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Periodical volume 3. Dezember 1898, No. 49

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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schloß mit dem Geheim-Sekretär Christoph von Grunik einen 
innigen Freundschaftsbund. Ausschlaggebend aber für 
Thurneyßers Zukunft, ja, für sein ganzes ferneres Leben, 
war, daß es ihm glückte, in dem Beherrscher der Mark 
Brandenburg, Johann Georg, die Ueberzeugung von 
einem bedeutenden Goldgehalt seiner märkischen Flüsse zu 
wecken. Mit großer Virtuofität ließ unser Tausendkünstler 
seine Schriften über Goldkies am Hoflager umgehen. Er 
hatte richtig gerechnet: der hohe Herr ließ ihn durch seinen 
Hauptmann in Zoflen, Wolfgang von Kloster, zur Audienz 
befehlen. 
Vom ersten Augenblicke an hat die imponierende Er 
scheinung des ingeniösen Schweizers Gnade vor des Kur 
fürsten Augen gefunden. So gut wußte der Kluge die 
Symptome eines Leidens der Kurfürstin Sabine zu deuten, 
so treffend ihren jeweiligen Zustand zu beurteilen, daß „beyde 
Fürstlichkeiten darob erstaunten." Von Stund' an wurde dem 
Fremdling die Behandlung der hohen Frau übertragen, und 
in der That nahm die Krankheit eine derartige Wendung 
zum Besseren, daß die Fürstin sich ganz begeisteit über 
Thurneyßers Leistungen aussprach. Natürlich sang nun die 
edle Weiblichkeit bei Hofe sein Lob in allen Tonarten. Wie 
kaum ein zweiter Abenteurer wußte Thurneyßer die Ge 
legenheit beim Schopfe zu fassen: der erfreute Fürst machte 
ihm das noble Angebot, bei einem Gehalte von 1400 Thalern 
völlig in seinen Dienst zu treten. Außerdem sollten dem 
künftigen Leib Mediko 4 Pferde und zahlreiche andere Emolu 
mente gewährt werden. Es nimmt uns nicht Wunder, daß 
Thurneyßer ohne Zögern auf diesen Vorschlag einging, und 
ebenso wenig, daß er sich fast 14 Jahre lang ungeschmälert 
in der Gunst seiner Herrschaft zu erhallen verstand. Unser 
Raum reicht hier nicht aus, die glänzenden Geschlechter her 
zuzählen, die sich um den neu aufgehenden Stern bemühten. 
Authentisch ist, daß Graf Rochus von Lynar, der Kanzler 
Lampert von Distelmeier, Herzog Radziwill, Jacob Colerus, 
der Propst von Berlin, die Hofprediger, viele Geheimräte, 
wie auch der Kurfürstin Sabine Geheim-Sekretarius Wolfgang 
Prstorius häufig in dem hohen Hause der Franziskaner in 
der Kloster - Straße verkehrten. Diese fast fürstliche Wohnung 
hatte Johann Georg seinem Vertrauensmann einrichten 
lassen, zugleich mit einer umfangreichen Druckerei und einem 
vorzüglichen Laboratorio. Eine Urkunde in der hiesigen König 
lichen Bibliothek schildert uns einen Empfangsabend in 
Thurneyßers Behausung. Höchst prächtig in dunkelroten 
Sammet gekleidet, die in Edelgestein und Gold gefaßten 
Bildnisse des Kurfürstenpaares auf der Brust, empfing er, von 
200 Schreibern und Chemikern umgeben, seine Herrschaft 
am Eingänge seines Palais. Auch der verwöhnteste 
Gaumen fand an seiner Tafel seine Rechnung, keine leckere 
Speise, kein feuriger südländischer Wein war ihm für seine 
Gäste zu kostbar. Ein Meister der feinsten Konversation, 
wußte Thurneyßer nach beendetem Mahle seine Zuhörer durch 
chemische und physikalische Experimente, durch Vorlesungen 
aus seinen Reiseerlebnissen, aus der Archidoxa, zu fesseln. 
