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Periodical volume 31. Dezember 1898, No. 53

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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umgeben von einer glänzenden Suite und begleitet von einem 
Regiment Kürassiere, ebenfalls von Bellevue aus die 
Hauptstadt des preußischen Staates. Er saß auf 
einem Schimmel und trug die historische, unscheinbare, 
grüne Uniform. Durch das Brandenburger Thor gingen die 
Züge der Sieger nach den Freiheitskriegen und nach den 
Kriegen von 1864, 66, und 70/71. Durch das Branden 
burger Thor nach Charlottenburg wallten auch die Züge mit den 
sterblichen Ueberresten der Königin Luise und Friedrich 
Wilhelms III., und auf diesem 
Wege folgte den königlichen Eltern 
am 16. März 1888 Kaiser Wilhelm I., 
um nach mühevollem und köstlichem 
Leben an ihrer Seite auszuruhen. 
Kaiser Wilhelm fand seinen Garten- 
künstler in dem Obergärtner, späterem 
Gartendirektor Neide und half durch 
ansehnliche Beiträge aus seiner 
Schatulle der zurückgekommenen Tier 
gartenkultur wieder empor. Die 
älteren Berliner haben diese Ver. 
jüngung sich allmählich vollziehen 
sehen; und wenn diese Zeilen ein 
Geringes dazu beitragen, das durch 
viele Sorgfalt und Mühe Gewordene 
nicht einfach als selbstverständlich an- 
zusehen, so ist ihrem Zwecke genügt. 
Was wird nicht heut allein durch 
reichlichere Bewässerung des Tier 
gartens erreicht! Ehemals waren 
solche peinlich gepflegte Partien, 
wie zum Beispiel der sogenannte 
Wintergarten an der Königgrätzer- 
straße, etwas Unbekanntes. Wer 
ein häufiger Tiergartenbesucher ist, 
weiß außerdem, wie hier der alte 
Baumbestand unter Kaiser Wilhelm I. 
durch Ergänzungen aus den Forst 
kulturen der Monarchie, be 
sonders durch junge Eichen 
und Buchen, wieder ergänzt 
worden ist. Und welch un 
ablässige Sorgfalt wird dem 
ganzen Park zu jeder Jahres 
zeit von seiner Verwaltung 
und den mit seiner un 
mittelbaren Pflege betrauten 
Organen zu teil! Da wird 
gedüngt und gesprengt, ge 
pflanzt und gesät, da 
werden neue Wege ange 
legt, die alten instand ge- 
setzt, und selbst im Herbst 
und Winter werden die 
Hauptverkehrswege von 
einigen Kompanien reini 
gender Wesen bedient. Zahl 
reiche Kinderspielplätze find 
geschaffen, die Ruheplätze 
find vermehrt worden. Seit 
1878 schmückt einen von 
alten Eichen und Buchen umsäumten Platz an der großen Ouerallee 
Drakes anmutige „Winzerin", und in demselben Jahre erhielt 
in der Ahornallee ihren Platz die „sterbende Löwin" 
von Wilhelm Wolff. „dem Tierwolf". wie er schon 
bei Lebzeiten genannt wurde, wegen seiner Begabung und 
Neigung, das Tierleben künstlerisch zu erfassen und zu ge- 
stalten. Der verstorbene Künstler war ein ungewöhnlich 
bescheidener Mann. und es ist erfreulich, sein tief empfundenes 
Werk an öffentlicher Stätte zu finden. 
Der Fremde nicht nur, sondern auch der Einheimische 
wird durch eine genaue Wege-Bezeichnung leicht orientiert; 
die großen Rasenflächen find durch niedrige, eiserne Barrieren 
geschützt, die Hauptpromenaden durch Mosaikpflaster gefestigt 
worden. Diese Gangbarkeit der Hauptwege des Parkes auch 
in der schlechten Jahreszeit ist um derer willen besonders 
dankenswert, die ihn Sommer und Winter zu durchkreuzen 
veranlaßt find; und ihre Zahl ist groß. denn die Vororte 
haben sich mehr und mehr herangedrängt und umklammern 
von allen Seiten das ausgedehnte Gebiet. Eine nicht geringe 
Annehmlichkeit für die Reiter ist es. 
daß sie ohne Schwierigkeit aus den 
Reitwegen des Tiergartens in die 
des Grunewalds gelangen können. 
Der Tiergarten ist immer reich 
an Vogelarten gewesen,und für alt 
und jung ist es erfreulich, daß an 
seinen Wafferläufen auch wieder die 
wilde Ente nistet. Wenige aber 
werden wiffen, wenn sie den 
zutraulichen Tieren ein paar Krüm 
chen hinwerfen oder ihrem Ein 
fallen aus der Höhe zusehen, mit 
wie schweren Sorgen die Enten- 
mutter ihre Brut groß zieht. Nicht 
nur diebische Menschenhände stellen 
den Tieren und ihren Gelegen 
nach. sondern ein unheimlicher, 
nächtlicher Räuber für die junge 
Brut ist auch die Wasserratte, die 
sich heranwagt, wenn die Kleinen 
den schützenden Flügel der Alten 
einmal einen Augenblick verlassen 
haben. 
Die Uebelstände, welche die Ver 
unreinigung der Tiergarien-Gewäffec 
für den Park herbeiführten, haben 
wir schon angedeutet. Diese wichtige 
Frage kam seit den sechziger Jahren 
wieder in Fluß. Ein Kanal, 
den man vom Seepark 
nach der Luiseninsel und 
von dieser bis zur Spree 
hinter den Zelten führte, 
hatte ebensowenig wie ein 
Filtrierungsversuch der 
Kanalzuflüffe vor ihrem 
Eintritt in die Wafferläufe 
des Parks einen Erfolg. 
So kam man schließlich 
auf den Gedanken, den 
Zutritt des Kanalwasiers 
ganz abzusperren und 
die Parkgewässer durch ein 
Dampfpumpwerk aus Brun- 
nen zu speisen. Viele kennen 
das seit 1877 errichtete 
turmartige Gebäude am 
Hippodrom, ohne doch von 
seiner Bestimmung etwas zu 
wissen. Zu gleicher Zeit ent 
standen auch, nach Zu 
schüttung des Men^ Grabens hinter dem Hofjäger-Elabliffement, 
Rauch- u. Kaisertn-Augustastraße, und die Hofjägerallee konnte sich 
als Friediich-Wilhelmstraße bis zum Kanal fortsetzen. Vor 
vierzig Jahren bestiegen wir Jungen noch daS Boot bei 
einer Anlegestelle in dem damals allbekannten, von der gute« 
Gesellschaft besuchten Etablissement Moritzhof. daS dort lag. 
wo heute Kaiferin-Augusta- und von der Hcydtstraße sich 
trennen, und fuhren unter hängenden Zweigen durch deu 
engen Wasserarm, der an die schmalen, waldbewachseneu 
Arme des Spreewalds erinnerte, im Zuge der heutigen 
Werben a. d. Llbe. Llbtbor. 
Werben g. d. Elbe. St. ZohanniDirche. 
Von der Fabianftraße aus gesehen. 
Aus: W o l l e s e n, Chronik der allmärkischcn Stadt Werben.
        
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