten war, konnte in Frankreich, wo längst 
schöne und geistvolle Frauen in die Oeffenilichkeit hinaus 
getreten waren und gern geduldet und gesehen wurden, nicht 
befremden. 
Zahlreiche Musikkapellen ließen an verschiedenen Stellen 
des Parkes schon lange vor dem Erscheinen des Hofes ihre 
heiteren Weisen zur Unterhaltung der Gesellschaft ertönen. 
Nur die „vinAt-guntrs violono" konzertierten während des 
Familiendiners im Schlosse. Es war dies jenes auser- 
wählie Hof-Mufikcorps in welchem der berühmte Komponist 
Giovanni Baltista Lully*), dessen bedeutendes Talent für 
Violinspiel die Herzogin von Montpenfier durch einen Zufall 
entdeckt hatte, sich der besonderen Gunst des Königs erfreute. 
Bei festlichen Gelegenheiten, wie der heutigen, dirigierte der 
Maestro, dcm Ludwig XIV. längst die oberste Leitung über 
das Musikleben des Hofes übertragen hatte, und der daneben 
als Direktor der königlichen Mufikakademie übermäßig be 
schäftigt war, in eigener Person. 
Am Abend sollte vor der Königsfamilie ein Ballet auf 
geführt werden, zu dem Lully die Musik geschrieben hatte, 
und für dessen Ausführung — es waren zahlreiche De- 
*) Lully wurde bekanntlich als Knabe zu untergeordneten Mrt- 
schaftsacbeiten im Hotel Montpenfier verwendet. 
klamationen eingeflochten — auch der gesamte Opernchor und 
namhafte Solo-Sänger und Sängerinnen befohlen waren. 
Zufolge der vorerwähnten Vergünstigung war auch diesen 
Künstlern und Künstlerinnen für die Zeit, da sie nicht durch 
ihren Beruf in Anspruch genommen waren, eine Teilnahme 
an dem Gartenfest gestattet worden. 
Sie hatten sich denn auch insgesamt zu dem immerhin 
seltenen Genuß eingefuuden. In Gemeinschaft mit einer 
Anzahl bekannter Dichter, Maler und Musiker beiderlei Ge 
schlechts bildeten sie einen exclusiven Kreis, der augenblicklich 
von einer geräumigen, mit vielfarbig blühenden Heckenwinden 
und Clematis umrankten Laube umschlossen wurde. 
Heiteres Lachen. Geplauder und dann und wann sogar 
die Melodie eines übermütigen Sanges klangen aus der 
Laube hervor. In Lust und Freude finden die einmal an 
geregten Künstlerseelen ja nicht so leicht die geziemende 
Grenze. 
Der Garde - Huissier. der vor dem in der Nähe 
befindlichen Königszelte Wache hielt, warf wiederholt einen 
indignierten Blick auf die laute Blütenwand; ob es mehr aus 
Acrger über das etiquettewidrige Verhalten, oder mehr aus 
Verdruß darüber geschah, daß ihm von dem dichten Blumen 
gerank jeder Einblick ins Innere verwehrt war. ließ sich nicht 
feststellen. 
Die Schweizer-Garden, so streng sie auch sonst auf 
Ordnung hielten, drückten dem übermütigen Künstlervölkchen 
gegenüber ein Auge zu. Seitdem es einem von ihnen passiert 
war. daß seine bescheidene Ermahnung mrt einem im Ueber- 
mut improvisierten Spottvers beantwortet und er selbst hinaus 
komplimentiert worden war, hielten sie dies für das beste. 
Sogar der Ceremonienmeister, auf das Takrgefühl der 
Künstler bauend, das sich bei der Ankunft des Hofes geltend 
machen werde, übte Nachsicht. 
Kein Wunder, daß Äusgelaffenheit und Lust in jenem 
Kreise mit jeder Minute stiegen und Lebensfreude aller Antlitz 
verklärte. Man hatte bereits im Gegensatz zu dem noch in 
halber Tageshelle daliegenden Garten eigenhändig die farbigen 
Lampen in der Laube entzündet. Die aus ihnen herniederflleßen- 
den roten, blauen und grünen Lichter warfen einen phantastischen 
Schimmer auf die interessante Tafelrunde. 
Obenan saß, mit der Würde des Präsidiums bekleidet, 
die elegante Erscheinung Jean Racines, der wieder einmal, 
wie er es liebte, aus seiner frommen Häuslichkeit in das 
üppige Weltleben des Hofes hinausgetreten war. Unfern von 
ihm hatte der große niederländische Astronom und Optiker 
Chr. Huyghens mit seiner gefurchten Denkerstirn Platz genommen. 
Fräulein von Scudery, die mehr geistvolle und pikante als 
schöne und jugendliche Romanschriftstellerin, saß ihm neben 
und gefiel sich heute vorzugsweise in witziger Persiflage der 
litterarlschen Zeiiverhältnisse. Sie wurde dabei lebhaft unter 
stützt von dem ihr zur Seite befindlichen Maler des königlichen 
Hofes, Charles Lebrun, einem Greise, aus dessen Auge das 
Feuer unauslöschlicher Jugend leuchtete, und dem es anzu 
merken war, daß er sich nicht damit begnügte, in der 
bildenden Kunst eine führende Stellung einzunehmen, sondern 
daß er auch auf anderen Gebieten Einfluß auszuüben suchte. 
Mit einem Lächeln um den feingeschnittenen Mund 
lauschte der in seinen Sitz zurückgelehnte ernste Philosoph
        
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