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Periodical volume 24. Dezember 1898, No. 52

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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tragen die sich nach unicn verjüngenden Pilaster einen hübsch ausge- 
sühttkn Faltenwurf mit Schnur und Quaste. Nirgend treten die Säulen 
und Pilaster aus dem Ständerwcrk hervor, so daß sie eigentlich nur als 
Füllungsornamente erscheinen. Die schon erwähnten Profillatten unter 
den Fenstern bilden eine rundbogige Platte, unter welcher eine lesbisäie 
und mit zierlichen dreilapvigen Blättern geschmückte Welle sich hinzieht. 
Abwechslungsvoll sind die Konsolen der einzelnen Etagen. Sie 
zeigen unter dem eisten vorgekragten Geschoß die geschwungene Voluten 
form mit auswärts gebogener Spirale; unter dem folgenden Stockwerke 
ähnelt die Form dem umgekehrten großen lateinischen G, darüber liegt 
hier eine diamantquadei ähnliche Platte; bei den anderen Stockwerken 
beobachten wir die 8-Volutensorm, die über dem fünften Stock mit 
AkanthuShlättern geziert ist. Die Balkenköpfe, die bei anderen Holz 
bauten wphl reich geschnitzt find, hat man hier schlicht gelassen. 
Weitere Aufmerksamkeit gebührt den stellenweise mit derb-figürlichem 
Schmuck ausgestatteten Fensterbrüstungsplatten. Die erste Bilderreihe 
personifiziert durch weibliche Figuren, und zwar unter Hinzufügung ent 
sprechender Attribute und lateinischer Titel, die drei theologischen und 
die vier menschlichen Haupttugenden. Diejsustitia mit Schwert 
und Wage eröffnet auf der linken Auslucht die Reihe; cs folgt die 
Callas, Kinder liebkosend, darauf die Spes mit Anker und Taube; 
sooann am Mittelbau die krudeptia mit Schlange und Handspiegel, 
Fortitudo mit einer zerbrochenen Säule als Sinnbild der Kraft, dann 
an der rechtsseitigen Auslucht die Temp erantia,. Me eine Flüssigkeit 
aus einem größeren Gefäß in ein kleineres gießt, die Patientia, die 
in der rechten Hand einen Palmenzweig hält, während die linke ein 
Lamm streichelt, endlich die Fides mit Kreuz und Kelch. 
Die zweite Serie von Bildern veranschaulicht die sieben Künste 
und Wissenschaften. Da tritt zuerst die Grammatica auf mit 
einem großen Schlüssel in der Hand, ihr folgen die Dialectica mit 
einer Rolle, die ltbetorica mit Stab und Buch, die Aritbmetica 
mit Stist und Tafel, die Musica mit Harfe und Posaune, die 
Geometrica mit Tafel und Zirkel; auf der fiebenten Tafel hält eine 
weibliche Figur die Zahl 1598 (Jahr der Erbauung des Hauses) empor; 
auf der letzten Tafel ist die Astrologia dargestellt, die mit der Rechten 
aufwärts zu den Sternen weist, m>t der Linken die Weltkugel hält. 
Die dritte Reihe zeigt zueist Veisinnbildsschungen der beiden 
Elemente Aqua und Ignis, dann folgen Untugenden: die Avaritia 
mit zwei Säcken, die Pigritia, welche einen Esel füttert, die8uperbia 
mit einem Handspiegel; die nächste Figur, ein Mann mit einer gefüllten 
Schüssel und einer Kanne, trägt die Bezeichnung Gula (wohl Unmäßig- 
keit); die dann folgende weibliche Figur mit einer Schlange ist die 
Invidia; es kommt noch die Ira als letzte Tafel, eine gewappnete 
männliche Figur, deren ganze Haltung nicht übel diese finsterste Leiden 
schaft der Menschenscele andeutet. Die Fcnstcrbrüstungsfclder der weiteren 
Geschosse haben teils Brustbilder von allerlei Personen, Handwerkern, 
Musikanten :c., teils Tierbilder oder Ornamente zum Schmuck. 
Großes Interesse erregen an dem Hause auch die in den vier 
oberen Stockwerken angebrachten Windenluken, deren oberste durch eine 
kleine Verdachung gegen Schlagregen von oben geschützt ist; unter der 
selben ragt der die Winde tragende Balken hervor. Auch die Eingangs 
thür mit ihrem stichbogensörmigen Sturz gereicht dem Gebäude zur 
Zierde; die begrenzenden Ständer bilden Hermen, über welchen sich 
Spruchbänder und kleinere Wappen befinden. Neben dem Sturz sind 
auch noch zwei größere, vorzüglich geschnitzte Wappen angebracht. 
