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Periodical volume 5. Februar 1898, No. 6

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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zu würdigen verstehst, hoch und heilig! Denke daran, 
wie viel reiner und makelloser er in der Weltgeschichte 
dasteht, als jeder andere — wie er stets das Rechte erstrebt 
und errungen hat! Dulde niemals, daß in Deiner Gegen 
wart auch nur der geringste Schatten auf ihn geworfen wird!" 
„Nie Vater! Schon deshalb nicht — er wollte sagen: 
„weil es die Pflicht eines jeden rechtlich denkenden Mannes ist. 
sich der schuldlos Unterdrückten anzunehmen;" aber er besann 
sich noch rechtzeitig und fuhr voll kindlicher Liebe fort: „weil 
Du lieber Vater, und weil Deine Vorfahren ihm von ganzem 
Herzen zugethan waren. Uebrigens, Vater, wie Du auch sonst 
von mir denken magst, evangelisch ist auch mein Sinn und 
Thun, und evangelisch soll es bleiben, wo immer mich mein 
Schicksal finden mag!" 
„So kniee nieder, mein Sohn, daß ich Dich zum Abschied 
segne! Ich bin ein alter Mann. Des Allmächtigen Wallen 
ist wunderbar, und die Zukunft ist uns verhüllt. Es ist nicht 
unmöglich, daß wir einander in dieser Welt nicht mehr wieder 
sehen. Versprich mir, mein Sohn —" 
„Alles, alles, was Du von mir verlangst, mein teurer, 
geliebter Vater. Du mein Vorbild in allem, was hoch und 
edel ist!" Damit warf fich Alfred vor dem Greise nieder 
auf die Knie. 
„Mein einziger Sohn!" sagte dieser tiefbewegt, die bebende 
Rechte auf den lockigen Scheitel legend; „ein heiliges Ver 
mächtnis gebe ich Dir mit in jenes üppige Leben am Hofe 
zu Versailles, wo weder Kirche noch Sitte strenge Zucht üben 
dürfen. Du gehst dorthin als ein noch weltlich gesinnter 
junger Mann. Nun, es sei! Aber bedenke zu aller Zeit, 
was Du mir heute versprochen hast! Dein Lebensglück beruht 
darin. Du hast keinen heißeren Wunsch, als den. ein großer 
Dichter zu werden. Wohl, mein Sohn! Hast Du aber auch 
schon bedacht, daß, wer Großes schaffen will, selbst groß und 
edel sein und handeln muß? Darum halte fest an der 
reformierten Konfession, welche Ernst, Enthaltsamkeit und vor- 
nehme Denkart in fich schließt und von all ihren Angehörigen 
verlangt!" 
„Ich gelobe es Dir, mein Vater! Nie wirst Du von 
mir erfahren, daß ich dem reformierten Glauben untreu 
geworden wäre oder Dir und Deinem Geschlecht zur Unehre 
gehandelt hätte!" 
Der Vater zog den Sohn an sein Herz, und lange 
hielten fich beide innig umschlungen. 
IV. 
Wenn der nordische Winter einem filberhaarigen Greise 
vergleichbar ist, der mit kühlem, freundlichen Blicke in die 
Welt schaut, so erinnern die dem Frühling vorangehenden 
Monate im Süden an einen vor Ungeduld und Langeweile 
mißmutigen Menschen. 
Kein fröhliches Schneetreiben, kein scharfer, klingender Frost 
erfreute die Bewohner von Nlmes. Sofern sie derartige 
Naturerscheinungen überhaupt kannten — im Winter 1684/85 
erfuhren sie nichts davon. 
Regen. Nebel und Sturm waren hier allein die Binde 
glieder zwischen entschwundener Pracht und neu zu erwartender 
Herrlichkeit. Nicht einmal völlig erstorben schienen Garten 
und Flur. Es schien, als ob nur eine unliebenswürdige Laune 
Sonnenschein und Blütenpracht fernhielte. 
Auf einem Divan ihres Zimmers ruhte Adele Cheronne. 
