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Periodical volume 5. November 1898, No. 45

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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gleitet. Ich ahnde, wozu Sie bestimmt sind, und freue mich darüber. 
Grüßen Sie meinen Freund Scharnhorst und sagen Sic ihm, daß ich 
es ihm ans Herz lege, vor eine Nationalarmee zu sorgen. Dieses ist 
nicht so schwierig, wie man denkt; vom Zollmaß muß man abgehen; 
niemand in der Welt muß eximirt (ausgenommen) sein, und es muß 
zur Schande gereichen, wer nicht gedihnt hat, es sei denn, daß ihn 
körperliche Gebrechen daran hindern. Die einmal wohl dressierten 
Soldaten müssen zwei Jahre zu Hause bleiben und nur das dritte ein 
treten, dann ist das Land soulagirt (erleichtert), und cs fehlt uns nicht 
an Leuten. Es ist auch eine Einbildung, daß ein fertiger Soldat in 
zwei Jahren so alles vergessen habe, daß er nicht in acht Tagen wieder 
brauchbar wäre. Die Franzosen haben uns dies anderß bewiesen, 
unsere unnützen Pedanterien mag der Soldat ganz vergessen. Die 
Armee muß in Divisionen getheilt werden, die Division von allen Sorten 
Truppen componirt (zusammengesetzt) sein und im Herbst mit einander 
manövriren. Die jährlichen Revus müssen wegfallen. Da haben Sie 
mein Glaubensbekenntnis, geben Sie es an Scharnhorst und sagen Sie 
wich beide Ihre Meinung." — Man bedmke, daß damals, nach dem 
Frieden von Tilsit, Preußen nicht über 42 000 Soldaten haben durfte. 
D. 
Briefe Göthcs an die Familie Mendelssohn-Bartholdy. Drei 
ungedruckte Briefe Göthes an die Familie Mendelssohn-Bartholdy 
werden soeben in dem von Ludwig Geiger herausgegebenen Göthe- 
Jahrbuch veröffentlicht; sie entstammen den reichen Schätzen des Göthe- 
und Schiller-Archivs zu Weimar. In einem dieser Briefe (vom 5. De 
zember 1821) spricht sich der Dichterfürst zu dem Vater von Felix 
Mendelssohn — dieser sagte schon damals von sich: Früher hieß ich der 
Sohn von Moses Mendelssohn, jetzt bin ich der Vater von Felix 
Mendelssohn — folgendermaßen aus: .Wenn der talentvolle, fähige 
und fertige Felix mich manchmal beym Nachtisch den Kopf umwenden 
und nach dem Flügel schauen sähe, so würde er fühlen, wie sehr ich ihn 
vermisse, und welches Vergnügen mir seine Gegenwart gewährte. Denn 
se t dem Scheiden der so willkommenen Freunde ist es wieder ganz still 
und stumm bey mir geworden. Nehmen Sie meinen aufrichtigsten Dank, 
daß Sie uns das liebe Pfand so lange anvertrauen wollen. Es ist 
nichts tröstlicheres in älteren Jahren, als aufkeimende Talmte zu sehen, 
die eine weite Lebensstrecke mit bedeutenden Schritten auszufüllen ver 
sprechen." Ein Schreiben Göthes aus dem Jahre 1831 an den damals 
22jährigen Komponisten der Walpurgisnacht ist ganz besonders be 
deutungsvoll. Es heißt darin: „Daß Du die erste Walpurgisnacht 
Dir so ernstlich zugeeignet hast, freut mich sehr, da Niemand, selbst 
unser trefflicher Zelter, diesem Gedicht nichts abgewinnen kann .... 
Es muß sich in der Weltgeschiche immerfort wiederholen, daß ein Altes, 
Gegründetes, Geprüftes, Beruhigendes durch auftauchende Neuerungen 
gedrängt, geschoben, verrückt und, wo nicht vertilgt, doch in den engsten 
Raum eingepfercht werde. Die Mittelzeit, wo der Haß noch gegenwirken 
kann und mag, ist hier prägnant genug dargestellt, und ein freudiger, 
unzerstörbarer Enthusiasmus lodert noch einmal in Glanz und Klarheit 
hinauf. Diesem allen hast Du gewiß Leben und Bedeutung ver 
liehen und so möge es denn auch mir zu freudigem Genuß gedeihen." 
