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Periodical volume 12. Februar 1898, No. 7

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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Manon rieb sich vergnügt die Hände, trat ans Fenster 
und blickte ihren beiden schönen Schützlingen mit triumphierender 
Freude nach. 
„Mademoiselle weiß nicht, woran es ihr trotz allen Reich 
tums mangelt." sagte sie zu sich selbst, aber die kleine 
dumme Manon weiß es. Wer es ihr verraten hat? O — 
wie sagte doch immer bonne maman? J,Tel chante le 
vieux coq, tel le jeune chantera!“*) Oui — wir müssen 
dem Beispiel der Alten folgen. Großmutter hatte in ihrer 
Jugend auch un amant. Was hätte das Leben eines jungen, 
hübschen Mädchens auch sonst für einen Zweck?" 
Während die kleine Dienerin solcherweise philosophierte und 
sich dann, nachdem sie im Salon ein wenig Ordnung gestiftet 
hatte, anschickte, „Is visil gan^on Jäques“ zu einer „causerie“ 
auszusuchen, schritt Adele auf einem breiten Parkwege in 
Begleitung Löons dahin. 
Nun sie die immergrünen Eichen über ihrem Haupte 
rauschen hörte, wurde sie bald gewahr, daß der seit mehreren 
Tagen wütende Mistral seine Kraft noch lange nicht er 
schöpft hatte. Zuweilen konnte die zarte Mädchengestalt ihm 
nur mit äußerster Anstrengung widerstehen. Dennoch kehrte 
Adele nicht sogleich unter das schützende Dach zurück. Abge 
sehen von einem geheimen Wunsche, den sie sich freilich 
selbst nicht gestehen wollte, der sie aber gleichwohl mit 
dämonischer Macht zum Bormärtsschreiten zwang, hatte der 
wildbewegte Park für das leidenschaftlich empfindende Mädchen 
einen eigenartigen Reiz. Während der Sturm die schlanken 
Olivenbäume, die Edel-Kastanien. Korkeichen und Aleppo 
kiefern darniederbeugte und zerzauste, beschlich sie ein geradezu 
berauschendes Wohlgefühl. Zuletzt aber mußte sie doch — 
der von den Ceoennen herüberwehende Nordwest besaß eisige 
Schärfe — Pelz und Schleier fester um sich ziehen. Hastig 
schritt sie voran, bis sie in der Nähe des Parkgitters angelangt 
war. Hier lehnte sie sich erschöpft an den Stamm einer 
Steineiche, deren dornenartig gezacktes Blattwerk sich, vom 
Sturme hin und hergeweht, nahezu auf ihr Haupt herabsenkte. 
Der sich am Parkgitter entlang ziehende breite Weg, an 
der andern Seite von den Trümmern einer antiken Stadt 
mauer begrenzt, war menschenleer und mit trübfarbigen Wasser 
lachen bedeckt. In der Ferne zeigte sich in schemenartig ver 
schwommenen Bogenlinien das Stadtbild von Nimes mit der 
hügeligen Umgebung. Von der Stadt selbst waren bei der 
grauen, nebeligen Lust nur die Türme der Kathredale 
St. Castor und die Kuppel des neuen Akademiegebäudes zu 
erkennen. 
Sinnend blickte Adele hinüber. Die Straßen und Plätze 
der eigenen Vaterstadt waren ihr nahezu ftemd. — Um so ver 
lockender tönte ihr die Schilderung im Ohr, welche Lemourgue 
entworfen hatte. 
Ob die Fontänen auf der Esplanade jetzt wohl ver 
wiegt waren? — 
Lange verblieb Adele auf dem unwirtlichen Platze. Was 
war es, was sie dort gefesselt hielt? Löon hatte verschiedent 
lich einen erstaunten Blick auf seine Herrin geworfen und suchte 
durch kurzes, lautes Bellen seinen Unmut über diesen Aufent- 
halt kund zuthun. Als derselbe immer noch länger währte, 
kauerte sich der Hund resigniert zu den Füßen der jungen 
Dame nieder, legte den Kopf aus seine vorgestreckten Pfoten 
und beobachtete mit seinen klugen Augen erwartungsvoll das 
Thun seiner Herrin. 
