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Periodical volume 29. Oktober 1898, No. 44

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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dahin zu sehen, daß diesem Unserem Edict und Verordnung 
überall und in allen Stücken nachgelebei und darwider in 
keine Wege gehandelt werden möge/' 
An der Mennigsbrücke. 
Von O. Monte 
In der Gräflich Redernfchen Forst, nördlich von Uetzdorf 
bet Bernau. ungefähr in gleicher Höhe mit Arendsee. liegt 
inmitten einer von hohen Buchen und Kiefern umsäumten 
einsamen Waldwiese der Bogensee. In seiner vollkommen 
stillen Umgebung hat wohl noch nie fahrendes Volk mit 
schrillem Glockenzeichen und surrendem Radlergesäusel den 
wegmüden Wandersmann hinterrücks erschreckt, und selten 
erzittert die schwanke Rasendecke der feuchten Moorwiese unter 
menschlichen Tritten. Selbst die Eingeborenen verlieren sich, 
nach dem Wege zur Wildbahn, zum Bogensee oder gar nach 
der Mennigsbrücke gefragt, in mehr oder weniger dunklen 
Andeutungen; verbotene Wege schrecken ängstliche Gemüter 
zurück, und so kommt es denn, daß man noch am Ende des 
19. Jahrhunderts unfern der Stratzen, auf denen der Strom 
keuchender Radler und johlender Sonntagsausflügler stäubend 
an uns vorüberrauscht, eine friedliche Insel glückseligster 
Wellverlassenheit und idyllischer Waldeinsamkeit genießen 
kann. Furchtlos schreitet das Reh über die Waldwiese zur 
Moorlache, und unbekümmert schlendert Meister Reinicke mit 
wedelnder Rute durch Schilf und Gebüsch. Und leise, wie 
zarte Sommersäden, flattern Züge der Sage über Wald und 
Wiese. Heut führt eine einfache Holzbrücke über das kleine 
Fließ, welches den Abfluß des Bogensees nach Westen zu 
bildet. Früher aber stand dort eine steinerne Brücke; das ist 
aber schon lange her, als noch die alten Mönche vom nahen 
Klostcrfelde hier ihr Wesen trieben. Vielleicht hatten sie dort 
ihre Kohlenmeiler, in denen sie ihr Brennmaterial für den 
Winter gewannen. Kohlenreste im Waldboden am Südufer 
des Bogensees scheinen ja noch darauf hinzudeuten. Im 
Volksmunde heißt daher die Brücke noch heut die Mennigs- 
(Mönchs-) Brücke. Alte Leute wollen die Reste der Stein, 
drücke noch in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts mit 
eigenen Augen gesehen haben. Hier, in der Nähe der 
Mennigsbrücke, war es auch. wo einst ein blutiger Zusammen 
stoß zwischen Wilderern und Forstleuten stattfand. Längere 
Zeit schon hatten nämlich Wilddiebe dort ihre Räubereien 
getrieben und unter dem Wildbestand, besonders unter den 
Rehböcken, arg aufgeräumt. Da kamen drei Förster überein, 
dem Unwesen ein Ende zu machen. Nach Sonnenuntergang 
schlichen sie sich durch die Wildbahn zur Mennigsbrücke. Einer 
von ihnen, der durch das Los bestimmt wurde, sollte, sobald 
man der Wilderer gewahr wurde, aus dem Dunkel des 
Waldes hervortreten und die Leute anrufen, während seine 
Genosien mit angelegtem Gewehr schußbereit im Schatten der 
Bäume zurückzubleiben hätten. Als man die Mennigsbrücke 
überschritten hatte, gewahrte man drüben am Waldrande im 
klaren Mondscheine mehrere Wilddiebe, die gerade damit be 
schäftigt waren, einen soeben erlegten Rehbock auszuweiden. 
Der eine der Förster betrat nun sofort die Waldwiese, und 
der verabredete Anruf erfolgte. Sofort sprangen die Wilderer 
empor und griffen, anstatt zu fliehen, nach ihren Büchsen. 
