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Periodical volume 31. Dezember 1898, No. 53

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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außerdem versah ich mancherlei Botengänge und kleine Haus- 
liche Dienste für wohlhabende Nachbarn, so daß ich den ganzen 
Tag in Thätigkeit war. 
Zu Kinderspielen hatte ich gar keine Zeit. Meine jüngeren 
Geschwister konnten noch nichts verdienen. Krankheiten brachen 
herein, und so gab es oft die bitterste Not. Mit der Näherei, 
wodurch unsere Mutter uns erhielt, stockte es. und wir hatten 
mit Begier nach einer Arbeit gegriffen, welche manche Näherin 
ausschlagen würde; wir flickten nämlich einem Müller seine 
zerrissenen Mehlsäcke, Stück für Stück für sechs, sage sechs 
Pfennige aus. Ein Spoitgeld, aber besser als betteln müssen; 
und — die Not macht erfinderisch — wir klopflen die Säcke 
gründlich aus und erhielten dadurch so viel Mehl, daß wir 
uns in der schlimmen Zeit wenigstens täglich eine nahrhafte 
Mehlsuppe bereiten konnten. 
Ich hatte eben wieder zehn Säcke abgeliefert, dafür fünf 
Silbergroschen erhalten und, dem Aufträge meiner Mutter 
gemäß, davon ein Brot gekauft. Da, unterwegs, cs war 
in dem Lustgarten, überkam mich plötzlich ein bilter schmerz 
liches Gefühl; gleichzeitig stieg der Drang in mir auf, den 
lieben Gott zu bitten, unserer Not doch ein Ende zu machen. 
In diesem Drange trat ich unter einen Baum, fiel, wie 
ich glaubte, von niemandem gesehen, auf meine Kniee und 
betete inbrünstig, während mir die Thränen unwillkürlich aus 
den Augen drangen. 
Plötzlich höre ich mich angeredet. Hastig springe ich 
auf und sehe mir gegenüber einen Offizier von statllichem 
Aeußern, aber ohne Epaulettes. Ich hielt ihn für einen 
Hauptmann. 
„Was hast Du da eben unter dem Baume gethan, 
Kind?" fragte der Offizier, zwar nicht streng, aber doch in 
einem Tone, welcher mich erschreckte. Ich fürchtete, er halte 
mich für ein Bettelkind, und, mein Brot fester an mich 
drückend, erwiderte ich angstvoll: »Ich, ich habe dies Brot 
gekauft, nicht gebettelt!" 
„Aber was thatest Du da eben unter dem Baume?" 
„Ich betete zum lieben Gott." 
„Weswegen denn?" 
„Ich bat ihn, er möchte unserer Not, dem Elende meiner 
armen Mutter ein Ende machen." 
„Also ergeht es Euch sehr traurig?" 
„Ja, sehr traurig! Der Vater war sehr lange krank 
und ist dann —" 
„Wie hieß Dein Vater, und was war er?" fiel der 
Offizier in mildem Tone ein. 
„Er war ehemals Soldat und hat den Krieg mitgemacht. 
Zuletzt hat er Zahnbürsten verfertigt. — aber endlich konnte 
er nichts mehr verdienen." 
Mittlerweile war der Herr, indem er mich aufgefordert 
hatte, ihn zu begleiten, weiter durch die Stadt gegangen. 
„Und warum hat fich denn Deine Mutter nie an den 
König gewandt?" fragte der Offizier weiter. 
Ich antwortete nichts. 
„Der König lindert gern die Leiden seiner Unterthanen," 
fuhr er fort, „und besonders der Witwe eines Kämpfers 
aus den Freiheitskriegen." 
„Ach, wenn der König alles lesen sollte," sagte ich, 
Vertrauen zu dem Fremden faffend, „was man an ihn schreibt, 
da hätte er viel zu thun! Da find soviel Leute um ihn 
herum, die lassen gar nicht alle Briefe zu ihm gelangen." 
„So, meinst Du, Kleine?" erwiderte mein Begleiter, 
indem er lächelte. „Habt Jhr's denn schon versucht?" 
„Ja. einmal!" 
„Und was ist da geschehen?" 
„Wir haben gar keine Antwort erhalten." 
„Das wundert mich; da muß ihm in der That das 
Bittschreiben gar nicht zu Geficht gekommen sein!" 
„Oder der König hat gedacht, es wollten ihrer zu viele 
Geld von ihm haben, und keine Anlwort sei auch eine 
Antwort," sagte ich. 
