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Periodical volume 1. Januar 1898, No. 1

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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ein Anblick!" ruft er in der Erinnerung. „Vom Oranien 
burger bis zum Halleschen Thore zog sich in der geradesten 
Linie jene schöne Straße, die. beinahe eine halbe deutsche Meile 
lang, eine Hauptzierde Berlins bildet. Was kann ich zu ihrem 
Lobe sagen? Sie ist ein Sonnenblick einer großen, mächtigen 
Stadt, die an Regelmäßigkeit und grandioser Einfachheit im 
Innern keiner deutschen Stadt den Vorrang gestaltet." 
Die Fahrt geht weiter über den Gensdarmen-Markt und 
Schloßplatz und endet im Hofe des großen Postgebäudes in 
der Spandauer Straße. Damals gab es noch nicht einen 
Kaiserhof, ein Central-Hoiel oder Hotel Continental, selbst 
gesuchtere Gasthöfe lagen 
naturgemäß mehr im 
Mittelpunkte der Stadt. 
Or. B. aber, mit seinen 
litterarischen und ihealra- 
lischen Interessen, wählt 
sein Absteigequartier 
auch rücksichtlich dieser 
und nimmt Wohnung 
im Russischen Kaiser, 
ganz in der Nähe des 
Postgebäudes. Der Be 
sitzer desselben ist kein 
geringerer als Louis 
Angely, ehemals Schau- 
spieler und Regisseur 
und bis zu seinem Tode 
erfolgreicher Possen- und 
Singspiel-Dichter. 
Noch heute ist „das 
Fest der Hand 
werker" , „sieben Mäd 
chen in Uniform" nicht 
vergessen, und damals 
gerade konnte er sich 
in dem neuen Erfolge 
seiner „Reise auf ge- 
meinschaftllche Kosten" 
sonnen. Man braucht 
nicht zu behaupten, 
daß die Berliner Lokal 
posse zu jener Zeit 
auf einer bcsonderenHöhe 
stand, und wird es doch 
zugeben müssen, daß sie 
harmloser und erfreulicher 
sich darstellte als m der Gegenwart. Angely halte die Gabe, eine 
gewisse Seite des Berlinertums, schlagfertigen Witz, humorvolle 
Ueberlegenheit und eine Art Weißbler-Behaglichkeit glücklich zu 
treffen, weil sie ihm selbst im Blute steckten. An seiner Wirls- 
tafel führte er gern das Wort und sprudelte über von dem 
selben Witz, der in seinen Possen zündete. Eine kleine, selbst 
gefällige Erscheinung, war er als Schauspieler wenig am Platz. 
Aber ohne große Kennmiffe war er auch ein fixer Uebersetzer 
aus dem Französischen und verstand es. volkstümliche Melodien 
in seine Stücke zu verweben, die ihnen mit zu Eingang und 
Dauer verhalfen. 
Lange hat er sich nicht seines Standes als Hotelbesitzer 
erfreuen können, denn den Russischen Kaiser erwarb er erst 
1830, und als vr. B. ihn in seiner vollen Lebensfrische und 
auf der Höhe seines Ruhmes kennen lernte, war er nicht 
fern von seinem Tode; Louis Angely starb schon 1835. 
vr. B. erhält gegen Einsendung seines Passes von der 
Polizei eine Aufenthalts-Karte und rühmt bei dieser Gelegen 
heit diese Behörde der Hauptstadt des „absoluten Preußens", 
die hier weniger Plackereien verursache, als in mancher freien 
Stadt. Auch dem Berliner im allgemeinen — er spricht hier 
wohl von seinen ersten Eindrücken an der Tadle d'hote seines 
Hotels — kommt er mit Vertrauen und Anerkennung ent 
gegen. Er lobt seine 
Genügsamkeit im Ver 
gleich mit der üppigeren 
Lebensweise des Wieners 
und vermißt keineswegs 
ästhetische Empfindung 
bei seinen neuen Be 
kanntschaften, wogegen er 
jedenfalls, bei seinen 
ganzen Interessen, sehr 
empfindlich gewesen wäre. 
Durch Seydelmann, 
der sich zur selben Zeit 
zu einem sechswöchent 
lichen Gastspiel im 
Berlin aufhielt und 
den er von allen An 
forderungen und dem ihn 
umdrängenden Theater- 
En thufiasmus recht ab- 
gespannt fand, wird 
der Fremde zuerst 
auf einem Spaziergange 
mit der Physiognomie und 
dem Straßenleben der 
Residenz bekannt gemacht. 
Der Weg vom Denkmal 
des großen Kurfürsten auf 
der Langen Brücke, '„die 
ihren Namen Lügen 
straft", über den Schloß 
platz. durch die Linden 
bis zum Brandenburger 
Thor ruft seine Be 
wunderung wach. Der 
Anblik der Straße Unter 
den Linden, durch deren herrliche Breite ein kühlender Luftzug 
streicht, der die dichten Laubkronen der noch nicht unter modernen 
Entrichtungen leidenden Bäume hin- und herbewegt, läßt ihn die 
trostlose Einförmigkeit der Umgebung der Stadt ganz vergessen. 
In den Denkmälern und monumentalen Gebäuden rechts und 
links von seinem Wege zieht an dem Fremden ein gewaltiges 
Stück preußischer Geschichte vorüber, und er ruft aus: „Man 
vergißt jener Zerrüttung der Staats von 1806, die für 
Preußen so wohlthätig wurde, indem sie dasselbe nicht nur 
zur Erkenntnis, sondern auch zu neuer Schwungkraft erhob." 
Die Wtlhelmstraße von der Leipziger Straße bis zu den 
Linden war immer, was sie heut ist. eine Straße der Ministerien, 
tzof im Llrögel. 
Nach einer Photographie von W. T i tz e n t h a l e r in Berlin.
        
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