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Periodical volume 17. Dezember 1898, No. 51

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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Daß ein Mann und Künstler wie Knobelsdorff den 
inneren Ausgleich nach wie vor in seiner Arbeit suchte, ver- 
steht sich von selbst. Er blieb, neben Arbeiten für den 
jungen Fürsten von Dessau und dem Neubau seines Hauses 
in der Kronenstraße, mit Vorliebe der stillen Thätigkeit an 
seinem Tiergarten zugewandt. Aber, was er erfahren, nagte 
ihm fortan an Seele und Körper. Der König hatte nie 
des ehemaligen Freundes Persönlichkeit verletzen wollen; ihre 
Charakiere, die Entwickelung ihrer Kunstanschauungen gestatteten 
nicht mehr die gemeinsame Arbeit. Damit aber war für 
Knobelsdorff der Stern seiner Lebenshoffnungen verloschen. 
Doch ein Freund war ihm geblieben. 
„Je mehr sich das Verhältnis zum König trübte," sagt 
sein Nachkomme und Biograph Wilhelm von Knobelsdorff, 
„je tiefer ihm die mannigfachen Kränkungen und Ent- 
läuschungen in die Seele griffen, desto enger schloß er sich 
an die Kunst, desto inniger an die Natur, die mit dem Grün 
seines lieben Tiergartens ihm die geschlagenen Wunden kühlte. 
Er war nicht geschaffen für die elegante Welt, er wollte 
gesucht sein, wollte nicht andere suchen; also draußen in 
Waldesgrün, daheim an Zeichenpult nnd Staffelei, da war 
seine Welt, da fand er Erleichterung seines Kummers. Seine 
Wahrheitsliebe, seine Redlichkeit, sein ungeschminktes, derbes 
Wesen, sein Fleiß und gründliches Wissen, die (Sinnigfeit, 
der wir bet seinen Werken überall begegnen, ergänzte jene 
Liebe zur Natur zu einem wahrhaft deutschen Charakter. Sie 
machte ihm den Tiergarten zur Lieblingsarbeit. Die all 
jährlichen Verschönerungen, die er hier in fast unbeschränkter 
Freiheit vornehmen durfte, bilden den Hauptarm des poetischen 
Stromes, der sich durch die letzten Jahre seines Lebens wand 
und ihn immer wieder gegen die herben Prüfungen seines 
Berufes kräftigte." 
Knobelsdorff wurde nur 54 Jahre alt; er ist 1753 
gestorben. 
Kthür im WMaveüand. 
Von Dr. Gustav Albrecht. 
An einer Bucht des herrlichen Beetzsees, dessen idyllische 
Lage wir in einem früheren Aufsatz*) geschildert haben, liegt 
das kleine Dörfchen Ketzür. Der Ort macht trotz seiner 
lieblichen Umgebung und dem Ausblick auf die silbernen 
Fluten des Sees einen etwas tristen Eindruck, und auch die 
alte, dürftige Kirche vermag keine besonderen Hoffnungen auf 
irgendwelche Ausbeule zu erwecken; man ahnt es nicht, daß 
sie in ihrem Innern einen Schatz birgt, um den sie mancher 
stolze Dom, manch schmuckes Städtchen beneiden würde, 
nämlich ein kunstvolles Marmorepitaph der Familie 
von Brösigke. Die Kirche, ein ziemlich verwittertes, bau 
fälliges Gebäude, erhebt sich im nördlichen Teil des Dorfes 
inmitten des wildverwachsenen Kirchhofes und erinnert durch 
ihr verwahrlostes Aeußere an die Zeiten, in denen sie erbaut 
sein dürfte, an den Anfang des 17. Jahrhunderts. Der 
Altarraum mit dem hohen, durch schmucklose Pilaster geteilten 
Giebel ist der älteste Bestandteil des Gotteshauses, er ist nach 
vorn durch einen primitiven Anbau, der das Gestühl enthält, 
erweitert worden; den Abschluß des Ganzen nach der Dorf, 
straße zu bildet ein viereckiger Turm mit welscher Haube. 