Die Arme über dem Köpfchen, dessen dunkler Haarschmuck in 
prächtiger Unordnung über die rosaseidenen Polster flutete, 
gekreuzt, lag sie regungslos da. lauschte dem Sausen des Windes, 
der an den Fensterscheiben rüttelte, und blickte mit dunkel 
umschatteten, melancholischen Augen zur Decke des Zimmers 
empor, an der flott entworfene, mit lebhaften Farben gemalte 
und reich vergoldete Amouretten und Fruchtstücke sichtbar waren. 
Ringsumher herrschte jener von Reichtum zeugende und 
nur ihm mögliche Luxus, der vielen als das größte Glück, 
als ein mit allen, erlaubten und unerlaubten. Mitteln zu 
erstrebendes, begehrenswertes Dasein erscheint. 
Die Besitzerin dieses kleinen, kofigen Nestchens, das 
väterliche Zärtlichkeit mit allen erdenkbaren Vorzügen und 
Annehmlichkeiten ausgestattet hatte, sah kaum mehr alle die 
Kostbarkeiten, von denen sie umgeben war. Kaum, daß die 
schöne, zarte Mädchenerscheinung dann und wann vor einem 
der mit wertvollem Porzellan oder Metall umrahmten zahl 
reichen Spiegel anhielt, um einen mehr neugierigen als wohl 
wollenden Blick auf ihr auf der glänzenden Fläche erscheinendes 
Ebenbild zu werfen. 
Vielerlei hatte Adele schon am heutigen Tage getrieben, 
aber an nichts fand sie Gefallen. Bald preßte sie unmutig 
die bleiche Stirn gegen eine Scheibe, immer dasselbe trübselige 
Bild vor Augen: feuchte Gartenwege, welkes Laub und. was 
noch Grün an fich trug, in wildbewegtem Spiele vom Sturme 
niedergebeugt. Dann wieder langten die feinen Finger verdroffen 
nach einer Handarbeit. Nicht lange, und Nadel oder Pinsel flogen 
zu Boden. Nicht besser erging es einem kostbar eingebundenen 
Buche, nach dem sie gegriffen hatte. Nur die Laute erfreute 
fich noch einiger Gunst. Auch jetzt, da sie des unthätigen 
Rühens überdrüssig war. griff sie nach dem herabgeglittenen 
Instrument, um dasselbe am rosaseidenen Bande zu fich 
emporzuziehen. 
Nachlässig glitten die Finger über die goldenen ^Satten. 
Aber mit den melodischen Tönen kam einigermaßen Leben in die 
Mädchengestalt. Die schönen Augen begannen aufzuglühen. 
Die roten Lippen öffneten fich. und sehnsüchtig, mit stets 
steigender Innigkeit entströmte es ihnen: ,,Vois-tu oss äsux 
flammes brillantes?" — 
Ein leises Knurren ließ fich zu Füßen des Divans ver 
nehmen. Löon befand fich auf seinem Lieblingsplatz. Die 
gequälten Gehörnerven entlockten ihm heute jedoch nur einen 
schwachen Stoßseufzer; er hatte seine guten Gründe, fich 
möglichst lautlos zu verhalten. 
Aus einem Nebengemach lugte ein hübscher, junger 
Mädchenkopf. Gleich darauf trat Manons zierliche Gestalt 
in die Stube. 
Die kleine Dienerin schlug die Hände über dem Kopfe 
zusammen; sie stürzte auf den Hund zu. dessen'jschwarzer 
Schweif nur eben sichtbar war. 
Ah—juste ciel! Leon, Du Bösewicht! Willst Du Dich 
wohl aus Mademoiselles Stickerei herauswtckeln! Allons! O 
weh, die großen, schwarzen Pfoten, mit denen Du im Parke 
umhergelaufen bist, auf dem schönen weißen Seidenstoffe! 
Und die armen gestickten Veilchen! Ach, Mademoiselle, es ist 
keine andere Seide mehr da, und die letzte Tinktur zum 
Färben ist aufgebraucht!" 
Empört trieb Manon den Hund von seinem Ruhelager. Nur 
widerwillig und mit Zähnefletschen ließ dieser es fich gefallen.
        
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