Schon legt der erste sein Gewehr auf den Förster an; da 
kracht ein Schuß aus der Büchse eines der zurückgebliebenen 
Förster, und lövlich getroffen finkt der Wilddieb auf den 
Rasen. Seine Genossen entflohen. An der Stelle hat dann 
irgendwer ein hölzern Kreuz errichtet, welches auch immer 
wieder heimlich erneuert wurde, so oft es auch die Forst, 
beamten fortnahinen, die dem Wilderer kein Erinnerungs 
zeichen gönnten. Dem Förster aber, der den Schuß gethan, 
kamen später quälende Gewissensbiffe darüber, daß er einen 
Menschen aus dem Hinterhalte niedergeschossen, der ihn per 
sönlich nicht angegriffen hatte. Zwar meinte er, sein 
Kamerad hätte wohl den Mann im Zustande der Notwehr 
erschießen dürfen, nicht aber er selbst, weil bet ihm der Fall 
der Notwehr doch nicht vorgelegen habe. — Richtig ist freilich, 
daß die Verabredung der Förster insofern als nicht ganz ein- 
wandfrei anzusehen ist, als fie eine unnütze Ueberlistung der 
Gegner bezweckte; man hätte sein Ziel, die Vertreibung der 
Wilddiebe, sicher ohne Blutvergießen erreicht, wenn alle drei 
Förster gleichzeitig hervorgetreten wären. Hier liegt weh! 
der springende Punkt, den die Volkssage etwas verschoben 
hat. — Dem Förster aber gelang es nicht, soviel er auch 
sann und grübelte, mit seinem Gewissen ins Reine zu 
kommen; er wurde tieffinnig, verfiel in Wahnsinn und endete 
schließlich rm Irrenhause. Soweit die Sage. Richtig ist, 
daß in jener Gegend vor Jahren ein Förster irrsinnig wurde, 
richtig auch, daß derselbe früher einen Wilddieb erschossen 
hatte, aber ob sich die hier wiedergegebene Sache, die vielleicht 
schon früher im Munde des Volkes lebte, nun neuerdings 
an seine Person knüpfte, oder ob sie auf Grund der an 
gedeuteten Thatsachen erst entstand, ist schwer zu erweisen. 
„Aber" — so sagte mir eine alte Frau, die ihn noch kannte - 
„daran ist der Förster P. nicht „verrückt" geworden; sondern 
weil er nicht geheiratet hat, ist er ein Sonderling geworden, 
und schließlich ist es dann „so" mit ihm gekommen." Jeden 
falls ist diese Auffassung eine echt weibliche. Von einem 
Kreuz habe ich zu meinem größten Bedauern keine Spur 
entdeckt. 
Tierprozeffe?) 
Unter all den eigenartigen Anschauungen und Gebräuche», 
von welchen die Chroniken des Mittelalters zu berichten wisse», 
dürfte kaum eine andere Thatsache uns moderne Menschen so 
seltsam anmuten, wie die, daß es damals gang und gäbe 
war, auch gegen die nach unsern Begriffen doch unzurechnungs 
fähigen Tiere den Schutz der Gesetze anzurufen. Auf de» 
kindlichen Glauben und kindischen Aberglauben jener Zeit, 
auf die streng rechtliche Denkungsart, auf die felsenfeste Ueber 
zeugung von der selbst das Kleinste bestimmenden Allmacht 
und Vorsehung Gottes, wie von der zahlreiches Uebel i» 
der Welt anstiftenden Wirksamkeit des Teufels werfen diese 
Tierprozesse die bezeichnendsten Schlaglichter. 
Freilich abenteuerlich genug lesen sich diese Berichte, 
so abenteuerlich, daß man lange Zeit geneigt war, fie als 
eine Art von Juristenscherzen zu betrachten, mit welche» 
die alten Rechtslehrer ihre trockenen Vorträge zu würzen 
*) Quellen: 
Les jugements rendus au Moyen-Age contre les animaux. (1848). 
Curiosites judiciaires et historiques du Moyen-Age. (1858.) 
Rapport et recherches sur les proces et jugements relatifs aux animaux.
        
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