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Periodical volume 29. Januar 1898, No. 5

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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Erinnerung an Kar! von Holtey. 
Zu seinem 100. Geburtstage. 
Von I. Pasig. 
Zu den Dichtern der neueren Zeit, die in der Dichtung 
ansprechender Liederspiele, überhaupt in der Geschichte des 
modernen Theaters eine hervorragende Stelle einnehmen, gehört 
Karl von Holtey, der hauptsächlich in Berlin wirkte, und 
an den uns die 100. Wiederkehr seines Geburtstages erinnert. 
Karl von Holtey wurde — gerade 86 Jahre nach 
der Geburt Friedrichs des Großen — am 24. Januar 
1798 in Breslau geboren, wo sein Vater Husarenoffizier war. 
Gleich nach der Geburt starb die Mutter, und da der Vater 
nicht wußte, „was er mit einem schreienden Kinde anfangen 
sollte", brachte er den Knaben in das Haus eines reichen 
Verwandten, wo er ohne jede Erziehung aufwuchs. Später 
besuchte Karl das Gymnasium, allein schon als Tertianer 
wurde er von dem berühmten Schauspieler Ludwig Devrient 
dermaßen für das Theater begeistert, daß er seitdem von 
nichts anderem träumte, als Schauspieler zu werden. Das 
war ganz gegen den Willen des Vaters, und so nahm 
ihn dieser von dem Gymnasium weg und brachte ihn aufs 
Land, damit er die Landwirtschaft erlerne. Als jedoch die 
Kunde von der Rückkehr Napoleons von der Insel Elba in 
Deutschland erscholl, da hielt es den Jüngling nicht mehr: er 
eilte wieder nach Breslau und trat als freiwilliger Jäger 
unter die Waffen. Der Feind war indes schon besiegt, ehe 
sein Regiment über Quedlinburg hinaus kam. Holtey bezog 
nun die Universität; doch kümmerte er sich mehr um das 
Theater, als um das Studium und die Wissenschaften. Dabei 
versuchte er sich im Dichten von Dramen, und es gelang ihm 
auch, selbst als Schauspieler die Bühne zu betreten. Aber er 
halte wenig Erfolg, und gar bald mußte er zu der Ueber 
zeugung kommen, daß er es hierin nie über eine Mittelmäßig» 
keil hinausbringen würde. 
Lange Zeit hindurch führte er jetzt ein Wanderleben, 
wobei er es immer wieder von Zeit zu Zeit versuchte, als 
Schauspieler aufzutreten, während er gleichzeitig als Theater» 
dichter thätig war. Durch seine Verheiratung mit Luise Rogee, 
welche als Schauspielerin am Stadttheater zu Breslau engagiert 
war, erhielt er eine zeiilang eine Anstellung als Theaterdichter. 
Bald jedoch verließ er Breslau und fiedelte mit seiner Frau 
nach Berlin über. Hier wurden seine ersten Ltederspiele 
„Die Wiener in Berlin" und „Die Berliner in Wien" mit 
solchem Erfolge aufgeführt, daß sie bald an allen Bühnen 
zur Aufführung gelangten. Schon im Jahre 1825 starb seine 
Frau, und Holtey übernahm nunmehr die Stelle eines Direk 
tionssekretärs bei dem damals im Aufschwung begriffenen 
Königstädtischen Theater. An diesem wurden seine bedeutendsten 
Ltederspiele „Der alte Feldherr" und „Leonore" mit dem 
größten Beifall aufgeführt, und die Lieder, die sich in ihnen 
finden, haben sich bis jetzt im Munde des Volkes erhalten 
und werden auch heute noch allgemein gesungen. Erinnert sei hier 
nur an das „Denkst Du daran, mein tapferer Lagienka" und an 
das noch bekanntere, volkstümlich gewordene Manlellied des allen 
Wachtmeisters Wallheim „Schier dreißig Jahre bist Du alt." 
