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Periodical volume 29. Januar 1898, No. 5

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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Jedem Briefe, welchen mir meine Schwester sendet, 
liegt ein Zettel mit Aufzeichnungen bei. welche Bereicherung 
an Bauten und Kunstwerken die Schwefterstädte Cölln-Berlin 
erfahren und welche Meister und Gelehrten am Hofe des 
Kurfürsten Aufnahme gefunden haben. Wiederholt erzählte 
ich Dir von der wertvollen Bibliothek, welche Friedrich Wilhelm 
unter dem Direktor Raue zu Nutz und Frommen der Be. 
völkerung in einem Seitenflügel seines Schlosses aufgestellt 
hat. Selbst Du. Alfred, würdest in ihr nie geahnte Schätze 
entdecken. Dazu die mit Recht vielgerühmte Bildergallerie des 
Kurfürsten. Sie enthält Gemälde der besten niederländischen 
Meister. Eine ganze Anzahl Maler, wie Wilhelm v. Honthorst, 
Liberi, Sonnius u. a., find fort und fort für Friedrich Wilhelm 
thätig; Bildhauer, darunter der vielgenannteLarsen, Kupferstecher 
und Elfenbeinschnitzer bereichern die ihm gehörigen Lammlungen. 
Sein Raritätenkabinett birgt nicht nur chinesische und japanische 
Erzeugnisse; auch das heimische Kunstgewerbe ist unter seiner 
treuen Fürsorge und Pflege schon zu bedeutender Blüte 
gelangt. Die Dichtkunst liegt allerdings — aus Gründen, 
die Du selbst heute angedeutet hast — bei uns noch darnieder. 
Gerade da aber könntest Du mit Deiner reichen Begabung 
eintreten. Gleichgeartete Geister würdest Du um Dich sammeln. 
Verborgene Talente könntest Du entdecken und heranziehen. 
Kurz, ich sehe Dich schon im Geiste als den Begründer einer 
neuen Dichterschule, anerkannt, geehrt, gefeiert von einem 
dankbaren Geschlecht, von Mitwelt und Nachwelt, wie es Dir 
an dem Hofe Deines vergötterten Königs niemals gelingen wird." 
Mit hohem Ernst und feuriger Begeisterung hatte Deren- 
thal gesprochen. Vor dem Wunsche und der Hoffnung, dem 
Vaterlande zu dienen und gleichzeitig dem Freunde zu nützen, 
waren alle selbstsüchtigen Empfindungen, war selbst sein 
Liebesleid in den Hintergrund getreten. 
Als er nun dem sichtlich bewegten Freunde beide Hände 
auf die Schultern legte und ihm eindringlich bittend in die 
geistvollen Augen sah. erschien er wie eine Personifikation 
Brandenburgs, das, eigener Kraft und eigenen Wertes sich 
bewußt, dennoch nicht verschmäht, die Vorzüge anderer Völker 
bereitwillig anzuerkennen. 
In seiner stürmischen Liebenswürdigkeit umschlang Alfred 
den Freund. 
„Wie gern würde ich Deinem Wunsche folgen und mit 
Dir nach Brandenburg ziehen. Helmut! Aber sieh, wie Du 
Dein Vaterland liebst, so liebe ich das meinige. Mit allen 
Fasern meines Herzens hänge ich an Frankreich. Und wie 
man einem vielbewunderten Menschen manchen Fehler verzeiht 
und sich immer wieder in seine Nähe sehnt, so zieht es mich 
zu unserm König Ludwig hin. 
Ich weiß, daß man an seinem Hofe den Gesinnungen 
meiner Familie feindlich gegenübersteht. Eine unselige Ver 
blendung hält jenen Kreis in ihren Bann. Stände nur 
einmal ein Mann auf, der mit kraftvollen Händen die Binde 
von ihren Augen risse, ich bin überzeugt, sie würden mit 
anderen Blicken um sich schauen und ihre gegenwärtige Kurz 
sichtigkeit selbst belächeln. 
Ich bitte Dich, was tst's denn mit der Religion? Bedarf 
es überhaupt einer Kirchengemeinschaft, wenn jeder seinen 
Gott im Herzen trägt? 
