Path:
Periodical volume 5. Februar 1898, No. 6

Full text: Der Bär Issue 24.1898

64 
fache!" äußerte sie plötzlich mit hohem Ernst und mit einer 
Würde, die ihr jugendliches Gefichtchen allerliebst kleidete. 
„Wenn er an mich nur allerlei Ergötzliches aus dem Gesellschafts 
leben schreibt und nur sehr selten einmal etwas über die am 
Hofe geübten und gepflegten schönen Künste hinzufügt, so 
denkt er wahrscheinlich, ein Mädchen wie ich fände nur Ge 
fallen au buntem Tand!" Die letzten Worte klangen einiger 
maßen bitter. Adele warf ihr Köpfchen in die Höhe. „Nein, 
da weiß Monsteur Derenthal besser, wofür ich mich interessiere. 
Er hat mir bereits verschiedene Stellen aus den Briefen, die 
Alfred an ihn gerichtet hat, vorgelesen. Doch. Manon, was 
rede ich da! Du hast ja kein Verständnis für alles das! 
Was bedeutet es denn für Dich, wenn ich Dir erzähle, daß 
mein Bruder sich mit zweien der geistvollsten Männer Frank 
reichs befreundet hat! Und das Wunderbarste dabei ist. daß 
diese beiden Männer vollständig entgegengesetzten Glaubens 
richtungen angehören. Ach, ich muß lachen, daß ich Dir das 
erzähle! Der eine. St. Evremont, gehört zur hugenottischen 
Partei und verteidigt sie in Wort und Schrift mit glühendem 
Eifer. Und der andere, Bosiuet, der Gouverneur des Dauphins, 
ist ein leidenschafrlich ergebener Anhänger der gallikanischen 
Religion. Beide aber fühlen sich gleicherweise zu meinem 
Bruder hingezogen! Ach, ich habe niemanden, der 
mich versteht! — Das Leben eines reichen Mädchens ist 
häßlich und eintönig, wie der Ruf des Kukkuks, der nichts 
anderes vermag, als seinen eigenen Namen den Winden 
preiszugeben!" 
Unmutig trat Adele an das Fenster und preßte beide 
Hände an ihre Schläfen. 
„Es macht mich wahnsinnig, dieses ewige, schwermütige 
Einerlei des Daseins. Immer allein! — Was nützt es mir. 
daß man jeden meiner Wünsche erfüllt? Ich mag gar nichts 
haben, weiß ich doch längst nichts mehr, was mir Freude be- 
reiten könnte. Nur erleben möchte ich etwas! Gleichviel, 
was! Nar einmal den Zaubertrunk schlürfen, von dem cs 
heißt, daß nach seinem Genuß der Daseinszweck erkennbar 
wird. Ssä) glaube, biefeS Glück wird mir nie gu teil!" 
„Wer weiß, Mademoiselle?" 
Manon war ganz nahe an die Herrin herangetreten und 
blickte sie mit listig lächelndem Blicke an. „Es mag ja wahr 
sein." sagte sie, „daß ich ein dummes und einfältiges Ding 
bin; aber auf den Kopf gefallen bin ich nicht. Meine Groß 
mutter pflegte immer zu sagen: „Die Nacht bringt guten Rat". 
Und sonderbar! In dieser Nacht ist mir im Traum der 
schöne Vicomte erschienen. Blaß und traurig sah er aus, 
genau so wie Mademoiselle in letzter Zeit. Ich wunderte mich 
darüber nicht. Er verzehrt sich ja vor Sehnsucht, dieses Haus, 
dessen Pforte ihm streng verschloffen ist. wieder einmal zu be 
treten. Dreimal hat er den Versuch gemacht, Einlaß zu ge 
winnen. Immer wurde ihm unter irgend einem Vorwände 
der Eintritt verwehrt!" 
„Von wem? — Von meinem Vater?" 
Adele hatte sich aufmerksam umgewandt und sah die 
schlaue Kleine erwartungsvoll an. 
Diese legte mit bittender Geberde den Zeigefinger auf 
ihre Lippen, während der hübsche Kopf eine bejahende Be- 
wegung machte. 
