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Periodical volume 3. Dezember 1898, No. 49

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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zeitig auf der Rückseite der Mosaiken ausgebreitet und in die 
Fugen eingerieben. dann jedes einzelne der Stücke (mit dem 
Papier nach oben) angesetzt und mittels eines Klotzes und 
Hammers der Wandfläche einverleibt. Nachdem nun das 
Papier längere Zeit feucht gehalten ist, erfolgt mit leichter 
Mühe die Loslösung desselben, der auf den Mosaiksteinen 
noch befindliche Kleister und Mörtel wird durch scharfes 
Bürsten und nasse Schwämme entfernt — das Mosaikbild 
präsentiert fich dem Beschauer. 
In seiner ursprünglichen Farbenfrische, unverändert in 
Form und Ausdruck, erhält es fich Jahrhunderte hindurch, 
seine dann alt gewordene Umgebung überdauernd. 
Schließlich sei noch bemerkt, daß es zwar — von Aus- 
nahmefällen abgesehen — ein Fehler sein mag, die Mosaik 
zum Kopieren von Malereien zu benutzen, welche der Eigen 
art der Technik keine Rechnung tragen, daß aber ein äugst- 
liches Festklammern an das Alte allein nicht das Richtige ist. 
Denn wie jeder Beruf, jede Technik und auch jeder Kunst- 
zweig auf der Bahn der Entwicklung fortzuschreiten fich be 
müht, also auch muß es der Mosaik gestattet sein, fich den 
Ansprüchen und Zielen der Gegenwart anzupassen. 
Die modernen Mosaikkünstlec find, wie bereits erwähnt, 
im Gegensatz zu denen früherer Jahrhunderte, in den seltensten 
Fällen zugleich auch Maler. Dem Zuge der Zeit folgend, 
die eine Arbeitsteilung in jedem Berufe zur Existenzbedingung 
macht, find fie ebenfalls zu Spezialisten geworden, welche die 
Werke anderer Künstler in ihre Technik umsetzen. Wo aber 
beide Hand in Hand gehen und fich gegenseitig ergänzen, ist 
die Möglichkeit geboten, Werke zu schaffen, die den antiken 
Kunstschöpfungen ebenbürtig an die Seite gestellt werden 
können. 
In diesem Sinne, im Zusammenwirken mit einer 
Reihe unserer ersten lebenden Künstler, find die Be 
gründer der Rixdorfer Mosaikanstalt bemüht, dieselbe in der 
Entwicklung stetig vorwärts zu bringen. 
Möge dies Bestreben auch fernerhin mit Erfolg ge 
krönt sein! 
Keonhard Thurncyßer, 
ein ltzeMünstler vor dreihundert Zähren. 
Von Emil Göritz. 
Die Bedeutung und das Wesen Leonhard Thurneyßers 
zum Thurn, die ihm nach gerechter Würdigung seiner 
Leistungen gebühren, in den geeigneten Fokus zu rücken, ist, 
wir können es uns nicht verhehlen, ein recht schwieriges 
Unterfangen. Ganz unbestreitbar haben wir in diesem Manne 
eine jener seltenen Naturen vor uns. die auf dem einmal 
errungenen Gebiete kraft ihrer hohen Begabung gleichsam auf 
der Schneide des Messers zu balancieren scheinen: ein einziger 
Augenblick im Leben ist bei ihnen dafür ausschlaggebend, ob 
fie fich dem Prinzipe des Guten und Edlen in die Arme 
werfen und so zum Gipfel menschlicher Wertmeffung gelangen, 
oder ob fie, die Jcari der alten, ewig neuen Fabel, unauf 
haltsam hinunterstürzen in das Nichts. Nun, unser viel 
verketzerter und von cinwandsfreien Männern wiederum fast 
vergölte»ter Held hatte wenigstens einen schönen Teil seiner 
aufsteigenden Bahn zurückgelegt, als ihn die Moira, die 
unerbittliche, ereilte. Wir wollen an der Hand authentischer 
Quellen an eine Lebensschilderung Thurneyßers gehen. 