Neben dem Wedekindjchen Hause zeigt sich auf unserer Abbildung 
links in der Ecke ein Teil des sogenannten Tcmpelhauses, eines 
Massivbaues aus dem 14. Jahrhundert. Dieses Haus hat einen 1591 
angefügten, vortrefflich gemeißelten Erker, den zwei Ecktürme, von denen 
einer auf unserm Bilde zu sehen ist, malerisch flankieren. Der Name 
„TemvelhauS" hat übrigens, wie oft irrtümlich angenommen wird, mit 
dem Templerorden nichts zu thun; er rührt daher, daß im Hinteren, 
an der Judenstraße gelegenen Teile des Gebäudes früher die jüdische 
Synagoge war. Der Lichtstreif zwischen den beiden Häusern gewährt 
einen Einblick in die sehr schmale Judenstraße, in das ehemalige Ghetto 
Hildesheims, dessen Zugänge, wie auch andrerwärts, einst durch besondere 
Thore abgesperrt waren. 
Auf dem Marktplatz, vor dem Wedekindschen und dem Tempel 
hause, erblicken wir ferner den Rolandsbrunnen. Dieser Brunnen 
ist im Jahre 1540 errichtet worden und hat hohe Beckenwände, die mit 
6 Paar Brustbildern geschmückt find. Die Bilder stellen alte Helden 
dar, von denen durch Inschriften und Beiwerk Josua, Gideon, David 
und Simson noch erkennbar sind. Aus der Mitte des Beckens steigt 
eine reich verzierte Säule empor, die einen kleinen sperr- und schild 
bewehrten Roland trägt. Vom Kapitäl der Säule fließt aus vier 
Röhren Wasser in das Becken hinab. Ehe die Stadt eine Wasserleitung 
batte, versorgte der Brunnen die Anwohner des Marktes mit Wasser. 
Das war auch ein Stück Romantik des Marktplatzes, als noch Mägde 
und Buben mit ihren Zubern da am alten Brunnen zu trauter Zwie 
sprache sich einfanden. 
Möchte die vorstehende kleine Skizze manchen anregen, gelegentlich 
der alten Hildesia einen Besuch abzustatten, um mit eigenen Augen den 
Zauber ihres ehrwürdigen Kleider anzuschauen! Henry Cassel. 
Markgraf Hermann vereinigt die Städte Berlin und Kölln. 
Das lateinische Original der Urkunde, in welcher Markgraf Hermann 
die Städte Berlin und Kölln am 20. März 1307 vereinigte, ist in 
Buchholz, Geschichte der Kurmark Brandenburg, IV., Anhang S. 159, ab 
gedruckt und hat in deutscher Uebersetzung folgenden Wortlaut: „Wir 
Hermann, von Gottes Gnaden Markgraf von Brandenburg und von 
der Lausitz und Herr von Henneberg, erklären und wünschen, daß es 
mit der vorliegenden Urkunde zur Kenntnis aller kommt, daß unsere 
Lieben und Treuen, die ehrenvollen und umsichtigen Bürger in Berlin 
und Kölln, hier vor uns sich geeinigt und zusammen folgenden Vertrag 
abgeschlossen habest: Die zwei Drittteile der Ratsherren aus der Stadr 
Berlin werden in gleicher Weise für die Stadt Kölln miterwählt, und 
unsere Bürger aus der Stadt Kölln erwählen jene zwei Drittteile der 
Ratsherrn sür die Stadt Berlin mit und unsere Bürger von Berlin 
sollen sich nicht weigern, das dritte Drittteil der Ratsherren in jedem 
Jahr für Kölln mitzuerwählen. Ueber die Schöffen aber ist die Ver 
fügung in der Art getroffen, daß in beiden Städten sieben Schöffen 
erwählt werden, nämlich vier aus der Stadt Berlin und drei aus 
Kölln, und von dm Bürgern von Kölln werden jene vier für die Stadt 
Berlin miterwählt, von den Bürgern von Berlin aber werden jene drei 
Schöffen für Kölln im umgekehrten Verhältnis miterwählt. Die vorher 
genannten Schöffen aber sollen bei ihrem Amt und in ihrem Amt 
länger als während eines Zeitraumes von drei Jahren nicht bleiben 
oder fest angestellt sein. Man hat auch zusammen einen Vertrag abge 
schlossen, daß alles, was die Bürger von Berlin bei den Gerichtsurteilen 
von den Vergehungen als Strafgeld einnehmen können, daß sie hiermit 
ihr« Stadt Berlin aufbessern sollen, und die Bürger von Kölln sollen 
sich nicht weigern, ihnen hierzu gern und nachdrücklich ihre thätige 
Unterstützung zuteil werden zu lassen. Zum Zeugnis für diese Sache 
daben wir das vorliegende Schriftstück ausstellen und mit unserem ge 
wichtigen Siegel vollziehen lassen. Zeugen für diese Sache sind der 
hochwürdige Herr Abt Johannes von Lehnin, unsere Ritter und Lehns 
männer, nämlich der Truchseß unseres Hofes Busso Grewelhut, Petzekin 
von Lossow, Wieprecht von Barby, der Marschall unseres Hofes Ger 
hard von Niebede, Hermann von Nicbede, Hentzekin von der Gröben 
und Otto von Königsmark und nocb mehrere andere des Vertrauens 
würdige Männer; Ausgestellt in Spandau von der Hand Schlotkes 
im Jahr 1307 am Montag nach dem Palmsonntag." 
