Path:
Periodical volume 29. Januar 1898, No. 5

Full text: Der Bär Issue 24.1898

52 
Lichtstrom erschien Camille Cheronne. Er befand sich noch in 
demselben Anzug wie vorher; aber — war es der Lichteffekt, 
der Widerschein des weißen Spitzenjabots oder die Wirkung 
einer sorgenvollen Stunde? — sein Antlitz erschien schlaff 
und gealtert. Sobald er den Sohn erblickte, belebte sich sein 
müdes Auge. 
„Bist Du endlich da. Alfred? Ich habe schon oft nach 
Dir ausgeschaut!" sagte er mit seiner weichen, herzlich klingenden 
Stimme. Liebevoll zog er dann den Sohn, der ihm willig 
folgte, in sein Gemach und schloß die Thür hinter ihm zu. 
„Es thut mir leid, lieber Vater, daß Du auf mich 
gewartet hast." sagte der junge Mann in ehrerbietigem Tone. 
Ich hatte noch ein Gespräch mit Derenthal, nachdem ich 
Lemourgue bis zur Parkpforte begleitet hatte." 
„Es ist gut, mein Sohn. Laß Dich hier bei mir nieder!" 
erwiderte der alle Herr freundlich. Der junge Mann gehorchte; 
dann ging Camille Cheronne in dem schlicht ausgestatteten 
Gemache — die einzige Kostbarkeit desselben war eine reiche 
Büchersammlung, die hauptsächlich religiöse Werke enthielt — 
längere Zeit auf und ab. 
Endlich blieb er vor dem Sohne stehen und blickte ihn 
ernst forschend an. 
„Hast Du den Dragonerkapitän Lemourgue aufgefordert, 
unser Haus auch in Zukunft aufzusuchen, Alfred?" 
„Nein, Vater!" 
„Wird er dies ungebeten thun?" 
Alfred, über den Gesichtsausdruck des Vaters betroffen, 
dachte kurz nach, dann erwiderte er: „Ich denke nein, lieber 
Vater. Nach meiner Abreise liegt kein Grund vor, den 
Verkehr fortzusetzen." 
„Ich will es hoffen!" versetzte der alte Herr finster. 
Dann begann er aufs neue seine Wanderung durch das 
Zimmer. 
„Hegst Du in dieser Hinsicht Befürchtungen irgendwelcher 
Art?" fragte der Sohn vorsichtig. 
„Befürchtungen?" — Der alte Herr blieb stehen und 
richtete seine etwas zusammengesunkene Gestalt empor. Ueber 
die milden Gefichlszüge glitt es wie ein Widerschein von 
hochmütiger Erregung. 
„Befürchtungen?" wiederholte er noch einmal. 
„Nicht daß ich wüßte! Wie sollte dergleichen möglich 
sein? Ich teile, wie Du weißt, nicht die Suppofitionen des 
guten Pierre. 
Was könnte mir und den meinen im eigenen Hause 
widerfahren? Hat man nicht bisher, vermutlich infolge 
höherer Ordre, bewiesen, daß noch Achtung vor dem alten, 
untadeligen Namen Cheronne-d'Acourt vorhanden ist? 
Nein! Wenn ich einen nochmaligen Besuch des Kapitäns 
nicht wünsche, so geschieht es. weil ich mein Haus rein 
bewahren will, selbst vor dem Hauche fremden Einflusses. 
Ich will Dir keinen Vorwurf machen, mein Sohn, aber 
es hat mich gewundert, daß Du mir diesen Gast zugeführt. 
Du hast mir zu verstehen gegeben, daß Deine seltsame Hand 
lungsweise mit Deinen Zukunftsplänen zusammenhängt und 
um ihretwillen unerläßlich sei. 
Zu meinem Schmerze muß ich Dir bekennen, daß wir 
uns auf diesem Gebiet fremd gegenüber stehen. Mag sein, 
daß ich zu alt geworden bin im Festhalten an ehrwürdige, 
heilige Ueberlieferung und daher das Streben der Jugend 
nicht mehr verstehen kann! Dir scheint es umgekehrt zu ergehen. 