Herb und voller Mühsale rollten fich dem Knaben die 
ersten Lebensjahre ab. Sein Vater, ein in piemontefischen 
Diensten stehender Hauptmann, hatte für seinen Sprößling 
herzlich wenig übrig. Um ihn recht billig unterzubringen, 
gab er Leonhard zu einem Arzte in der guten Stadt Basel 
in die Lehre. Dort, bei Doktor Huber, einem Nachtreter des 
vielgewandten Paralcelsus, hatte er fich schon in dem Aller, 
da wir in der Quarta und Tertia unseren Lehrern beschwer 
lich zu werden pflegen, mit Handlangerdiensten beim Schmelzen 
der Metall: zu befaffen. Der ungewöhnlich begabte und auf 
geweckte Knabe durchstöberte bald die Schriften seines Lehr- 
Herrn, nahm mit großem Wissensdurste das Heterogenste in 
fich auf und hat später nie mehr von der dunklen Kunst der 
Alchemia lassen können. Unglaublich für unser Empfinden 
ließ der unkluge Vater den 17jährigen Jüngling eine Heirat 
eingehen. Natürlich konnte dieser Unverstand nichts Gutes 
im Gefolge haben. Nur ein Jahr hielt er die Ehe mic der 
ihm angetrauten Witwe Margarethe Müllerin aus. Eine 
traurige Rolle war Thurneyßers einzigem Bruder Alexander 
in dem fich nun entwickelnden Ehedrama vorbehalten; dieser 
ungute Geselle hetzte bte angejahrte Wittib gegen ihren jungen 
Gemahl in niedrigster Weise auf. Dies war der Tropfen, 
der bei Leonhard den Krug zum Ueberlaufen brachte; kurz 
entschlossen kehrte er der ganzen unsauberen Baseler Clique 
den Rücken. Zwei Jahre lang durchpilgerte er England und 
Frankreich, dann finden wir ihn 1552 als Scharfschützen bei 
des Grafen Christoph von Oldenburg Regiment unter dcs 
edlen Markgrafen Albrecht Atcibiades von Brandenburg Fahne. 
Als ein höchst stattlicher Kiiegsmann wird er zu dieser Zeit 
abgebildet. Eine breite, schöne, etwas zurückfliegende Stirn, 
die aristokratisch geformte Nase und ein durchdringendes 
Augenpaar verleihen dem athletisch und ebenmäßig gebauten 
Manne etwas Hervorragendes. Die Annalen melden, daß 
Thurneyher in der Schlacht bei Sievershausen 1553 trotz 
tapferer Gegenwehr gefangen genommen wurde, und zwar von 
Christoph von Karlowitz aus sächsischem Hause. Wieder in 
Freiheit, legte er fich mit aller Energie auf das Studium des 
Bergbaues und hatte im Rhein- und Innthal bald einen solchen 
Ruf erlangt, daß die zu jener Zeit sehr berühmten Ebers- 
waldischen (Tiroler) Gewerke iyn im Jahre 1555 an die 
Spitze ihrer montanen Unternehmungen beriefen. Von ihm 
angelegte Schwcfelhütten und Schmelzen ganz eigener Kon 
struktion prosperierten derartig, daß viele gelehrte Männer zu 
ihm nach Tarenz pilgerten, um seine Musteranstalten kennen 
zu lernen. Ganz besonders bedeutungsvoll wurde für ihn die 
Gönnerschaft dcs Grafen Ladislaw vom Hag, der vor dem 
Kaiser Ferdinand so viel Rühmens von Thurneyßer machte, 
daß er 1564 mit der herrlichen Grafschaft Tirol belehnt 
wurde. Dazu gab man ihm die Mittel, große Reisen nach 
dem Norden Schottlands zu unternehmen, wie später nach der 
pyrenäischcn Halbinsel, wo ihn die Mauren mit ihrer eigen- 
arligen Kultur und mit ihren in Europa sonst unbekannten Arznei- 
und Geheimmitteln mächtig zur Forschung anreizten. Ruhelos 
durchzog er weite Küstenstriche des dunklen Kontinents, wie 
West-Asiens, ja, drang sogar bis zum Berge Sinai vor, von 
dem er den Orden der heiligen Catharina mit heimbrachte. 
Sein Rückweg führte ihn über Griechenland und Italien nach 
Ungarn und von dort nach Böhmen. Hier gewann er fich 
in dem edlen Grafen Schlick einen einflußreichen Mäcen und
        
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