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Periodical volume 24. Dezember 1898, No. 52

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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bis es Prinz Ferdinand, der jüngste Bruder Friedrichs des 
Großen, von dem Hofrat Bertram erwarb und dem Garten 
zwischen 1786—90 im wesentlichen die Gestalt gab, die er 
bis zu seiner letzten Umgestaltung unter Friedrich Wilhelm IV. 
behalten hat. Der jüngere Boumann baute dem Prinzen 
daS Schloß in jener vornehmen Einfachheit, die uns noch 
heut mit den Parkanlagen auf beiden Seiten so anspricht. 
Nach dem Tode des Prinzen Ferdinand gelangte das Schloß 
in den Besitz seines jüngsten Sohnes, des Prinzen August, 
der sich als Reorgani 
sator der preußischen 
Artillerie verdient ge 
macht hat. Als auch 
dieser 1843 starb, 
kaufte der König den 
Besitz zurück, um seine 
Erhaltung zu sichern. 
An Erholungsorten 
war auch jetzt noch 
kein Mangel. Waren 
einzelne Lokale Straßen- 
durchbrüchen znm Opfer 
gefallen, andere wie 
Odeum, Albrechtshof 
thaten sich auf. Aber 
jetzt nahte eine Periode 
vorübergehenden Ver» 
hängnisses für den Tier 
garten. Schon die 
Zeiten politischer Un 
ruhe konnten 
seiner Entwickelung nicht 
förderlich sein; doch es 
stellten sich noch andere, 
schwer zu bekämpfende 
Kalamitäten ein. Durch 
Tieferlegung der Sohle 
des Schiffahrtkanals 
sank auch das Grund 
wasser des Parkes, und 
die alten Bäume, die 
daraus ihre Nahrung 
gezogen hatten, litten 
wie auch die übrige 
Vegetation außerordent 
lich darunter. Dazu 
kam. daß die Wasser 
läufe durch Ablage 
rungen aus dem Kanal 
versumpften und übel 
riechend wurden. Jedoch 
die Krankheit des 
Königs ließ jede weitere 
Begünstigung für den 
Tiergarten einschlafen; 
der Finanzminister hatte 
keine Mittel mehr für 
ihn. 
(Schluß folgt.) 
Der Marktplatz zu WdeKtieim. 
Tempelhaus, 1547 erbaut. Wedekindsches HauS, 1598 erbaut. 
Rolaudsbrunnen, 1540 erbaut. 
Aus: Theodor Lindner, „Die deutsche Hanse". Verlag von Ferd. Hirt u. Sohn in Leipzig. 
1598, begeht also in diesem Jahre sein 300jährigeS Jubiläum. 
An dem weihevollen Marktplatze steht es, im Kranze von zum Teil 
älteren Genossen, als stolzer Zeuge einer bedeutsamen Entwickelungs 
phase in der Kunstgeschichte HildesheimS. Es bekundet mit seiner 
eigenartigen, genialen Konstruktion wie mit seiner reichen Ornamentik 
die Blütezeit der Holzarchitektur und legt zugleich Zeugnis ab von dem 
Reichtum, der Sinnesart, vielleicht gar von der Gelehrsamkeit seines 
Bauherrn. Ein kaleidoskopisches Bild aus vergangenen Tagen zaubert 
uns dies HauS, indem wir es betrachten, in beredter Sprache vor die 
Seele. Das Seil schnurrt aus der hohen Windenluke herab, und 
geschäftige Hände rühren sich, Ballm und Fässer, Kisten und Kasten 
sieben Geschosse emporzu 
ziehen. Wir sehen auch 
das emsige Getriebe im 
weiten Flur der stolzen 
Kaufhauses, und in der 
Schreibstube gewahren wir 
den Prinzipal, der mit 
ruhiger Würde — das statt 
liche Handelshaus in seiner 
Person repräsentierend — 
daS Szepter führt. Hinter 
den grünlich schimmernden 
Butzenscheiben der oberen 
Stockwerke aber spielt sich 
ein anderes Leben ab. Da 
schauen wir krausköpfige 
Buben bei munterem Spiel, 
rotwangige Mägdlein bei 
sittigem Thun; die 
Hausfrau, in mittelalter 
licher Schaube und mit dem 
großen Schlüsselbund am 
Gurt, schreitet hoheitsvoll 
aus und ein, schaffend und 
befehlend, lehrend und re 
gierend, eine echte Herrscherin 
in dem ihr zugewiesenen 
Reiche. Aus allen Ecken 
blickt uns zugleich launig 
die alte Gemütlichkeit an, die 
der eigentliche Hausgeist war 
in der Urväter Togen, wo 
man trotz aller Beschränkung 
des Raumes und der Be 
leuchtung glücklicher war als 
in unserer Zeit. 
Die Fassade des genannten 
Hauses zeigt drei harmonische 
Teile, zwei ausluchtenartigc 
Seitenbauten und einen 
breiteren und höheren Mittel 
bau; die drei Giebel treten 
aus der Dachfläche malerisch 
hervor. Wir zählen sieben 
Geschosse, die vom dritten an 
vorkragen; daS Ganze ragt ca. 
20 m empor. Die Schwellen 
der unteren Geschosse tragen 
in liegender gotischer Schrift 
folgende Sprüche:> 
Wol Godt vertrowet; heft 
wohl gebuwet, dat ohme 
nich gruwet. 
Wat der leifft Godt be 
scheret, dath blifft alles un- 
gewehret. 
Min anvanck un min Ende. 
Steidt stedes in Goddes 
Henden. 
De Segen des Hern, de 
deit dich Godt vormeren, 
So du dich deist mitt ehren 
Ehrneren. 
Kleine Mitteilungen. 
Das Wedekindsche Haus in Hildesheim. (Mit Abbildung).*) 
Unter den berühmten Holzbauten der altehrwürdigen Stadt Hildesheim**) 
nimmt das nach seinem jetzigen Besitzer genannte „Wedekindsch'e 
HauS" einen der ersten Plätze ein. ES stammt aus dem Jahre 
*) Auch diese Abbildung ist dem vortresfllichen Werke „Die 
Deutsche Hanse" von Theodor Lindner (Verlag von Ferdinand 
Hirt u. Sohn in Leipzig) entnommen. Wir empfehlen hiermit dieser 
Werk, das in Nr. 47 des „Bär" eingehend besprochen wurde, aufs neue 
aufs wärmste. 
**) Vergl. Lachner „Die Holzarchitektur Hildesheims", F. Borg 
meyer, Hildesheim. 
Affgunst der lode kan dich nich schaden, was Godt willJ das 
muss geraden. 
Die weiteren Schwellen des Hauses haben ansprechende Orna- 
mcntenmotive: Bänder, Blätter und Blumen. Die Ständer sind überall 
durch Fensterprofillatten in zwei Teile zerlegt. Das untere Stück ist als 
Füllung behandelt und mit Brustbildern oder Metallornamenten geziert, 
dem oberen Teile find Säulen und hermenartige Pilaster eingeschnitten; 
mit Ausnahme der Fenstcrprofillatten ist überhaupt alles an dem Ge 
bäude eingeschnitten und nicht aufgenagelt. Die in den drei ersten 
Stockwerken zur Anwendung gebrachte Kuppelung von Säulen und 
Pilastern ist in der Holzatchitektur selten, in Hildeshcim bildet sie daS 
einzige Beispiel. Die Säulen und Pilaster haben durchweg schöne 
Verhältnisse; die Kapitäle derselben sind korinthische und jonische; der 
Schaft der Säulen ist kannelliert. Im zweiten und dritten Geschoß
        
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