Adele schlang die feinen Hände ineinander. 
„Er hegt ein Vorurteil gegen den Gast. welchen mein 
Bruder uns zugeführt hat. und der der erste und einzige war, 
der unserem öden Leben Reiz verlieh!" klagte sie. Im nächsten 
Augenblick aber schämte sie sich ihrer Schwäche, und sie richtete 
das schöne Haupt stolz empor. Die dunklen Augen blitzten. 
„Und weshalb? — Kann er dafür, ein Abgesandter des 
Intendanten von Poitou zu sein? Noch ist von ihm keine 
Grausamkeit, wie sich deren andere Anführer der Dragonaden 
zu Schulden kommen ließen, bekannt. Wer weiß denn, ob 
Lemourgue sich nicht sogar danach sehnt, den Irrtümern seiner 
Glaubenslehre zu enifliehen? Er hat Gelegenheit genug ge 
habt, den monarchistischen Staat, die römisch-katholische Kirchen- 
gemeinschaft und das aus beiden hervorgegangene Wellleben 
kennen zu lernen. Wenn es ihn trotzdem nach der Nähe 
meines Vaters, von dem ihm wohl bekannt ist, daß er sich 
einen Kämpfer für die Lehre Calvins nennt, verlangt, so er 
scheint mir das nicht nur als ein Zeichen von Toleranz, 
sondern als Anerkennung und Bewunderung unserer Ge 
sinnung. 
Wie zartfühlend ist es von ihm. um Gastfreundschaft bei 
den Cheronnes zu bitten, wo es ihm ein Leichtes wäre, kraft 
der vom Könige erhaltenen Vollmacht den Einlaß zu erzwingen! 
Daß er nach einigen fruchtlosen Versuchen mutlos zurück 
weicht, verstehe ich allerdings nicht." 
(Fortsetzung folgt.) 
Aus der ältesten Chronik der Mark 
Krandenkurg. 
Von Wilhelm Anton Wegrner. 
Als Kaiser Karl IV. den Plan gefaßt hatte, Böhmen 
mit Brandenburg zu vereinigen, gab er dem Pribika Pulcawh 
von Tradenina. gewöhnlich Pulcawa genannt, den Auftrag, 
eine Geschichte von Böhmen zu versassen und in dieselbe auch 
die Geschichte der Mark Brandenburg mit aufzunehmen. 
Pulcawa kam dem Auftrag des Kaisers nach und benutzte für 
sein Werk eine ältere lateinische Chronik der Mark Brandenburg, 
welche er in eingelnen Fragmenten in feine Geschichte Böhmens 
einreihte. In neuerer Zeit find bann biese Brandenburger 
Chronikenfragmente von Riedel im Codex diplomaticus 
Brandenburgensis wieder zusammengestellt und im vierten 
Hauptteil dieses Werkes abgedruckt, welcher eine Chroniken 
sammlung der Mark Brandenburg enthält und in Berlin bei 
G. Reimer 1862 erschien. Die Fragmente bieten uns eine 
kurze Geschichte der Mark unter den Anhaltinern und eine 
Genealogie dieses Fürstengeschlechts. Sie haben schon oft 
als Quelle für die Geschichte und Sage der Mark gedient, 
und besonders bekannt find die Erzählungen »on dem letzten 
Brandenburger Fürsten Pribislav und der Gründung des 
Klosters Lehnin. 
Die Geschichte Pribislavs erzählt der Chronist mit 
folgenden aus dem Lateinischen übertragenen Worten: „In jener 
Zeit (um das Jahr 1156) herrschte als Nachfolger seines 
Vaters ein König Heinrich, mit seinem slavischen Namen 
Pribislav, über Stadt und Land Brandenburg. Während 
nun dort das teils slavische teils sächsische Volk noch heidnische 
Gebräuche hatte und in der Stadt Brandenburg ein unwürdiges 
dreiköpfiges Götterbild von den Einwohnern verehrt wurde, 
war Heinrich schon Christ, jenem volkstümlichen Aberglauben 
entschieden abaeneiat. und wollte auch nicht, da er keinen
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.