Wegw. f. Sammler. 
Probefahrt der schnellste» Schiffe der Welt. Die schnellsten 
Schiffe der Welt. die von der Schichau'schen Werst neu erbauten 
Torpedoboot-Zerstörer, haben kürzlich bei Pillau ihre Probefahrten 
gemacht. Sie fuhren hierbei mit einer die Kourierzugsschuelle bei weitem 
übertreffenden Geschwindigkeit von 6b Kilometern in der Stunde. Die 
Boote haben bei einer Wasserverdrängung von 280 Tonnen eine 
Maschinenleistung von 6000 Pferdckräften. Während dieser forcierten 
Fahrt wurden die Schiffe mittelst „Kosmograph" ca 2000mal in 
der Minute durch Herrn Meßter aus Berlin aufgenommen, um ihren 
Lauf studieren zu können. 
KLchertifch. 
Das XIX. Jahrhundert in Wort und Bild. Politische und Kultur- 
Geschichte von Hans Krämer in Verbindung mit hervor 
ragenden Fachmännern. Berlin. Deutsches Verlagshaus 
Bong u. Co. 60 Lieferungen ä 60 Pf. 
Von diesem ebenso belehrenden wie unterhaltenden Prachtwerk 
ffnd nunmehr auch das 14. u. 15. Heft erschienen. 
Das 14. Heft bringt in fesselnder Form eine Uebersicht über die 
Ereignisse der Jahre 1817—30. Klar und objektiv wird die deutsche 
Burichenschaftsbewegung von ihrer Entstehung an geschildert, dann die 
Entwickelung der ein Jahrzehnt erfüllenden Kämpfe für die Befreiung 
Griechenlands vom Türkenjoch, und endlich die politische Lage Frank 
reichs vor dem Ausbruch der Julirevolution. Zahlreiche, trefflich repro 
duzierte Illustrationen nach Gemälden erster Meister der dargestellten 
Zeit ergänzen den Text in wirksamer Weise. 
Das 15. Heft enthält die Geschichte der französlAen 
Julircvolution, die in einer ebenso objektiven wie anschaulichen We„e 
behandelt wird. In fesselnder Darstellung führt der Autor uns in die starke 
Bewegung der Jahre 1821—40, macht uns bekannt mit den führenden 
Geistern jener Zeit, deren Charakterbilder wie die von ihnen begründeten 
und verbreiteten Ideen uns verständlich nahe geführt werden. Wir 
schm, wie unter dem Einfluß dieser spekulativen Ideen der Sozialismus 
m England, Deutschland und Frankreich immer mehr in den Vorder 
grund tritt. Die wissenschaftlichen Lehren, auf die sich die Bewegung : 
jener Zeit gründet, werden übersichtlich und klar entwickelt im steten 
Hinblick auf die Ereignisse, die sie zur Folge hatten. In knapper und 
doch erschöpfender Form entwirft uns der Autor ein anschauliches Bild 
der Julirevolution und der durch diese veranlaßten Aufstände in Belgien 
und Polen. Ein prächtiger Buntdruck und zahlreiche, nach zeitgemäßen 
Originalen hergestellte Illustrationen und Facsimiles führen das Bild 
jener bewegten Zeit lebendig vor Augen. Die vorliegende Lieferung 
zeigt von neuem, wie meisterhaft dies großartig angelegte Werk seine 
Aufgabe, ein umfassendes Bild der Geschichte unseres Jahrhunderts 
in Wort und Bild zu geben, löst. Die schlichte, nie aufdringlich 
belehrende Art der Darstellung, der Schmuck und die Reichhaltigkeit der 
illustrativen Ausstattung haben ein entschieden originales Gepräge und 
empfehlen das Buch als ein Kompendium der Unterhaltung und Be 
lehrung für jedermann. 
— Von der beliebten Schriftstellerin Anny Wothe ist ein neuer 
Roman „Ragna" in B. Richters Verlag in Chemnitz soeben 
erschienen. Derselbe dürfte bei den weiblichen Lesern erhöhtes Interesse 
finden, da er der Frauenfrage näher tritt und dem Erwerbs 
leben unsrer gebildeten Stände eine Lanze bricht. Die Dichterin hat 
das Werk ihrer Mutter zum 70. Geburtstage gewidmet. 
Shakcspcarc's Debüt 1598 von Edwin Bormann. Selbstverlag in 
Leipzig. Pr. 60 Pf. 