W. A. Wegener." 
Stein und Vincke. Die Derbheit, ja Grobheit des alten Stein, 
des Retters des Preußischen Staates, ist bekannt. So kursieren denn 
auch eine Menge von Erzählungen darüber, wie rücksichtslos er als 
Marschall des westfälischen Landtages drein gefahren und mit unwissenden 
und sich vordrängenden Landboten umgesprungen sei. Unter anderem 
antwortete er einem Neueintretenden, der ihn fragte, was er zunächst 
thun solle: „Sich hinsetzen, 's Maul halten und zuhören, was klügere 
Leute sagen!" Sogar den Oberpräsidcnten und Landtagskommisiar, 
den von ihm sonst hoch geschätzten und ihm befreundeten Pincke, hatte 
er einst in einem Briefe über das Kataster- und Vermessungswesen ähnlich 
zu behandeln versucht. Dieser aber ließ sich das nicht bieten, sondern 
erwiderte kurzweg mit gleicher Grobheit: „Den übrigen ebenso an 
maßenden, als rücksichtslosen Inhalt von Ew. Excellenz Schreiben zu 
beantworten, verbietet mir die Achtung, welche ich dem Verdienste eines 
sonst von mir verehrten Mannes widme. Ich ziehe vor, gar nichts 
darauf zu erwidern und auf die Fortsetzung schriftlicher Unterhaltungen 
zu verzichten." Nur mit Mühe konnten die beiden hitzköpfigen alten 
Excellenzen durch Vermittelung von Freunden wieder ausgesöhnt werden. 
Krandenburgisch-preußische Erinnerungstafel. 
24. Dezember. 
1715 Kapitulation von Stralsund. 
1793 Vermählung des Kronprinzen Friedrich Wilhelm mit der 
Prinzesstn Luise. 
1794 Allgemeine Gerichtsordnung für die preußischen Staaten. 
1798 Heinr. Gottlob von Braun, General der Infanterie, f 
1863 Einrücken der Bundestruppen in Holstein. 
1866 Viktoria-National-Jnvalidenstiftung. 
1868 Moltkcs Gemahlin ch. 
1873 Heinr. Gust. Hotho, Aesthetiker, ch. 
25. Dezember. 
1613 Kurfürst Johann Sigismund wird reformiert. 
1617 Christ. Hofmann von HofmannSwaldau. Dichter, geb. 
1700 Leopold Maximilian, Fürst von Anhalt-Dessau, Generalfeld - 
marschall, geb. 
1742 Die Herrnhuter werden in Preußen geduldet 
1745 Friede von Dresden. 
1811 Wilh. Emm. Freiherr von Ketteler, Bischof, geb. 
1845 Wilh. Fr. Ernst Bach, Komponist, ch. 
1853 Jos. Maria von Radowitz, Vertrauter Friedrich Wilhelms IV., -f\ 
26. Dezember. 
1415 Die brandenburgischen Stände huldigen Friedrich I. 
1694 Samuel Freiherr von Pufendorf, Jurist, ch. 
1715 Einzug Friedrich Wilhelms l. in Stralsund. 
1769 Ernst Moritz Arndt geb. 
1771 Claude Adrien Helvetius, Philosoph, ch.
        
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