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Periodical volume 10. Dezember 1898, No. 50

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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kirche und -Spital mit in die Stadt hineingezogen werden. 
Die neu gewonnenen Stadtteile Friedrichs-Werder und Neu- 
Cölln werden nach und nach bebaut. Solche Bastionen waren 
z. B. an der Stelle des heutigen Alten Museums, des Gieß 
hauses, der Hedwigskirche, des Hausvoigteiplatzes und des 
Spittelmarktes. Aber die Geschütze auf den Bastionen mußten 
freien Spielraum haben, und so fiel der neuen Befestigungs 
anlage der ganze Teil des T'ergartens von den Bastionen 
bis zur heutigen Schadow- und Mauerstraße zum Opfer. An 
seine Stelle traten nun die freien Esplanaden; auch die alle 
Linden-Anlage war niedergeschlagen worden. Jetzt verließ 
man die Stadt, indem man den Festungsgraben bei dem 
Neustädtischen Thor, an der Stelle der jetzigen Neuen Wache, 
überschritt und betrat einen Weg, der in gerader Linie über 
die Esplanade bis zum Tiergarten-Thor führte. Auf dem 
letzten Teil dieser Strecke entstand unsere gegenwärtige Linden 
promenade; 1679 wird fie zuerst erwähnt. Die Grundstücke 
nördlich der Linden schenkte der Kurfürst seiner Gemahlin, 
indem er fie der Meieret im Tiergarten am Unterbaum zu 
fügte; er selbst behielt fich den südlich von den Linden be- 
legenen Teil vor. Auf diesen Terrains find dann später die 
Dorotheen- und Friedrichstadt entstanden. 
Zwei Ursachen haben unter dem ersten König die Um 
wandlung des früheren Jagdreviers in einen Erholungspark 
günstig beeinflußt, die Erbauung des Schlosses in Lietzow und 
die geringe Neigung dieses Fürsten für die Jagd. 
Im Jahre 1699 war der von Andreas Schlüter durch 
geführte Hauptteil dieses Schlosses vollendet, und Sophie Char 
lotte konnte nun auf ihrem eigenen Grund und Boden resi 
dieren, denn auch rings die Ländereien waren ihr zu eigen. 
Im Zusammenhang mit der neuen Schloß- und Parkanlage, 
die von französischen Gartenkünstlern hergestellt wurde, ließ 
der fürstliche Gemahl auch die Landstraße zwischen Berlin und 
Lietzow geradliniger und breiter anlegen und mit Laternen 
versehen, die allerdings noch nicht dem allgemeinen Verkehr 
dienten. Die Straße Unter den Linden, die die Herrschaften 
bei ihren Besuchen in Lietzow zu durchfahren hatten, wenn sie 
nicht den Wasserweg wählten, mag fich nun wohl schon sauberer 
als neun Jahre früher dargestellt haben, wo eine Verfügung 
des Kurfürsten mit den Misthaufen auch die Schweine von 
dieser Straße verwies, damit fie die Allee nicht umwühlten. 
In Nachahmung holländischer Einrichtungen halte man 
eine regelmäßige Treckschuitenfahrt auf der Spree zwischen 
Berlin und Lietzow eingerichtet, und auch der Hof begab fich 
zuweilen auf diesem Wege vom Kupfergraben aus nach dem 
Lieblingsfitz Sophie Charloties, indem man fich in einer bc- 
deckten Gondel von Pferden, die den Trendelweg an der 
Spree Hinabschlitten, den Fluß hinunterziehen ließ. 
Mit der Verbesserung des Weges nach Lietzow hing die 
Anlage des großen Sterns mit seinen sechs von ihm aus 
laufenden Alleen zusammen; ebenso wurde der „Zirkel" an 
der Spree — der heutige Platz an den Zelten — mit sieben 
von ihm ausgehenden Wegen und „die große Ouerallee". die 
heut von der Bendlerstratze bis zu „Kroll" hinabführt, her 
gestellt. Wenn der Spaziergänger der Gegenwart in den 
kühlenden Schatten der letztgenannten Allee eintritt, die de- 
sonders schöne Bäume zieren, mag er dankbar der Berliner 
Brautpaare gedenken, denen auferlegt war, hier je einen Baum 
zu pflanzen. Keine schlimme Verpflichtung, vielmehr eine 
schöne Sitte für ein junges Paar, wenn es bei der Be 
gründung seines Hauses einen jungen Baum pflanzt. Ich 
denke mir, manches Paar, dessen Glück ebenso wie seine junge 
Pflanzung gedieh, wird noch in späteren Jahren mit guten 
Gedanken zu seinem Baum gepilgert sein und mit Andacht 
zu seinem Wipfel emporgeschaut haben. 