Das Buch bringt Neues und Ueberraschendes. Es zeigt die ganz 
eigentümlichen Verhältnisse, unter denen das erste Auftreten des Namens 
William Shakespeare als dramatischen Dichternamens erfolgte. 
Inhalt: Shakespeares Debüt. — Edwin Bormanns umfangreichere 
Werke über Bacon-Shakespeare-Theoric — Urteile der englischen und 
amerikanischen Presse. — Die Bibliothek des British Museum in London. 
— Urteile aus Deutschland und Oesterreich. — Sonstige zustimmende 
Zeitschriften. — Sonstige zustimmende Gelehrte, Schriftsteller, Dichter 
und Theaterkundige. — Die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft. - Inhalt 
des Shakespeare-Geheimnisses. — Schlußsatz. 
Die Nummer 2887 der Illustrierten Zeitung in Leipzig enthält 
eine weitere Serie Illustrationen über die Kaisertage in Konstantinopcl 
und zur Palästinareisc des deutschen Kaiserpaares. Wir sehen in prächtigen 
Bildern nebst Textbegleituna dargestellt (mctstens Originalzeichnungen 
des Spezialzcichners der „Illustrierten Zeitung" Fausto Zonaro): 
die Landung des deutschen Kaiserpaares bei Dolma-Bagdsche, den Palast 
Dolma-Bagdsche, wo das Kaiserpaar am 18. Oktober landete und vom 
Sultan empfangen wurde, den Mdiz-Palast (Residenz des Sultans), 
den Merasstm-Kiosk (Wohnung des deutschen Kaiserpaares), den Salon 
der deutschen Kaiserin und den großen Empfangsalon im Merassim-Kiosk 
(in letzterem stattete der Sultan dem deutschen Kaiserpaar seinen Gegen 
besuch ab), die Abfahrt des Kaiserpaars vom Merassim-Kioik, um dem 
Sultan einen Gegenbesuch zu machen (ebenfalls am 18. Oktober), 
die Escorte des deutschen Kaisers vom Leib-Kavallerieregiment 
des Sultans, die Offiziere des genannten Regiments; sodann 
von Jerusalem und Umgegend: die Ansichten des Stephansthors, 
des Abendmahlzimmers, des Lcce bomo-Bogens, des Grabes 
Davids, des Damaskusthors, des Gartens Gethsemane, des 
Grabes Absaloms im Kidronthal bei Jerusalem, des Oel- 
berges bei Jerusalem, des Blickes von der Erlöserkirche nach Osten auf 
Tempelplatz und Oelberg, sowie des Grabes der Mario im Kidronthal 
bei Jerusalem rc. Den Mittelpunkt der Nummer nimmt ein großes 
doppelseitiges Bild ein: „Ein Sommernachmittag im Münchener Hof 
garten" (Originalzcichnung von F. Guillery). Von großer Wirkung 
ist das ganzseitige Bild nach einem Gemälde von Jose Villegas: „Der 
„weiße" und der „schwarze" Papst." Das am 8. Oktober in Wies 
baden enthüllte Bismarck-Denkmal (modelliert von Prof. Ernst Hertcr 
in Berlin), das Bildnis der königl bayrischen Kammersängerin 
Katharina Senger-Bettaque und ein nach dem Leben gezeichnetes Tier 
bild von Hermann Schüßler: „Junge Eisbären im Zoologischen Garten 
zu Leipzig" beschließen die Nummer. 
Inhalt: Der Royalist. Historische Erzählung von Hermann 
Hirschfcld. (Schluß.) — Die städtischen Markthallen zu Berlin. 
(Mit zwei Abbildungen). — Aus Paretz und Umgegend. Von 
Ernst Friede!. — Tierprozesse. (Fortsetzung statt Schluß.) — 
Brandenburgisch-preußische Erinnerungstafel. — Kleine 
Mitteilungen: Die Herrschaft Cadinen in Westpreußen. (Mit zwei 
Abbildungen.) Kaiser Wilhelm 11. in der Schlafstube des Apothekers. 
Heldenthat von fünf preußischen Postillonen. Blüchers Glaubens- 
bekenntnis. Briefe Göthes an die Familie Mendelssohn-Bartholdy. 
Probefahrt der schnellsten Schiffe der Welt. — Büchertisch.
        
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