Dieses unscheinbare Gebäude umschließt ein Kunstwerk, 
welches man an dieser Stelle nicht zu finde» erwartet, jenes 
oben erwähnte Epitaphium, welches zum Gedächtnis des 
Hauptmanns zu Lehnin, Heino von Brösigke (-f 1603) 
errichtet wurde. An der Nordwand des Altarraums zwischen 
zwei Fenstern erhebt sich dieses Grabdenkmal in weißem 
Marmorglanze und füllt die ganze Wandfläche vom Fußboden 
bis zur Balkendecke aus. Das Hinterblait des Grabmals, 
im Renaissancestil gehalten, nimmt ungefähr zwei Drittel des 
Ganzen ein und ist reich mit Säulen. Arabesken, Wappen, 
Heiligengestalien. Putten und Engelsköpfen verziert, die Felder 
zwischen den Säulen weisen flache Marmorreliefs aus der 
Lebensgeschichte des Heilands auf. Vor diesem altarschrein- 
arligen Hinlerbau befinden sich auf breiter Marmorplatte 
zwei Gruppen von halbleb ensgroßeu Figuren: links vom 
Beschauer drei knieende Rittergestallen im Prachtpanzer, die 
Hände zum Gebet erhoben, zu ihren Füßen Siechhelm und 
Handschuhe — rechts eine Gruppe von sechs betenden Frauen 
in langen, faltigen Gewändern, mit breiter Halskrause und 
gezipfelter viereckiger Haube. Diese Figuren stellen sicherlich 
Mitglieder der Familie von Brösigke dar. doch läßt uns das 
Grabdenkmal im Unklaren darüber, welche Personen die 
Meisterhand des Künstlers hier verewigt hat, denn keine 
Inschrift nennt die Namen der knieenden Gestalten. Man 
wird aber nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß die in 
der linken Gruppe am Mittelfelde befindliche Figur den heim- 
gegangenen Heino von Brösigke und die erste Gestalt auf der 
rechten Seile die Gemahlin desselben, Elisabeth von Hacke 
(-f 1598), darstellen, wenigstens lassen die darüber befindlichen 
Wappen derer von Brösigke und von Hacke darauf schließen. 
Ob die anderen Personen die nächsten Descendenten des Ver 
storbenen vorführen oder die Stifter des Epitaphiums, bleibt 
zweifelhaft, vielleicht ließe sich aus alten Familienpapieren 
oder Kirchenaklen etwas darüber feststellen. Die Figuren find 
sämtlich in vortrefflicher künstlerischer Weise ausgeführt. Die 
Haltung der Betenden ist lebenswahr und ungezwungen, nicht 
steif und hölzern wie bei so vielen Grabfiguren dieser Art. 
die Gefichtszüge der einzelnen spiegeln den Ernst und die 
Erhabenheit des Gebets wieder, die Gewandung der Frauen, 
der Faltenwurf und die Tollen der Halskrause, die Panzer 
der Ritter find in freien, schönen Formen mit peinlicher Ge 
nauigkeit ausgearbeitet — kurz, die ganze Gruppe ist ein 
Meisterwerk, welches dem unbekannten Künstler alle Ehre 
macht. Der Name desselben ließ sich leider nicht feststellen, 
wahrscheinlich ist es aber, wenigstens dem Charakter der Aus 
führung nach, ein italienischer Bildhauer gewesen. 
Die Marmorplatte mit den betenden Gruppen wird von 
den kraftvollen Gestalten der Ahnen des Menschengeschlechts, 
von Adam und Eva, getragen. Auch diese beiden Gestalten 
find meisterhaft ausgeführt und passen sich, obwohl sie nur 
aus Sandstein gefertigt find, dem Ganzen würdig an, sie 
verleihen dem Grabmal zu der edlen Einfachheit der Mittel- 
partie einen gewissen Ausdruck von Kraft und imponierender 
Größe. Man sieht, cs war dem Künstler nicht bloß darum 
zu thun, ein bleibendes Erinne»ungsmal für den Toten zu 
schaffen, er wollte durch sein Werk auch auf den Beschauer 
einwirken, ihn zur stillen Beschaulichkeit und Andacht veran 
lassen und ihn durch die beiden kraftstrotzenden, unter ihrer 
Last tief gebeugten Sockelträger auf die Beschwerden des 
*) Vgl. Jahrg. XXII des „Bär", S. 41t.
        
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