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Periodical volume 12. November 1898, No. 46

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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sc schnell zu treffen, daß noch am Neformationsseft desselben Jahres in 
Vertretung Sr. Majestät des Kaisers der Präsident des Ev Ober- 
kirchenrats v. Barkdauscn die feierliche Grundsteinlegung vollziehen 
konnte. Seit jenem Tage ist der Bau trotz der selten großen Schwierig 
keiten, welche durch die weite Entfernung, durch das Klima und durch 
die sehr schwach entwickelten baulichen Verhältnisse der Stadt gegeben 
waren, in ungestörtem Betriebe erhalten worden, und am Rcformations- 
fest dieses Jahres hat dann — dem Wunsche Sr. Majestät des Kaisers 
entsprechend — die feierliche Einweihung stattfinden können. 
Daß Se. Majestät der Kaiser mitiamt seiner erlauchten Gemahlin 
dieser Einweihung persönlich beiwohnte, hat die Errichtung dieser ersten 
deutschen evangelischen Kirche in Jerusalem zu einem welthistorischen 
Ereignis gemacht. 
Die Kirche selbst ist nach den Entwürfen des Baurats Adler als 
dieijchiffige stattliche Basilika mit Glockenturm und mächtiger Kuppel 
über der Vierung — unter Benutzung aller noch irgendwie brauchbaren 
Teile der alten Kirche (ein noch vorhandenes Portal konnte sogar ganz 
mit in den neuen Bau hineingenommen werden) — erbaut worden. Die 
auf dem Bilde S. 549 links ersck einenden Baulichkeiten entsprechen 
übrigens noch nicht der Wirklichkeit, sondern find bis jetzt nur 
fromme Wünsche des Architekten. 
Außer dem äußeren Bau der Kirche sind nach längerer vorbe 
reitender Ausbildung von einigen begabten Fellachen, deren Lehrmeister 
zwei hinübergeschickte deutsche Steinmetzen und der Baumeister selbst 
waren, am Platze selbst angefertigt worden: der Altar, die Kanzel und 
der Taufstein, und zwar aus besonders ausgesuchten, dichten, teils 
weißen, teils farbigen, fast politurfähigen Kalksteinen von Bethlehem. 
Fast alle anderen Bauteile und Ausstattungsstücke für dar Aeußere 
wie für das Innere sind in Deutschland hergestellt und über Triest 
und Jaffa nach Jerusalem verfrachtet worden. Dazu gehören: 
die drei broncenen (von Sr. Majestät dem Kaiser geschenktm) 
Glocken, von C. F. Ulrich in Apolda gegossen, die 20 klingende 
Stimmen umfaffende Orgel von Dinse in Berlin, das große 
vergoldete Kreuz auf der Bicrungskuppel von Tretbar in Leipzig, die 
sämtlichen Tischlerarbeiten (Thüren, Bestuhlung, Schalldeckel) von Hof 
bildhauer Lober in Wittenberg u. s. w. 
Die Opferfrrudigkeit hochgesinnter Personen und Vereine hat der 
Kirche wertvolle Gaben zugewandt. Se. Majestät der Kaiser widmete 
ihr außer den Glocken eine große romanische Gedächtnistafel, welche 
nach dem Entwürfe des Pros. Döpler jun. von dem Ciseleur Rohloff 
in Erz gegossen und ciseliert ist und die Mitteljochswand im südlichen 
Seitenschiffe schmücken wird. Der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin 
stiftete den marmornen Taufstein in der südlichen Apsis. Der Ev. 
Kirchliche Hilssverein und der Kirchenbauvcrein in Berlin schenkten den 
Altar mit seinem 4,50 m hohen Kreuze. Die Stiftsdame Freifräulein 
von Brockdorff schenkte die romanischen Standleuchter von Erz und 
Frau Sanitätsrat Zwingenberg das kostbare, selbstgearbeitete Ante- 
pendium. Die heiligen Gefäße und den Kruzifixus verdankt die Kirche 
dem Feldmarschall Wrangel, der diese Stücke testamentarisch vermacht hat. 
Die drei Glocken tn v, § und A tragen die von Ihrer Majestät 
der Kaiserin gewählten Inschriften: 1. Tröstet, tröstet mein Volk, 
spricht Euer Gott; redet mit Jerusalem freundlich (Jes. 40, 1—2)1 
2. Durch sein eigen Blut ist Christus einmal in das Heilige eingegangen 
und hat eine ewige Erlösung gefunden (Ebr. 9, 12), und 3. Aber das 
Jerusalem, das droben ist, das ist die Freie, die ist unser aller Mutter 
(Gal. 4, 26). 