Die verbesserte Lietzower Landstraße wurde nun auch die 
direkte Verbindung mit Spandau; aber auch an der alten 
Spaudauer Lanostraße gingen erhebliche Veränderungen vor 
fich. Schon war das Vorwerk vor dem Spandauer Thor 
(Monbijou) und die Meierei im Tiergarten (am Unter bäum) 
durch anderweitige Bebauung geschmälert worden, da gab 
König Friedrich I. auch den hinteren Tiergarten auf. Sein 
Plankenzaun fiel, und das Terrain wurde zum größten Teil 
an französische Kolonisten vergeben, die um ihres Glaubens 
willen ihr Vaterland verlassen hatten. Sie kultivierten den 
sandigen Boden und legten längs des alten Spandauer 
Weges ihre Gärten und Maulbeerplantagen an, die Anfänge 
von Moabit. 
Aehnliche Veränderungen geschehen auch an der Süd 
seite des Tiergartens. Schon zwischen 1700—1705 war 
der Landwehrgraben, die Grenze nach der Cöllner Feldmark, 
gereinigt und bis zur Spree in seiner heutigen Richtung ge 
führt worden. Zu derselben Zeit etwa vollzog sich die erste 
Bebauung der Tiergartenstraße, ebenfalls durch französische 
Emigrierte, die auch hier Gärten und Pflanzungen anlegten. 
(Fortsetzung folgt.) 
Kran-rnburgifch-preußische Erinnerungstafel. 
10. Dezember. 
1775 Allgemeine preußische Witwenverpflegungsanstalt. 
1793 Karl Theophilus Döbbelin, Schauspicldirektor, fi. 
1808 Einzug Schills in Berlin mit dem 2. brandenburgischen Husaren- 
regimcnt. 
1816 Aug. Karl von Göben, Genera), geb. 
1845 Hans Herrig, Dramatiker, geb. 
11. Dezember. 
1707 Paul von Werner, General, geb. 
1751 Christ. Konr. Wilh. von Dohm, Historiker, geb. 
1758 Karl Fr. Zelter, Komponist, geb. 
1779 Prolokollaufnabme in der Müller Arnoldschen Sache. 
1783 Gottlob Ferd. Max von Schenkendorf, Dichter, geb. und 1817 -h. 
1811 Einberufung des ersten Ehrengerichts an der Univerfltät Berlin. 
1893 Hans Georg Conon von der Gabelcatz, Sprachforscher, f. 
12. Dezember. 
1677 Kapitulation der Schweden in Stettin. 
1681 Herm. Conring, vielseitiger Gelehrter, fi. 
1842 Ad. Bötticher, Archäolog, geb. 
1870 Kapitulation von Pfalzburg. 
13. Dezember. 
1740 Friedrichs des Großen Abreise in den ersten schlesischen Krieg. 
1741 Aufführung der ersten Oper in Berlin. 
1769 Ernst Wilh. von Schlabrendorff, Minister von Schlesien, fi. 
1788 Fr. Wilh. Ernst von Gaudy, General, fi. 
1806 Karl Wudcr, Philosoph, geb. 
1816 Ernst Werner von Siemens, Erfinder, geb. 
1886 Die nördlichen Salomonsinseln treten unter deutsche Schutz- 
herrschaft. 
14. Dezember. 
1734 Klaus Gerh. Tychscn, Orientalist, geb 
1740 Der Hofnarr Gräber zum Stein giebt eine Zeitung heraus. 
1752 Christoph Aug. Tüdge, Dichter, geb. 
1812 Lorenz Clasen, Maler, geb. 
1870 Kapitulation von Montmedy. 
1873 Die Witwe Friedrich Wilhelms IV. f.
        
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