Ob man Calvin, ob man Zwingli, ob man anderen nach 
strebt, ist es nicht das gleiche? Hat wohl der große Nazarener, 
als er die einzig wahre Gottesverchrung mit gewaltiger Macht 
predigte, an derartige Spaltungen unter seinen Jüngern ge 
dacht ? Schaudernd würde er sich abwenden von den Strömen 
Blutes, he allein deshalb geflossen find, weil man sein heiliges 
Wort von der Nächstenliebe niemals verstanden hat! 
Helmut, laß es mich Dir gestehen: Nicht Ehrgeiz und 
Ruhmsucht allein ziehen mich an den KönigshofI Wohl 
sehne ich mich danach, daß die Erzeugnisse meiner Muse 
Anerkennung finden. Aber noch etwas Größeres. Gewaltigeres 
treibt mich zu den Stufen des Thrones. Man rühmt die 
Macht, welche die Dichtkunst auf den Menschen ausübt. Ihr 
alle habt oft die Begabung, welche mir für Schrift und Wort 
zu teil wurde, gepriesen. O. daß ich sie dazu benutzen 
könnte, das Schicksal meiner Glaubensgenossen zu bessern! 
Ein ungeheures Mitleid für sie durchdringt meine Seele! 
Deshalb stehe ich auch, obwohl ich im Grunde meines 
Herzens keiner Partei angehöre, unentwegt auf ihrer Seite. 
Für sie will ich kämpfen! Nicht mit Waffen aus Stahl und 
Eisen, sondern mit denjenigen des Geistes! 
Niemand sonst weiß, mein Freund, was ich Dir gesagt habe. 
Jetzt aber, da Du mein Innerstes kennst, wirst Du, so hoffe 
ich, mein Thun verstehen und mich mit keinem Wort mehr 
von meiner Reise nach dem Königshofe zurückhalten wollen!" 
„Gott gebe Dir sein Geleit!" sprach Helmut ergriffen. 
Aber während er den Freund in seine Arme schloß, glitt der 
Schatten düsterer Vorahnungen über seine Züge. 
Im Tone liebevollster Fürsorge sagte er nur noch: 
„Versprich mir eins, Alfred! Begieb Dich nicht unvor 
sichtig in Gefahr! Ich kenne Dein reines, aber ungestümes 
Empfinden. Deshalb bitte ich Dich: Gedenke Deines alten 
Vaters. Deiner jugendlichen Schwester, deren Trost und 
Stütze Du bist, sobald die Verlockung über Dich kommt, ein 
Märtyrer Deines Volkes zu werden!" 
„Vater und Schwester gebe ich in Deinen Schutz. Ich 
weiß, was immer mir geschehen möge, Du wirst sie, auch 
ohne daß Du es mir zuschwörst, treulich beschirmen!" 
Der schwärmerisch leuchtende Blick des jungen Dichters 
gewann den Ausdruck sorgloser Heiterkeit. 
„Ich denke ja auch nicht, daß derartig Schweres über 
mich kommen soll. Weißt Du nicht, mein Freund, wie viel 
lieber ich meine Leier zu frohen Weisen stimme? Versuchen 
will ich. im fröhlichen Spiel die Herzen der Menschen für 
Recht und Wahrheit zu gewinnen. 
Doch nun laß uns Abschied nehmen! Noch harrt meiner 
eine Unterredung mit dem Vater. Wenn auch seine Schlaf 
losigkeit und meine Erregung uns für die wenigen Stunden, 
die ich noch in der Heimat zubringe, schwerlich wird Ruhe 
finden lassen, so möchte ich dieselbe doch nicht absichtlich länger 
von uns fernhalten. Auf Wiedersehen, Helmut, mein liebster 
Freund!" 
„Auf Wiedersehen, teurer Alfred!" 
Sie trennten sich. 
Während Derenthal sich dem Dunkel des Parkes zu 
wandte, verschwand Alfred Cheronne in der Thür des Saales. 
Vorher tauschten die beiden Freunde — der eine aus 
nächtlichem Schatten, der andere von erleuchteter Schwelle — 
noch einmal einen letzten Gruß mit einander aus. — 
Als Alfred den hinter dem Speisesaale gelegenen Korridor 
betrat, öffnete sich eine Thür, und in dem ihr entquellenden
        
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