Häufig auch nahm er das Astrolabium zur Hand, ja, ließ 
sich in Ausnahmefällen herbei, besonders Bevorzugten das 
Horoskop zu stellen. Es konnte nicht fehlen, daß seine hervor 
ragende Stellung ihm neben vielen Freunden auch Gegner 
schuf. Die Mehrzahl der rninorum gentium pflegte er 
I mit feinem Spotte abzuthun; in eine recht prekäre Situation 
jedoch geriet er eines Tages, da bei einer Festlichkeit in der 
Kloster-Straße der edle Markgraf Johann von Cüstrin seinem 
Rate Barthold von Mandelsloh zuraunte: „Auch wie man 
sich jetzt fein trägt, kann man von Herrn Thurneyßer lernen, 
ich habe auch seidene Strümpfe, Bartholde, trage sie aber nur 
an Festtagen." Da der von unserem Günstlinge beliebte 
Aufwand ein Heidengeld verschlang, ließ er sich, im Zenith 
seines Ruhmes stehend, seine ärztlichen Kuren teuer bezahlen. 
Für ganz einfache Mittel berechnete er schier unglaubliche 
Preise, so gab er beispielsweise ein Lot Bernstein-Essenz für 
5 Thaler ab. Dasselbe Quantum Smaragden-Tinktur kostete 
11 Thaler, Rubin-Tinktur 12 Thaler, für ein Lot aurum 
potabile — flüssig Gold genannt — wurden 16 Thaler an 
gesetzt und für ein Lot Tinct. antimomi — für nur wenige 
Groschen herzustellen — ebenfalls 16 Thaler. Doch dürfen 
wir nicht verhehlen, daß, was er den Reichen zuviel abnahm, 
häufig den Armen zu gute kam, auch müssen wir, um gerecht 
zu sein. hervorheben, daß Thurneyßer seine großen Bezüge 
keineswegs nur für materielle Genüsse verwandle: ein glaub 
würdiger Chronist jener Zeit, der vr. Joachim Steinbrecher 
der Jüngere, berichtet von seiner Bibliothek, sie sei so groß 
artig und vielseitig, daß ihresgleichen weit und breit nicht 
gefunden werde. Nicht minder rühmend wird seiner Waffen- 
sammlung Erwähnung gethan, in der er Harnische, Schilder, 
Säbel, Bogen, Lanzen und Schießgewehre aus aller Herren 
Länder zusammengetragen hatte. Es war ihm ferner eine 
Freude, seinen Sammeleifer noch auf anderen Gebieten zu 
bethätigen; zahlreiche Hilfsarbeiter wurden häufig nach Ungarn, 
Italien und noch entfernteren Gegenden entsandt, um wert 
volle Mineralien, gesiegelte Erden, sowie seltene Pflanzen 
und Tiere mit heimzubringen. Diese ließ er dann in vielen 
Hunderten von Abbildungen in Holz schneiden. 
Mitten nun in seiner ebenso lukrativen wie aufreibenden 
Thätigkeit — die Herren Kollegen vom Fach hatten ein 
wachsames Äuge auf den sie in ihrer Praxis schädigenden 
Eindringling — traf im Frühjahr 1574 sein Bruder Alexander 
in Berlin ein und mit ihm Thurneyßers bis dahin in Basel 
verbliebene Familie. Es wurde den verschmitzten Südländern 
nicht schwer, in dem trotz aller hohen äußeren Ehren sich oft 
unbefriedigt Fühlenden, nach seinen Schweizerbergen und 
ihrer herrlichen Lust sich Sehnenden den Heimwehfunken zur 
hellen Flamme emporlodern zu lassen. Auch fanden die 
schmeichlerischen Vorstellungen, daß, um in Basel wieder 
Bürgerrecht zu erlangen, nur die vom Vater für Leonhards 
Erziehung kontrahierten Schulden bezahlt zu werden brauchten, 
bei Thurncyßer ein so williges Gehör, daß er sich entschloß, 
seinen Sohn Julius dem Prediger an St. Martin in Basel 
zur Ausbildung zu übergeben. Während er selbst noch den 
Gedanken einer Uebersiedelung bei sich erwog, starb seine 
Gattin im Herbste 1575. Sobald Alexander ihr Ableben 
elfuhr. eilte er wieder nach Berlin, das Herz voll eigen 
nütziger Pläne, wie er den Bruder in die Schwcizerhcimat 
ziehen und dort nach Kräfien ausbeuten könne. Und in der 
That würde der Ankauf des höchst romantischen, nicht weil 
von Basel gelegenen Schlosses Angersttin Thurneyßers 
Geschmacke wohl zugesagt haben, nur — sein Fürst gab ihn 
nicht frei! Vielmehr bestand das Kurfürstenpaar, das aus 
Furcht vor der in Kölln an der Spree sich zeigenden Pest
        
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