Im Jahre 1829 heiratete Holtey die Schauspielerin 
Julie Holzbecher, welche in der „Lenore" die Titelrolle gespielt 
hatte; mit ihr nahm er ein Engagement in Darmstadt an, 
kehrte aber schon 1830 wieder nach Berlin zurück. Hier 
j dichtete er für seine Frau „Das Trauerspiel in Berlin", in 
| welchem er den Berliner Jargon zu tragischen Zwecken be 
nutzte, und in dem der seitdem volkstümlich gewordene Ecken 
steher Nante von dem berühmten Komiker Beckmann mit 
größtem Beifall gegeben wurde. In dem noch jetzt gern 
gesehenen Stücke „Lorbeerbaum und Bettelstab" versuchte sich 
Holtey selbst im Jahre 1833 wieder auf der Bühne, und 
diesmal mit dem glänzendsten Erfolge. Hierauf machte er 
mit seiner Gattin eine längere Kunstreise, vor allem nach Wien, 
kehrte dann wieder nach Berlin zurück und blieb hier bis 
zum Jahre 1837*), wo er einem Rufe als Direktor des 
neuerrichteten deutschen Theaters in Riga folgte. Der Tod 
seiner Frau veranlaßte ihn, diese ehrenvolle und glückliche 
Lebensstellung aufzugeben. Er zog jetzt als dramatischer Vor 
leser durch die deutschen Lande. Im Jahre 1840 finden wir 
ihn wieder in Berlin. Hier erschien auch 1843 der erste 
Teil seiner Selbstbiographie unter dem Titel „Vierzig Jahre", 
die er schon früher begonnen hatte. 
Nun folgten abermals Wanderjahre; überall aber, wo er 
erschien, wurde er aufs freudigste bewillkommt und mit hohen 
Ehren empfangen. Karl von Holtey ist, obwohl aus einem 
alten kurländischen Adelsgeschlechte stammend, sein ganzes Leben 
hindurch ein begeisterter Preuße geblieben, und im Sturmjahr 
1848 hatte er, der feste Royalist, mancherlei Verspottung und 
Verdächtigung zu leiden. Im Jahre 1850 zog er zu seiner 
verheirateten Tochter nach Graz, wo er endlich einen Ruhe- 
punkt fand, und wo neben einer Reihe von Romanen auch 
seine „Vierzig Jahre" ihren Abschluß fanden. Vierzehn Jahre 
verweilte er hier; 1864 aber ging er wieder nach seiner 
Vaterstadt Breslau, wo er bis zu seinem Ende verharrte. 
War sein Leben früher rastlos und unruhig gewesen, so 
floß ihm dasselbe von 1850 an ebenso still und unbewegt 
dahin. Dabei bewahrte er sich bis in sein 80. Lebensjahr 
hinein ein fast jugendliches Wesen. In Breslau hatte Karl 
von Holtey in dem alten Hotel „Zu den drei Bergen" eine 
einfache mansardenartige Wohnung im dritten Stock, die der 
Mittelpunkt eines reichen geistigen Verkehrs wurde, an dem 
selbst der Fürstbischof Dr. Förster teilnahm. Auch aus der 
Ferne kamen Besucher aller Art. Wie lästig ihm auch solche 
Besuche waren — er blieb immer geduldig und liebenswürdig. 
„Der Breslauer Alte" war in der Stadt, wie in ganz 
Schlesien die populärste Persönlichkeit; und wenn er durch die 
Straßen und über die Promenaden dahinschritt, sammelten 
sich die Schulkinder auf den Wegen, und grüßten den „alten 
Holtey"; und selbst die Hökerfrauen auf dem Markte riefen 
sich gegenseitig zu: „He, da kommt unser alter Holtey!" 
Sein 80. Geburtstag wurde am 24. Januar 1878 in ganz 
Deutschland in Stadt und Land, ja selbst jenseits des Ozeans 
auf das glänzendste gefeiert. Seiner körperlichen Gebrechen 
wegen aber hatte sich Holtey schon vorher in das Hospiz der 
„Barmherzigen Brüder" begeben, wo er nach zwei Jahren 
traurigen Siechtums, am 12. Februar 1880, von seinem Leiden 
durch den Tod erlöst wurde. 
Außer den ca. 50 Stücken, die Holtey für das Theater 
geschrieben hat, und unter denen eine ganze Reihe, vor allem 
„Lenore", populär geworden find, Hai er auch humoristische 
*) Wie lieb Holtey Berlin hatte, das er wiederholt seine „zweite 
Vaterstadt" nannte, und wie sehr ihn auch die Berliner liebten und ver 
ehrten, ist im „Bär", Jahrg. 1897, S. 107, in dem Artikel „Holtey vor 
60 Jahren" geschildert worden.
        
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