Freilich, Du kennst die bittere Glaubenstyrannei. welcher 
man uns unterworfen hat. mehr vom Hörensagen. Eine alte 
Sage, selbst wenn sie schaurig klingt, hört die Jugend gern, 
wobei sich das Grauen in Interesse wandelt. 
Wärest Du anno 1673 auf der Provinzialsynode zu 
Charenton gewesen und hättest gesehen, wie sich die gute, 
althugenottische Gesinnung unter den Besten des Landes 
erhält, wie ein Baumstamm, der in gesundem Erdreich wurzelt. 
Du besäßest nicht diese Lauheit der Empfindung in Glaubens 
sachen. die mich erschreckt und in tiefster Seele schmerzt. 
„Vater!" 
Alfred war aufgespiungen. Ein leidenschaftlicher Vor 
wurf klang aus dem laut gerufenen Wort. Röte und 
Bläffe wechselten auf seinem Antlitz, und den ausdrucksvollen 
Zügen war unschwer zu enliiehmeu, daß sich in seinem Innern 
heftige Kämpfe abspielten. Sollte er dem Vater den Haupt 
grund seiner Reise nach Versailles nennen, ihm die nämliche 
Erklärung geben, wie dem Freunde? 
Es war unmöglich. Was bei Derenthal volles Verständ» 
nis fand, würde bei dem Vater nur widerwilliges Staunen, 
ja Zorn hervorrufen. Alfred kannte zur Genüge seine Ge 
sinnung, er wußte, daß er mit zäher Energie an seiner Partei 
festhielt, welche die eigene Religion für die allein wahre hielt 
und alle anderen Glaubensgemeinschaften, voran die katholische, 
Irrlehren nannte. Vor kurzem erst hatte er in Gemeinschaft 
mit einer Anzahl Gleichdenkender in der Dauphine insgeheim 
eine VeHammlung veranstaltet, auf welcher man unter heiligen 
Eiden übereingekommen war, an dem ftei erwählten oder von 
den Ahnen überkommenen Glauben festzuhalten bis zum letzten 
Atemzuge. 
(Fortsetzung folgt.) 
Kurfürstin Anna von Brandenburg 
als Kebensretterin. 
Von A. M. Witte. 
Ter Chronist Wecklin erzählt folgende hübsche Episode 
aus dem Leben der Tochter und der Gattin eines Hohenzollern, 
der Kurfürstin Anna von Brandenburg, geb. Prinzessin von 
Preußen, Gemahlin des Kurfürsten Johann Sigismund und 
Urenkelin des Kurfürsten Albrecht Achilles. 
Johann Sigismund liebte es als Kurprinz, seinen Hofhält 
in dem reizenden, romantisch gelegenen Zechlin aufzuschlagen, 
das inmitten herrlicher Buchenwälder auch jetzt noch eine Zierde 
der Mark ist. Die schöne Kurprinzesfin kannte auch nichts lieberes, 
als mit ihren Kindern GotteS herrliche Natur zu betrachten; 
sie weilte oft stundenlang mit ihnen zwischen den hohen Bäumen 
des märkischen Waldes. 
Einst hatte ihr Sohn, Prinz Georg Wilhelm (Vater des 
Großen Kurfürsten), mit Hilfe eines treuen Dieners, des Hof 
narren Hans, ein großes Schwert aus der Rüstkammer geholt 
und es mit in den Wald geschleppt, um etwaige Riesen, von 
denen ihm erzählt war. niederzustechen. Vorerst aber ver 
gnügte er sich noch damit, mit seinem kleinen Flitzbogen nach 
einer selbstgefertigten Scheibe zu schießen, während die Kur 
prinzesfin mit ihren Töchtern, von denen Marie Eleonore 
später die Gemahlin des Königs Gustav Adolf von Schweden
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.