Ansprache Kaiser Wilhelms U. bei Einweihung der Erlöserkirche 
in Jerusalem, Bei Gelegenheit der Einweihung der Erlöscrkirche in 
Jerusalem hielt Sc. Majestät Kaiser Wilhelm II. nach Beendigung des 
Festgottesdienstes vom Altar aus folgende Ansprache: 
.Gott hat in Gnaden uns verliehen, daß wir in dieser allen 
Christen heiligen Stadt an einer durch ritterliche LiebeSarbeit geweihten 
Etäite das dem Erlöser der Welt zu Ehren errichtete Gotteshaus haben 
weihen können. Was meine in Gott rubcnden Vorfahren seit mehr als 
einem halben Jahrhundert ersehnt und als Förderer und Beschützer ver 
hier im evangelisch'« Sinne begründeten Licbeswerke erstrebt haben, das 
hat durch die Erbauung und Einweihung der Erlöserkirche Ersüllung 
gefunden. Mit der werbenden Kraft dienender Liebe sollen hier die 
Herzen zu dem geführt werden, in dem allein das geängstigte Menschen- 
herz Heil, Ruhe und Frieden findet für Zeit und Ewigkeit. Mit 
sürbittender Teilnahme begleitet die evangelische Christenheit weit über 
Deutschlands Grenzen hinaus unsere Feier. Die Abgesandten der 
evangelischen Kirchengen,einschaften und zahlreiche evangclijchc Glaubens- 
«enosien aus aller Welt sind mit uns hierher gekommen, um persönlich 
Zeugen zu sein der Vollendung des Glaubens- und Liebeswerkes, durch 
welches der Name dcS höchsten Herrn und Erlösers verherrlicht und der 
Bau des Reiches Gottes auf Erden gefördert werben soll. Jerusalem, 
die hochgebaute Sladt, in der unsere Füße stehen, ruft die Erinnerung 
wach an die gewaltige Erlösungsthat unseres Herrn und Heilandes. 
Sie bezeugt uns die gemeinsame Arbeit, welche alle Christen aller 
Konfessionen und Nationen in apostolischem Glauben eint. Die welt- 
crneucrnde Kraft des von hier ausgegangenen Evangeliums treibt UNS 
an, ihm nachzufolgen, sie mahnt uns im Aufblick zu dem, der für uns 
am Kreuze gestorben, zu christlicher Duldung, zur Bethätigung selbstloser 
Nächstenliebe an allen Menschen, sie verheißt uns, daß bei treuem Fest 
halten an der reinen Lehre des Evangeliums selbst die Pforten der 
Hölle unsere teure evangelische Kirche nicht überwältigen sollen. Von 
Jerusalem kam der Welt das Licht, in dessen Glanze unser deutsches 
Volk groß und herrlich geworden ist. Was die germanischen Völker 
geworden sind, das sind sie geworden unter dem Panier des Kreuzrs 
aus Golgatha, des Wahrzeichens der selbstaufopfcrnden Nächstenliede. 
Wie vor fast zwei Jahrtausenden, so soll auch heute von hier der Rus 
in alle Welt erschallen, der unser aller sehnsuchisvolles Hoffen in sich 
birgt: Friede aus Erden! Nicht Glanz, nicht Macht, nicht Ruhm, nicht 
Ehre, nicht irdisches Gut ist es, was wir hier suchen, wir lechzen, flehen 
und ringen allein nach dem Einem, dem höchsten Gute, dem Heil unserer 
Seelen. Und wie ich das Gelübde meiner in Gott ruhenden Vorfahren: 
„Ich und mcln Haus, wir wollen dem Herrn dienen" an diesem 
feierlichen Tage hier wiederhole, so fordere ich Sie alle auf zu gleichem 
Gelöbnis. Gott verleihe, daß von hier aus reiche Segensströme zurück 
fließen in die gesamte Christenheit, daß auf dem Throne wie in der 
Hütte, in der Heimat wie in der Fremde Gottvertrauen, Nächstenliebe, 
Geduld im Leiden und tüchtige Arbeit des deutsche» Volkes edelster 
Schmuck bleibe, daß der Geist des Friedens die evangelische Kirche 
immer mehr und mehr durchdringe und heilige. Er, der gnadenreiche 
Gott, wird unser Flehen erhören, das ist unsere Zuversicht. Er, der 
Allmächtige, ist der starke Hort, auf den wir bauen: „Mit unserer Machi 
ist nichts gethan, Wir sind gar bald verloren, Es streit' für uns der 
rechte Mann, den Gott selbst hat erkoren, Fragst Du, wer der ist, Er 
heißet Jesus Christ, der Herr Zebaoth, Und ist kein anderer Gott, Das 
Feld muß er behalten." 