„Du, beleidige den König nicht!" versetzte der 
Offizier, mit dem Finger drohend. „Wenn dieser nun selbst 
vor Dir stände?" 
„Ach, das weiß ich besser, daß —" 
„Nun, was denn?" fiel schnell und neugierig der 
Offizier ein. 
„Daß der König einen großen Federbusch und eine 
goldgestickte Uniform hat!" 
Ein herzliches Lachen meines Begleiters folgte diesen 
Worten. 
„Nun, weißt Du was?" sagte er fteundlich. als wir in 
der Nähe des Brandenburger Thores angelangt waren. „Setze 
gleich, wenn Du nach Hause kommst, eine Bittschrift au den 
König auf! Ich werde sie aus Eurer Wohnung abholen 
lassen — der Fremde hatte im Laufe des Gesprächs nach 
Namen und Wohnung gefragt — und dann das Weitere 
veranlassen. Jetzt gehe nach Hause, und sage Deiner Mutter, 
es solle für fie gesorgt werden! Und bleib' immer gut und 
brav, mein Kind!" 
Mir freundlich die Wangen streichelnd, entfernte fich der 
Offizier, und ich eilte mit der Boischaft nach Hause. Kaum 
war ich einige Schritte gegangen, so umringte mich eine 
Anzahl Menschen, welche mich fragten, was denn der König 
so viel mit mir gesprochen habe. 
„Der König?" rief ich — wegen des mangelnden Feder 
busches — ungläubig aus. Auf die Versicherung so vieler 
Menschen hin mußte ich aber doch endlich glauben, daß ich 
die Ehre gehabt, mit Sr. Majestät im Zwiegespräche vom 
Lustgarten bis fast zum Brandenburger Thor gegangen 
zu sein. 
Die Folgen dieser Unterhaltung blieben nicht aus. 
Noch am Nachmittage desselben Tages erschien ein Herr, 
welcher viel prächtiger als der König gekleidet war, in unserer 
bescheidenen Wohnung und fragte nach der Bittschrift, die 
der König am Morgen befohlen habe. Ich hatte fie bereits 
aufgesetzt, er nahm fie mit. 
Ein reiches Geldgeschenk nebst einer dauernden kleinen 
Pension waren die Frucht meines Zwiegesprächs mit Friedrich 
Wilhelm IV.. welche wiederum eine Folge meines kindlichen 
Gebets unter einem Baume im Lustgarten war. — 
Die Kta-t Werben an -er Mbe. 
Mit fünf Abbildungen. 
Vor uns liegt eine mit großem Fleiß und unter sorg 
fältiger Benutzung umfangreichen Ouellenmaterials geschriebene 
„Chronik der altmärkischen Stadt Werben und ihrer 
ehemaligen Johanniter-Komturei."*) Verfasser der 
selben ist Pastor Ernst Wollesen in Werben, der die 
Schrift auch in Selbstverlag genommen hat. 
Werben a. d. Elbe. lange Zeit vom Verkehr abge 
schnitten und erstMrzlich durch die Erbauung der Strecke Werben- 
Goldbeck in das Eisenbahnnetz hineingezogen, ist jetzt uur ein 
kleines Ackerstädtchen. Um so heller erstrahlt sein Name in 
der Weltgeschichte. Dreimal hat es in derselben eine 
bedeutende Rolle gespielt: zur rauhen Wendenzeit, in den 
Stürmen des dreißigjährigen Krieges und vor Beginn 
der Freiheitskriege. An die Wenden erinnert noch der Name 
der Stadt, denn „Werbena" hieß bei den Wenden der Weiden 
busch, den man heute noch in Menge bei der Stadt an dem Elbufer 
finvel. Heinrich I. erkannte bereits die strategisch wichtige 
Lage des Ortes als Beherrschers zweier Ströme — die 
Havel mündete damals oberhalb der Stadt — und errichtete 
daselbst eine Grenzburg gegen die Wenden. Viel Blut ist in 
jenen Zeiten um diesen mächtigen Stützpunkt des Germanentums 
*) Chronik der altmärkischcn Stadt Werben fund ihrer 
ehemaligen Jo hanniter - Komturei. Mit 34 Illustrationen. 
Von E. Wollesen, P. 17 Bogen. Werben a. d. Elbe, 1898. Im 
Selbstverläge des Verfassers. Preis 2,50 M., geb. 3 M.
        
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