Nach längerem Harren entschloß sich diese, den Rückweg 
anzutreten. Ihre schönen Augen waren mit zornigen Thränen 
gefüllt, verächtlich murmelte sie: „Manons Träume! On ne 
peut se fier aux reves!"*) 
Sie hatte sich schon einige Schritte in den Park zurück 
begeben, und Leon, der ihr freudig vorausgeeilt war. sprang 
soeben an ihre Seite, um sie zu schnellerem Gehen zu er 
muntern. als sie noch einmal das Haupt nach der Landstraße 
zurückwandte. 
Da — was kam dort vom Walde herüber? — War es 
ein Krämerkarren, wie die reisenden Kaufleute solche benutzten? — 
Nein! — Offenbar war es ein einzelner, auf dem Wege zur 
Stadt einhersprengender Reiter! — Vielleicht eine Reiterpost? — 
Auch das schien nicht der Fall zu sein. — Das Herz der 
jungen Dame begann stürmisch zu klopfen, als sie den dnnkel- 
blauen, mit silbernen Treffen verschnürten Sammctcock und 
das unter dem breitrandigen Federhut hervorquellende gepuderte 
Lockenhaar deutlich erkannte. Unwillkürlich ging sie einige 
Schritte zurück, blieb dann aber plötzlich wie an den Boden 
gebannt stehen. Ihr Blick war unverwandt auf den auf 
kolossal gebautem Rappen heransprengenden Reiter und dessen 
schön geschnittene, scharf markierte Züge, denen ein kecker, 
schwarzer Schnurrbart einen höchst unternehmenden Ausdruck 
verlieh, gerichtet. 
Lemourgue — denn dieser war der Kavalier — hatte 
die junge Dame kaum bemerkt, als er mit Eleganz und Feuer 
seinen Reithut schwang und sein Pferd zum Galopp anspornte. 
Adele wurde leichenblaß. Sollte jetzt der große Moment 
gekommen sein, von dem sie in einsamen Stunden oft ge 
träumt? Was in den stolzen Zügen des Offiziers deutlich 
verzeichnet stand, war der Ausdruck leidenschaftlicher Freude. 
Und sie hatte es vermocht, dieses Gefühl der Freude in ihm 
hervorzuzaubern. 
Also war sie doch nicht so ganz das wert- und nutzlose 
Geschöpf, als welches sie sich in ihrer melancholischen Stimmung 
so häufig erschienen war! 
Es gab jemanden, der sich nach ihr sehnte, der glücklich 
war, wenn er in ihrer Nähe weilen durfte! 
Adele wußte nicht, wie ihr geschah. Ihre Kniee zitterten/ 
Unfähig, auch nur einen Schritt vorwärts zu gehen, und doch 
voll stürmischen Verlangens, auch ihrerseits zu zeigen, daß 
ihr die Begegnung angenehm sei, riß sie ihren Schleier vom 
Haupte und wehte Lemourgue grüßend zu. 
Freudestrahlend hob sich dieser im Sattel und senkte 
salutierend die Degenspitze. 
Dann drängte er sein Pferd an die hohe Umzäunung, 
die ihm bis zur Brust reichte, heran und rief dem schönen 
Mädchen einige Worte zu, die dieses — infolge eines 
plötzlich einhersausenden Windstoßes — aber nicht verstand. 
Adele bewegte sich nicht vom Platze. Nur das laute, 
heftige Gebell des Hundes — ersichtlich hielt er den Reiter 
am Gitter für einen Wegelagerer — beantwortete die Fragen 
und Bitten des Offiziers. 
*) „Wie die Alten sungcn, so zwitschern die Jungen. 
*) Man kann sich auf Träume nicht verlassen.
        
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