Ansprache des Kanzlers des Johanniterordens, Wirklichen 
Geheimrats vr. von Lcvetzow an Ihre Majestäten am Tage der Ein 
weihung der Erlöscrkirche in Jerusalem. Als Ihre Majestäten der 
Kaiser und die Kaiserin sich am 81. Oktober d. I. in festlichem Zuge 
zur Einweihung der Erlöserkirche begaben, wurden sie am Schnittpunkt 
der David- und der Kronprinz Friedrich Wilhelmstraße von einer aus 
sechs Herren bestehenden Deputation des Johanniterordens unter Führung 
des Ordenskanzlers vr. von Lcvetzow empfangen. Letzterer hielt dabei 
folgende Ansprache: 
„Eure Kaiser!, und König!. Majestäten werden an diesem der 
gesamten Christenheit heiligen Orte, durchdrungen von der Bedeutung 
des Tages für unseren evangelischen Glauben, im Aufblick aus das 
himmlische Jerusalem des Wortes des Psalmisten gedenken: „Unsere 
Füße stehen in deinen Thoren, Jerusalem!" Allerhöchstdiesclben erinnern 
sich aber auch gnädigst, daß wir an der Geburtsstälte weilen des Ordens, 
der vor fast 800 Jahren zur Verteidigung des Christentums und zur 
Pflege von Kranken und Siechen hier aufgerichtet wurde, den Eurer 
Majestät Vorfahren seit der Zeit des Markgrafen Waldemar in der 
Heimat treu gehegt, den König Friedrich Wilhelm IV. seiner Bestimmung 
wieder gegeben hat, den Eure Majestät, ihm beitretend, in denselben 
huldvollen Schutz nahmen, und der die Wege zu wandeln bestrebt ist, 
auf welchen unsere erlauchte Kaiserin und Königin vorangeht. Namens 
des Johanniter-Ordens nnd seines leider verhinderten durchlauchtigsten 
Herrcnmeisters habe ich die Ehre, Eure Majestäten allerunterthänigst zu 
begrüßen und dafür zu danken, daß die Vertreter des Ordens Zeugen 
sein werden von der Weihe eines evangelischen Gotteshauses auf dem 
alten Grund und Boden des Ordens und auf den Trümmern seiner 
ersten Kirche." 
Die Urkunde über die Einweihung der Erlöserkirche in Jerusalem. 
Die über die Einweihung der Erlöserkirche von Sr. Majestät Kaiser 
Wilhelm II. vollzogme und in Jerusalem niedergelegte Urkunde hat 
folgenden Wortlaut: 
„Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen 
Geistes, Amen. In Jerusalem, der Stadt Gottes, da, wo unser Herr 
und Heiland Jesus Christus durch sein bitteres Leiden und Sterben 
und seine sieghafte Auferstehung das Werk der Erlösung vollbracht hat, 
auch der Kirche der Reformation eine bleibende Stätte zu bereiten, war 
schon lange das Streben Meiner in Gott ruhenden Vorfahren, auf daß 
auch Deutschlands evangelische Kirche da nicht fehle, wo die Christen 
aller Bekenntnisse für die Gnadcnthat der Erlösung Dank opfern. 
Nachdem schon des Königs Friedrich Wilhelm IV. Majestät nach der 
heiligen Stadt die Augen gerichtet und in ihr dem evangcltschen Glauben 
Raum zu schaffen Sorge getragen hatte, war cs Meines in Gott ruhenden 
Herrn Großvaters, des Kaisers und Königs Wilhelm der Großen 
M ajestät Herzenswunsch, auf dem durch die Liebesarbeit des Johannitcr- 
ordens geweihten Platze, welchen Meines in Gott ruhenden Herrn Vaters, 
des Kaisers und Königs Friedrich III. Majestät auf der Pilgerfahrt zuw 
heiligen Grabe als hochherziges Geschenk des Landesherr« einst m 
Besitz genommen, eine evangelische Kirche zu errichten, damit in ihr da» 
Wort Gottes auf dem Glaubensgrunde der Reformation in deutscher 
Sprache gepredigt und der Name Jesu Christi in deutscher Sprache 
gepriesen werde. Gottes Gnade hat es Mir, dem deutschen Kaiser und 
König von Preußen, Wilhelm II, verliehen, dar von Meinen Vorfahren 
begonnene Werk zu vollenden und heute, am Gcdächtnistage der 
gesegneten Reformation, im Beisein Meiner teuren Gemahlin, der all:r> 
durchlauchtigsten Kaiserin und Königin Auguste Viktoria, umgeben von 
den Vertretern der evangelischen Christenheit und getragen von ihren 
Gebeten, die Einweihung der Kirche zu vollziehen. Die Kirche soll den 
Namen „Erlöserkirche" führen, damit kund werde, daß Ich und alle, 
die mit Mir in dem Werke der Reformation ein Gnadenwerk Gottes 
erkennen und dankbar daran festhalten, zu Jesu Christo, dem Gekreuzigten 
und wahrhaft Auferstandenen, als zu unserem einigen Erlöser aufschauen 
und allein durch den Glauben an ihn gerecht und selig zu werben 
hoffen. Zugleich aber soll diese Kirche, die sich an der Stelle erhebt, 
wo einst die Johanniter unter dem Kreuz ihre Liebesarbeit gethan, davon
        
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